Interviews 13.12.2018 | 14:32von Colin McGourty

Neues WM-Format und mehr: Magnus Carlsen im Gespräch

Magnus Carlsen war gestern während der Live-Übertragung der Grand Chess Tour in London 40 Minuten lang Jan Gustafsson zugeschaltet und plauderte munter aus dem Nähkästchen. Der Weltmeister blickte auf sein WM-Match gegen Fabiano Caruana zurück und teilte seine Sicht mit, wie das Format der WM verändert werden sollte. Außerdem sprach er über seine potentiellen Herausforderer und zukünftige Matches und verriet sogar, dass er demnächst sein Debüt als Rapper geben wird!

Magnus Carlsen war gestern als Spezialgast von Jan Gustafsson dabei, der einer seiner Sekundanten bei der WM war. 

Besonders große Spannung kam am zweiten Tag der London Chess Classic und dem Finale der Grand Chess Tour nicht gerade auf, denn Hikaru Nakamura war mit seinem problemlosen Remis gegen Fabiano Caruana in einer Russischpartie mehr als zufrieden, während Maxime Vachier-Lagrave zwar 58 Züge von  Levon Aronian gequält wurde, aber wie schon am Vortag ins Remis entwischte.

Glücklicherweise wurde es aber doch spannend, da Weltmeister Magnus Carlsen sich bei der Live-Übertragung mit Jan Gustafsson 40 Minuten lang zuschaltete. Hier das Video dazu:

Wir haben die wichtigsten Passagen für euch übersetzt, als kleine Vorabinformation sei gesagt, dass Magnus Carlsens nächstes Turnier die Schnellschach- und Blitz-WM in St. Petersburg sein wird, die vom 26.-30. Dezember stattfindet:

Über den Winter an kalten Orten - London, Norwegen, St. Petersburg

Vor St. Petersburg werde ich eine kleine Pause einlegen, um meinen Akku wieder aufzuladen, aber davon abgesehen, werde ich meine Tage dort verbringen, wo keine Sonne scheint, ohne Scherz!


Daumendrücken für Nakamura (um die Nummer 1 zu bleiben)

Nach dem Match war ich mit allem sehr zufrieden, daher habe ich Caruana für die London Chess Classic alles Gute gewünscht. Sobald die Partie aber begonnen hatte, habe ich Nakamura ziemlich heftig die Daumen gedrückt!


Über die Partie

Nakamuras Spiel in der Eröffnung habe ich nicht verstanden, denn Weiß bekommt eine recht angenehme Stellung und hat alle möglichen Chancen. An einer Stelle sah Sh4, mit der Drohung Sf5, und auch dxe5 gefolgt von f4 sehr interessant aus, und was gespielt wurde, sah auch sehr vielversprechend aus. Ich habe es mir nicht mit dem Computer angesehen, aber wie es aussieht, hatte Hikaru immerhin einige Ressourcen.

Durch Nakamuras Remis blieb Carlsen die Nummer 1 | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Über Aronians 9.d4 gegen MVL

Tolle Sache! Man muss nicht d4 spielen – Schwarz sollte es verhindern, aber…  Schön, dass nicht jeder 5.e3 spielt!


Nach 9.d4 dachte MVL erst einmal 24 Minuten nach

Warum er Maxime die Rettung zutraute

Wenn sich jemand damit auskennt, dann Maxime. Er liebt es, beschissene Stellungen zu verteidigen… Sofern er nicht bald eine Lösung findet, sehe ich nicht, wie er längere Qualen verhindern kann.

Maxime auf dem Weg ans Brett |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Über die Favoritenrolle bei der Grand Chess Tour 

Normalerweise würde ich sagen, dass Fabiano der stärkste Spieler ist, daher betrachte ich ihn als leichten Favoriten, doch jetzt hat er in den Turnierpartien nichts herausgeholt und muss nun in Hikarus Spezialdisziplinen antreten. Andererseits hat er schon einmal ein Schnellschachmatch gegen Hikaru gewonnen.


