Berichte 26.12.2017 | 10:21von Colin McGourty

Morozevich: "Es ist nicht nötig, sich mit anderen zu vergleichen"

Alexander Morozevich ist erst 40, doch in den letzten Jahren sind seine Auftritte auf höchstem Niveau rar geworden. In einem neuen Interview spricht er darüber, dass er das Schach zwar nicht komplett aufgegeben, sich aber neuen Interessensgebieten zugewandt habe. Er äußert sich zudem zum Kandidatenturnier 2018, zu Carlsen und dem russischen Nachwuchs, wobei er erwähnt, dass er Vladislav Artemiev einst als das größte Talent gesehen habe, dieser sich in den letzten drei Jahren aber nicht entscheidend weiterentwickelt habe. 

Alexander Morozevich als Co-Kommentator von Sergey Shipov beim russischen Superfinale | Foto: Boris Dolmatovsky, Russischer Schachverband

Im Interview mit Oleg Bogatov von R-Sport geht es zunächst um Go, doch da dieses Thema bereits in einem anderen Interview mit Morozevich vorkam, haben wir diese Passagen weggelassen und nur den Rest übersetzt:


Oleg Bogatov: Wie erfolgreich war das vergangene Jahr für Sie?

Alexander Morozevich: Schachlich gesehen nicht sonderlich. Im Jahr davor spielte ich vom Ende abgesehen mehr oder weniger erfolgreich, aber 2017 lief es nicht wirklich gut: Ich spielte nicht so, wie ich wollte, und nahm letztlich nur in Biel an einem Turnier in klassischem Schach teil. Dort spielte ich interessantes Schach, doch zu unausgeglichen – die mangelnde Spielpraxis wirkte sich natürlich aus. Während des gesamten Turniers lag ich mit an der Spitze, konnte jedoch nie in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Ich hoffe, 2018 wird das besser. 

In Biel konnten sich 2017 einige Stars präsentieren, die nicht mehr so oft zu Eliteturnieren eingeladen werden | Foto: Internationales Schachfestival Biel

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sie keinen Schritt nach vorne machen?  Ist es der Mangel an Turnierpraxis oder fehlende Motivation?

Vielleicht liegt es daran, dass ich mir nicht mehr zum Ziel setze, einen Schritt nach vorn zu machen, da ich das in der Vergangenheit schon so oft gemacht habe.

Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen.

Bis zu einem gewissen Grad. Nicht nur den anderen nicht – die öffentliche Meinung ist eine Sache, aber für mich gelten ohnehin andere Kriterien. Es ist einfach so, dass ich mir mit 37 oder 38 Jahren eine Frage gestellt habe. Vielleicht war das falsch, aber ich fragte mich, ob ich mein ganzes Leben lang Schach spielen will. Will ich mit 55 oder 60 aufwachen und mir sagen: Ja, du hattest ein wunderbares Schachleben, aber hast nie etwas anderes gemacht? Mein Beschluss lautete, dass das nichts für mich wäre.

Wie eine ganze Reihe von Großmeistern, die gerade aufgehört haben, weil es noch mehr im Leben gibt als Schach?

Es ist nicht nötig, sich mit anderen zu vergleichen. Unterm Strich ist es eine persönliche Frage, die sich jeder Schachspieler aus meiner Sicht irgendwann stellen sollte. Jeder muss die Einschätzung für sich treffen, doch ich wollte mir mit 55 oder 60 nicht sagen: „Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, Schach zu spielen.“ – wenngleich dieses Leben durchaus interessant und erfüllend wäre. Das ist meine Entscheidung, und ich muss nun überlegen, was ich noch mit meinem Leben anfangen will.

In welchem Bereich sehen Sie sich?

Ich probiere alle möglichen Dinge aus. Aktuell will ich nichts Konkretes nennen, aber ich habe eine bewusste Entscheidung getroffen. Das heißt nicht, dass ich mit dem Schach aufgehört habe. Es ist nur so, dass ich neben dem Schach einige neue Fähigkeiten entwickle, die ich als professioneller Schachspieler nicht hatte.

Was glauben Sie, welcher der drei russischen Großmeister beim Kandidatenturnier 2018 gut abschneiden wird? Haben sie einen klaren Turnierfavoriten oder sind alle acht GMs etwa gleich stark?

Stimmt, diese Frage wurde kürzlich diskutiert, als ich als Kommentator beim Russischen Superfinale in St. Petersburg tätig war. Meine Einschätzung lautete damals, dass man keinen klaren Favoriten nennen kann. Das sehen die meisten meiner Kollegen so. Viel wird von der Form und der Kondition abhängen, außerdem von den neuen Ideen, mit denen jeder Spieler das Turnier beginnt. Es wäre natürlich schön, wenn einer der drei Russen sich qualifizieren könnte. Da ich keinen der Teilnehmer aktiv unterstütze, kann ich sagen: Ich drücke allen Russen die Daumen.

Wer hat angesichts der Leistungen von Sergey Karjakin, Alexander Grischuk und Vladimir Kramnik in diesem Jahr die minimal besseren Chancen?

Ich wäre froh, wenn einer gewinnt, aber das kann ich nicht sagen.

Und wer ist ihr größter Rivale?

Alle – alle haben die gleichen Chancen.

"Levon Aronian ist so nett, die Chancen jedes Spielers mit 30 Prozent zu beziffern, womit er in der Summe 140% zu viel vergibt. Schade, dass ich mich nicht mit diesen 30% qualifizieren konnte, aber die Schachwelt wird dennoch ein tolles Turnier erleben."  

Es werden 14 Partien gespielt. Wieviele Punkte braucht man, um als alleiniger Sieger hervorzugehen - +4 oder +3?

