Berichte 25.05.2019 | 21:16von Colin McGourty

Moskau GP Halbfinale: Grischuk wirft Nakamura raus

Alexander Grischuk hat es ins Finale des FIDE Grand Prix in Moskau geschafft und ist mittlerweile wieder die Nr. 6 der Welt, nachdem er eine unglaublich komplizierte zweite Partie gegen Hikaru Nakamura gewonnen hat. Damit gewann er sein Mini-Match mit 1,5:0,5. Der Gegner des Russen im Finale wird entweder Ian Nepomniachtchi oder Radek Wojtaszek sein. Weil deren beide Aufeinandertreffen jeweils unentschieden endeten (nach 26 respektive 22 Zügen), spielen sie am Samstag einen Tiebreak um den Einzug ins Finale.

Grischuk platzte bald sprichwörtlich der Schädel beim Versuch, eine komplizierte Variante in seiner wilden Partie gegen Nakamura zu berechnen | Foto: Niki Riga, World Chess

Alle Partien des FIDE Grand Prix aus Moskau kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir den Live-Kommentar des Tages anschauen:

Tag 1: Unerwartete Waffenruhe

Versunken in Gedanken: Wojtaszek und Grischuk | Foto: Niki Riga, World Chess

Wie die Partien am ersten Tag des Halbfinals begannen, hätte eigentlich nicht vielversprechender sein können. In Nepomniachtchi-Wojtaszek spielte Radek Wojtaszek eine Variante des Najdorf-Sizilianers, die er bereits zuvor bei der Europameisterschaft 2018 gegen Evgeny Najer gespielt hatte und die zuletzt auch Vincent Keymer gegen Vishy Anand bei den GRENKE Chess Classic dieses Jahr angewandt hatte. Mit Zug 14 wurde theoretisches Neuland betreten, doch Ian Nepomniachtchi blitzte seine Züge bis zum 25. Zug aufs Brett. Dann entstand die folgende Stellung:


Zu diesem Zeitpunkt hatte Nepomniachtchi mehr Zeit auf der Uhr als zu Beginn der Partie, während Wojtaszek knapp eine Stunde verbraucht hatte. Die Stellung scheint ein Traumszenario für Weiß zu sein, der viele Optionen hat. Der Computer schlägt das langsam Läufermanöver Lc2-a4 vor, während ebenso 26.Sf5!? gxf5 ein Versuch wert zu sein scheint. Mit bestem Spiel mag Schwarz das Remis halten, aber Schwarz ist derjenige, der das nachweisen muss. Stattdessen überlegte Ian 10 Minuten, spielte 26.h3 und verknüpfte den Zug mit einem Remisangebot, das angenommen wurde.

Dazu gab es im Anschluss an die Partie einige Erklärungsversuche, aber nicht jeder konnte überzeugt werden!

chess24: Nepomniachtchi: "Vielleicht kann man weiterspielen, aber strategisch ist die Stellung ein wenig gefährlich. Und wenn du es Schwarz erlaubt, seine Figuren zu koordinieren, kann Weiß Probleme kriegen."

Anish Giri: Warum bringen alle ihre Springer im Sveshnikov/Najdorf nach d5 und beschweren sich dann über strategische Gefahren?

Nakamura-Grischuk war aus Sicht der Zuschauer noch enttäuschender, denn ihr ruhiger Italiener war alles andere als ruhig. Nakamura schnappte sich im 17. Zug einen Bauern, aber als beide um den Zug 35 herum in Zeitnot waren, hatte die schwarze "Kompensation" schon gefährliche Dimensionen angenommen:


Der letzte schwarze Zug wäre noch stärker gewesen, wäre er nicht mit einem Remisangebot verbunden gewesen. Grischuk merkte hierzu an, "dass du verrückt sein müsstest, um mit Weiß hier ein Remisangebot abzulehnen" und Nakamura war genau das nicht. Er verwies darauf, dass "wenn man in einem 2-Partien-Match eine Partie verliert, dann ist es vorbei."

Olimpiu G. Urcan: Ich kann das Norway Chess Turnier und seine neuen Regeln gar nicht mehr abwarten.

Aber warum hat Grischuk dann Remis angeboten?

Zuerst einmal stand ich die ganze Partie schlecht. Klar, am Ende stehe ich zumindest nicht schlechter, so viel verstand ich auch. Aber mir war nicht klar, wie ich nach 36.Db1 fortsetzen sollte. Und die Stellung ist extrem konkret. Denn nehmen wir an, Weiß schafft Lc1-e3, dann stehe ich plötzlich wieder sehr schlecht, denke ich. Ich hatte keinen klaren Weg gesehen, fortzusetzen und dachte deshalb, ich biete Remis an.

