Berichte 02.04.2019 | 12:52von Colin McGourty

Nakamura und Yu sind die US-Meister 2019

Hikaru Nakamura hat zum fünften Mal die US Meisterschaft gewonnen, nachdem er Jeffery Xiong in der letzten Runde auf Abruf geschlagen hatte und seine Mitführenden nicht über Remisen hinauskamen. Fabiano Caruana erreichte nichts gegen Sam Shankland, während Leinier Dominguez einen kniffligen Gewinn verpasste, bevor er von einer brillanten Verteidigung von Timur Gareyev endgültig ausgebremst wurde. Die Meisterschaft der Frauen war nicht bis zum letzten Zug spannend, sondern war vielmehr die Krönung der 17 Jahre alten Jennifer Yu, die bereits eine Runde vor Schluss die Meisterschaft unter Dach und Fach brachte, indem sie Anna Zatonskih schlug. Sie beendete die Meisterschaft mit majestätischen 10/11.

Die fünfte Meisterschaft für Hikaru Nakamura und die erste für einen zukünftigen Star, Jennifer Yu | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien der US Meisterschaft kannst du nachspielen, indem du auf eine der folgenden Partien klickst:

Hier gibts den Livekommentar der letzten Runde der Meisterschaft:

Caruana macht seinen Zug

Die Bühne hätte für den letzten Tag der US Meisterschaft nicht besser bereitet sein können. In der vorletzten Runde trennten sich die beiden Führenden Hikaru Nakamura und Leinier Dominguez nach 29 Zügen mit einem soliden Remis, was es Fabiano Caruana erlaubte, sie mit einem Sieg gegen Aleksandr Lenderman und 7/10 einzuholen.

Fabiano Caruana holte 4.5/5 vor der letzten Runde und holte die Führenden ein | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Lenderman traf die mutige Entscheidung, Russisch gegen seinen größten Verfechter zu spielen. Das war ein Gang der Ereignisse, über den Fabi selbst gar nicht traurig war, wie er es beschrieb. Er verpasst seinem Gegner schnell Doppelbauern und schob dann seine Damenflügelbauern methodisch nach vorne, bis die schwarze Stellung kurz vor dem Kollaps war. Hier eine Momentaufnahme:


Hier entschied sich Lenderman fürr 39…Txd4, aber es war klar, dass das nur Verzweiflung ist. Die Aufgabe kam mit Zug 47.

Nakamuras "must-win"-Partien

In der letzten Runde hatte wir daher drei Spieler in der Führung und alle spielten gegen unterschiedliche Gegner. Dominguez schien der Favorit zu sein, da er mit Weiß gegen den Außenseiter Timur Gareyev spielte, während Fabiano Caruana die schwierigste Aufgabe hatte - Schwarz gegen den amtierenden US Meister Sam Shankland. Hikaru Nakamura hatte ebenfalls Schwarz, aber gegen den 18 Jahre alten Jeffery Xiong, der mit 50% in die letzte Runde ging.

"Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, die Träume von anderen platzen zu lassen", sagte Sam Shankland einmal für eine Reality-TV-Show, und ein wenig traf das auch auf Caruana an diesem Sonntag in St. Louis zu | Foto: Justin Kellar, Turnierseite

Die Runde begann dann so, wie man es erwarten konnte. Fabiano hatte eine Nebenvariante vorbereitet, aufgrund der sein Gegner bereits mit dem sechsten Zug mit dem Nachdenken begann. Zuerst akzeptierte Sam die Herausforderung und sicherte sich Raumvorteil im Zentrum, doch dann bestürzte er Caruana mit folgender Entscheidung:


Fabiano hatte das Gefühl, dass 11.0-0 Lg4 12.Df4 Lxf3 13.Dxf3 Sxd4 14.Dxd5 Dxd5 15.Sxd5 die ödeste aller Optionen war, für die sich Sam hätte entscheiden können. Ab diesem Zeitpunkt war es beiden Spielern bereits klar, dass die Partie vermutlich remis enden würde.


US Chess: Maurice Ashley kommentiert Fabianos remisträchtige Stellung: "Ich hätte lieber Nakamuras schlechte Stellung als diesen Unsinn."

Fabiano konnte nur neidisch auf das schauen, was auf Nakamuras Brett passierte:

Er schaffte es, die Art von Partie zu kreieren, die perfekt für ihn war, oder für mich perfekt gewesen wäre!

