Berichte 23.05.2019 | 13:40von Colin McGourty

Moskau GP Viertelfinale: Stichkampfsiege für die Elo-Favoriten

Hikaru Nakamura, Alexander Grischuk und Ian Nepomniachtchi haben sich jeweils im Stichkampf gegen Daniil Dubov, Wesley So und Wei Yi durchgesetzt und das Halbfinale des FIDE Grand Prix in Moskau erreicht. Als einziger (leichter) Außenseiter schaffte es Radek Wojtaszek in die nächste Runde, indem er nach Shakhriyar Mamedyarov auch Peter Svidler ausschaltete. Der Pole setzte sich schon in den normalen Partien durch, weil er Svidlers aggressives Vorgehen mit den schwarzen Steinen widerlegen konnte.

Wei Yi muss gegen Ian Nepomniachtchi Partie und Match verloren geben | Foto: Niki Riga, World Chess

Alle Partien aus Moskau könnt ihr hier nachspielen: 

Und hier das Video vom gestrigen Stechen mit Jan Gustafsson:


Schauen wir uns die vier Viertelfinalduelle der Reihe nach an:

Radek Wojtaszesk 1,5:0,5 Peter Svidler


Dieses Duell wurde als einziges bereits in den Turnierpartien entscheiden, womit  Radek Wojtaszek auch der einzige Spieler ist, der bisher die Maximalpunktzahl erzielen konnte.

Radek Wojtaszek ist bislang beim Grand Prix im Moskau der Mann der Stunde | Foto: Niki Riga, World Chess

Im Nachhinein erwies sich Peter Svidlers Entscheidung, in der ersten Turnierpartie bereits nach 20 Zügen Remis anzubieten als Fehler, doch Evgeny Miroshnichenko enthüllte während seines Live-Kommentars der zweiten Partie, dass Svidler nach seinem Fehler 18.b4?! ein wenig die Nerven verloren hatte. Zwar konnte der Pole den Fehler nicht bestrafen, aber Svidler hielt es für klüger, die Partie lieber zu beenden. In der zweiten Partie wich Svidler einem Kampf nicht aus, und ließ sich nach Wojtaszeks 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 nicht lumpen:

Nach 3.f3 spiele ich praktisch jeden spielbaren Zug und entschied mich für die schärfste und am wenigsten klare Variante, aber Radek hat heute besser gespielt als ich. Ich halte die Wahl nach wie vor für richtig, aber ich habe in diesen Strukturen nicht sonderlich viel Erfahrung, was vermutlich ausschlaggebend war. Meine Züge waren zwar nicht sonderlich schlecht, aber ich spielte recht langsam und allmählich schlichen sich Fehler ein.

Svidler brachte ein anscheinend korrektes Qualitätsopfer, ärgerte sich dann aber über das vermeintlich verheißungsvolle 27…Ld4+!?


Ich glaube, 27…Ld4+ war ein schrecklicher Zug. Ich hatte ihn nicht geplant, bevor Radek 27.Ld2 spielte, doch als der Läufer auf d2 auftauchte, hatte ich meinen Plan vergessen und begann aus dem Stegreif nachzudenken. Dann hatte ich diese Idee, die im ersten Moment hübsch aussieht, doch als der Läufer dann auf d4 stand, wurde mir klar, dass ich keinerlei Drohungen erzeugen kann, da er in jeder Variante hängt. Deshalb hätte er auf g7 bleiben sollen.

Immerhin kann sich Peter Svidler jetzt noch ein wenig erholen, bevor er mit Jan Gustafsson beim Norway Chess live kommentiert | Foto: Niki Riga, World Chess

Verloren war die Partie aber erst nach 28.Kh2 und 28…S7f6?, da sich Weiß nach 29.Tf3! konsolidieren konnte, aber wenn ein Zug wie 28…Tb6!? mit passiver Verteidigung des Bauern a6 der beste ist, ist bei Schwarz etwas schief gelaufen. Der Partieverlauf zeigte, dass es dennoch am besten gewesen wäre, den Bauern zu decken, da das Unheil schließlich auf der a-Linie heraufzog. Der Sieg war deutlich weniger klar, als es schien – der Pole war sich nicht sicher, ob er überhaupt besser stand, und wollte einfach nichts einstellen – aber am Ende hatte Wojtaszek dem zweiten Elo-Favoriten ein Bein gestellt.

