Berichte 30.05.2019 | 10:24von Colin McGourty

Nepomniachtchi gewinnt den FIDE Grand Prix Moskau

Als “ziemlich solide” bezeichnete Ian Nepomniachtchi sein Schach, nachdem er Alexander Grischuk in der zweiten Stichkampfpartie bezwingen und sich den Sieg beim FIDE Grand Prix in Moskau sichern konnte. Trotz seiner Niederlage meinte Grischuk, dass er “von der der schachlichen Qualität das beste Turnier seit langem“ gespielt habe, und hob seinen Sieg gegen Hikaru Nakamura als eine der drei Partien in seiner Karriere hervor, auf die er am meisten stolz sei. Während Nepo mit 9 Punkten die besten Chancen auf die Qualifikation für Grand-Prix-Finale hat, liegt auch Grischuk mit 7 Punkten gut im Rennen.

Bei K.O.-Turnieren gibt es immer Sieger und Verlierer, und natürlich war das auch im Finale so | Foto: Niki Riga, World Chess

Alle Partien des FIDE Grand Prix Moskau könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video von der Live-Übertragung mit Evgeny Miroshnichenko und Daniil Yuffa:

Partie 1: Grischuk ½-½ Nepomniachtchi | Die Russen spielen in Russland Russisch

Der FIDE Grand Prix Moskau nahm einen sehr ungewöhnlichen Verlauf für ein K.O.-Turnier. Es ging bereits in Runde 1 überraschend los, als lediglich zwei der acht Duelle in die Verlängerung gingen. In der Folge kam es zu mehr Stichkämpfen, aber nur ein Duell wurde in den 10-Minuten-Partien entschieden (das Halbfinale zwischen Nepomniachtchi und Wojtaszek), und nur einem Spieler gelang nach einer Niederlage noch das Comeback – Wesley So gegen Jan-Krzysztof Duda in der 1.Runde. Zu Blitzpartien oder gar einem Armageddon kam es nie.

Nepomniachtchi sorgte für eine Überraschung | Foto: Niki Riga, World Chess

Dieses Muster hatte auch im Finale Bestand, denn der Stichkampf endete in der kürzest möglichen Zeit. In der ersten 25-Minuten überraschte Nepo die Betrachter, als er 1.e4 e5 2.Sf3 mit 2…Sf6 und damit der Russischen Verteidigung beantwortete:

"Gerade wenn man denkt, dass Moskauer Finale könnte nicht russischer werden..."

Lustigerweise wiesen darauf nicht nur Zuschauer hin. Nepo meinte nach der Partie:

Beim Schnellschach habe ich ihn mit Russisch überrascht – ich hielt das für den richtigen Ort. Der Grand Prix wird in Russland ausgetragen, und da zwei Russen aufeinandertrafen, schien mir die Russische Verteidigung die richtige Wahl zu sein.

Grischuk dachte erst einmal 4 Minuten über seinen 3.Zug nach, rechtfertigte dieses Abtauchen aber mit einer ungewöhnlichen Variante -  3.d3!? ist der am fünft häufigsten gespielte Zug. Da am ehesten Weiß besser stand, betrachtete Grischuk diese Partie als seine beste Chance:

Ich stand nur in der Partie besser, in der ich im 3.Zug d3 gespielt habe – das war das einzige Mal, dass ich ein wenig Druck ausüben konnte.

Grischuk und Nepomniachtchi wurden nach dem Match von Eteri Kublashvili interviewt | Foto: Niki Riga, World Chess

Der weiße Vorteil führte aber zu nichts, was man von der anschließenden Italienisch-Partie, in der Ian Nepomniachtchi Weiß hatte, nicht sagen kann:

Partie 2: Nepomniachtchi 1-0 Grischuk | Nicht so piano 

14.Sc4 scheint eine Neuerung zu sein:


Spieler wie Carlsen, Anand und Aronian haben den Springer über f1 nach g3 zurück ins Spiel gebracht. Nach mehr als 6 Minuten spielte Grischuk wie in den Vorgängerpartien 14…d5!?, doch beide Spieler zweifelten hinterher an der Qualität dieses Zuges. Es ging weiter mit 15.exd5 Dxd5 16.Se3 Dd7 17.Sc4 Dd5 18.Se3 Dd7 und dann wich Nepo mit 19.b5! von der Zugwiederholung ab. Nach 19…Sa5 war klar, dass bei Schwarz etwas schiefgelaufen war:


Der Springer am Rand war bereits eine Schand, aber es wurde innerhalb von zehn Zügen noch schlimmer. Grischuk meinte hinterher:

Das war sehr dumm. Ich wollte eine leicht schlechtere Stellung vermeiden und ließ zu, dass Weiß eine komplett gewonnene Stellung bekommt. 

