Berichte 19.05.2019 | 12:15von Colin McGourty

Moskau GP, R1.1: So, Aronian & Shak am Rande der Niederlage

Wesley So, Levon Aronian und Shakhriyar Mamedyarov müssen ihre Partien beim Grand Prix in Moskau auf Bestellung gewinnen, weil sie ihre Partien gegen Jan-Krzysztof Duda, Ian Nepomniachtchi und Radek Wojtaszek am Eröffnungstag verloren haben, der ansonsten von einer Remisschwemme bedroht war. Partien endeten nach 12, 14, 18 und 23 Zügen, auch wenn das Remis zwischen Giri und Dubov ein Thriller war, bei dem der Erstgesetzte Anish Giri in den Seilen hing.

Ian Nepomniachtchi gewann gegen Levon Aronian und damit das Aufeinandertreffen der Spieler mit der insgesamt höchsten Elo | Foto: World Chess

Alle Partien des FIDE Grand Prix aus Moskau kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar in Englisch von GM Evgeny Miroshnichenko und GM Daniil Yuffa sowie die post-mortem-Analysen mit fast allen Spielern:

Die Chance nutzen, Remis anbieten zu können

Alexander Grischuk im Gangster-Modus | Foto: World Chess

Nachdem Sergey Karjakin ein wenig von Alexander Grischuks Eröffnungswahl überrascht wurde und es ihm nicht gelang, Vorteil aus der Eröffnung zu holen, bot er nach 14 Zügen Remis an. Grischuk darauf:

Mittlerweile gibt es so wenige Turniere, bei denen man so früh Remis anbieten kann. Ich war schockiert. Für 10 Minuten, nachdem Sergey das Remis angeboten hatte, wusste ich nicht, was ich tun sollte - es war wie ein Schlag in die Magengrube!

Aber trotzdem ist ein Remis mit Schwarz in der ersten Partie ein guter Start in das Match, oder? Grischuk kam nun mit einer Weisheit um die Ecke:

Anish Giri: Mein Kollege "Gangster"-Alexander hat das Remis-Phänomen ein für allemal definiert

chess24: Warst du zufrieden mit dem Remis? Grischuk: "Remis ist besser als verlieren und schlechter als gewinnen."

Das war allerdings nicht mal die schnellste Partie des Tages. Das geschah in Radjabov-Nakamura nach 12 Zügen und 40 Minuten. Auch hier war der Spieler mit den schwarzen Steinen überrascht von seinem Gegner, aber Teimour hatte damit keine wirklichen Probleme:

Wie ich schon zu Hikaru sagte, wird es hier sowieso ein entschiedenes Ergebnis geben. Du kannst also nicht nur mit Remisen davonkommen, es sei denn du willst es bis zum Armageddon durchziehen, den du mit Schwarz spielst! Ich habe kein Problem mit dem Remis.

Mr.Dodgy: Ich glaube, ich habe das Problem herausgefunden (Radjabov = jemand, der Frieden anstrebt)

Nakamura wies darauf hin, dass es im Gegensatz zum World Cup, bei dem 128 Spieler teilnehmen, es keine leichten Paarungen gibt, er also auch kein Problem mit dem Remis hatte:

Wenn du in einem KO-Turnier einen Fehler machst, dann verlierst du und fliegst normalerweise raus, von daher ist ein Remis natürlich ein gutes Ergebnis.

Hikaru Nakamuras Blitz- und Schnellschachfähigkeiten könnten ihm in Moskau in die Hände spielen | Foto: World Chess

Zu Evgeny und Daniil meinte er auf der Pressekonferenz:

Man wird im Schnellschach sehen, wer der bessere Spieler ist. Ich wette, dass mindestens 80% der Matches in den Tiebreak gehen werden!

Diese Vorhersage war ziemlich gut, denn auch Wei Yi - Jakovenko verlief ähnlich. Dmitry Jakovenko war von der Eröffnungswahl seines Spielers bereits im vierten Zug übersetzt. Nakamura erinnerte das an sein Remis gegen Vladimir Fedoseev beim World Cup 2017 in Tbilisi. Dieser Partie folgten die Spieler für 16 Züge. Acht Züge später schüttelten sie die Hände zum Friedensschluss.

