Berichte 17.05.2022 | 15:43von Colin McGourty

MVL besiegt Firouzja, So und Aronjan und gewinnt das Superbet Chess Classic

Maxime Vachier-Lagrave schlug erst Alireza Firouzja, dann Wesley So und schließlich Levon Aronjan am letzten Tag des Superbet Chess Classic in Bukarest und lieferte damit einen eindrucksvollen Comeback-Sieg. Maxime bezwang einen überambitionierten Firouzja, während die beiden Führenden Remis spielten, womit es zu einem Playoff mit gleich drei Spielern kam. Obwohl Wesley gegen Aronjan brillant begann und in der 2. Partie ein oder zwei Züge vom Sieg entfernt war, triumphierte MVL in einem chaotischen Endspiel, bevor er sich den Titel gegen Aronjan sicherte.

Maxime Vachier-Lagrave mit dem Pokal des 2022 Superbet Chess Classic | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Du kannst alle Partien vom 2022 Superbet Chess Classic einsehen, indem du sie einfach in der nachfolgenden Liste anklickst:

Hier kannst du dir auch den Live-Stream mit Kommentaren von Yasser Seirawan, Pjotr Swidler, Alejandro Ramirez, Cristian Chirila und Anastassija Karlowytsch ansehen:

MVL schlägt Firouzja, womit es zum 3er-Playoff kommt

Vor der letzten Runde des Superbet Chess Classic gab es nur eine Partie, die keinen Einfluss auf den Kampf um Platz 1 hatte − das Duell zwischen Weltranglisten-Fünftem ‌Richard Rapport und Weltranglisten-Sechstem ‌Jan Nepomnjaschtschi.

Richard Rapports Krawatte hatte Besseres verdient! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das war so eine Partie, bei der man ein schnelles Remis erwartet hatte. Doch Richard führte uns ein Novum in einer thematischen Variante der Nimzo-Indischen Verteidigung vor (10.Dc1!?), und als Jan anstatt 15...g5! 16.Lg3 den fragwürdigen Zug 15...Sb8?! spielte, geriet er plötzlich unter Druck. „Es hat seinen Grund, warum wir auf den letzten beiden Plätzen liegen − er hat sehr schnell gespielt”, so Richard, und einige weitere Fehler führten dazu, dass Weiß nach 22…Sc5? komplett auf Gewinn stand.

Es war aber wohl nicht Richards Tag. Er äußerte:

Wie sonst üblich in meinen Partien, die ich mit Weiß spiele, gab es in dieser Stellung nur eine Sache, die man verpatzen konnte, und ich habe es geschafft, genau das zu tun, wonach ich offensichtlich keine Chance mehr hatte, mich zu erholen… Ich sitze vor dieser Stellung mit Sc5 − ich denke, ich hatte noch etwa eine Stunde auf der Uhr − und dann sehe ich, dass ich zwei Gewinnzüge habe: 23.Sb5? ist der eine, 23.b4 ist der andere, also war es eine 50:50-Situation. Der eine führt natürlich zu einem klaren Sieg... und der andere ist der, den ich gespielt habe!

Nach 23.b4! hätte Nepo möglicherweise direkt aufgegeben. Bei 23.Sb5? jedoch gab es einen Haken. Richard hatte schon einige brillante Varianten vor sich gesehen, darunter 23…Te7 24.Ke2 a6 25.Thd1! axb5? 26.Td8+ Te8 27.Txe8+ Txe8 28.b4 Tc8 29.bxc5 Txc7 30.cxb6 Txc1 31.b7 − und der Bauer kann umgewandelt werden.


Was er allerdings völlig übersehen zu haben scheint, ist, dass Schwarz 25…Kh7! spielen und damit einem Schachgebot auf der Grundreihe entgehen konnte.

Nachdem der c-Bauer nach 26.Sd6 Tcxc7 vom Brett war, fiel es Rapport verständlicherweise schwer, sich erneut zu sammeln, da es nun schwierig werden würde, noch etwas zu erreichen − wenngleich er noch gewisse Chancen hatte. Tatsächlich äußerte er sogar, er sei froh, zumindest ein Remis erreicht zu haben. Sein Angewidertsein vor dem eigenen Spiel hat hier neue Dimensionen erreicht:

Ich sehe wirklich keinen Sinn darin, mich in Partien zu präsentieren, in denen ich derartig spiele − meiner Meinung nach ist das eine Art Respektlosigkeit gegenüber dem Schachspiel. Ich habe eine schöne Partie und eine Stunde Zeit auf der Uhr, und dann spiele ich einen Zug, der alles ruiniert. Außerdem hatten wir dieses Szenario gegen Deac, wo ich in 20 Zügen gewinne; es ist schon komisch, aus dieser Partie mit einem halben Punkt rauszugehen.

