Berichte 01.05.2018 | 09:43von Colin McGourty

Nazi Paikidze holt ihren zweiten US-Meistertitel

Nazi Paikidze hat nach einem dramatischen Sieg im Armageddon gegen Annie Wang die US-Meisterschaft der Damen 2018 und damit ein Preisgeld von $25.000 gewonnen. Ihre 15-jährige Gegnerin gewann überzeugend die erste Schnellschachpartie und hätte auch in der zweiten die Initiative übernehmen können, doch als sie zögerte, demonstrierte Paikidze wieder die Ruhe und Souveränität, die ihr schon 2016 den Titel eingebracht hatten. Annie Wang kassierte für ihren zweiten Platz aber immerhin $18.000 und wird sicher mit noch größeren Ambitionen wiederkommen!

Die 24-jährige Nazi Paikidze spielte neun Monate lang kein Wettkampfschach, doch im entscheidenden Moment war sie da | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Hier könnt ihr noch einmal alle Partien der US-Damenmeisterschaft nachspielen:

Und hier die gesamte Live-Action mit den Kommentaren von Jennifer Shahade, Yasser Seirawan und Maurice Ashley:

Perfekter Start für Annie Wang

Als klar war, dass die US-Meisterschaft der Damen 2018 im Stichkampf entschieden würde, lag der psychologische Vorteil bei Nazi Paikidze. Sie hatte noch keine Partie verloren und den Stichkampf  erreicht, obwohl sie zwei Runden vor Schluss mit einem Punkt Rückstand ihre Siegchancen auf 5% beziffert hatte. Außerdem hatte sie den Vorteil, dass sie bereits 2016 den Titel gewonnen hatte, während die 15-jährige Annie Wang nach ihrer Schlussrundenniederlage auf einmal gehörig unter Druck stand.

Noch eine neue Erfahrung für Annie Wang: ein Stichkampf um die US-Meisterschaft | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Auch die Eröffnung in der ersten 25-Minuten-Partie, ein 4.Dc2-Nimzo-Inder, schien zugunsten von Nazi Paikidze zu verlaufen, denn sie blitzte die ersten 11 Züge einer messerscharfen Variante herunter, während Wang bereits öfter nachdachte. Wang schien auf Abwege zu geraten, doch als die das forsche 14.e4! auspackte, drehte sich die Partie zu ihren Gunsten. Paikidze verbrauchte fast sechs Minuten für 14…Dd6?!


In der Folge brachte Wang ihre Figuren mit klugen taktischen Mitteln auf gute Felder: 15.f3! d3 16.Df2! Nd4 17.Lb4!, mit der Pointe, dass 17…Sc2+ an 18.Dxc2! scheitert, da Schwarz nichts Besseres hat, als mit 18…Dxb4 in ein Endspiel mit zwei Minusbauern abzuwickeln. Das wäre allerdings kaum schlechter als die Partiefolge gewesen, in der Schwarz ebenfalls zwei Bauern weniger und mit Damen auf dem Brett keine nennenswerte Kompensation hatte. Annie Wang rochierte ohne Furcht lang und hätte im 26.Zug schon alles klar machen können:


26.Le7! stellt die wenig subtile Drohung Dd8# auf, und nach 26…Sb8 hat Weiß den Trumpf 27.Ld6+! im Ärmel. Damit hätte Wang eine hübsche Kurzpartie perfekt gemacht, doch nach 26.La5+ hatte sie weiterhin Angriff auf beiden Flügeln und zwang Nazi Paikidze schließlich nach 45 Zügen zur Aufgabe.

Paikidze meinte nach der Partie:

Ich habe heute sehr schlecht begonnen. Ich merkte, dass ich nervöser als gedacht war. Aus diesem Grund habe ich in der ersten Partie nichts gesehen, und das hat mich richtig geärgert. Danach war es sehr schwer, diese erste Partie zu vergessen und zurückzukommen, umso mehr freue ich, dass es mir gelungen ist.

Was änderte sie?

Ich habe kurz meditiert, etwa zwei Minuten, und erhielt dann den Tipp, dass ich nicht so schnell wie sie spielen soll. Ich vermute, dass sie im Blitzen besser als ich ist, denn ich spiele besser, wenn ich nachdenke, daher nahm ich mir in der zweiten Partie mehr Zeit und spielte erst schneller, als ich schon klar besser stand. Das hat mir sehr geholfen.

"Nach der verlorenen ersten Partie muss Nazi Paikidze die zweite Partie unbedingt gewinnen. Der georgische GM Kacheishvili gab ihr vor der Partie noch ein paar aufmunternde Worte auf den Weg."