Peter Svidler war dankbar für Vitiugovs "Matchstrategie" | Foto: World Chess 

Eine der Gründe, warum schnelle Remisangebote in vielen Turnieren mittlerweile verboten sind, wurde in Vitiugov-Svidler deutlich. Eine trickreiche Begegnung für die beiden, weil sie in der Vergangenheit oft zusammen gearbeitet haben. Nakamura hatte das Gefühl, dass Vitiugov ähnlich im Alpha-Zero-Stil einen langfristigen Vorteil hatte und dass Nikita absolut nichts falsch gemacht hatte, bis er den Zug 18.f4! mit einem Remisangebot verband:


Nikita erklärte später seine strategischen Überlegungen:

Natürlich ist die Schlussstellung sehr kompliziert und in einem Turnier hätte ich auch weitergespielt. Aber hier haben wir ein Match, es gibt also spezielle strategische Überlegungen. Und ich war mir nicht sicher über die Bewertung der Stellung. Deshalb entschied ich mich, Peter zu seinen Gedanken zu befragen...

Peters Gedankengang konnte dabei leicht heruntergebrochen werden:

Meine Bewertung der Stellung war, dass ich diesen Zug erwartete und dass ich in Schwierigkeiten bin. Als der Zug mit einem Remisangebot kam, dachte ich, das wäre ein guter Deal. Bezüglich der Matchstrategie beneide ich Spieler, die überhaupt Strategien haben. Ich habe gar keine. Ich dachte einfach, dass ich schlecht stehe und dass man mir in schlechter Stellung ein Remis anbietet. Daher nahm ich es.

Giri gegen Dubov fühlte sich nicht wie Erster gegen Letzter der Setzliste an | Foto: World Chess

Es gab nur noch ein weiteres Remis, aber das war ein vollblutiger Kampf. Daniil Dubov zeigte, dass er gewillt war, Anish Giri zu testen und opferte im vierten Zug einen Bauern. Später sollte es in der Pressekonferenz zu einer lustigen Szene kommen:

Giri: Daniil spielte das bereits zuvor, aber ich war darauf dennoch nicht gut vorbereitet.  

Dubov: Daniil hat es zuvor noch nicht gespielt.

Giri: Du hast es gegen Cheparinov gespielt.

Dubov: Ehrlich? Wo?

Giri: Bei den Schnellschachweltmeisterschaften?

Dubov: Ups... stimmt! Ich hatte eigentlich erwartet, dass das eine Überraschung sein würde.

Giri: Es war eine Überraschung, auch wenn er es zuvor gespielt hat. Ich dachte, es sei eine interessante Idee, aber ich hatte das nicht als seriös eingeschätzt. Und naja, das hier ist ein seriöses Turnier. Am Brett war es aber alles andere als einfach, das zu widerlegen.

Giri hatte Recht, auch wenn es eine Blitzpartie war (und eine, die man schnell vergessen kann, da Dubov eine schlechte Stellung im 22. Zug auf Zeit verlor):

chess24: Daniil Dubov war schockiert, als er von seinem Gegner Anish Giri erfuhr, dass Dubov das Bauernopfer 4...e5! bereits in der Vergangenheit gespielt hatte :)

Dieses Mal war es Weiß, der mit weniger Zeit endete - und das in einer hässlichen Stellung, in der er trotz eines Extrabauern eine zerrüttete Struktur hatte und sein König im Zentrum steckengeblieben war. Um sich alle Wendungen anzuschauen, ist die Partie zu komplex, aber lasst uns kurz den Zug 34...Tfe8! anschauen, der Giri auf dem falschen Fuß erwischte:


Den Trick mit Tfe8 und dass ich dann nicht auf h7 nehmen kann [35.Txh7+? Dxh7 36.Lxh7 Te2+ 37.Kg1 Te1+ 38.Kg2 T8e2+ 39.Kh3 Txh1 und Weiß steht auf Verlust], hatte ich völlig übersehen und dann dachte ich, ok, ich stehe eh auf Verlust. Nicht unbedingt, weil meine Stellung so schlecht ist, sondern weil ich nur 30 Sekunden auf der Uhr hatte und die Stellung sehr kompliziert war.

Giri war geschockt, dass nach 35.h4 T3e7 36.Txe7 Txe7 die Partie mit einem Remisangebot endete:

chess24: Das fünfte Remis des Tages und Anish Giri hat eine Nahtoderfahrung gegen Dubov!