Über Fabianos Stärke im Schnellschach und Blitz

Im Verhältnis zum Turnierschach ist er hier deutlich schwächer. Er hat einen sehr anspruchsvollen Stil, der sich nicht gut übertragen lässt, aber wenn es um viel geht, kann er sein Niveau sicher ein wenig steigern. Natürlich hat er das in London nicht beweisen können, aber ich denke, dass die Kluft nicht so groß ist, wie viele meinen. Ich würde ihn aber nicht als Favoriten bezeichnen, sondern halte das Duell für recht ausgeglichen… 


Über das aktuelle WM-Format

Das Format ist sicher nicht ideal. Alles hängt davon ab, was man möchte. Was ist das Ziel der WM? Geht es darum, die besten Spieler der Welt zu präsentieren, und ist der Grundgedanke, dass der beste Spieler den Titel holen soll? Das sollte aus meiner Sicht die Absicht sein, aber das aktuelle Format ist dafür keineswegs ideal. Vermutlich ist aber auch meine Meinung, was den besten Spieler der Welt ausmacht, auch ein wenig anders als die anderer Leute. Meiner Meinung muss man in allen Disziplinen stark sein. Schnellschach vor allem, zu einem gewissen Grad auch Blitz, sind ebenfalls wichtige Schachdisziplinen, und bis zu einem gewissen Grad auch besser. 

Sein Lieblingsformat

Mein aktueller Favorit wäre – und das ist schon eine Weile so – das Format so zu belassen wie bisher, nur dass man stattdessen pro Tag vier Schnellpartien spielt – mit recht kurzer Bedenkzeit wie 15+10, also wie bei der Schnellschach-WM – und es pro Tag einen Punkt zu gewinnen gibt.

Will man den besten Spieler ermitteln, muss man so viele Partien wie möglich spielen, und wenn man das Schnellschachformat beibehält, kann man durchaus Eröffnungsideen ausprobieren. Man erhöht einfach das Risiko und die Fehleranfälligkeit, doch dann wird es aufregender und man bekommt ein besseres Bild von den besten Spielern.


Spielt er in zwei Jahren noch die WM?

Ich weiß es nicht. Mit meinem Team mache ich immer denselben Witz… und da du Teil des Teams warst, wusstest du nicht, ob ich das Match bestreiten würde, oder? … Das war nie sicher. Das war eine gute Erfahrung. Ich war nicht so nervös wie in New York, und dadurch war es angenehmer, aber mein Lieblingsturnier ist es immer noch nicht.


Sein Gefühl vor dem Stechen in London 

Am Ruhetag vor dem Stichkampf war ich sehr müde, aber ich habe einen angenehmen Tag erlebt mit Fußball und einer Massage, gutem Essen und Erholung. Am Tag des Stechens fühlte ich mich sehr gut, um ehrlich zu sein, so frisch wie im ganzen Match noch nicht.


Über die Fußballverletzung

Das war keine große Sache. Ich habe sogar weitergespielt und auch sonst war es keine Verletzung, über die man groß reden müsste. Ich hatte Glück, und der andere sogar noch ein wenig mehr. Es hätte schlimmer kommen können. Ich habe während des Matchs nicht besonders gut gespielt, aber es gab keine Anzeichen von Gehirnerschütterung oder Ähnlichem!

The match is heating up

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Über den Matchverlauf

Aus meiner Sicht war die 6. Partie eine Art Wendepunkt. Ich fürchtete ein wenig, dass die verpasste Chance in der ersten Partie meine beste Chance im ganzen Match gewesen sein könnte, hielt mich aber dennoch für den besseren Spieler. Dann jedoch verlor ich fast die 6.Partie und holte in der 7.Partie nichts heraus, wodurch mein Optimismus nachließ. Natürlich war es großartig, dass ich die 8.Partie überstanden habe, und ich ging optimistisch in die 9.Partie, wo ich das einzige Mal im Match meine Vorbereitung aufs Brett bekam… Das Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern war dann leider stabiler, als ich das während der Partie gedacht hatte. Ich machte einen ungeduldigen Zug, und danach habe ich mehr oder weniger aufgegeben, das Match noch während der Turnierpartien zu gewinnen.

Ich wollte es in Partie noch einmal probieren, aber wie man gesehen hat, war das recht halbherzig. 


Machte ihm Caruanas Sd5-Sizilianer Sorgen?

Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass diese Stellungen mit Weiß sehr schwer zu spielen sind. Ich spiele auf Matt, und das fühlt sich an wie ein sehr guter Königsinder. Ich habe nicht so oft Königsindisch gespielt, aber wenn ich es getan habe, hat es sich immer sehr gut angefühlt, dass man auf der einen Seite des Brettes auf Verlust steht und auf der anderen mattsetzen muss. Das kann sehr erfrischend sein, da man sehr wenig zu verlieren hat. Vor allem in der 10.Partie stand er nach (vermutlich) guter Vorbereitung besser, aber nach 18.Lb6 De8 habe ich mit Matt ein klares Ziel, während sein Ziel nicht so klar ist.


Die Stellung nach Carlsens 18...De8 in Partie 10

Später wurde mir klar, dass das ein bisschen oberflächlich war, da er deutlich mehr Ressourcen hatte, als ich das während der Partie vermutete, doch wie man sieht, griff er bald fehl und ich hatte dann die besseren Chancen.