Die Interviews im Anschluss an die Partie findest du hier:

Das Interview wird wohl noch ein wenig in Erinnerung bleiben, da Grischuk unglücklicherweise von "kleinen Mädchen" sprach, anstatt sich einem neutralen Wort wie "Kinder" zu bedienen. Eine hübsche Erwiderungen hat es dennoch provoziert, zum Beispiel:

chess24: "Du hast in der nächsten Partie Weiß - ist das ein psychologischer Vorteil?" Grischuk: "Nein, dieser psychologische Vorteil ist in meinen Augen ein Mythos. Vielleicht wenn kleine Mädchen gegeneinander spielen oder so, aber wir haben Hunderte von Matches in unserem Leben gespielt - nur ein Remis und man hat einen psychologischen Vorteil? Das ist schwachsinnig!

Jennifer Shahade: Wenn kleine Mädchen diesen Tweet lesen...

Anish Giri: Alex' Antworten müssen immer mit einem "Nein" beginnen, der Rest ist lediglich das Füllen von Lücken mit irgendeinem Schwachsinn, der einem gerade in den Kopf kommt.

Tag 2: Grischuk dreht auf

Die Aussage, dass mit Weiß zu spielen, kein psychologischer Vorteil sei, liegt vielleicht auch eher daran, dass es eben ein praktischer Vorteil ist - Weiß holt einfach mehr Punkte als Schwarz. Im Fall von Wojtaszek-Nepomniachtchi verlief die zweite Partie allerdings regelrecht im Sand. Nepo kommentierte Wojtaszeks Eröffnungswahl: "Vielleicht hat er nicht die allerprinzipiellste Variante gegen Grünfeld gewählt. Er hat nie wirklich Vorteil bekommen."

Ian Nepomniachtchi ist schwer zu beeindrucken! | Foto: Niki Riga, World Chess

Radek stimmte dem zu:

Ich mochte die Idee, die ich spielte - vielleicht habe ich etwas mehr Raum, aber es ist nichts wirklich konkretes. Dann verzettelte ich mich und ich dachte, ok, es ist besser, Remis zu machen anstatt in eine Stellung abzugleiten, in der ich Probleme habe.

Die Partie endete nach 22 Zügen und es hätte ein kurzer Tag für das Kommentatorenteam werden können. Nakamura wiederholte mit Schwarz eine scharfe Variante, die er bereits öfter spielte, unter anderem gegen Ding Liren in Abidjan und bereits gegen Radjabov und Dubov in Moskau. Grischuk sagte dazu:

Die Eröffnung hatte ich so einerseits erwartet, andererseits nicht erwartet. Denn einerseits hat es Hikaru bereits sechsmal gespielt, aber andererseits ist es denke ich eine sehr knifflige Variante für Schwarz. Von daher war ich überrascht... und auch wieder nicht.

Neben Grischuk kann jeder klein aussehen! | Foto: Niki Riga, World Chess

Was überraschend war, ist die Tatsache, dass die Stellung nach 15.Sxe3 zeitgleich auch beim TCEC Finale zwischen zwei Schachcomputern diskutiert wurde. Und dabei durften in dieser Partie beide Engines auf kein Eröffnungsbuch zurückgreifen, spielten also von Zug 1 an auf sich allein gestellt!


Nakamura wiederholte hier 15…a5 wie er auch gegen Ding gespielt hatte (und nicht Stockfishs 15...a6), aber Grischuk wich von dieser Partie mit 16.Sd4 ab und meinte, er war auf folgende Variante vorbereitet 16…La6 17.Tac1 Tc8 18.Lf3:


Grischuk gab tiefe Varianten preis, warum Weiß nach 18...De5 in Vorteil käme (19.Sg4!), aber nach 18…Dg6 19.Le4 Dh5 20.Lf3 sah es zunächst so aus, als ob beide Partien ohne großen Kampf zu Ende gehen würden. Grischuk wiederholte die Züge einmal, wählte dann aber 22.Kg2! und die Partie ging weiter. Beide Spieler investierten nun viel Zeit in die Analyse der Position, bis folgende kritische Stellung erreicht wurde:


Nach 20-minütigem Nachdenken spielte Grischuk hier schweren Herzens 25.Sb3, und Nakamura brauchte für seine Antwort 25...Kh8 ebenfalls 20 Minuten. Dabei meinte er später, dass dies der entscheidende Fehler gewesen wäre:

Der Fehler war viel früher, denke ich, als ich 25...Kh8 spielte. Das Problem ist, dass ich diese Idee mit 26.Ld3 vergessen hatte. Und im Prinzip wechselte mein Gedankengang von "ich werde ...f5 und ...e5 spielen" hin zu "nach Ld3 stehe ich einfach schlecht".