Giri nahm an, dass sein Gegner über irgendwas besorgt sein müsste zu dem Zeitpunkt, als er Remis angeboten hatte. Aber:

Als mein Gehirn realisierte, dass er bereits vor 25 Sekunden Remis angeboten hatte, nahm ich es schlicht an.

Objektiv gesprochen war am Ende der Partie noch nichts verwerfliches, denn der schwarze Vorteil ist mittlerweile verpufft. Aber wie Spieler wiesen darauf hin, dass es im Schach nicht immer nur um objektive Bewertungen geht. Giri:

Vladimir Kramnik brachte mir bei, dass es nicht um die objektive Bewertung der Stellung geht. Manchmal stand er auf Gewinn, wenn die Stellung eigentlich verloren war. Und heute stand Daniil auf Gewinn, völlig egal, wie die Stellung zu bewerten war. Ich hatte mich schon damit abgefunden, heute zu verlieren, lasst es mich so formulieren! Ich weiß nicht, was die Computer sagen, aber ich hatte befürchtet, zu verlieren.

“Du bist nicht der optimistischste Mensch der Welt”, merkte Daniil an, das konnte man auch in Giris allgemeiner Betrachtung des Matchs erkennen:

Das paradoxe des Matchs gegen Daniil ist, dass ich der Erste und er der Letzte der Setzliste ist, aber irgendwie fühle ich mich, als ob ich der Underdog bin, wenn ich Schwarz habe, wenn ich Weiß habe, im Schnellschach, im Blitzschach... von daher ist es ein sehr paradoxes Match, das wir spielen.

Aber lasst uns nun zu den entschiedenen Partien kommen:

Duda 1-0 So

Der 21 Jahre alte Jan-Krzysztof Duda hat eine gute Chance, das VIertelfinale gegen Grischuk oder Karjakin zu erreichen - und er wies bereits darauf hin, dass er beide bereits im Internet-Schnellschach geschlagen hat! | Foto: World Chess

In Wesleys letztem Kandidaten-Zyklus, dem Berliner Kandidatenturnier, begann er das Turnier mit einer krachenden Niederlage gegen Fabiano Caruana in Runde 1 und verlor ebenfalls die nächste Partie. Mit Beginn der Rückrunde hatte er jede Hoffnung aufgegeben, das Turnier noch gewinnen zu können. Der FIDE Grand Prix  ist kein Kandidatenturnier, aber der Eröffnungstag hätte nicht viel schlechter für ihn laufen können. 10…Kh8  schien bereits ein ernster Fehler zu sein und Duda wies darauf hin, dass nach dem 13. schwarzen Zug So bereits in großen Schwierigkeiten ist:


Er hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder den weißfeldrigen Läufer oder den Bauern auf e5 aufzugeben.

Wesley entschied sich für 13...Lg6 und gab den Bauern, aber die Schwierigkeiten fingen damit gerade erst an. Die einzige Form von Kompensation bestand im Läuferpaar, das aber nach 21.Ld6! und 23.c5! hilflos zurückblieb.

Ich tippe, mein Gegner hatte diese Idee mit Ld6 und c5 nicht auf dem Schirm - sein Läufer auf a7 ist nun schlicht abgemeldet!


Der Amerikaner gab zwei Züge später auf.

Wojtaszek 1-0 Mamedyarov

Es sollte ein fantastischer Tag für Polen werden, denn deren zwei Repräsentanten nehmen nicht an der gerade stattfindenden polnischen Meisterschaft in Warschau statt. Die Live-Übertragung der Meisterschaft beinhaltet sogar Live-Updates aus Moskau!


Zu Beginn sah es allerdings so aus, als ob es ein Tag gemischter Gefühlte werden könnte. Als Shakhriyar Mamedyarov 31 Minuten an seinem zwölften Zug überlegte, investierte Radek Wojtaszek 44 Minuten für seinen Gegenzug. Aber es schien so, als ob er die vom Computer ausgeworfene Widerlegung nicht gefunden hatte. Schwarz übernahm nach und nach die Initiative, bis es schließlich "völlig hoffnungslos" war, wie Radek zugab. Und seine Frau Alina Kashlinskaya kommentierte "natürlich glaube ich an meinen Mann, aber ab einem gewissen Punkt verstand ich, dass ich darüber nachdenken sollte, was ich ihm sagen will, um morgen noch einmal zu kämpfen". Radek hätte dann zwingend mit Schwarz gewinnen müssen, aber er kämpfte weiter und wurde schließlich im 55. Zug reich belohnt:


55…Kd5?! 56.Tc3 und der weiße Vorteil war verflogen. Und hier wurde Radek ungeduldig:

Er hatte seine Hand bereits am Läufer und ich dachte nur, "na gut, du wirst ihn doch nicht ziehen, oder?!" Denn wenn er das tut, stehe ich vermutlich auf Gewinn.