Das Superbet Chess Classic war eine Enttäuschung für alle Teilnehmer des Kandidatenturniers, die verständlicherweise mit ihren Gedanken woanders sind. Fabiano Caruana glaubte, seine Turnierleistung mit einem Sieg in der letzten Runde gegen Bogdan-Daniel Deac irgendwie retten zu können, aber Bogdan variierte früh, anstatt die gleiche Variante zu wählen, in der Aronjan zuvor im Turnier gegen Firouzja kläglich versagt hatte. Deac gab zwar einen Bauern auf, hatte aber reichlich Kompensation und hat mit einem Remis gegen Caruana seinen Ruf nur noch verbessert.

Fabi fasste seine Leistung in Bukarest wie folgt zusammen:

Wackelig! Insgesamt nicht sehr gut. Ich habe einige Chancen verpasst. Ich habe eine ziemlich schlechte Partie gegen Maxime gespielt. Gestern war es auch sehr enttäuschend, weil ich immer noch dachte, ich hätte Chancen im Turnier, und ich hatte so eine Traumstellung in der Eröffnung gegen Richie − ich glaube, er ist mit seiner Vorbereitung durcheinandergekommen oder so. Seine Stellung war die schlechteste der Welt, und ich habe es einfach ruiniert.

Levon Aronjan entschied, dass die letzte klassische Partie nicht der richtige Zeitpunkt war, um Risiken einzugehen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Schon früh wurde klar, dass Fabiano nicht um den Turniersieg kämpfte, da der zweite Führende Levon Aronjan ein schnelles Remis gegen Şəhriyar Məmmədyarov erreichte. Er erklärte:

Die letzte Runde hat ihre Eigenheiten. Es ist wie beim Poker, bloß dass man nicht mit Karten spielt, sondern mit seiner Stellung, und meine Stellung diktierte mir, sehr solide zu spielen, denn wenn ich verloren hätte, wäre der Unterschied riesig gewesen − sowohl was die GCT-Punkte als auch das Preisgeld betrifft.

Levon fasste seine Erfahrung beim Turnier wie folgt zusammen:

Ich glaube, ich habe ziemlich schlecht gespielt, aber das taten alle anderen auch! Ich glaube, ich habe sehr offensichtliche Fehler gemacht. Ich vermute, ich spiele so viel Schnellschach online, dass die Konzentration darunter leidet. Zumindest funktioniert das bei mir so. Ich hatte also mit meiner Konzentration zu kämpfen − etwas, woran ich arbeiten muss − und deshalb habe ich solche Fehler gemacht und mich selbst in echte Gefahr gebracht, aber ich bin froh, dass ich mich wenigstens verteidigt habe.

Wesley So stand gegen Leinier Dominguez besser, gab sich aber mit einem Remis zufrieden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Bald darauf war klar, dass es ein Playoff um Platz 1 geben würde, da Wesley So zwar 25 Züge der Vorbereitung abspulte und damit eine vielversprechende Stellung gegen Leinier Dominguez erreichte, aber dann − da er keinen klaren Plan sah und kein Risiko eingehen wollte − ein Remis durch Zugwiederholung spielte.

Zu diesem Zeitpunkt schien es so gut wie sicher zu sein, dass es zu einem Playoff zwischen zwei Spielern kommen würde, da Alireza Firouzja in dem rein französischen Duell gegen Maxime Vachier-Lagrave im Vorteil war. Es stellte sich jedoch heraus, dass Maxime aus psychologischer Sicht eine gute Wahl getroffen hatte.

Alireza Firouzja bereute es, gegen seinen französischen Kollegen auf Sieg gespielt zu haben| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ich beschloss, eine ganz normale Partie zu spielen, denn ich wusste, dass Alireza vor einem Kampf nicht zurückschrecken würde, und tatsächlich versuchte er, mit allen Mitteln zu gewinnen, und irgendwann ging das ganz schön nach hinten los.