Eine Partie, in der man nicht genau sagen konnte, wo Schwarz fehlgegriffen hatte | Foto: Niki Riga, World Chess

Etwas zutreffender war aber sicher seine Aussage, dass die letzte Partie „nicht völlig grausam, sondern eine Verkettung von kleinen Problemen hier und da, die sich immer mehr verstärkten“ gewesen sei. Auf jeden Fall war die Stellung nach 29.c6 kaum noch zu halten:


Der Springer hat keine Felder mehr, und Weiß kann mit Ld2-Lxa5 problemlos Material gewinnen, aber Nepomniachtchi entschied sich für den genauso simplen, aber noch überzeugenderen Plan mit Tb4 und Txd4. Der letzte Zug war ein passender Schlusspunkt für das gesamte Turnier:


36.Dxe7+! Nach dem Damenopfer (37…Dxe7 38.Td7!) gab Schwarz auf, womit Nepomniachtchi Turniersieger war.

Der letzte Handschlag des Turniers | Foto: Niki Riga, World Chess

Hier die Spieler nach dem Turnier:

Nepomniachtchi hatte in der Auftakt-Pressekonferenz gemeint, er sei kein Anhänger des K.O.-Formats beim Grand Prix. Trotz seines Sieges hatte sich hinterher nichts daran geändert: 

Meiner Meinung nach schadet das Format der schachlichen Qualität, weil man zumindest gelegentlich die etwas weniger riskante Entscheidung trifft, eher auf Sicherheit setzt und man die besten Fortsetzungen teilweise nicht findet. Vor allem die Stichkämpfe sind richtig hart… 

Zu seinem eigenen Schach meinte er:

Ich glaube, ich habe ganz gut gespielt, aber es waren keine spektakulären Partien dabei. Zum Teil hatte ich im Stichkampf Glück, vor allem gegen Wojtaszek, und in den Turnierpartien wollte ich solide spielen, und ein anderes Attribut hat mein Schach in diesem Turnier auch nicht verdient. Ich wollte solide spielen. Und ich war ziemlich solide!

Alexander Grischuk derweil sah es genau andersherum:

Für mich gilt das Gegenteil. Für mich ist das K.O.-Format ideal, denn in diesen Turnieren zeige ich in der Regel mein bestes Schach. Vermutlich war dies von der schachlichen Qualität mein bestes Turnier seit langem, und wenn ich gewonnen hätte, wäre ich wirklich zufrieden, aber nach einer Niederlage kann man das natürlich nicht sagen…

Grischuk hatte in Moskau Spaß | Foto: Niki Riga, World Chess

Grischuk spielte aber aus seiner Sicht eine seiner besten Partien überhaupt:

Meine Gewinnpartie gegen Nakamura ist vermutlich die beste Partie seit meinem Sieg gegen Rodshtein vor fünf Jahren. Nun gibt es drei Partien, auf die wirklich stolz bin, diejenige gegen Vugar Gashimov, in der ich als Schwarzer mit dem König nach b1 gelaufen bin, die gegen Rodshtein und jetzt gegen Nakamura.

Hier könnt ihr die drei Partien nachspielen:

Grischuk hatte noch einen weiteren Grund zur Zufriedenheit, denn er gewann zwei Duelle schon in den Turnierpartien und erhielt dafür zwei Bonuspunkte in der Grand-Prix-Wertung. Die wird natürlich von Nepomniachtchi angeführt:

Nepomniachtchi: 9 (8 + 1)
Grischuk: 7 (5 + 2)
Wojtaszek: 5 (3 + 2)
Nakamura: 3 (3)
Dubov, Wei Yi, Svidler: 2 (1+1)
So: 1 (1)
Giri, Radjabov, Duda, Karjakin, Aronian, Jakovenko, Vitiugov, Mamedyarov: 0

Da jeder Spieler an drei der vier Grand-Prix-Turniere teilnimmt, ist aber noch nichts entschieden. Die nächste Station ist vom 11. bis 25. Juli Riga. Bis dahin gibt es noch viele andere Turniere, wie das Kandidatenturnier der Damen, das am Freitag in Kasan beginnt, oder das Eröffnungsblitzturnier von Altibox Norway Chess, das am Montag über die Bühne geht!

Weitere Links:


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