Berichte 11.11.2019 | 15:05von Colin McGourty

Neun Erkenntnisse des Superbet Rapid & Blitz

Levon Aronian hat die erste Austragung des Superbet Rapid & Blitz in Bukarest gewonnen und sich damit fast sicher für das Finale der Grand Chess Tour in London qualifiziert. Der Armenier setzte sich im Stichkampf gegen Sergey Karjakin durch, der damit keine Chance mehr hat, sich für London zu qualifizieren. Dagegen hat Vishy Anand nun alle Möglichkeiten, sich in seinem Heimatland ein Ticket für London zu sichern. Die eigentlichen Stars des Turnier in Rumänien waren aber die Wildcards Anton Korobov, Le Quang Liem und Vladislav Artemiev, obwohl der Ukrainer am Ende einbrach.

Schauen wir mal, wie Levon Aronian reagiert, wenn er merkt, dass man Schecks heute kaum noch einlösen kann! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien des Superbet Rapid & Blitz der Grand Chess Tour könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Live-Bilder vom Schlusstag:

Kommen wir direkt zu den Erkenntnissen:

1. Levon Aronian ist ein Gewinner

Von den Teilnehmern des Superbet Rapid & Blitz war Levon Aronian der einzige Spieler, der in diesem Jahr schon ein Turnier der Grand Chess Tour gewinnen konnte (das St. Louis Rapid & Blitz), und davon abgesehen ist er ohnehin neben Wesley So und Fabiano Caruana der einzige Spieler, der bei der Grand Chess Tour schon einmal einen Turniersieg feiern konnte. Vor dem Schlusstag hatte er als Zweiter einen Punkt Rückstand auf Anton Korobov und einen halben Punkt Vorsprung auf Le Quang Liem, doch nachdem er diese beiden Spieler innerhalb der ersten drei Runden besiegt hatte, betrug sein Vorsprung auf die nächsten Verfolger bereits zwei Punkte.

Levon Aronian hatte mit Wildcards kein Erbarmen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Gerade als es so aussah, als würde alles für den Armenier laufen, musste er jedoch eine Niederlage gegen einen Spieler hinnehmen, der ihm den ganzen Tag auf den Fersen blieb: Sergey Karjakin. Als Aronian schließlich drei von vier Partien verloren hatte, ging es ihm eher um Schadensbegrenzung. Sein Kommentar danach:

Wer meine Partien studiert, weiß, dass ich nicht der pragmatischste Typ bin. Dann kam der Punkt, als ich drei Partien verloren hatte und ich zu mir sagte, es wird Zeit, pragmatisch zu sein und sich einen der drei ersten Plätze zu sichern. 

Am Ende holte Aronian 50 Prozent am letzten Turniertag und beendete das Turnier mit 20 Punkten und gleichauf mit Karjakin auf dem 1.Platz.


Somit kam es zu einem Stichkampf mit zwei 10-Minuten-Partien, von denen die erste nach 20 Zügen remis endete. Die zweite Partie war ebenfalls kurz, aber da sich Karjakin in den Komplikationen verhedderte, gab es ein Happy End für den Armenier.


23…Sb4! 24.Dd1 Txc3 und Karjakin hätte als Schwarzer gut gestanden, doch stattdessen spielte er 23…Lb4?, womit er weder d5 deckte noch 24.Dd3! verhinderte. Alle schwarzen Züge verlieren Material (24…Txc3 25.Lxd5+ Kh8 26.Dxc3! ist hübsch), und nach 24…Txf3 25.Dxf3 Lxa3 26.Te8+ Kh7 27.Df5+ gab Karjakin lieber auf, als nach dem bekannten Trick 27…Dg6 28.Th8+! seine Dame zu verlieren.


Damit war die Entscheidung um den Turniersieg auch schon gefallen!

Aronians Frau Arianne Caoili war auch dabei! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der Stichkampfsieg brachte Aronian zwar weder mehr Preisgeld noch mehr GCT-Punkte, doch Siege sind natürlich immer etwas Besonderes. Hinterher meinte er:

Man will gewinnen, denn man möchte, dass die anderen sich an einen Gewinner erinnern, wenn sie deinen Namen schreiben. Ich möchte nichts gegen Sergey sagen, da er selbst viele Turniere gewonnen hat, aber das ist schon ein besonderes Gefühl.

Auch bei diesem Turnier waren wieder armenische Schachfans unter den Zuschauern.

Keine Frage, wen sie unterstützen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Und bei welchem Sport schafft man es, sich mit seinem Helden ablichten zu lassen? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

2. Selten war ein geteilter Erster enttäuschter als Karjakin

Für Karjakin war die Niederlage im Stichkampf bitter, da er so kurz davor gestanden hatte, MVL im Kampf um die Qualifikation für das Finale in London zu überholen. Nachdem er zu Beginn des Tages noch 2,5 Punkte Rückstand auf die Spitze gehabt hatte, holte er 6 aus 9 und zeigte dabei durchaus seine Klasse. In der zweiten Runde des Tages etwa zeigte er gegen Le Quang Liem ein wenig davon, “was jeder russische Schuljunge weiß“:


61…Txe3! 62.fxe3 Kg4 und Schwarz steht auf Gewinn.