Alireza hätte mit einem Sieg einen Höhepunkt und die Rückkehr in den 2800er-Club erreicht, aber sein 33.e5?, das er mit 9 Sekunden auf der Uhr spielte, war ein Ausfallschritt in die falsche Richtung (das hässliche 33.Td4, mit dem der Bauer einfach verteidigt wird, hätte den Ausgleich gehalten).

Nach 33…Sg4 34.Tc7 Sxe5 35.f4 hatte Maxime einen entscheidenden Trick auf Lager.


35…Td3! erzwang die Sequenz 36.Txd3 Sxd3 37.Txf7+ Kg8 38.Td7 und wenngleich Weiß wieder Materialgleichheit herbeiführen konnte, ist der b-Bauer ein richtiges Monstrum, was Maxime mit 38…b3! deutlich werden ließ. Firouzja ließ noch einige Schachgebote folgen, um die Zeitkontrolle mit noch drei Sekunden Reserve zu erreichen.

Er hatte Zeit zum Nachdenken, aber es gab keine gute Lösung, denn der b-Bauer kostete Firouzja einen Springer, und obwohl er bis zum 74. Zug hartnäckigen Widerstand leistete, musste er sich schließlich geschlagen geben.

Für Alireza Firouzja bedeutete das ein enttäuschendes Ergebnis von -1 und 10,9 Ratingpunkte weniger, aber es ist vielleicht gar nicht so schlecht für den 18-Jährigen, die Erwartungen vor dem Kandidatenturnier etwas zu senken.

Maxime Vachier-Lagrave gewinnt das Playoff

Für Maxime stand derweil ein Playoff an, wobei die Regeln bei einem 3er-Gleichstand eine einzige Runde mit 10+5 Zeitkontrolle vorschreiben. Maxime konnte sich ausruhen, denn in der ersten Partie spielte So gegen Aronjan.

Levon Aronjan war vor der Schnellschachpartie gegen Wesley So sehr gut gelaunt, aber bald sah es für ihn am Brett nicht mehr so gut aus | photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wesley Sos Strategie, in der letzten Runde ein Remis zu erspielen, schien fragwürdig, vor allem, da er nun auf Levon Aronjan traf, der ihn beim letzten American Cup in dramatischer Weise aus dem Turnier geworfen hatte.

Diesmal lieferte Wesley jedoch eine Meisterleistung und stand im 15. Zug völlig auf Gewinn.


Die Türme wurden getauscht und das Material auf dem Brett war ausgeglichen, aber es stellte sich heraus, dass die weißen Leichtfiguren völlig dominant waren. Levon ist ein großer Kämpfer und hielt den Widerstand bis zum 74. Zug durch, doch obwohl man einige von Wesleys Entscheidungen in Frage stellen könnte − zumindest aus praktischer Sicht − verlor dieser nie den Gewinnvorteil aus den Augen.

Wesley So war kurz davor, den Sieg mit einer Partie Vorsprung einzufahren | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das bedeutete, dass Wesley in die 2. Partie gegen Maxime mit der Gewissheit ging, dass er mit einem Sieg den Titel mit einer Partie Vorsprung gewinnen würde, und als er im 18. Zug einen Bauern gewann, schien dies eine realistische Aussicht zu sein.

Wesley, der das ganze Turnier über unbehelligt geblieben war, begegnete 19.Le3 korrekt mit 19...Le4! und schien die Partie unter Kontrolle zu haben, aber hier kam Maximes berühmte Schnellschachtrickserei zum Vorschein. Er entschied sich für 28.h3!?

Maxime hat sich nicht vertan mit 28...Dxg3+, da nach 29.Kf1 sowohl die Dame auf g3 als auch der Turm auf e2 angegriffen werden. Maxime kommentierte:

Ich befand mich in einer Situation, in der ich unbedingt gewinnen musste, und ich hatte mich nicht vorbereitet, weil ich gerade versuchte, mich von der anstrengenden Partie mit Alireza zu erholen, also überlegte ich mir die Dinge einfach am Brett. Natürlich lief die Eröffnung nicht gut, und irgendwann gab es ein paar sehr beängstigende Momente, aber ich habe ein paar Tricks gefunden, zum Beispiel diesen h3-Zug, wonach Dxg3+ nicht funktioniert.

Was beide Spieler vielleicht übersehen haben, ist, dass Schwarz nach 29...Te7! gut dasteht, und im Nachhinein betrachtet wäre es für Wesley wünschenswert gewesen, in dieser Stellung nur um zwei mögliche Ergebnisse zu spielen. Es gab hier jedoch noch viele ähnliche Momente, wie zum Beispiel nach 32.h4?

