Interviews 11.07.2018 | 08:21von Colin McGourty

Nepo und Gelfand über Carlsen-Caruana und andere Themen

Der Gideon Japhet Cup endete vor kurzem in Jerusalem - Ian Nepomniachtchi hatte einen Punkt Vorsprung auf eine Verfolgergruppe - aber bietet weiterhin interessantes Material. Zumindest eines der Fotos von Boris Gelfand und Vassily Ivanchuk beim anschliessenden Ausflug zum Toten Meer sollte sich rasend schnell verbreiten, Emil Sutovsky führte weitere lange Interviews mit Nepo und Gelfand. Ian betrachtet Magnus als Matchspieler als etwas überschätzt, während Gelfand das Match Carlsen-Caruana mit Karpov-Kasparov vergleicht. Außerdem erwähnt er, wie ein junger Fabiano ihn einmal mit seiner Begeisterung für Schach überraschte.

Boris Gelfand erwähnte, dass er in seiner Karriere vielleicht die meisten Partien gegen Vassily Ivanchuk spielte - nun besuchten sie gemeinsam das Tote Meer! | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Wir verzichten auf Fotos von Chucky in Badekleidung! | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Anna Muzychuk, Sutovsky und Co ebenfalls beim Schach im Toten Meer | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Emils Interviews mit Peter Svidler und Vassily Ivanchuk haben wir bereits veröffentlicht, nun weitere mit anderen Turnierteilnehmern - zunächst Ian Nepomniachtchi:

Der russische Großmeister hatte das Gefühl, dass er in Jerusalem jede Menge Glück hatte, aber das Talent der Nummer 15 der Weltrangliste ist seit langem offensichtlich. Zusammen mit Peter Svidler ist er einer von wenigen Weltklassespielern mit einem Plusscore gegen den Weltmeister (unglaubliche vier Siege bei keiner Niederlage, und auch wenn bei zwei dieser Siege beide noch sehr jung waren: der letzte war beim London Classic 2017). Vielleicht ist diese persönliche Erfahrung ein Grund dafür, warum Nepo von Magnus weniger beeindruckt ist als einige seiner Kollegen. Hier einige Höhepunkte des Interviews:  


Über Carlsen-Caruana

Nepomniachtchi: Aus meiner Sicht wird Magnus als Matchspieler etwas überschätzt, da er bisher nur drei Matches spielte. Zwei davon waren gegen Vishy, zu einem Zeitpunkt als Anand bereits ein relativ angenehmer Gegner für Magnus war. Ich denke, er hat ab 2012, 2011 oft gegen Vishy gewonnen und das war wirklich ein günstiger Gegner für Magnus. Sobald er auf einen anderen Spieler traf, Karjakin, war es ein sehr knappes Match. Ich glaube, dass Sergey kurz vor dem Sieg stand, wenn er einige taktische Motive gefunden hätte - um in der zehnten Partie Remis zu erzwingen.

Danach würde praktisch nur noch eine Partie gespielt, da er mit Weiß sicher ein Remis erzielt hätte. OK, es wäre eine andere Lage wenn er 1/1 braucht, statt 1.5/2 oder 2/3. Ein anderes Szenario.

Ich sehe nicht, warum Magnus unschlagbar sein sollte. Nun denke ich, dass Magnus keinerlei Eröffnungsvorteil erzielen wird, das ist wohl nicht der stärkste Punkt seines Spiels. Wenn man seine Vorbereitung im Match gegen Karjakin betrachtet erinnere ich mich nicht daran, dass er brilliante Neuerungen fand. In der ersten Partie spielte er Trompowsky, das war witzig, wahrscheinlich wegen dem Wahlsieg von Trump - das ist der einzige Grund, Trompowsky zu spielen!

Er schien nie unschlagbar, und speziell für Fabiano, der normalerweise jedes Jahr mindestens eine Partie gegen Magnus gewinnt.

Über den Einfluss der Computer

Bis zu einem gewissen Zeitpunkt war ich nicht sicher, warum Computer so stark sind. Du spielst kreativ auf Angriff und es sieht so aus, als ob Du sicherlich gewinnst - aber irgendwie kann der Computer mit einigen genauen Zügen jede Stellung verteidigen. Dann entdeckte ich, dass es offensichtlich Geometrie ist. Ich glaube, vieles im Schach ist Geometrie: selbst wenn Deine Figuren optisch weit vom König entfernt sind und dann analysierst Du mit dem Computer - Du entdeckst, dass wahrscheinlich das Feld b2 oder a1 oder f6, es ist alles dasselbe, g7 verteidigen. Ich versuche, es auf eine sehr einfache Art zu erklären, aber es gibt Geometrie nicht nur bei Damen-oder Läuferzügen, auch einige Bauernstrukturen usw. . Ich denke, das ist der Schlüssel - es gibt noch viel im Schach zu entdecken. Wenn wir es mit einer Art mathematischem Ansatz tun verstehen wir, was Computer uns zeigen.

Über Elo 2900 für Menschen

Nepomniachtchi: Es ist wie ein Guinness-Rekord, es ist ein Meilenstein, aber ich glaube es wird keinen wirklichen Unterschied zwischen 2800ern und 2900ern geben. Elozahlen zeigen normalerweise Deine aktuelle Form. Einige Spieler wie Magnus zeigen das ganze Jahr über recht gute Form. In den schlechtesten Momenten spielt er etwa wie Elo 2650, aber nicht wie ein totaler Patzer, denn wenn man sich Partien einiger anderer Spitzenspieler anschaut wie...