Nakamura spielte Holländisch, 1.d4 f5!?, was einen zuschauenden Holländer zufriedenstellte:

Anish Giri: Drei Amerikaner kämpfen mit allen Mitteln um den Titel des US Meisters, aber am Ende entscheidet es trotzdem die Holländische Verteidigung! 

Objektiv gesehen stand Weiß gut, aber Hikaru merkte an, dass Jeffery in diesen Strukturen unerfahren war, und nach und nach war es Schwarz, der das Ruder übernahm.

Xiong hat bei der diesjährigen US Meisterschaft wichtige Erfahrungen gegen starke Gegner gesammelt | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Der Computer sieht die Stellung nach 31…Kf6 als Punkt ohne Widerkehr:


Es ist symptomatisch, wie schlecht die weiße Stellung mittlerweile geworden ist, wenn 32.Te6+!! der einzige Zug ist, um überhaupt in der Partie zu bleiben. Denn nach 32...Lxe6 33.dxe6 Se5 34.Sd5+! kann der e-Bauer wegen Springergabeln nicht geschlagen werden. Weitere Tricks könnten folgen (34…Kg7 35.e7! Tc8 36.Sc7!), aber in der Partie kam mit 32.Tb7? axb3! 33.axb3 Tfa8 die Invasion der schwarzen Türme in die weiße Stellung, was das Ende einläutete, auch wenn Jeffery weiterhin einen heldenhaften Kampf lieferte, bis sein König auf der anderen Seite des Brettes zur Strecke gebracht wurde:

chess24: Hikaru Nakamura steht bereit dazu, seine fünte US Meisterschaft zu gewinnen, nachdem er Jeffery Xiong auf Abruf geschlagen hat und Caruana nur remis spielte und Dominguez wohl keine Gewinnchancen hat!

59.Kg4 g2! und der g-Bauer entscheidet die Partie. Nakamura war stolz darauf, seine dritte "must-win"-Partie in Folge mit Schwarz zu gewinnen. Das erinnerte ihn ein wenig an seine Jugend und ganz speziell an sein Comeback bei der US Meisterschaft 2006. Er schaffte es, den Druck zu vergessen, den er heutzutage typischerweise fühlt, wenn er "korrektes" Schach spielt:

Wenn es mir möglich ist, all das zu vergessen und ohne Angst zu spielen, dann ist es wie früher in den guten, alten Tagen.

Der Grund, warum Hikaru seine Partie als "must-win" erachtete, war, dass Leinier Dominguez Weiß gegen Timur Gareyev hatte. Dieser ging als Vorletzter in der Tabelle in die letzte Runde. Timur blieb seinem Stil treu, spielte Sizilianisch und bekam schlussendlich eine Stellung, die lebhaft und weit entfernt von solide war.

Dominguez-Gareev war wieder ein Aufeinandertreffen von unterschiedlichsten Herangehensweisen an Schach und Mode | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Der Gang der US Meisterschaft wäre wohl ein anderer gewesen, wenn Leinier sich im 26. Zug anders entscheiden hätte:


26.f5! war ein Gewinnzug, auch wenn Leinier verständlicherweise etwas besorgt über die Komplikationen nach 26...Sg5 gewesen ist. Stattdessen spielte er eine andere vielversprechende Variante, 26.fxe5, aber Gareyev, der schon wenig Zeit auf der Uhr hatte, schaffte es, eine rettende Ressource zu berechnen, indem er eine Figur für lediglich einen einzigen Bauern aufgab! Dominguez hatte das von weitem gesehen…


…aber er gab im Anschluss zu, dass er davon ausging, hier auf Gewinn zu stehen, weil er in der Lage ist, Dc4-b3 zu spielen und dann langsam aber sicher den Bauern auf b2 einsammelt. Was er allerdings nicht auf der Rechnung hatte war, dass Schwarz die plumpe Drohung ...Dxc3 gefolgt von ...b1D hat, was auf der Stelle remisieren würde.

Der Meister von 2018 und der kurz-darauf-Meister von 2019 schauen sich die finale Partie gemeinsam an | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Nachdem er das bemerkte, hatte Leinier jede Feinheit aus den Endspielbüchern probiert, und selbst am Schluss konnte er noch vom Sieg träumen:


Es sieht so aus, als ob jeder Zug remis hält, aber in der Tat gilt das nur für 74…Kg5! denn nach 74…Kg4?? 75.Sg7! wird der schwarze König abgeschnitten und Weiß gewinnt leicht. Timur machte keine Fehler und spielte 74…Kg5 75.Sg7 Kf6! (ebenfalls der einzige Zug) und die Spieler wiederholten die Stellung.

