Berichte 06.08.2018 | 10:43von Colin McGourty

Mickey Adams gewinnt 6. Britischen Meistertitel

Mickey Adams gewann die Britische Meisterschaft 2018, 29 Jahre nach seinem ersten Titel im Alter von 17 Jahren. In Hull siegte er im Stichkampf gegen Luke McShane, der nach einer Niederlage in der zweiten Runde aufholte und durch einen Sieg gegen David Howell in der letzten Runde wie Adams zuvor 7/9 erzielte. Es wäre Lukes erster britischer Meistertitel, aber Mickey dominierte den Stichkampf. Nur durch McShanes brillianten Schwindel in der zweiten Schnellpartie fiel die Entscheidung erst danach im Blitz. Mit 5/9 erzielte Jovanka Houska ihren achten britischen Damentitel.

Mickey Adams und Jovanka Houska sind die britischen Schachmeister 2018 | Foto: Turnierseite

Du kannst alle Partien der Britischen Schachmeisterschaft 2018 im Viewer unten nachspielen:

Der 46-jährige Mickey Adams wurde 1989 erstmals britischer Meister. Laut Leonard Barden im Guardian hält er einen Rekord, der noch weiter zurück reicht:

Er hat seit Blackpool 1988 bei den Britischen Meisterschaften keine einzige Partie verloren. Das sind 30 Jahre, auch wenn er bei vielen Turniere wegen internationaler Verpflichtungen fehlte.

Nur in der dritten Runde war sein Rekord dieses Jahr gefährdet. Tamas Fodor gewann im Damenendspiel einen Bauern und könnte seinen Vorteil mit genauem Spiel verwerten. Er scheiterte nicht nur an dieser Aufgabe, sondern übersah bei ‌61.De5? auch einen gemeinen taktischen Trick:


61…g5+! ist ein ungewöhnlicher Doppelangriff - mit Damengewinn oder Matt nach 62.Kh5 Dxh3#.

Nach dieser Partie begnügte Mickey sich gegen seine wichtigsten Rivalen David Howell und Luke McShane mit zwei sehr kurzen Remisen. Ein Sieg gegen Titelverteidiger Gawain Jones in Runde 7 war dann ein grosser Schritt Richtung Meistertitel.

Mickey Adams erholte sich von der dramatischen Partie in der Runde zuvor mit einem Remis in 20 Zügen gegen David Howells Französisch | Foto: Arnold Lutton, Turnerseite

Gawain hatte Weiß und stand besser, aber verlor kaum wahrnehmbar die Kontrolle:


Nach 21.Be3! wäre Jones weiterhin am Drücker: auf 21…Lxa1 folgt 22.Lc5+, was 22…Td6 erzwingt - nun geht erst 23.Txa1, da der gefesselte Turm auf d6 ausharren muss. Nach 21.Tad1 stand Weiß noch nicht schlechter, aber im weiteren Verlauf übernahm Mickey allmählich das Kommando und siegte letztendlich überzeugend.

Überraschenderweise konnte Mickey das Turnier danach nicht komfortabel gewinnen, stattdessen vergab er in den abschliessenden Runden klare Vorteile gegen Nicholas Pert und Danny Gormally.


Es schien, als ob David Howell davon profitieren konnte: in der letzten Runde hatte er Weiß gegen Luke McShane, zuvor war er punktgleich mit Adams. Die Eröffnung schien David zu begünstigen, aber im Nachhinein hätte er wohl 18.Txb7 mit wahrscheinlichem Remis spielen sollen. Stattdessen bewahrte er die Spannung, und plötzlich bekam McShane starken Angriff. Wahrscheinlich stand Schwarz nach 26.f4? (26.g3!) bereits klar auf Gewinn, aber später musste Luke in beiderseitiger Zeitnot ein sehr hübsches taktisches Motiv finden:


31…De3! 32.De4 (andere Züge verlieren prosaischer) 32…Dg3+!

‌Was für ein Finish von Luke McShane, der nun einen Stichkampf um den britischen Meistertitel spielt!

