Interviews 19.04.2017 | 16:25von Colin McGourty

Morozevich: "Es gibt talentiertere Spieler als Carlsen"

Alexander Morozevich ist in letzter Zeit von der Schach-Bildfläche verschwunden, aber zu seinen besten Zeiten war er nicht nur einer der aufregendsten und einfallsreichsten Spieler der Welt, sondern lag auch auf Platz 2 der offiziellen FIDE-Weltrangliste sowie Platz 1 auf der Live-Wertung. Er hielt vor kurzem einen Vortrag an seiner alten Universität in Moskau, und gab auch ein Interview. Darin sprach er darüber, was Carlsen zur Nummer 1 macht, Geschlechterunterschiede im Schach und wie sich Schach im Vergleich zu seinen Anfangszeiten verändert hat.

Morozevich spielte zuletzt bei der Blitzschach-Weltmeisterschaft 2016 in Doha - er besiegte zwischendurch Wojtaszek, MVL und Anand, mit vier Niederlagen in den letzten fünf Partien fiel er jedoch noch auf Platz 30 zurück | Foto (Poikovsky): Evgeny Vashenyak, ruchess.ru 

Das im SCOLIPE (Russian State University of Physical Education, Sport, Youth and Tourism) geführte Interview behandelt viele Themen und begann mit der neuesten Politik im Schach. Es wurde kurz vor Kirsan Ilyumzhinovs Erklärung geführt, er stelle sich 2018 erneut zur Wahl, doch Alexander wollte nicht weiter ins Detail gehen:

Als ich Teil der Elite war, musste ich solche Informationen verfolgen und damit umgehen. Nun spiele ich zum Spaß, ich arbeite mehr als Trainer und verfasse Arbeitsmaterial, und ich habe keinerlei Interesse, mich in den kleineren Ränkespielen der FIDE zu verfangen.

Bei anderen Themen war er gesprächiger - einige der Höhepunkte beinhalten:

Das Phänomen Magnus Carlsen

Carlsen hat meiner Ansicht nach mehr als jeder andere ein besseres Gefühl für Veränderungen am Brett. Ich habe nicht den Eindruck, dass er der Talentierteste ist, wenn mir das Recht vergönnt ist, Schachtalent zu bewerten. Ich habe gegen alle Spitzenspieler viele Partien gespielt, und das ist meine "erfahrungsgemäße" Einschätzung. Carlsen ist sehr ausgeglichen. Er hat überragenden Antrieb, er hat außergewöhnlich starken Willen und Ehrgeiz. Das sieht man bei allen Spielen, selbst wenn wir in Trainingseinheiten Basketball gespielt haben. Für uns war es eine Möglichkeit, um abzuschalten und zu entspannen, aber für Magnus war das eine weitere Arena, in der man einen Sieg erringen kann. Natürlich hat der Großteil der Spitzenspieler diesen "Killerinstinkt", sonst wäre es schwer, ähnliche Höhen zu erreichen. Während der Partien gegen ihn bekam ich das Gefühl, dass ich gegen einen intelligenten Gegner spielte. Er spielt in kniffligen Momenten nicht die besten, aber kluge Züge - es ist schwer zu erklären. Das ist der Grund, warum er so beständig gut Schnell- und Blitzschach spielt. Kein anderer Sportler ist derart solide. Meiner Meinung nach gibt es talentiertere Spieler als Carlsen: so zum Beispiel Ivanchuk oder Nepomniachtchi. Aber ihnen fehlt immer dieses Wollen, dieser Antrieb. Daher ist Carlsen im Moment die Nummer Eins.

Über Sergey Karjakins Misserfolg bei der Schachweltmeisterschaft

Sergey hatte während des Matches zweifellos hervorragende Chancen. Er hat einen wunderbaren Kampf geliefert und lag vor dem Ende mit einem Punkt in Führung, doch unglücklicherweise musste ein Tiebreak entscheiden, in dem Carlsen spürbar stärker war. Insgesamt gesehen gab es Chancen, aber schlussendlich ging das Match verloren, und Loblieder zu singen, wie es viele nun tun, erscheint seltsam. Schach ist ein Sport, keine Diskussion darüber, was hätte sein können - das Ergebnis steht fest und der Weltmeister bleibt derselbe. Ich denke, dass es für ihn ein schwieriger Kampf war, und ich denke, es war klar, dass Carlsen nicht in Bestform spielte. Zurückblickend gesehen scheint er im Match Probleme gehabt zu haben. Auf der anderen Seite kann man sicher sagen, dass Magnus - wie man ihn kennt - die richtigen Schlüsse ziehen und beim nächsten Mal noch gefährlicher sein wird.


Geschlechterunterschiede im Schach

Zwischen einem Mann und einer Frau gibt es Unterschiede, sogar bedeutende, aber wir sind dennoch alles Menschen. Kann ich mit einem einfachen Blick auf die Notation einer Partie sagen, ob sie von einer Frau gespielt wurde? Ich versuchte das einige Male, aber es gelang mir nicht - es gibt keine klaren Unterschiede. Bei den Ergebnissen gibt es unterdessen Unterschiede: nur wenige Frauen waren bisher in der Lage, auf dem Niveau der besten hundert Männer zu spielen, und ich verstehe nicht ganz, warum das so ist. In anderen Denksportarten sind die Verhältnisse mehr oder weniger dieselben, und die Spitze wird von Männern belegt. Es wäre interessant, auf diesem Gebiet zu forschen. Frauen haben im Schach zweifellos einen Vorteil: sie dürfen in Männerturnieren antreten, während wir nicht bei Frauenturnieren mitspielen können. Ich habe einmal einen FIDE-Funktionär gefragt: "Warum gibt es so eine Ungerechtigkeit?" Seine Antwort übertraf all meine Erwartungen: "Sieh es ein, es gibt eine Weltmeisterschaft für Frauen und eine Weltmeisterschaft für Leute.