Chess24: Es ist offiziell: Hikaru Nakamura ist der US Meister 2019, nachdem Dominguez-Gareyev remis endet. Mitgefühl für Leinier und Glückwünsche für Hikaru!

Der Sieg wäre für Leinier auch möglich gewesen, aber ungeschlagene +4, ein geteilter zweiter Platz und 30.000 Dollar Preisgeld war ein guter Start in seine US Meisterschaften-Karriere, nachdem er zuvor eine 2-jährige Pause vom klassischen Schach genommen hatte.

Jan Gustafsson: Ganz egal, wie es ausgeht, @chessleiniers Leistung bei den US Meisterschaften war eine großartige Inspiration für solch alte, inaktive Typen wie mich. Beeindruckend.

Leinier wird zeitnah wieder in den Top 20 als aktiver Spieler geführt werden und kann nun auch von den USA aus reisen. Er plant, bei der russischen Team-Meisterschaft in Sochi Anfang Mai mitzuspielen.

Der Held der Stunde ist dennoch natürlich Hikaru Nakamura, der am Ende des Tages seinen Triumph feiern konnte.

Es war der fünfte Titel für Nakamura, der die Meisterschaft zuletzt in 2015 gewann - das Jahr, in dem Wesley So sein Debüt gab und bevor Caruana den Verband wechselte. Er freute sich darüber, mal wieder ein Turnier mit klassischer Bedenkzeit zu gewinnen. Die 14,7 Elo, die er für seine Leistung einheimste, bringen ihn wieder nahe an die Top 10 heran, nachdem er zuvor einige enttäuschende Ergebnisse hatte.

Die vielleicht wärmsten Glückwünsche erhielt Nakamura vom US Meister des Jahres 2018, Sam Shankland, der zuvor sich als "untröstlich" bezeichnete, weil er es nicht schaffte, seinen Titel zu verteidigen.

Sam Shankland: Es gibt keinen auf der Welt von dem ich mir mehr wünschen würde, mein Nachfolger zu sein. Glückwünsche an @GMHikaru!

Sam führte das auf Facebook noch aus:

Sam Shankland: Nichts hat mich in meinem Leben stolzer gemacht als der Meister meines Landes zu sein. Unglücklicherweise geht meine Zeit als amtierender US Meister zu Ende, die Magie von 2018 ist vorübergehend versiegt und ich hatte mein erstes wirklich schlechtes Turnier seit einer langen Zeit. Wenn es zwei Dinge auf dieser Welt gibt, die ich liebe, dann sind es Schach und Amerika. Deshalb tut es auch so viel mehr weh im Gegensatz zu anderen Stationen meiner Karriere, dass ich in diesem Turnier meine Erwartungen nicht erfüllen konnte. Ich wusste, noch einmal +6 zu holen, das würde fast unmöglich sein, aber ich wollte es wirklich noch besser als das machen.

Wenn es irgendetwas gibt, von dem ich hoffe, dass ich es während meiner Zeit als US Meister erreicht habe, dann ist es das, dass ich eine neue Generation junger amerikanischer Schachspieler inspiriert habe. Während meiner gesamten Schachkarriere war Hikaru der einzige Spieler, der in Amerika aufgewachsen ist und der es bis in die Weltspitze brachte. Ich erinnere mich, wie inspirierend er für mich war, als ich jung war. Und während das, was ich erreicht habe, nicht ansatzweise so großartig ist, wie das, was er erreichte, hoffe ich dennoch, dass unsere vielversprechenden amerikanischen Talente mich als ein Beispiel dafür sehen, dass man es als heimischer US-Amerikaner bis in die Weltspitze schaffen kann. Es gibt keinen anderen auf diesem Planeten als ihn, dem ich es mehr gönnen würde, mein Nachfolger zu sein, und in diesem Moment sieht es so als, als wird er es auch werden.

