Interviews 14.08.2015 | 12:56von Colin McGourty

Naiditsch:„Ich habe vor niemandem Angst"

Arkadij Naiditsch beim GRENKE Chess Classic 2015| Foto: Georgios Souleidis, official website

Bevor Fabiano Caruana von Italien zur USA gewechselt ist, kursierten eine Menge Gerüchte darüber, dass ihm ebenfalls eine riesige Menge Geld aus Aserbaidschan angeboten wurde, damit er für deren Schachföderation spielt. Die Wahrheitsgrad darüber ist ungewiss. Tatsache ist aber, dass die ehemalige deutsche Nummer 1, Arkadij Naiditsch, kürzlich nach Aserbaidschan gewechselt ist. In einem Interview mit der aserbaidschanischen Webseite Extra Time nimmt er kein Blatt vor den Mund und behauptet, dass der Deutsche Schachbund Schach wie ein Hobby behandelt. Er enthüllt außerdem seinen aktuellen Wohnort- Baku- und seine dortigen Pläne für die kommenden 10 Jahre. 


Aserbaidschan richtet in diesem Jahr den Weltpokal sowie im nächsten Jahr die Schacholympiade 2016 aus und damit hören die Ambitionen des Landes, Schachevents auszurichten noch lange nicht auf. Außerdem möchte das Land bei zukünftigen Turnieren gut abschneiden und hat daher nun die durch den frühen und tragischen Tod von Vugar Gashimov entstandene große Lücke in der Mannschaftsaufstellung geschlossen. Arkadij Naiditsch wurde auserwählt, um die Chancen des Landes in Zukunft zu erhöhen. Nach Monaten der Gerüchte wurde sein Wechsel schließlich durch die Veröffentlichung der FIDE-Rangliste vom 1. August bestätigt.



In einem Interview mit der Webseite Extra Time sprach er über seine Beweggründe für diesen Schritt und seine Erwartungen an die Zukunft:


Zunächst einmal- kannst du uns etwas zu dem Konflikt, der zwischen dir und dem Deutschen Schachbund entstanden ist, erzählen?

Konflikt ist vermutlich nicht ganz das richtige Wort. Wir hatten einfach keinen Kontakt, und das nicht erst seit einem oder zwei Jahren. Viele Jahre lang hatten wir keinen Kontakt. Ich war immer bestrebt, Schach professionell zu spielen und die die Meinung aufrecht zu erhalten, dass Schach ein professioneller Sport ist. Hier ein bisschen Billard spielen, dort ein bisschen Schach spielen- so läuft es nicht. Wir arbeiten hier in Aserbaidschan sehr stark am Schach und fokussieren uns extrem auf Turniere. Der Deutsche Schachbund behandelt seinen Sport jedoch als ein Hobby. Mit dieser Einstellung konnte ich mich nicht anfreunden, da ich Schach immer als professionellen Sport betrachtet habe. Das schließt entsprechende Kosten, geeignete Trainingssessions vor Turnieren und sein Bestes in den Turnieren zu geben mit ein. 

Zehn Jahre lang war ich Deutschlands Nummer 1, aber mir wurde nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Vor diesem Hintergrund hat sich unser Verhältnis verschlechtert. Nach der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft im Jahr 2011, bei der wir mit Deutschland Gold gewinnen konnten, hatten wir ein kleines Zerwürfnis. Der Deutsche Schachbund hat nichts getan, um unseren Sieg in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Es wurden keine Interviews organisiert, es wurde nichts getan, um die Spieler zu ehren und so weiter. Wir hatten die Europameisterschaft gewonnen, uns wurde gratuliert und das war das Ende der Geschichte. In meinen Augen wäre es nach so einem Erfolg möglich gewesen, einige Schritte einzuleiten, um Sponsoren zu finden und die Mannschaft zu stärken, insbesondere weil es Deutschland im europäischen Vergleich finanziell nicht gerade am schlechtesten geht. All das war natürlich eine große Enttäuschung wenn man bedenkt, dass ich Deutschland über so viele Jahre durchaus sehr erfolgreich auf der internationalen Bühne vertreten habe. 

Möglicherweise resultiert diese Einstellung daraus, dass Schach in Deutschland nicht so beliebt ist?