Nach 32...De2+! 33.Kg2 Te5! ist die weiße Dame überlastet, da sie nicht gleichzeitig den c5-Läufer und den d1-Turm verteidigen kann. Damit hätte Wesley das Turnier gewonnen, aber stattdessen war es nach 32...Dg4 33.b4! bald Maxime, der mit Abstand vorne lag. Aber wieder einmal gab es ein wildes Hin und Her bis zu den letzten Momenten.


Hier hätte Wesley mit 50...Dc1+! gewinnen können, da er z.B. nach 51.Kd3 Df1+! den f7-Bauern verteidigt, bevor er den Turm auf c5 schlägt. Es war jedoch eine tückische Stellung, und nach 50...De2+ 51.Kd5! war der schwarze Vorteil dahin. Die Partie endete mit 51...Dxg4 52.Kd6 Dc8? (mit 52...Df5! hält Schwarz sich). Maxime hätte dann mit 53.Dxf7+ gewonnen, aber er musste diesen Zug gar nicht mehr spielen, da Welsey bereits auf Zeit verloren hatte!

Maxime resümierte:

Ich denke, am Ende war es eher eine Komödie mit vielen Patzern, aber bei einer so komplizierten Stellung und fünf Sekunden pro Zug war das vorprogrammiert.

Wesley So fiel verständlicherweise aus allen Wolken! | photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Dieser erste und letzte Rückschlag des Turniers kostete Wesley den Titel, während Maxime in die letzte Partie gegen Levon Aronjan mit dem Wissen ging, dass er mit den schwarzen Figuren nur ein Remis brauchte. Das bedeutete, dass Levon bereit war, einige Brücken abzubrechen, aber während er damit zufrieden sein konnte, eine sehr komplizierte Stellung zu erhalten, konnte er weniger zufrieden sein, als sich herausstellte, dass Maxime einen erheblichen Angriff hatte!

Es sah nach einer totalen Einbahnstraße aus, aber eine Kombination aus Levons unglaublichem Einfallsreichtum und der Tatsache, dass Maxime sich vielleicht daran erinnerte, dass er nur ein Remis brauchte, führte dazu, dass die Partie schließlich wieder für beide Seiten zu gewinnen war.

Maxime Vachier-Lagrave gewann das Turnier nach einer wilden Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Maxime hat jedoch nie ganz den Faden verloren und war am Ende völlig klar im Kopf.


Man könnte hier leicht in Panik geraten und annehmen, dass man mattgesetzt wird, aber Maxime sah richtig, dass er seinen Plan mit 58...b2! fortsetzen konnte. Nach 59.Dc5+ Kg8 stellt sich heraus, dass die einzige Möglichkeit, ein Remis zu erreichen, 60.Le4! ist, während nach 60.Dc8+ Kh7 die Schachgebote ausgegangen sind. Levon spielte 61.Dc4, aber genau wie Wesley in der vorherigen Partie verlor er dabei auf Zeit.

Das bedeutete, dass Maxime Vachier-Lagrave, der seine Chancen auf den Turniersieg wohl schon abgeschrieben hatte, als er in Runde 6 gegen Levon verlor, die 10.000 Dollar Preisgeld für den Sieg im Playoff einstrich. Nachfolgend der Endstand mit den Preisgeldern und den gewonnenen Grand Chess Tour-Punkten:


Maxime kommentierte:

Natürlich fühle ich mich sehr gut, aber ich bin überrascht, dass ich nicht in Ohnmacht gefallen bin oder so! Es war ein sehr langer Tag, aber alles in allem ein sehr guter Tag für mich. Ich habe drei Partien gewonnen, das ist auf jeden Fall sehr positiv. Ich habe das Turnier gewonnen, was mir geholfen hat, nach ein paar harten Monaten, in denen ich versucht habe, mich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren und es nicht geschafft habe, wieder auf die Beine zu kommen, und das steigert natürlich das Selbstvertrauen.

Aronjan, Caruana, So und Rapport werden ab Donnerstag, dem 19. Mai, am Superbet Rapid and Blitz Poland in Warschau wieder dabei sein. An diesem Tag beginnt auch das Chessable Masters, an dem unter anderem Magnus Carlsen, Ding Liren, Şəhriyar Məmmədyarov, Anish Giri und Praggnanandhaa teilnehmen werden.     

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