Nach dem schlechtesten Monat meiner Karriere freue ich mich darauf, nach hause zu kommen und für eine Zeit ein wenig aus dem Rampenlicht zu treten. Ich bezweifle, dass ich in den nächsten paar Monaten während meiner Erholung öffentliche Auftritte haben werde. Aber wenn ich wieder erholt bin, werde ich zurückkommen und mein Bestes geben, bevor irgendwer anfängt mich zu vermissen. Da sich jedes Jahr mehr und mehr extrem starke Spieler dem US Verband anschließen und da unsere jungen Top-Talente sich weiterhin verbessern, wird es immer schwieriger, diese Meisterschaft zu gewinnen. Aber ich bleibe optimistisch, dass ich es eines Tages wieder schaffen werde. So oder so, US Meister bleibt man für immer. Jetzt werde ich nicht länger der US Meister sein, aber ein US Meister werde ich immer bleiben. Und nichts in meinem Leben wird jemals für mich eine größere Ehre sein.

Die Abschlusstabelle sieht wie folgt aus. Wesley So teilt sogar noch den vierten Platz, obwohl er mit Weiß spielend von dem 15-jährigen Awonder Liang völlig zerstört wurde. Für Awonder war das unzweifelhaft ein denkwürdiger Moment, weil er die 2600er Schallmauer mit diesem Sieg überschritten hat.

Jennifer Yu gewinnt unangefochten

Die US Meisteirn 2019, Jennifer Yu | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

In der US Meisterschaft der Frauen ging es nur um eine Spielerin, die 17 Jahre alte Jennifer Yu. Nach einem beeindruckenden Start konnte man davon ausgehen, dass irgendwann auch bei ihr die Schwerkraft wieder einsetzen würde. Aber sie tat es nie. Und am Ende gab sie lediglich zwei Remis ab auf ihrem Sieg mit 10/11, ganz knapp am mit 64.000 Dollar dotierten Bobby Fischer Preis vorbei! Auf die Zweitplatzierten hatte sie bereits einen Vorsprung von 2,5 Punkten:

Sie machte den Titel in der vorletzten Runde klar, indem sie gegen ihre einzige direkte Verfolgerin, Anna Zatonskih, gewann. Jennifer hatte Schwarz und gab zu, dass sie bis kurz vor Schluss nur daran dachte, nicht zu verlieren. Doch dann entschied sie sich korrekterweise für einen taktischen Trick mit 20…Lxf2+! und schlug dann am Ende noch einmal zu:


31…Lxg3+! 32.Kxg3 Dc7+! 33.Kg4 Le6+ und da ein Matt in zwei Zügen nicht abzuwenden ist, gab Anna auf.

Chess24: Glückwünsche an die 17 Jahre alte Jennifer Yu zum Gewinn der US Meisterschaft der Frauen in 2019 eine Runde vor Schluss mit brillanten 9/10!

Fabiano Caruana, der das ein oder andere über deutliche Siege weiß, sagte dazu:

Heute hat sie wirklich gezeigt, dass sie eine wahre Meisterin ist. Im kritischsten aller Momente zu gewinnen ist eine Fähigkeit, die nur ganz wenige haben!

Jennifer, die dank ihres Siegs 25.000 Dollar einsammelte, hätte man es nicht krumm nehmen können, wenn sie die letzte Runde entspannter angegangen wäre. Doch machte sie dort weiter, wo sie aufgehört hatte und schlug auch noch Carissa Yip, womit sie die Meisterschaft mit 2,5 Punkten Vorsprung vor Anna und Tatev Abrahamyan (beide erhielten 15.500 Dollar) errang. Tatev holte einen beeindruckenden Score von +5, nachdem sie in der ersten Runde noch verloren hatte, aber wir müssen vielleicht Jahrzehnte auf ein weiteres solch beeindruckendes Ergebnis wie das von Jennifer warten!

Jennifer Shahade: So glücklich für die 17 Jahre alte Jennifer Yu, unsere neue US Meisterin 2019!

Ihr Ratschlag für andere aufstrebende Jugendliche: "Spielt immer weiter. Manchmal wird es wirklich hart, aber es lohnt sich am Ende. Ich kann mir mein Leben ohne Schach nicht vorstellen."

Das war es also von der US Meisterschaft 2019! Noch einmal Glückwünsche an die Sieger Hikaru Nakamura und Jennifer Yu und wir hoffen, dass euch die Show gefallen hat.

Natürlich geht die Show woanders weiter, nämlich mit der Nr. 1 der Welt, Magnus Carlsen, der Nr. 3, Ding Liren, dem fünffachen Weltmeister Vishy Anand und vielen anderen. Alle sind dabei beim bereits laufenden Gashimov Memorial in Shamkir. Schau dir die Partien hier live auf chess24 an!

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