Langer Rede, kurzer Sinn. Das war der Grund, warum mir diese Schwarzpartien keine Sorgen machten, denn die Stellungen sind für Schwarz leichter zu spielen und in meiner gesamten Karriere habe ich in komplizierten Stellungen gut gegen Fabi ausgesehen.


Über die Nervenbelastung im Stechen

Zunächst war ich sehr froh, den Stichkampf überhaupt erreicht zu haben, denn ich hatte keine Lust mehr auf Turnierschach und wollte einfach mehr meinem Instinkt folgen und Spaß haben. So gesehen war es an sich schon eine Erleichterung, und als ich aufwachte, war ich recht sicher, dass ich einen guten Tag haben und gewinnen würde. Zwar schlichen sich Gedanken ein wie „Vermutlich werde ich gewinnen, aber was passiert, wenn nicht? Ich könnte am nächsten Tag aufwachen und verlieren.“, aber das Selbstvertrauen war deutlich größer. Besonders froh war ich, dass ich in der ersten Partie Weiß hatte, da ich damit eine Chance hatte, gleich zuzuschlagen und nach einem Sieg vielleicht sogar vorzeitig zu gewinnen.

Magnus nach dem Sieg in der ersten Stichkampfpartie | Foto: Niki Riga

Über Platz 1 in der Weltrangliste

Wie viel Glück ich gebraucht habe, um die Nummer 1 zu bleiben, ist einfach unglaublich. Versteh mich nicht falsch, ich halte mich immer noch für den besten Spieler – aber wenn man fast gleich gut wie die anderen oder nur ein bisschen besser ist, muss man schon Glück haben, um immer die Nummer 1 zu sein.

Durch das zweite Remis von Caruana gegen Nakamura ist die Lücke auf 5,4 Punkte angewachsen | Quelle: 2700chess

Der wahrscheinlichste Herausforderer 2020

Schwer zu sagen. Es ist sehr schwer, sich zweimal zu qualifizieren – das ist nicht vielen gelungen. Ich weiß auch nicht, wie das Format sein wird, ob ich spielen werde oder wer am Kandidatenturnier teilnimmt. Sich dafür zu qualifizieren, ist sehr schwer, wenn man nicht dauerhaft eine ausreichend hohe Elo hat. Derzeit ist alles sehr offen, aber ich denke, dass Fabi etwas besser als die anderen ist, daher ist er der Favorit, aber wetten würde ich darauf nicht.


Über Ding Liren

Ich mag Ding, er ist ein toller Spieler, aber auf der anderen Seite hat mir unser Match in St.Louis sehr viel Freude gemacht. Seine Serie und seine Resultate sprechen für ihn, aber ich denke, er würde zustimmen, dass er sie in den ganz großen Turnieren noch nicht unter Beweis gestellt hat. Vermutlich ist er heiß darauf, seine Chance zu bekommen. Beim letzten Kandidatenturnier hat er gezeigt, dass er mit allen mithalten kann, aber eben auch nicht mehr. Ob er mehr zeigen kann und will, weiß ich nicht – ich bleibe bis zum Beweis des Gegenteils skeptisch. 


Über potentielle Newcomer

In zwei Jahren kann viel passieren, aber vermutlich werden dieselben Spieler um die Plätze im Kandidatenturnier 2020 kämpfen wie schon 2018, 2016 und 2014. Es ist nicht so leicht, in diese Phalanx einzubrechen, aber mir würde es gefallen, wenn ich mich irre. Neue Leute sind immer gut.


Über eine mögliche Rapperkarriere

Gibt es irgendwo eine undichte Stelle? Diese Woche habe ich einen Auftritt. Mehr verrate ich nicht. Alles ist auf Norwegisch, es wird auf jeden Fall lustig!


Über die Tatsache, dass Anish Giri bei der Schnellschach- und Blitz-WM dabei ist

Wow! Das freut mich. Wird sicher spaßig! Er wird es bereuen. Danach wird er mit Schach aufhören. Er wird gegen Artemiev, Bocharov und all die anderen Russen verlieren!

Auf die Frage, ob Artemiev ein ernster Rivale ist 

Ja, er ist gut. Er hat ein gutes Gefühl für Schach, was beim Blitzen sehr gut ist. Er ist ein Anwärter.


Alle drei Titel?

Ich will  wieder das Triple. Kein Usurpator wird überleben!

Die Auflösung werden wir zwischen dem 26. und 30. Dezember erfahren, doch davor muss es bei der Grand Chess Tour noch einen Sieger geben. Die Partien könnt ihr ab 15 Uhr wie immer live auf chess24 verfolgen!

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