Allgemein 05.11.2014 | 13:52von

Mensch gegen Maschine: Ein Dichter über Kasparov - Deep Blue

Zwei Kämpfer - Zbigniew Herbert und Garry Kasparov | Fotos: Fundacja im. Zbigniewa Herberta und The Man vs. The Machine 

Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, dass beim Schach Menschen keine Konkurrenz mehr für Computer sind. Aber das war nicht immer so. Als Garry Kasparov 1997 gegen Deep Blue antrat, hatten wir gute Gründe, an den Spieler aus Fleisch und Blut zu glauben. Ein neuer Dokumentarfilm von ESPN sieht den Grund für Kasparovs Niederlage darin, dass dieser einen Softwarefehler für Tiefgründigkeit hielt. Da jedoch am 29. Oktober der 90. Geburtstag des großen polnischen Dichters Zbigniew Herbert ist, veröffentlichen wir eine ganz andere Perspektive auf die Partie. Herberts Gedicht “Schach” ist ein Klagelied darüber, wie "das Königsspiel /in die Hände von Automaten fällt", und es endet mit dem Appell: "Wir müssen aufs Neue beginnen / eine Reise zur Imagination".

Die Maschinen erwachen

Die zwei Partien zwischen Deep Blue von IBM und dem Schachweltmeister Garry Kasparov waren die Krönung des Traums, dass Maschinen Schach beherrschen könnten - ein Spiel, das einst (und vielleicht immer noch) als Prüfstein des Intellekts betrachtet wurde. Eine Schlüsselfigur bei dieser Suche war der britische Mathematiker Alan Turing, der 1951 das erst Schachprogramm (auf Papier) veröffentlichte. Der jüngst angelaufene Film “The Imitation Game” dürfte Turings Ansehen noch weiter steigern, wobei Dominic Lawson einen Artikel in dem populären britischen Veranstaltungsmagazin Radio Times mit "Benedict Cumberbatch and The Imitation Game will turn chess geeks into heroes" betitelte.

Garry Kasparov spielte 2012 tatsächlich gegen Turings Programm, und zwar bei einer Konferenz zum hundertsten Geburtstag des Mathematikers.

Der Sieg des Drachen

Garry Kasparov nach seiner Niederlage in der finalen Partie des zweiten Matches | Screenshot: The Man vs. The Machine

Computer haben sich allerdings während der 45 Jahre, die zwischen diesem Prototyp und der ersten Partie von Kasparov gegen Deep Blue liegen, immens weiterentwickelt. 1996 verlor die von IBM spezialangefertigte Maschine in Philadelphia einen Wettkampf von sechs Partien mit 4:2, aber erst nachdem die Maschine Kasparov in der ersten Partie den Kopf gewaschen hatte.

Beim Rematch, das ein Jahr später in New York stattfand, gab es eine erweiterte Version des Computers und noch größere Erwartungen. Es begann laut Nate Silver gut - das entsprechende Kapitel seines Buchs “The Signal and the Noise: Why So Many Predictions Fail – but Some Don’t” wurde bei FiveThirtyEight veröffentlicht – doch der große Wendepunkt kam, als Kasparov kurz davor stand, die erste Partie zu gewinnen:


Kasparov-Deep Blue nach 44.f6

Der offensichtlichste Versuch, 44…Tf5+, scheitert ebenfalls irgendwann, aber der Zug von Deep Blue, 44…Td1, wehrt eine Niederlage in keinster Weise ab, und tatsächlich gibt Deep Blue (oder sein Computer-Bediener, der hier von Dominic Lawson interviewt wurde) nach 45.g7 auf.

Das Problem allerdings, und dies ist auch das Kernstück von Frank Marshalls neuem Dokumentarfilm "The Man vs The Machine" (oben oder hier anzusehen), war, dass sich Kasparov sowohl während der Partie als auch danach mit der Frage herumschlug, warum der Computer solch einen unerklärlichen Zug gemacht hatte. Er gelangte zu der Schlussfolgerung, dass Deep Blue weiter vorausgesehen haben musste als er es zuvor für möglich gehalten hätte. Zutiefst verunsichert, verlor Kasparov seine Nerven und glaubte an die Maschine, als er in der nächsten Partie in einer Remis-Stellung seine Niederlage erklärte, und den Wettkampf verlor, ohne eine weitere Partie zu gewinnen.

Das nächste Mal, dass wir Kasparov looking so unglücklich sagen war beim Weltmeisterschaftsmatch gegen Vladimir Kramnik | Screenshot: The Man vs. The Machine

Die Pointe hierbei ist, dass der mysteriöse Zug offenbar nichts anderes als ein Softwarefehler war - als Deep Blue infolge einer Fehlfunktion nicht in der Lage war, sich für einen Zug zu entscheiden, machte er einen komplett willkürlichen Zug. Kasparovs menschlicher Drang, hinter diesem Schritt eine Bedeutung zu finden, markierte seinen Niedergang... zumindest ist das die Geschichte. Mig Greengard, die rechte Hand von Garry Kasparov, weist diese Version der Ereignisse zurück:

Ein Messer zwischen seinen Zähnen

Er meinte nicht im guten Sinne... | Screenshot: The Man vs. The Machine

Der Film stellt natürlich sehr klar heraus, dass Kasparov glaubte, der Computer habe unfaire Unterstützung von seinem menschlichen Assistententeam erhalten. 