Alles hätte jedoch anders kommen können, wenn Wang einen schlecht vorgetragenen Königsindischen Angriff von Paikidze bestraft hätte:


Hier schrie die Stellung nach 17…f5!, wonach Schwarz gute Angriffschancen gegen den weißen König hat. Wang brauchte aber nur ein Remis und wollte mit 17…Te8?! womöglich den potentiell schwachen Bauern e6 decken. Außerdem wollte sie vermutlich ihren Läufer nach g7 überführen, aber es folgte 18.b4! cxb4 19.axb4 und nach 19…Sxb4?! (19…Lxb4!) 20.Sxd4 hatte Weiß auf einmal Vorteil. Paikidze hatte plötzlich alles unter Kontrolle und versammelte ihre Kräfte, um den schwarzen König unter Beschuss zu nehmen. Die Partie endete mit einem Springeropfer auf b6:

Damit musste das Armageddon entscheiden, und obwohl Schwarz theoretisch von der unüblichen Zeitgutschrift ab dem 1.Zug eher profitierte (mit einer Minute weniger auf der Uhr reicht Schwarz ein Remis), war es vermutlich ein Nachteil für Annie Wang, dass sie erneut mit den schwarzen Steinen spielen musste. Sie hatte ihre beiden letzten Schwarzpartien verloren, und außerdem beging sie einen Fehler – sie wiederholte ihre Züge aus der zweiten Partie und hoffte offenbar darauf, dass sie die starken Züge wie f5, die sie zuvor übersehen hatte, nun aufs Brett bringen könnte.

Allerdings machte Paikidze dieses Mal nicht denselben Fehler:


Statt 14.h5? spielte sie nun 14.S1h2! und Annie machte “aus prinzipiellen Überlegungen" heraus aggressive Züge, die aber nicht dem Geist der konkreten Stellung entsprachen: 14…g5!? 15.h5! Tdf8 16.Sg4 Kb8 17.Ld2 f5? 18.exf6 Sxf6 19.Sge5 g4? 20.Sxc6+! Lxc6 21.Se5! und Schwarz war strategisch überspielt:


Es folgte ein Massaker, das durch die schlechte schwarze Bedenkzeit noch verschlimmert wurde. Nazi meinte, sie habe sich im Gegensatz zum Schnellschach zu einer anderen Strategie entschieden und schnell gespielt:

Ehrlich gesagt, habe ich die Stellung nicht beurteilt, sondern auf Zeit gespielt, weil ich kein Remis machen kann und mein einziger Vorteil darin besteht, dass ich eine Minute mehr auf der Uhr habe. Mein Ziel war daher, schneller als sie zu spielen und sie in Zeitnot zu bringen, denn selbst eine leicht bessere Stellung ist mit ein paar Sekunden auf der Uhr nicht leicht zu gewinnen. 

Das funktionierte, denn in einer am Ende hoffnungslosen Stellung überschritt Annie Wang die Zeit:

Ein verdienter Sieg für Nazi Paikidze, die in den letzten Jahren bei der US-Meisterschaft extrem schwer zu schlagen war. Ihr Fazit:

Es bedeutet mir sehr viel, dass ich die Meisterschaft noch einmal gewinnen konnte. Ich kann mich wirklich nicht beschweren, denn dies war meine vierte Teilnahme und ich habe nie schlechter als mit Platz 2 abgeschnitten. Aber natürlich bin ich hierher gekommen, um zu gewinnen - dieses Ziel habe ich erreicht!

Annie Wang hätte den Titel aber nach ihrem unfassbaren Start mit 7 aus 8 ebenfalls verdient gehabt, zumal sie anschließend nicht, wie von ihren Gegnerinnen erhofft, eingebrochen ist. Um ein Haar hätte sie den Titel ohne Stichkampf gewonnen und ihre Aschenputtelgeschichte mit der automatischen Qualifikation für das amerikanische Olympia-Team gekrönt. Es sollte nicht sein, aber sie wird in den kommenden Jahren sicher noch stärker werden. Paikidze meinte:

Das ist unglaublich. Sie ist toll. Sie hat dafür gesorgt, dass dieses Turnier so großartig war, und das mit erst 15 Jahren! Das ist verrückt! Als ich so alt war, hatte ich mich nicht so gut wie sie unter Kontrolle, zudem ist sie gut im Angriff und in der Verteidigung, und außerdem sehr zäh.

Wie stark wird Annie Wang erst sein, wenn sie erfahrener ist? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Uns bleibt damit nur, Sam Shankland und Nazi Paikidze noch einmal zum Gewinn der US-Meisterschaft zu gratulieren. Wir hoffen, euch hat das Turnier gefallen!

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