Das war die Krönung von Lukes starkem Comeback, der in Runde 2 gegen David “Eggy” Eggleston in einer gewonnenen aber unglaublich trickreichen Stellung das Nachsehen hatte:


34…Lxc5! war der Gewinnzug für Luke, nach 35.bxc5 Sxc5 36.Te2 fxg3 ist der weisse König diversen gegnerischen Drohungen schutzlos ausgeliefert. Nach stattdessen 34…Lb8? 35.gxf4 exf4 36.c4 h5? 37.Sg2 landete der ‌schwarze König auf der Schlachtbank.

Das war der Beginn eines großartigen Turniers für den 30-jährigen Eggleston, der sich mit einem Kurzremis in der letzten Runde gegen Keith Arkell seine dritte und letzte GM-Norm sicherte: 


Für den GM-Titel braucht er nun "nur noch" Elo 2500, ein erster Schritt in diese Richtung waren 23,4 zusätzliche Elopunkte in Hull (leider nicht 47 Punkte, das ist auf Basis eines höheren K-Faktors für Spieler, die nie 2400 oder mehr hatten).

‌Herzlichste Glückwünsche an den einmaligen Eggy für seine dritte und letzte GM-Norm!!!

McShane drehte im weiteren Turnierverlauf ebenfalls auf, wie im Vorjahr erreichte er einen Stichkampf um den britischen Meistertitel (alle anderen Preise wurden bei Punktgleichheit geteilt).

Rk.SNo NameTypsexFEDRtgClub/CityPts.
11GMAdams MichaelENG2706Baden Baden7,0
4GMMcshane Luke JENG2669Wood Green7,0
32GMHowell David WlENG26874ncl Cheddleton6,5
3GMJones Gawain CbENG26704ncl Guildford6,5
56GMPert NicholasENG25444ncl Guildford6,0
7GMFodor Tamas JrHUN25064ncl Cheddleton6,0
8IMGhasi Ameet KENG24944ncl Grantham Sharks6,0
12GMGormally Daniel WENG24784ncl Blackthorne Russia6,0
13GMFernandez Daniel HENG24774ncl Guildford6,0
18GMArkell Keith CS50ENG24064ncl Cheddleton6,0
23IMEggleston David JENG23974ncl Cheddleton6,0
125GMHawkins JonathanENG25904ncl Cheddleton5,5
11IMTan Justin HyU21AUS24814ncl Oxford5,5
15GMWells Peter KS50ENG24264ncl White Rose5,5
17IMPalliser Richard JdENG24184ncl White Rose5,5
20IMTrent LawrenceENG24064ncl Guildford5,5
21FMMcphillips JosephU21ENG2402Bolton5,5
22IMRoberson Peter TENG2401Grantham Sharks5,5
199IMAdair James RENG24924ncl White Rose5,0
14GMWard Chris GS50ENG24344ncl Kjca Kings5,0
16GMHebden Mark LS50ENG24234ncl Guildford5,0
19IMHouska JovankawENG24064ncl Wood Green5,0
24FMMacklin PaulS50ENG2363Chorlton5,0
25FMZakarian DavidARM23544ncl Oxford5,0
35Kalavannan KobyU21ENG2277Surbiton5,0
36IMPritchett Craig WS50SCO2274Dunbar5,0

‌Es läuft der Stichkampf um den britischen Meistertitel zwischen Mickey Adams und Luke McShane!

Zunächst wurden zwei Schnellpartien mit 20 Minuten und 10 Sekunden Inkrement gespielt. Die erste Partie wurde nach Lukes fataler Entscheidung im 14. Zug eine positionelle Meisterleistung von Mickey Adams:


Luke verzichtete auf 14…Qxf6, tauschte stattdessen die Damen und schwächte dabei seine Bauernstruktur: 14…Dxb3!? 15.Sxb3 gxf6. Das erwies sich gegen Adams als teuer: Mickey übernahm langsam aber sicher die Kontrolle über die Stellung und bestrafte jede kleine Ungenauigkeit - bis sein Vorteil so groß war, dass McShane beschloss, einen seiner f-Bauern für Aktivität zu opfern. Der Druck blieb jedoch unwiderstehlich, Mickey spielte auch viel schneller als sein Gegner. 33…d5? öffnete dann die Schleusen:


34.h4+! Kxh4 35.Txh6+ Kg5 36.Th5+! Kf6 37.Tc6+ war für Schwarz bereits hoffnungslos, am Ende gewann Mickey mit einem bekannten taktischen Endspiel-Motiv:


45.Th8! Schwarz gab auf. Die Pointe nach 45…Txa7 ist natürlich 46.Th7+ mit Turmgewinn.