Die letzten Kandidatenturniere haben gezeigt, dass +3 zumindest für den geteilten 1.Platz reicht, während +4 zum alleinigen Sieg reichen, aber in einem solchen Turnier ist es sehr schwer, ein solches Ergebnis zu erzielen. 

Viele meinen, Weltmeister Magnus Carlsen habe dieses Jahr nicht sein bestes Schach gezeigt. Viele fürchten ihn daher nicht mehr so sehr wie zuvor, als er aus einem Stein Wasser pressen und Siege förmlich erzwingen konnte. Ist der Norweger wirklich derzeit ein wenig schwächer oder ist das eine Fehleinschätzung?

Da ich nicht mehr gegen ihn spiele, ist das schwer für mich zu sagen. Wir sind bei der Blitz- und Schnellschach-WM aufeinandergetroffen, aber diese Partien sind nicht sonderlich repräsentativ. Für mich ist der Magnus von vor fünf Jahren schwer mit dem von heute zu vergleichen, doch ich glaube, dass er in einem WM-Kampf unabhängig vom Gegner sehr schwer zu schlagen sein wird.

Hat er einen kleinen Einbruch gehabt oder sind seine Kontrahenten deutlich besser geworden?

Ich weiß nicht ganz, was sie damit meinen, wenn Sie von einem Einbruch sprechen. Er spielt weiterhin auf sehr hohem Niveau.

Aber 2017 gewann er nur ein Turnier im klassischen Schach…

So etwas passiert. Seine Ergebnisse sind vielleicht nicht mehr so gut, aber ich habe nicht den Eindruck, dass seine Spielstärke gesunken ist. Daher kann Carlsen in Form kommen und wieder bessere Ergebnisse erzielen. Natürlich ist die Konkurrenz größer geworden, und es gibt immer mehr junge vielversprechende Spieler, doch das ist kein Grund, dass Magnus seine Position einbüßt.  

Welche russischen Talente haben Sie zuletzt besonders beeindruckt?

Daniil Dubov ist auf einem guten Weg, wie Vladimir Fedoseev und Maxim Matlakov in den 2700er-Club vorzudringen | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Aus meiner Sicht haben Daniil Dubov und Vladimir Fedoseev die größten Fortschritte gemacht. In puncto Talent schien mir immer Vladislav Artemiev die Nummer 1 unserer Youngster zu sein, zumindest sah ich das nach dem ersten Nussknacker-Turnier 2014 so. Allerdings ist es schwer, Talent zu beurteilen, da es natürlich nicht mit einer Elo-Zahl zu bewerten ist. Das Urteil ist daher subjektiv, doch nach dem Turnier war ich der Auffassung, dass es sich um einen Rohdiamanten handelte und Artemiev für einen 16-Jährigen fantastisch spielte. Ich spielte nicht annähernd so gut, als ich 16 war. Seitdem sind allerdings drei Jahre vergangen, und Daniil Dubov und Vladimir Fedoseev spielen deutlich besser als damals, sie haben ihr Niveau extrem gesteigert. Die haben die gesamten drei Jahre hart gearbeitet und dadurch profitiert.  

Und wenn Dubov zu mir nach Hause kommt und wir Blitzschach spielen, sagt das mehr aus als seine Worte über Turniersiege, denn ich kann sehen, wie er denkt. Ich weiß genau, wie er 2013/2014 gespielt hat, und sehe nun, dass er deutlich besser spielt. Somit kann ich sagen, dass er extrem viel gearbeitet und sich spürbar verbessert hat. 

Artemiev war der einzige "Prinz", der gegen Mamedyarov im Turnierschach remis hielt - beim Schnellschach gewann er sogar beide Partien!  Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Es fällt mir schwerer, dasselbe über Artemiev zu sagen, da ich ihn nicht so gut kenne. Und ich sehe nicht, dass er in den Partien, die wir 2016 oder 2017 gegeneinander gespielt, anders als zuvor gedacht hätte. Er hat sich zwar stabilisiert und ist körperlich etwas fitter, aber er ist derselbe Artemiev wie vor drei Jahren – der talentierteste Youngster, der aber keine ernsthaften Fortschritte gemacht hat. Vielleicht muss er sein Trainingsprogramm umstellen: Da kann ich keine Empfehlung geben, aber er muss etwas ändern.

Wie würden Sie gern das Jahr 2018 zusammenfassen?

In einem Jahr, also Ende Dezember, würde ich gern gegen unseren Nachwuchs beim Nussknacker-Turnier antreten.


Vladislav Artemiev hat sein Potential vielleicht noch nicht ausgeschöpft, aber der 19-Jährige steht kurz davor, die Marke von 2700 Elo zu knacken und er ist die Nummer 2 der Welt im Blitzschach. Beim Nussknacker-Turnier zeigte er zudem, dass er auch kein schlechter Schnellschachspieler ist!

Beim Schnellschach erzielte er fantastische +6 und gewann dabei auch zweimal gegen Shakhriyar Mamedyarov. Den schönsten Zug führte er aber gegen Boris Gelfand aus, dessen 43.Th1? direkt verlor:


43…Dxf4!! Wiedernehmen mit 44.gxf4 verliert wegen 44…Td3+ und Matt, aber die Partiefolge war kaum besser. Es ging weiter mit 44.Db7+ Kh6 45.De4 Df1+! und Weiß gab wegen 46.Txf1 Th2# auf.

chess24 wünscht allen Schachspielern schöne Feiertage und einen guten Rutsch! Schon am zweiten Weihnachtsfeiertag geht es mit der Schnellschach- und Blitz-WM in Saudi-Arabien mit Spitzenschach weiter, und der Weltmeister wird auf jeden Fall dabei sein:

Auf chess24 übertragen wir natürlich sämtliche Partien: Schnellschach Open | Schnellschach Damen

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