Die Beliebtheit eines Sports ist eine Sache, eine professionelle Einstellung dazu eine andere. In Deutschland wird in Interviews offiziell gesagt, dass Schach ein Hobby ist, dass die Leute in Vereinen spielen, alles wunderbar ist und kein Interesse besteht, dass Schach professionell betrieben wird. Das ist für mich als professionellen Schachspieler freundlich gesagt sehr unangenehm zu hören. Ich halte Schach für einen sehr interessanten und gleichzeitig ziemlich harten Sport. Wir arbeiten wirklich sehr hart an dem Spiel. Im Laufe eines Jahres verbringt ein professioneller Schachspieler ca. 200 Tage auf Turnieren und seine Familie und Freunde treten dabei in den Hintergrund. 

Und was ist mit Schachturnieren, die in Deutschland ausgetragen werden wie z.B. das traditionelle Superturnier in Dortmund?

Diese Turniere werden größtenteils von privaten Sponsoren anstatt vom Schachbund, der mit solchen Turnieren nichts zu tun hat, finanziert. 

Zeigen die Sponsoren, die Turniere in Deutschland finanzieren, denn kein Interesse, als Sponsor der Nationalmannschaft aufzutreten?

In In Europa versucht jeder, Dinge systematisch anzugehen. Man kann den dritten Schritt nicht vor dem Zweiten machen. Um die Mannschaft finanzieren zu können, muss sich der Sponsor an den Schachbund wenden. Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Kontakte gab oder nicht. Für Sponsoren in Deutschland ist es sehr wichtig, einen guten Ruf zu haben und kein Sponsor möchte in etwas verwickelt sein, dass ein negatives Licht auf das eigene Image oder das Unternehmen wirft. Man stelle sich einen Sponsor vor, der die Finanzierung des Teams übernimmt und dann käme der Schachbund daher und äußert sich erneut negativ. Daher findet in einem so reichen Land wie Deutschland kaum Sponsoring beim Schach statt.

Wann hast du das Angebot, für Aserbaidschan zu spielen, erhalten und wie sah deine erste Reaktion aus?

Ich bin ein ambitionierter Mensch und glaube an das Prinzip, dass Sportsleute für etwas kämpfen. Ich erachte das einfache Teilnehmen als ungenügend für einen Sportler. Aserbaidschan ist eine der besten Schachnationen der Welt und ich war natürlich sehr erfreut darüber, dass ich als Kandidat für das aserbaidschanische Team in Betracht gezogen wurde. Ich war sehr froh darüber, die Chance zu bekommen, in einem solch starken Team zu spielen und um Medaillen zu kämpfen. Nachdem das Angebot an mich herangetragen wurde, haben wir sehr lange Verhandlungen geführt. Das erste Treffen zu dem Thema fand im Dezember letzten Jahres statt. Von Februar bis März führten wir detailliertere Verhandlungen. Seitdem wurden noch einige Details geklärt und schließlich fand mein Wechsel vor nicht allzu langer Zeit statt. 

Planst du, dauerhaft in Aserbaidschan zu leben oder wirst du in Deutschland bleiben? 

Arkadij heiratete die israelische WIM Yuliya Shvayger im Oktober letzten Jahres | Foto: chess-international.de

Meine Frau und ich sind nach Baku gezogen und haben uns dort niedergelassen. Wir haben bereits ein Appartment gemietet. Außerdem möchten meine Frau und ich in naher Zukunft Kinder haben. Wir werden sehen, wie sich die Lage entwickelt. Aber wir hoffen, dass wir mindestens die nächsten zehn Jahre in Aserbaidschan leben werden (lächelt).

Wirst du am Schachleben in Aserbaidschan teilnehmen? Wirst du die Landessprache lernen?

Ich werde definitiv an der Entwicklung des Schachsports in Aserbaidschan teilnehmen. Eine meiner größten Pflichten als Großmeister ist es, nicht nur bei allen möglichen Turnieren zu spielen, sondern auch jungen Schachspielern auf ihrem Weg zu helfen. In dieser Hinsicht bin ich bereit, jede Menge Unterstützung zu leisten. In Bezug auf die Landessprache werde ich natürlich versuchen, einige elementare Grundkenntnisse zu erlangen. Ich muss allerdings anmerken, dass ich sehr wenig Talent für Sprachen habe. Ich habe z.B. viele Jahre in Frankreich verbracht, aber mein Französisch ist einfach schrecklich (lacht). Ich kann also nicht versprechen, aserbaidschanisch zu sprechen, werde es aber versuchen.

Welchen Eindruck machen aserbaidschanische Großmeister auf dich?