Es ist gar nicht so klar, ob zu diesem Zeitpunkt schon dramatisches geschehen ist (auch wenn Grischuk Vorschlag 25...c5! sehr gut aussieht), aber der Grund für Grischuks 25.Sb3 war der mit Abstand unterhaltsamste Moment des Interviews nach der Partie!

Er wollte 25.Sg4! spielen und begann dann eine 10-zügige Variante, die er berechnet hatte: 25.Sg4 Dg7 26.Se5 Tac7 27.Lf3 Lf6 28.Dc5 Lxe5 29.fxe5 Sd7 30.Dxa5 Lb7 31. Sxc6 (31.Sb5? verliert wegen 31…Dxe5!) 31…Lxc6 32.Txc6 Txc6 33.Lxc6 Dxe5 34.Dxe5 Sxe5 35.Lb5 Tc2:


"Ich fühlte mich wie ein Boiler", sagte Grischuk und deutete an, dass Dampf aus seinen Ohren kommen würde! Wie du sehen kannst: Wenn diese Stellung aufs Brett gekommen wäre (ein großes wenn!), stünde Weiß wohl immer noch besser, aber die Berechnung müsste weitergehen um zu bestimmten, wie das Bauernrennen schlussendlich ausgehen würde und ob Schwarz mit Qualität weniger möglicherweise eine Festung errichten kann.

Eine von Grischuks Tanzeinlagen während des Interviews nach der Partie! | Foto: Niki Riga, World Chess

In der Partie wurde der Höhepunkt der Spannung später erreicht. Hier erinnert das Spiel der besten Menschen ein wenig an das der besten künstlichen Intelligenz, die wir bis dato kennen!

chess24: Grischuk nach der Partie: "Hier begann ich, Kaffeehaus-Schach zu spielen - einfach den Bauern nach h6 schieben, wie es Menschen tun!"

Peter Heine Nielsen: h6! Grischuk-Nakamura. #Gamechanger # AlphaZero

Der Computer schlägt hier vor, mehr oder weniger nichts mit Schwarz zu unternehmen und 35...Kg8 zu spielen. Aber in Zeitnot ist das vielleicht zu viel verlangt. Hikaru spielte stattdessen 35…Sb6?, was wie er selbst später bemerkte wegen 36.Sxb6 verliert. Unglücklicherweise verliert es aber auch wegen 36.Se5, der Partiefortsetzung. Nakamura kritisierte sein 36…Lxe5, aber etwas anderes funktioniert auch nicht mehr. Und dann folgte der taktische Schlag 37.Sc6!

Jaideep Unudurti: Nakamuras Springer-Alptraum

Grischuk meinte, der Verlustzug wäre 37…Sc4 gewesen (noch einmal, es gab für Schwarz keine Rettung mehr), und 38.Sxd8! Se3+ 39.Kf2 Sxc2 40.Sxf7+ Kg8 41.Sxe5 kam aufs Brett, wonach Schwarz in Zeitnot eine Ruine zu verwalten hatte:

chess24: Grischuk ist nah dran, Nakamura aus dem Grand Prix zu werfen und es ins Grand Prix Finale zu schaffen!

Olimpiu G. Urcan: Hikaru Nakamura realisiert, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckt.

Es gab diverse Möglichkeiten, wie die Partie zu Ende hätte geführt werden können

Mr. Dodgy: Sxg6 ist ein "Sprichst du deutsch? Wenn ja, warum gibst du dann nicht auf?"-Zug.

…aber Grischuk wählte die pragmatischste Art und fuhr den Sieg nach 54 Zügen ein.

Spiel, Satz und Sieg! | Foto: Niki Riga, World Chess

Damit hat Alexander nun zwei Ruhetage, auch wenn er meinte, dass er sich den Tiebreak Nepomniachtchi-Wojtaszek anschauen möchte:

Ich würde mir das anschauen, auch wenn ich nicht an dem Turnier teilnehmen würde - Ich mag es einfach, mir solche Events anzusehen!

Die guten Nachrichten für die Schachfans sind, dass auch wenn es in Moskau gerade ruhiger zugehen sollte, derzeit noch das Lindores Abbey Distillery Schnellschachturnier in Schottland stattfindet. Dort beginnen die Partien von Magnus Carlsen, Vishy Anand, Ding Liren und Sergey Karjakin eine halbe Stunde im Anschluss an den Start der Partien in Moskau. Mehr dazu kannst du hier lesen

Schau dir die Action des Tiebreaks hier live an, beginnend von 14:00 Uhr MEZ an auf chess24!

Weitere Links:


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