Und dann schlug Karjakin wie erwähnt auch Aronian:


Nach dem geradlinigen 35…Lxd4 ist die Stellung sehr remislich, doch nach 35…Txd4! sah die Sache anders aus. Schlagen auf d4 kostet eine ganze Figur, und nach 36.a5!? Txf4+! hatte der Russe zwei Bauern mehr und gewann.

Noch einige letzte Tipps von Vishy und Fabiano? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach 16 Runden hatte er Aronian eingeholt, und in der Schlussrunde bekam er die große Chance, sich mit einem Sieg den ersten Platz zu holen und 13 Grand Chess Tour-Punkte zu sichern. Gegen Korobov hatte er eine ganze Qualität mehr, und obwohl er mehr Gegenspiel als notwendig zuließ, hätte er zum Beispiel nach 37 Zügen den Sack zumachen können:


37.Sxf5+! und der schwarze König hat so gut wie keine Felder mehr. Geht er nach h7, h8, g7 oder f8, kommt Dxh6+, geht er nach g8, kommt die Gabel Se7+ und nach 37…Kf7 kommt 38.Te4!! Auf 38…Sxe4 steckt der schwarze König 39.dxe4! in großen Schwierigkeiten, während Weiß weiterhin materiellen Vorteil hat.

Verständlicherweise wollte Karjakin das wilde Gemetzel mit 37.Dg2 beruhigen, doch nach 37…Db6! gng es genauso wild weiter. Und es blieb bis zum Schluss dramatisch:


Hier forcierte Korobov mit 50…Tg2+ 51.Kh1 Th2+ das Remis, obwohl 50…Th1+! gewann, was  Karjakin auch gesehen hatte. 51.Kxh1 De4+ führt zu einem schnellen Matt, während nach 51.Kf2 trotz größerer Komplikationen 51…Db2+! ausreichen sollte. Nimmt der weiße König den Springer, schlägt Schwarz mit Schach den weißen Turm, und es wird bald Matt.

Normal wäre dieser halbe Punkt kein Grund zum Ärgern gewesen, aber der Stand in der Grand Chess Tour bedeutete in diesem Fall genau das. Es war Karjakins letztes GCT-Turnier, und für den geteilten 1.Platz erhielt er 11 Punkte statt 13. Damit blieb er hinter MVL zurück, und Aronian bekommt schon fürs Antreten in Kolkata einen Punkt: 


Karjakin meinte hinterher:

Ich wäre sehr zufrieden gewesen, wenn ich die letzte Partie gewonnen hätte, und es war auch sehr knapp. Der alleinige erste Platz wäre für die Gesamtwertung der Grand Chess Tour sehr wichtig gewesen, und daher bin ich sehr unglücklich, dass ich die letzte Partie nicht gewinnen konnte. Ich habe sie zwar auch nicht verloren, aber das spielt keine so große Rolle mehr, da ich das Turnier gewinnen wollte. 


3. Das Turnier dauerte einen Tag zu lang für ihn, aber Korobov war der Star

Wie man sieht, war Anton Korobov bis zum Ende für den Ausgang des Turniers mit entscheidend, doch am letzten Tag stieß er an seine Grenzen. Schon am ersten Blitzschachtag hatte er Probleme, ging aber noch mit einem Punkt Vorsprung in den letzten Tag. Wieder verlor er zum Auftakt gegen Le Quang Liem, ehe er gegen Aronian komplett den Faden verlor und sich einzügig mattsetzen ließ. 

Gegen Wesley So übersah er ein Matt in sechs Zügen, ehe er nach fünf Niederlagen am Stück wenigstens Mamedyarov in der Vorschlussrunde besiegen konnte.

Dieses Mal reichte es für Korobov noch nicht, aber hoffentlich kommt er wieder! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Für einen Spieler, der von Beginn an geführt hatte, ist der fünfte Platz eine Enttäuschung, aber die $12.500 Preisgeld sind für Korobov mehr wert als für die Stars, und den Sieg beim Schnellschach kann ihm auch keiner mehr nehmen. Zudem brachte er frischen Wind in die Interviews. Grischuk meinte einmal, dass Korobov ein Spieler sei, der mehr Aufmerksamkeit verdiene, und man kann nur hoffen, dass er diese in Zukunft auch bekommt!

4. Auch Le Quang Liem und Artemiev überzeugten als Wildcards

Artemiev und Le Quang Liem waren keineswegs fehl am Platz in diesem Turnier | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aber nicht nur Korobov überzeugte, auch die beiden anderen Wildcards zeigten tolle Leistungen. Le Quang Liem war am ersten Blitzschachtag mit 7 aus 9 der beste Spieler, und passable 4 aus 9 am letzten Tag brachten ihm einen verdienten 4.Platz ein. Vladislav Artemiev hatte in Bukarest zwei gute und drei schlechte Tage, aber wenn er gut spielt, ist er richtig gut! Am Sonntag eröffnete er 1.b3 gegen Anish Giri und setzte diesen anschließend Matt, dann besiegte er Aronian in 30 Zügen und schließlich hatte er auch noch gegen Caruana seinen Spaß:


31…Sxd4! 32.Txc2 (32.exd4 Tc1!) 32…Sf3+!, mit Damengewinn. Am Ende gewann er mit 7 aus 9 den nicht ausgelobten Preis für die beste Blitz-Leistung des Tages und wurde mit 50 Prozent geteilter Sechster. Mit mehr Erfahrung könnte er noch weiter vorn landen.