‌Das Publikum beim Stichkampf um die britische Meisterschaft

Damit brauchte Luke einen Sieg, um den Stichkampf mit Blitzpartien fortzusetzen. Danach sah es keinesfalls aus: Mickey spielte wieder schnell und selbstbewusst, auf dem Weg zu offenbar einem weiteren positionellen Meisterwerk:


Hier hatte Mickey bereits alle Eröffnungsprobeme gelöst, er kontrollierte das Zentrum und konnte sich den weissen Bauern am Damenflügel widmen. Ein anderer Spieler hätte hier vielleicht das Spiel auf den Königsflügel verlagert - es überrascht nicht, dass 27…Txf3! 24.gxf3 Dxh3 extrem stark ist. Nun plant Schwarz Sh5 und würde auf Sxh5 mit dem Bauern nehmen nebst Matt über die g-Linie. Nach einer Minute entschied sich Mickey für eine andere hübsche Idee ohne das Risiko, sich bei taktischen Verwicklungen zu verrechnen. Er schickte beide Springer Richtung Feld d4 (27...Sd7 war der Anfang), das kann man kaum kritisieren - schliesslich behält es alle Trümpfe in einer Stellung, die der Gegner gewinnen muss.

Eher kann man Mickey dafür kritisieren, dass er später den forcierten Gewinn mit dem Turmopfer 44...Txh3! übersah, aber auch hier wollte er nur seine Dominanz aufrecht erhalten und den Gegner zwingen, in miserabler Stellung auf Gewinn zu spielen. Unerwarteterweise kippte die Partie dann allerdings im 51. Zug komplett:


Nach 51…exd4! steht Schwarz immer noch klar besser, aber nach 51…Dxd4? 52.Sd6! stand plötzlich eine Stellung auf dem Brett, die Schwarz mit klassischer Bedenkzeit durchaus bereits aufgeben kann. 52...Txb4? scheitert an einer teuflischen Pointe:

‌In der Vorausberechnung dachte Mickey sicher, dass 52...Txb4 für Schwarz locker gewinnt. Aber 53.Da2! ist dann vernichtend, da er f7 nicht verteidigen kann.

Stattdessen wählte Mickey 52…Dxb4 53.Sxb5 Dxc5!? (53…cxb5 verliert weniger Material, aber Schwarz kann das Endspiel nach 54.Dxb4 axb4 kaum halten), und sobald Lukes Mehrturm in das Geschehen eingreifen konnte gab Adams auf.

Damit schien das psychologische Momentum auf Lukes Seite, aber vielleicht überschätzen wir die Rolle von derlei Faktoren im Schach. Die 5+3 Blitzpartien hatten denselben Verlauf: wieder hatte Mickey zunächst Weiß, dominierte positionell und spielte auch viel schneller als der Gegner. Wieder übersah Mickey einige taktische Chancen, aber die Stellung war bei wenig Bedenkzeit zu kompliziert (und schlecht) für McShane. Passenderweise endete die Partie mit einem Familienschach:

‌Mickey Adams führt wieder. Luke McShane muss erneut gewinnen, um in der britischen Meisterschaft Armageddon zu erreichen!

Luke stand damit mit Weiß erneut unter Siegzwang, aber nachdem er auf einen möglichen Opferangriff gegen den schwarzen König verzichtete stand Adams erneut komfortabel. Das Ende kam, als Adams diesmal seinen Vorteil taktisch verwertete:


32…Txd2! 33.Txd2 Sxe4 34.Td8 (ein subtiler Fehler - nach 34.Tb2! Lxf5 35.Lc2! kann Weiß 35…Sxg3? mit 36.fxg3! beantworten, da der Lc2 gedeckt ist) 34…Lxf5 35.Lc2 Sxg3! und Weiß hatte keine Chance auf den notwendigen Sieg. Mickey konnte dann Partie und Stichkampf mit einer weiteren Springergabel beenden!