Hier die Meinung der Spieler nach der Partie:

Wojtaszek trifft im Halbfinale auf Ian Nepomniachtchi, der sich gegen Wei Yi durchsetzen konnte.

Ian Nepomniachtchi 2,5:1,5 Wei Yi


Das mittlerweile 19-jährige einstige Wunderkind Wei Yi hatte in der zweiten Turnierpartie ein Endspiel mit Minusbauer verteidigt und in der ersten Stichkampfpartie war er es, der auf Gewinn spielte. Nepomniachtchi räumte ein, dass er im Najdorf etwas durcheinandergebracht hatte, und opferte im Endspiel eine Figur für drei Bauern. Beide Spieler hatten den Eindruck, dass vor allem Wei Yis dünnes Zeitpolster dafür verantwortlich war, dass die Partie am Ende remis ausging, aber völlig klar war die Sache nie. 

Eugene Kaspersky von Kaspersky Lab eröffnete die zweite Turnierpartie zwischen Nepomniachtchi und Wei Yi | Foto: Niki Riga, World Chess

In der zweiten Schnellschachpartie brauchte es keine Endspielfinessen, denn sie war faktisch nach 20 Zügen beendet. Wei Yi meinte hinterher:

In der zweiten Partie spielte ich ein wenig verrückt und stellte mit 20…f6? die Partie ein, wonach das Match verloren war.

Dieser Zug scheitete an 21.h4!

"21.h4! Df5 (21...Dxh4 22.Sxg6) 22.Lc2! und Wei Yis Dame war gefangen!"

Nepomniachtchi verwertete seinen Vorteil sicher und gewann nach 45 Zügen. Hier die Äußerungen der Spieler nach der Partie:

Hikaru Nakamura 2,5:1,5 Daniil Dubov


Vier Partien lang lief in Moskau für Daniil Dubov alles nach Plan. Er konnte Anish Giri in beiden Turnierpartien in der Eröffnung überraschen, und dasselbe gelang ihm auch gegen Hikaru Nakamura. Zwar bekam er in der zweiten Turnierpartie keine 26-zügige Vorbereitung aufs Brett, aber er hatte nach 20 Zügen eine perfekte Stellung erreicht:  “Ich kann risikolos auf Gewinn spielen und Druck ausüben.” Später meinte er, es sei “fast ein Geduldsspiel gewesen, das er aber nicht lösen konnte”. 

Hikaru Nakamura beendete Daniil Dubovs starken Lauf | Foto: Niki Riga, World Chess

Damit musste er in diesem Turnier erstmals beim Schnellschach, was beim Interview nach dem Match für eine lustige Situation sorgte:

Eteri Kublashvili: Und jetzt musst du zum Stichkampf gegen einen der weltbesten Spieler bei verkürzter Bedenkzeit antreten… wie sind deine Erwartungen?

Dubov: An wen richtet sich die Frage?

Nakamura: Ja, genau!

Schnellschachweltmeister Daniil Dubov traf auf die Nummer 2 der Schnellschach-Weltrangliste Hikaru Nakamura, und der Amerikaner meinte, alles hänge von ein oder zwei Zügen ab. Er behielt recht, als er mit 33…Le7!! eine subtile und brillante Falle gestellt hatte:


Dubov fiel mit 34.Txd5? hinein, denn nach 34…Lc8! war der Turm gefangen. Schwarz bekommt Mattdrohungen, wenn der Läufer nach b7 kommt, und nach 35.Kf1 Tb5! war der Springer auch noch gefesselt, sodass Nakamura nach 36.Ke2 Le6! die Qualität einsammeln konnte. Dubov verteidigte sich danach “unglaublich gut” (Nakamura), musste aber nach 79 Zügen trotzdem aufgeben. Dadurch musste Dubov mit Schwarz gewinnen, aber Nakamura remisierte souverän aus der Position der Stärke heraus.