17,5 GCT-Punkte und $26.250 Preisgeld für die Wildcards in Bukarest

5. Wesley So brauchte ein wenig Zeit, um sich von seinem WM-Titel zu erholen

Alle Spieler, die bei der Fischer-Random-WM dabei waren, taten sich schwer! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vladislav Artemievs Rivale am Schlusstag war Wesley So, der vor dem direkten Duell wie der Russe 6 aus 8 auf dem Konto hatte. Dann gewann der junge Russe, doch nach dem schwachen Start feierte der Amerikaner noch einen versöhnlichen Abschluss und teilte mit Shakhriyar Mamedyarov den achten Platz. Offenbar kostete die Fischer Random-WM und die anschließende Anreise zunächst zu viel Kraft.

6. Der Pragmatismus von Vishy zahlte sich aus – London kann kommen!?

Wie wir gesehen haben, brachte Aronian sein Pragmatismus zumindest teilweise Erfolg. Vishy Anand entschied sich am Schlusstag zu einem sehr professionellen Ansatz. Zunächst holte er unter anderem gegen Korobov drei Siege in Folge:


Viele Züge gewinnen, aber 33.Tc8! war eine schöne Methode, die Dame zu gewinnen. Korobov gab auf, da 33…Dxc8 an 34.Sxf6+ gefolgt von Lxc8 scheitert.

Vishy Anand hatte alles unter Kontrolle | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Danach remisierte Vishy seine restlichen Partien, darunter einige sehr schnell, und holte sich so den dritten Platz und acht GCT-Punkte. Damit hat er im letzten GCT-Turnier, das in elf Tagen in Indien stattfindet und natürlich eine besondere Bedeutung für ihn hat, alle Chancen im Duell mit Carlsen, Nakamura, Nepomniachtchi und Ding Liren sowie den beiden Wildcards Vidit und Harikrishna die Qualifikation für London abzusichern.

7. Wenn Caruana schlecht spielt, spielt er richtig schlecht 

Es gab in Bukarest auch Enttäuschungen – etwa Mamedyarov, der in 27 Partien vier Siege holte – aber kein Spieler brach so ein wie Fabiano Caruana. Schon vor  dem Turnier klagte er über Motivationsprobleme, und wenn dann ein Turnier so schlecht läuft, kann er schlecht umschalten und lässt sich auf ungewohnte Eröffnungen ein. Dennoch ist es merkwürdig, dass die Nummer 2 der Welt am Ende 2,5 Punkte Rückstand auf den Vorletzten hat und am Schlusstag nur 2 aus 9 holt. Man könnte eine Auswahl seiner Katastrophen zeigen, doch wir beschränken uns auf eine, die man mit „Spiel nie f6!“ überschreiben könnte. Dies ist die Stellung nach 13 Zügen…


14.Txg7+! ist Matt in 11 Zügen, aber Fabi gab nach 14…Kxg7 15.Dg6+ Kh8 16.Dxh6+ Kg8 17.Dg6+ Kh8 18.Ld3! auf. Schwarz kann die weißen Felder mit f5 stopfen, aber dann erwacht der Läufer auf b2 zum Leben.

8. Anish Giri – wer verhöhnt wen?

Gleich beginnt die Runde | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Caruana hätte sechs Partien am Stück verloren, wenn ihm zwischendurch kein Remis gegen Anish Giri geglückt wäre, während es bei Korobov sogar sieben gewesen wären, wenn der Holländer nicht Gnade hätte walten lassen. Am Ende holte Giri genau 50 Prozent, was nach dem Auftakt wohl keiner vermutet hätte:

Zu Beginn von Tag 2 wurden daraus sogar sogar 7 aus 8, aber dann schaffte es Giri 20 Partien lang nicht mehr, auch nur einen Sieg zu landen, ehe er Le Quang Liem bezwang und dann noch zwei Remis nachlegte.   

9. Das Superbet-Turnier hat sich gelohnt

Unterm Strich sorgten die Spieler, und vor allem die Wildcards dafür, dass das Superbet Rapid & Blitz ein Erfolg war. Nächstes Jahr soll in Rumänien ein Turnier mit klassischer Bedenkzeit stattfinden, auf das man sich sicher freuen kann!

Das Turnier zog viele junge Fans an | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Maurice Ashley weiß Bescheid | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das war es für die nächsten elf Tage mit der Grand Chess Tour, doch der Europacup und der Hamburg FIDE Grand Prix bieten genug Live-Schach auf chess24. Außerdem gibt es ja noch den Banter Blitz Cup, wo heute um 20 Uhr IM John Bartholomew auf den spanischen GM David Anton trifft, der zuletzt beim Grand Swiss vor Magnus Carlsen landete.  

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