Es ist kein Geheimnis, dass Sportler über ihre Ergebnisse bewertet werden. Das aserbaidschanische Männerteam hat zweimal die Europameisterschaft gewonnen. Zweimal das stärkste Team Europas zu werden, ist etwas anderes, als die Europameisterschaft wie im Fall der deutschen Mannschaft unbeabsichtigt einmal zu gewinnen- ein Erfolg, der sich wahrscheinlich nicht so schnell wiederholen lässt (lacht). Darüber hinaus landete Aserbaidschan bei der letzten Olympiade auf dem geteilten 2.-5. Platz und wurde nur durch die Zweitwertungen aus den Preisrängen verdrängt. Hier hatte Indien ein wenig mehr Glück. Dennoch war das in meinen Augen ein erfolgreiches Ergebnis. Die Fakten sprechen also für sich. Die aserbaidschanische Mannschaft ist eine der stärksten Mannschaften der Welt. 

Natürlich hat die aserbaidschanische Schachföderation große Hoffnungen auf ein erfolgreiches Mannschaftsergebnis bei der Olympiade 2016 in Baku.

Ich für meinen Teil werde alles dafür tun, der Mannschaft bei einer guten Performance zu helfen. Meiner Meinung nach sind wir eines der stärksten Teams, das teilnehmen wird. Natürlich ist die Konkurrenz heutzutage enorm. Das chinesische Teams gewinnt in letzter Zeit beispielsweise fast alle Turniere, an denen es teilnimmt. Die Mannschaft der USA hat sich durch zwei der zehn besten Schachspieler der Welt extrem verstärkt. Die russische Mannschaft kann man selbstverständlich auch nicht abschreiben. Trotz ihrer Erfolglosigkeit der letzten Jahre haben sie noch immer eine sehr kampfstarke Truppe. Nichtsdestotrotz denke ich, dass wir in der Lage sind, jede Mannschaft zu schlagen und um die Medaillenplätze mitzuspielen. 

Außerdem hast du auch Erfahrung mit dem Gewinnen von Mannschaftsturnieren...

In jedem Fall werde ich versuchen, dem Team so gut zu helfen wie ich kann. Ich spiele nicht das erste Jahr Schach, sondern bereits seit ca. 10 Jahren auf Topniveau. Dabei habe ich auch eine Menge Medaillen bei Mannschaftsmeisterschaften gewonnen. Insbesondere war ich zweimal der der zweitbeste Spieler am ersten Brett bei den Europameisterschaften, was zeigt, dass ich kein Neuling bin. Im kommenden Jahr werde ich mein Debüt bei der Olympiade für Aserbaidschan geben. Ich weiß auch, wie wichtig die kommenden Turniere für das Land sind und werde daher alles in meiner Macht stehende tun, um den Erfolg voranzutreiben. 

Ganz nebenbei- wann gibst du dein Debüt für die aserbaidschanische Mannschaft?

Das werde ich bei der nächsten Europameisterschaft tun, obwohl die Meisterschaft auf dem europäischen Kontinent natürlich nicht mit der Olympiade zu vergleichen ist. Bei der Olympiade werden noch eine ganze Menge mehr starke Teams mit von der Partie sein, allen voran China und die USA. In Bezug auf die Einzelmeisterschaften wird die Spanische Mannschaftsmeisterschaft das erste Turnier sein, bei dem ich unter aserbaidschanischer Flagge antrete und für den Verein San Sebastian spiele. Neben mir spielen in dem Team noch Loek van Wely und vier spanische Spieler. Im Oktober werde ich am stark besetzten Isle of Man Turnier teilnehmen. Direkt danach spiele ich bei einem Rundenturnier mit fünf Frauen und fünf Männern auf Malta mit. Nach einer kurzen Verschnaufspause laufe ich dann für Aserbaidschan bei der bereits erwähnten Europäischen Mannschaftsmeisterschaft auf. 

Gemessen an deiner ELO, die nun zum ersten Mal in den letzten Jahren unter 2700 gefallen ist, könnten die Leute den Eindruck bekommen, dass du in jüngster Zeit ein wenig schwächelst?

Ich würde nicht sagen, dass ich unter einem Abfall meiner Wertungszahl leide. Ich betrachte die erste Hälfte dieses Jahr vielmehr als eine der besten Zeiten meiner Karriere. Dieses Jahr habe ich bereits zwei Turniere gewonnen und wurde Dritter in einem weiteren Turnier. Ich landete auf dem geteilten 1.-2. Platz bei der GRENKE Chess Classic 2015 und habe dabei Magnus Carlsen in einer klassischen Langzeitpartie geschlagen.