Daniil hatte außer den Kameraleuten keinen Grund sich zu beschweren!

Ich denke, dass Hikaru heute einfach besser war. Natürlich hatte ich in der ersten Partie ein wenig Pech. Zunächst waren da ein paar unfassbar dumme Kameraleute, die mir immer besonders auf die Pelle rückten, wenn ich nur noch zehn Sekunden auf der Uhr hatte, aber grundsätzlich war ich in der ersten Partie und er in der zweiten Partie am Drücker. Vermutlich habe ich mich vom ersten Match nicht richtig erholen können, aber im Grunde gilt bei diesen K.-O.-Turnieren die Regel, dass man selbst nach einem emotionalen Sieg nicht feiern sollte – sobald man feiert oder zufrieden ist, wird es unglaublich schwer.

Hier die Spieler nach den beiden Partien:

Hikaru Nakamura trifft im Halbfinale auf Alexander Grischuk.

Alexander Grischuk 2,5:1,5 Wesley So


Alexander Grischuk steht im Halbfinale! | Foto: Niki Riga, World Chess

Auf den ersten Blick handelte es sich bei der zweiten Turnierpartie zwischen diesen beiden Spielern um ein recht schnörkelloses Remis, doch nach 44…hxg5+ fühlte sich die Sache für Alexander Grischuk ganz anders an: 


Es wäre fast die erniedrigendste, peinlichste und erbärmlichste Niederlage meiner Karriere geworden, wenn ich dieses Endspiel noch verloren hätte. Dem kam ich nach 44…hxg5+ sehr nahe. Ich hatte 45.Kxg5 komplett übersehen …

Hier die Spieler nach dem Match!

Die erste Partie nahm ein überraschendes Ende!

Grischuk hielt diese Partie von beiden Seiten für logisch und gut gespielt, doch dann ging er ins Internet und stellte fest, dass „er am Ende schon fast auf Gewinn stand und es sich um eine grausame Partie handelte, über die die Leute im Chat sagten, ‚was Grischuk für ein Feigling sei, wie kann er da nur Remis machen‘!“ 

Womöglich davon angestachelt gewann der Russe die nächste Partie und damit das gesamte Match:

In der zweiten Partie bekam ich sehr hübschen Vorteil, und dann war meine Technik etwa halb so gut wie die von Magnus, was in dieser Stellung reichte. Meine Technik war aber alles andere als fantastisch, wenngleich auch nicht übel.


Es ist nicht klar, ob Schwarz bei beidseitig bestem Spiel remis halten konnte, aber nach 51…c5? war die Sache entschieden. Es folgte 52.Te5+! Kd4 53.bxc5 und der c-Bauer war nicht mehr aufzuhalten:

"Wieder sind nach dem Schnellschach alle Matches entschieden, und Grischuk trifft nach seinem Sieg gegen So im Halbfinale auf Nakamura!"

Und hier die Halbfinalpaarungen:


Bereits heute geht es weiter, denn der einzige Ruhetag wird in Moskau vor dem Finale am Montag eingelegt. Alexander Grischuk wurde gefragt, ob man den Ruhetag nicht besser in der Mitte hätte ansetzen sollen:

Ja. Gut, ich glaube im ersten Schritte lernen Kinder, dass 2+2 = 4 ist, im zweiten Schritt lernen sie, dass 4/2 = 2 ist, aber für die Leute von World Chess ist 4/2 = 3 + 1, daher wird der Ruhetag nach 3 Runden eingelegt! Das klingt für mich absolut verblüffend.

Viel Spaß!

Das Halbfinale könnt ihr wieder live ab 14:00 Uhr auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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