56…Lc6? (56...Sb5 oder 56...Sc6 sollten immer noch das Remis halten) folgte und nach 57.Ke3! fand sich Shak urplötzlich nicht mehr dazu in der Lage, Weiß davon abzuhalten, mit seinen beiden Türmen Material einzusammeln. 57…Sb3 war ein guter Versuch (58.Txb3? Kc4! 59.Ta3 Th7! und Schwarz ist ok), aber nach 58.Te6! gab es nichts, was Radek davon abhielt, nach 67 Zügen den vollen Punkt einzusammeln.

Radeks Frau Alina Kashlinskaya sprach zusammen mit ihrem Mann zu Eteri Kublashvili nach der Partie | Foto: World Chess

Nepomniachtchi 1-0 Aronian

Wir hatten bereits erwähnt, dass Wesley So beim Berliner Kandidatenturnier eine Auftaktniederlage erlitten hatte. Aber der andere große Name, der schlecht spielte, war Levon Aronian. Auch beim Moskauer Kandidatenturnier vor zwei Jahren war das der Fall und am Samstag wird er schon gewinnen müssen, um aus Moskau nicht schon wieder mit einer Enttäuschung abreisen zu müssen.

Der formelle Dress Code des Grand Prix hielt uns davon ab, wieder einmal die farbenfrohen Hemden Aronians zu bewundern | Foto: World Chess

Seine Partie gegen Ian Nepomniachtchi ging in der Eröffnung schrecklich schief. Sein russischer Gegner fing erst mit Zug 18 an, selbst nachzudenken:

Ich schaffte es, Levon ein wenig in der Eröffnung mit einer seltenen und remislichen Variante zu überraschen, aber irgendwie sollte Schwarz in der Variante schon präzise sein. Und nachdem Levon einen Zug spielte, der nicht die erste Variante des Computers ist, war das vermutlich nicht das präziseste. Und dann war Schwarz schon ein wenig in Schwierigkeiten, denke ich.

Nepo hatte seinen Vorteil gar nicht so gezielt nach vorne gepeitscht, wie er das hätte tun können. So hatte Schwarz mit Zug 29 die Chance, seinem Leiden zu entfliehen:


Der Grundreihen-Trick 29...Df4! würde den Abtausch der Damen erzwingen und im resultierenden Endspiel hätte Schwarz gute Remischancen. Stattdessen spielte Aronian 29…De6?! (“Ich glaube, mein ...De6 war nicht präzise. Ich wollte die Verhältnisse auf dem Brett übersichtlich gestalten, aber ich hatte unterschätzt, wie passiv meine Stellung ist" - Aronian). Nepo war dann in der Lage, seinen Mehrbauern zu behalten und mit Dame und Springer gefährliche Drohungen aufzustellen. Levon, der seinen erfolglosen Tag auf schlechte Vorbereitung und schwaches Spiel in Zeitnot zurückführte, entschied sich für drastische Maßnahmen, um seine Probleme zu lösen. Er nahm den Bauern auf a3 auf Kosten einer Figur:

chess24: Eine radikale Entscheidung von Aronian, der eine Figur für einen Bauern gibt!?

Es funktionierte beinahe, denn Ian machte selbst einige Fehler. Aber schlussendlich endete die Partie mit dem logischen Sieg für Weiß nach 72 Zügen.

Ian Nepomniachtchi ist einen Sieg davon entfernt, in die Top 5 der Welt vorzudringen. Mit einem Remis am Samstag wäre er sicher dennoch sehr zufrieden| Foto: World Chess

Das bedeutet, dass Wesley So, Levon Aronian und Shakhriyar Mamedyarov am Samstag zwingend gewinnen müssen, um in die Tiebreaks am Sonntag zu kommen. Sie haben alle Weiß, es sollte also keine "Mission Impossible" werden!

Schalte ein und schau dir die gesamte Action auf chess24 an. Die Partien beginnen um 14 Uhr MEZ.

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