Junge Talente, die Russland verlassen

Wenn talentierte Leute ein Land verlassen, ist das zweifellos ein Verlust. Die Menschen suchen Stabilität und vielleicht finden sie sie auch. Ich verspürte diese Notwendigkeit nicht. Als ich mit 17 Jahren ein Schnellschach-Turnier in New York gewann, redeten bestimmte Leute aktiv auf mich ein: "Sieh dir die Vorgänge in Russland an - bleib hier, und bei uns wirst du ein Millionär, wir organisieren alles für dich." Ich sagte, dass ich ein Schachspieler werden möchte, kein Goldesel, und daher war es für mich optimal, in Russland zu bleiben. Ich hatte eine Phase, in der ich ein halbes Jahr lang als Schachtrainer in Katar arbeitete. Es war eine gute Erfahrung, um zu verstehen, wie die Dinge "dort drüben" sind, aber nicht mehr. Ich betrachte Russland als guten Ort für einen Schachspieler.

Findet eine bessere Angriffsformation! Mamedyarov, Rapport und Morozevich spielten 2016 für die gleiche Mannschaft | Foto: Lennart Ootes, Euro Club Cup (Facebook) 

Großmeistertitel mit 17

Die Zeiten haben sich geändert, und heute ist das keine Leistung. Schach ist kein so kompliziertes Spiel - wenn eine Person mehr oder weniger empfänglich dafür ist, Willen und Ausdauer hat, dann reichen fünf oder sechs Jahre Studium völlig aus. Heutzutage ist es keine Überraschung, wenn ein Kind mit 12, 13 Jahren Großmeister wird. Das kommt zum Teil von der Entwertung des Titels selbst - es gibt zu viele von uns. Und zusätzlich ist der Zugang zu Informationen offen geworden. In jenen Jahren, als ich aufgewachsen bin, gab es abgesehen von sowjetischen Büchern nichts. Notizbücher wurden angelegt und insgeheim von einem Trainer zum anderen weitergegeben, und viel davon hat die Prüfung durch die Zeit nicht bestanden. Es war auch schwierig, Gegner zum Spielen zu finden. Ich erinnere mich an ein Turnier in Jalta 1995. Wir spielten die erste Runde, und plötzlich rief der Veranstalter die Spieler zu sich und sagte: "Das war's, Jungs! Es tut mir leid, aber es gibt kein Geld.

Bei einer Sitzung der Teilnehmer wurde beschlossen, das Turnier im Schnellschach-Format fortzusetzen, mit teuren Souvenirs als Preisen. Es gelang mir, mit Vassily Ivanchuk ins Gespräch zu kommen und ließ nichts unversucht, um ihm zum Blitzschachspielen zu bewegen. Natürlich betrachtete er mich wenig begeistert: er war der drittbeste Spieler der Welt, während ich es damals gerade in die Top 100 geschafft hatte. Ich bekam für den dritten Platz im Schnellschachturnier einen Karton Wein. Um Vassilys Aufmerksamkeit zu bekommen, stellte ich diesen ganzen Karton großzügig zur Verfügung. Damals war solche eine Gelegenheit zu spielen einzigartig. Nun gibt es das Internet, und man kann die unterschiedlichsten Spieler - selbst die Elite - finden und gegen sie spielen. Ein riesiger Informationsfluss ist verfügbar: Datenbanken, Bücher, kommentierte Partien, Magazine, Berichte. Vom Wissensstandpunkt her ist Schach zugänglicher geworden, und Dank dieses Umstandes sollten sich junge Spieler schneller entwickeln.


Tipps für Schachstudenten (an seiner alten Universität)

Morozevich hält einen Vortrag an seiner alten Universität | Foto: sportedu.ru

Als Erstes sagte ich im Vortrag: welche Erfolge ihr auch erreicht, welcher Meister ihr auch werdet, vergesst vor allem nicht, dass ihr ein Mensch seid. Und dass ihr Glück habt, überhaupt geboren zu werden. Wenn euch das Spielen besser macht, wenn ihr merkt, dass ihr glücklich seid, dann macht weiter und hört auf niemanden. Wenn es euch belastet, wenn ihr jemandem etwas beweisen wollt, dann denkt darüber nach. Vielleicht macht euch diese Tätigkeit nicht glücklich und bereitet euch in der Zukunft Probleme. Findet heraus, bis zu welchem Grad eure Wahl zu eurem Naturell passt. Dann kann euch das Studium an der Russian State University of Physical Education, Sport, Youth and Tourism unterstützen und ein gutes Fundament bilden. Die Fähigkeit, mit anderen Sportarten Erfahrungen auszutauschen, ist extrem wertvoll.

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