Ich habe lediglich ein Turnier mitgespielt, dass schrecklich für mich lief und bei dem ich eine Menge ELO-Punkte verloren habe. Das war bei der Französischen Mannschaftsmeisterschaft. Ich war in fürchterlicher Form. Ich war müde. Als wenn das nicht schon genug gewesen wäre, gab es auch noch einige andere Faktoren, die mein Spiel negativ beeinflusst haben. Aber ein einziges Turnier hat nichts zu sagen. 

Die Französische Mannchaftsmeisterschaft war definitiv ein Turnier, das Arkadij Naiditsch schnell vergessen möchte- obwohl die Tatsache, dass sein Rating unter 2700 gefallen ist, der aserbaidschanischen Schachföderation wahrscheinlich 20000€ Wechselgebühren gespart hat.

Übrigens, deine Erfolgsbilanz enthält Siege gegen eine Menge der weltbesten Schachspieler, unter anderem Magnus Carlsen. Gegen diese Spieler behälst du offensichtlich die Nerven. 

Ich habe vor niemandem Angst. Wenn ich mich nicht irre, habe ich in den letzten Jahren nicht einmal einen negativen Score gegen die weltbesten Großmeister eingefahren. Ergebnisse wie bei der Französischen Mannschaftsmeisterschaft, bei der ich gegen Spieler mit einem Rating von 2400 verloren habe, sind vermutlich eher auf andere Faktoren zurückzuführen. Im Durchschnitt schneide ich gegen gute Spieler stark ab und eine solch schlechte Performance wie bei der Französischen Mannschaftsmeisterschaft sollte nicht als ein Indikator für irgendwelche Entwicklungen gewertet werden. Aktuell habe ich wahrscheinlich das niedrigste Rating, das ich in den vergangenen fünf Jahren jemals hatte. Der einzige Grund dafür ist aber das besagte Turnier in Frankreich. Ich denke, dass ich mein Rating bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft wieder steigern werde. 

Zwischenzeitlich habe ich einen Blick auf deine Einzelergebnisse gegen die beiden besten aserbaidschanischen Großmeister, Teimour Radjabov und Shakhriyar Mamedyarov, geworfen und festgestellt, dass du gegen beide einen negativen Score aufweist. In klassischen Partien hast du gegen Radjabov zwei Siege und drei Niederlagen und gegen Mamedyarov zwei Siege und fünf Niederlagen.

Ich wusste gar nicht, dass wir so viele klassische Partien gegeneinander ausgetragen haben. Im Blitz- und Schnellschach ist es wohl so, dass die aserbaidschanischen Spieler sehr stark sind und ich nicht mithalten kann. In jedem Fall werde ich mich jetzt nicht auf sie vorbereiten. Im Gegenteil- wir werden zusammenarbeiten und uns gegenseitig so viel wie möglich helfen. 

Allem Anschein nach hast du Baku schon ein bisschen kennengelernt. Welchen Eindruck macht die Stadt auf dich? 

Ich würde gern zu Protokoll geben, dass ich vor 10 Jahren den ersten President's Cup in Baku gewonnen habe. 

Arkadij Naiditsch mit dem President's Cup (und Nigel Short, der sich ins Bild schleicht) vor acht Jahren | Foto: official website

Sehr beeindruckend. Und 10 Jahre später spielst du unter der aserbaidschanischen Flagge... 

Genau. Wieder die Zahl 10 (lacht). Ich habe auch an einem der letzten President's Cups teilgenommen. Daneben habe ich auch als Sekundant für Etienne Bacrot beim ersten Durchlauf des FIDE Grand Prix 2008 gearbeitet. Die Stadt selbst war mir sofort sympathisch. Gerade in letzter Zeit ist sie immer schöner geworden. Was mir hier sehr gut gefällt, ist die Sicherheit. In Baku fühle ich mich so sicher wie längst nicht in jeder europäischen Metropole. Selbst in großen deutschen Städten wie Berlin oder Hamburg fühlt man sich nicht völlig entspannt wenn man nachts alleine unterwegs ist. In der aserbaidschanischen Hauptstadt ist das jedoch anders, was sehr angenehm ist.  


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