Sutovsky: …wie Du selbst?

Wie ich. Jeder hat mal schlechte Tage, und dann landet man irgendwie ganz auf dem Boden - Du willst einfach nicht mehr spielen, Du versuchst nicht, die beste Verteidigung zu finden. Im Gegensatz dazu einige Spitzenspieler - vor allem Magnus - selbst wenn er einen schlechten Zug oder ein paar Fehler macht, normalerweise versucht er, das Schlimmste zu verhindern und in jeder Stellung die besten Züge zu finden. Deshalb ist seine Elo relativ konstant.

Was sind Deine eigenen Ambitionen?

Ich lege wirklich keinen so grossen Wert auf meine Elozahl, aber wenn man sich nur dadurch für das Kandidatenturnier qualifizieren könnte dann OK, dann ist das ein Ziel. Ehrlich gesagt glaube ich, dass für einen Schachprofi, der sich das zutraut, Qualifikation für ein WM-Match das einzige Ziel sein sollte. Realistischerweise muss man sich erst für das Kandidatenturnier qualifizieren. Du kannst Dich für ein WM-Match nur durch einen Sieg im Kandidatenturnier qualifizieren - OK, es gibt Ausnahmen in der Schachgeschichte, aber nur sehr weise Menschen können ein WM-Match spielen ohne sich zuvor gegen andere Kandidaten zu qualifizieren! 


Boris' Sohn Avner gab ebenfalls ein Interview! | Foto: Gideon Japhet Memorial/Jeruchess Facebook

Boris Gelfand wurde vor kurzem 50, aber arbeitet an seinem Schach genauso intensiv wie immer. Heutzutage schreibt er allerdings auch Bücher, Teil drei einer nach eigener Aussage geplant sechsteiligen Serie wird wohl noch 2018 oder Anfang 2019 veröffentlicht. Boris: "Ich denke, ich habe die moralische Pflicht, mein Wissen mit anderen zu teilen". Andere Momente im Interview sind seine Zusammenfassung der Fussball-WM ("Ohne die Niederlande macht es keinen Spass!") und dass er Tischtennis ebenso methodisch wie Schach betrachtet, mit einer Ausnahme - "den Aufschlag im Tischtennis übe ich nicht!". Davon hat er im Schach genug und will "nur ein Spiel bekommen". Am Ende spricht auch Boris' junger Sohn Avner - auf Russisch sagt er fröhlich, dass er gerne liest und schreibt aber dass ihn Schach rein gar nicht interessiert!

Hier einige andere Höhepunkte im Interview:


Über den Einfluss der Computer

Gelfand: Ich denke, wir können von Computern vor allem lernen, wie man sich verteidigt. Selbst optisch gefährliche Stellungen kann man verteidigen, da Schach ein sehr konkretes Spiel ist. Aber Computer zeigen auch viele versteckte Möglichkeiten. Wir haben zum Beispiel erfahren, dass einige Eröffnungsvarianten, die viele Jahre gespielt wurden, vielleicht widerlegt sind, aber viele neue wurden mit Hilfe von Computern entdeckt. Es gibt nicht nur einen Weg zu spielen, es gibt viele Wege.

Über Carlsen-Caruana

Mein Match gegen Anand war anders, zwei Spieler mit etwa demselben Stil. Bei Carlsen-Caruana treffen zwei total unterschiedliche Stile aufeinander, wir können ein hochinteressantes Match erwarten. Es ist ziemlich vergleichbar mit Karpov/Kasparov. Carlsen ist vor allem ein praktischer Spieler, Caruana dagegen ein sehr tiefsinniger Spieler, der viel Wert auf Eröffnungsvorbereitung legt und sehr oft den besten Zug finden will. Ich glaube es kann ein sehr, sehr interessantes Match werden. Derjenige, der seine Stärken eher ausspielen kann, wird wohl gewinnen.

Ich habe dazu eine Anekdote. Als Caruana sehr, sehr jung war hat er mich einmal zu Hause besucht. Ich war verblüfft: wir haben etwas gearbeitet, und dann hat er mich mitten in der Nacht aufgesucht, da er zu einer Idee eine Verbesserung gefunden hatte! Diese Motivation war sagenhaft.

Sutovsky: Ich denke, sein Ansatz ist eher die gute alte klassische Schachschule, während Magnus meiner Meinung nach eher ein "Spieler" ist, “Karpov-style”.

Ja, eindeutig Karpov-style. Caruana hat natürlich einen wissenschaftlichen Ansatz. In den letzten paar Jahren wurde er pragmatischer, das hat ihm wohl geholfen. Aber dennoch, im Kern behält er den Ansatz aus seiner Kindheit. Er hatte sehr gute Trainer, sagen wir die sowjetische Schule. Erst arbeitete er, glaube ich, mit Sher, dann Zlotnik, dann Chernin, dann Avrukh. Er hatte Trainingseinheiten mit Beliavsky, mit Razuvaev, with all den Besten, er bekam alles was möglich war und hat so wohl jede Menge gelernt.

So wie Du es beschreibst drückst Du im Match nicht unbedingt Caruana die Daumen, aber wärst doch glücklich wenn sein Stil sich durchsetzt. 

Nein, ich glaube mehr an seinen Stil aber OK, ich bin total neutral. Als Schachfan freue ich mich darauf, den Partien zu folgen und sie zu geniessen - hoffentlich werden 12 Partien gespielt, hoffentlich dann ein Stichkampf!


Siehe auch:


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