‌Gratulation an Mickey Adams für seinen 6. britischen Meistertitel, 29 Jahre nach seinem ersten!

Mickey Adams bekam als Sieger 10,000£, Luke McShane erhielt für Platz zwei 5,000£. Im Jux nannte Danny Gormally Luke den “Jimmy White des britischen Schach” - eine Anspielung auf den sehr talentierten und populären englischen Billardspieler, der zu einem gewissen Zeitpunkt fünfmal nacheinander im WM-Finale stand aber nie gewinnen konnte.

Mickey sagte bei der Siegerehrung einige Worte:

‌Video mit Mickey Adams, britischer Meister 2018. Er bekommt seine Trophäe und hält eine kurze Rede. Gratulation an Mickey!

Das war Adams' 6. Titel nach zuvor 1989, 1997, 2010, 2011 und 2016. Jovanka Houska kann sich nun damit brüsten, dass sie den Damentitel in den letzten 11 Jahren 8-mal erhielt. Ihr Preisgeld war 1,000£, im Gesamtturnier teilte sie mit 5/9 den 19. Platz und hatte einen halben Punkt Vorsprung auf Akshaya Kalaiyalahan.

Neben der britischen Meisterschaft gab es diverse andere Turniere, am interessantesten vielleicht das Major Open - nicht wegen des Siegers Thomas Villiers sondern wegen des Auftritts von Englands vielverprechendstem Schachjunior, der 9-jährige Shreyas Royal. Royal, letztes Jahr Zweiter bei der Europameisterschaft U8, gewann Partien sowohl technisch als auch mit taktischen Motiven:


39…Txg2! und wenige Züge später gab Weiß auf. Gegen den Turniersieger spielte er eine hervorragende Partie, auch wenn er am Ende patzte. Insgesamt gewann er in Wirklichkeit 104.8 Elopunkte und hat nun 2000+:


Beeindruckend war dabei, unter welchem Druck er dieses Ergebnis erzielte. Dieses Kind war vielleicht der "prominenteste" Teilnehmer der britischen Meisterschaft, nachdem er mitten in einem politischen Sturm landete.

‌Schachtalent Shreyas Royal will weiterhin in Großbritannien leben, hier mit den Weltmeistern Magnus Carlsen und Vishy Anand.

Royal wurde in Indien geboren und zog mit seiner Familie im Alter von 3 Jahren nach England. Nun droht, dass er nach Indien zurückkehern muss, da das 5-jährige Arbeitsvisum seines Vaters demnächst abläuft. Zwei Mitglieder des britischen Parlaments, Rachel Reeves and Matthew Pennycook, unterstützen die Bitte der Familie, dass sie und ihr talentierter Sohn in England bleiben dürfen. Dabei betonten sie die kuriose Regel, dass der Vater bei einem Jahreseinkommen von 120,000£ seinen Aufenthalt verlängern könnte:

‌Die Regierung will ein 8-jähriges Schachtalent zwingen, das Land nächsten Monat zu verlassen, da sein Vater pro Jahr weniger als 120.000£ verdient.

Großbritannien sollte sein grösstes junges Talent nicht deportieren. Sajid David sollte eingreifen und Shreyas erlauben im einizgen Haus zu bleiben, an das er sich ernnern kann.

Diese Geschichte wurde unter anderem von BBC und Guardian aufgegriffen. Einige verwendeten sie als Metapher für Brexit Britain, darunter der Schauspieler (Monty Python und Fawlty Towers) John Cleese:

‌Schachtalent Shreyas Royal und seinen Eltern droht die Deportation. die Familie kann ihre Visa nicht verlängern, da der Vater pro Jahr weniger als 120.000£ verdient.

Charakteristisch für diese furchtbare Regierung, dass Geld mehr wert ist als Talent

Wie bei jedem Thema, das auch nur entfernt mit Brexit zu tun hat, sollte man die Kommentare lieber nicht lesen. Sie werden von Leuten dominiert, die keine Ausnahmen bei Einwanderungsregeln wollen, erst recht nicht für ein Spiel wie Schach. Hoffentlich wird das WM-Match im November in London derlei Einstellungen etwas ändern!

Siehe auch:


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