Sie können sich diesen gleichzeitig heiklen und lustigen Moment ansehen, als er auf die Frage von Maurice Ashley mit einer Fußball-Analogie antwortete:

Es erinnert mich an das berühmte Tor, das Maradona 1986 gegen England schoss. Er sagte, es sei die Hand Gottes gewesen… 

Es war das bittere Ende eines Matchs, dessen Ausgang die gängige Vorstellung, Schach mit menschlicher Intelligenz zu assoziieren, bereits ins Wanken gebracht hatte. Sollten wir also niedergeschlagen sein? Zwei bekannte Persönlichkeiten der Schachwelt äußern in dem Film ihre Meinung.

Bruce Pandolfini: "Ich bin mir nicht sicher, ob es die Hochhaltung der Menschheit überhaupt brauchte!" | Screenshot: The Man vs. The Machine

Zuerst Bruce Pandolfini, ein Schach-Autor, Lehrer und Coach, der einst von Ben Kingsley in dem Film Searching for Bobby Fischer dargestellt wurde:

Kasparov versuchte in gewissem Sinne, die Menschheit aufrecht zu halten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschheit eine Aufrechterhaltung brauchte. Menschliche Wesen haben Deep Blue programmiert. Bei Deep Blue handelt es sich immer noch um eine Repräsentation der menschlichen Intelligenz.

Joel Benjamin, ein US-amerikanischer Schachgroßmeister, der als Berater für IBM tätig war, stimmte ihm zu:

Wir haben es als Mensch, der Werkzeugmacher, gegen Mensch, den Künstler, betrachtet. Der Künstler ist sehr wichtig, aber das ist auch der Wissenschaftler und der Werkzeuger, und wir müssen beides weiterentwickeln.

Womit wir zum Dichter kommen…

Eine Reise in die Imagination

Zbigniew Herbert | Foto: Fundacja im. Zbigniewa Herberta

Zbigniew Herbert (1924-1998) war einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts und wird weithin als mindestens ebenbürtig mit seinen polnischen Zeitgenossen Czesław Miłosz and Wisława Szymborska betrachtet, die beide den Literatur-Nobelpreis erhielten. Geboren in Lwów (Lemberg), als es noch eine polnische Stadt war, lebte er während der deutschen und später der sowjetischen Besatzungszeit Polens.

Ein wiederkehrendes Thema seines Werks war die Gefahr, die mit wissenschaftlichem Fortschritt einhergeht - zumindest wenn etwas erschaffen wurde, was Menschen nicht begreifen konnten. Er betrachtete Joel Benjamins Werkzeugmacher mit Unbehagen. 

So finden wir zum Beispiel in “Still Life with a Bridle”, einem Prosaband, der sich mit Kunst und Geschichte der Niederlande beschäftigt, einen apokryphen “Brief”. Er wurde vermutlich von dem in Delft geborenen Künstler Johannes Vermeer (1632-1675) an seinen Zeitgenossen Antonie van Leeuwenhoek (1632-1723), den “Vater der Mikrobiologie”, geschickt. Der Wissenschaftler hatte Vermeer soeben die “wahre Natur” eines Wassertropfens unter dem Mikroskop gezeigt: “Ich dachte immer, er wäre klar wie Glas, aber in ihm schwirren fremdartige Wesen herum wie in einer durchsichtigen Hölle, die von Bosch erschaffen wurde.”

Vermeer erklärt seine Bedenken:

Ich fürchte, dass Sie und Menschen wie Sie zu einer gefährlichen Expedition aufbrechen, die der Menschheit nicht nur Gutes, sondern auch großen, irreperablen Schaden zufügen kann. Ist Ihnen aufgefallen, dass die Ziele immer weiter in die Ferne rücken und schwerer zu fassen sind, je mehr sich die Mittel, die Betrachtungsgegenstände, verbessern. Mit jeder neuen Entdeckung öffnet sich ein neuer Abgrund, und wir sind in dieser mysteriösen Leere des Universums sogar noch einsamer als zuvor.

Als die Deep-Blue-Partie stattfand, war Herbert infolge von schwerem Asthma bettlägrig. Nach Kasparovs Niederlage sollte er nur noch ein Jahr leben, aber kurz vor seinem Tod konnte er noch einen letzten Gedichtband veröffentlichen: “Epilog an einen Sturm”. Eines der Gedichte handelt vom Wettkampf zwischen Mensch und Maschine (Originalgedicht auf englisch):

Chess

awaited 
in great anticipation
the match between a man
distinguishing trait: a knife between his teeth
and the monster of a machine
distinguishing trait: Olympic calm
ended in the victory of the dragon

for nothing
poems ripened
in the gardens of Andalucía
the nouveau riche
Deep Blue
elbows his way across squares
sewn from a Harlequin’s cloak
a mocking ignoramus
stuffed
with all the openings
attacks defences
and finally with a joyful
hallali above the corpse
of his opponent                                 

and so
the royal game
passes into the hands
of automatons                  

it needs to be snatched by night
from the prison camp                    

when the mind slumbers
machines awaken                            

we must begin again
a journey to the imagination


Zbigniew Herbert

Herbert hatte im Auge, wie Schach nach Europa kam: über Andalusien, wo sich arabische, jüdische und spanische Kultur vermischten. Hier steht ein jüdisches Schachbrett im Mittelpunkt einer Ausstellung im Palacio de los Olvidados in Granada.

Im Werk des polnischen Dichters ist dies nicht die einzige Bezugnahme auf Schach. Sein Gedicht “Ein Leben” beinhaltet den Zweizeiler:

Ich weiß, ich bin nicht weit gekommen – ich habe nichts erreicht
Sammelte Briefmarken Heilkräuter spielte ganz okay Schach

In seinem bekannten Gedicht “The Return of the Proconsul” – eine Parabel auf Herberts eigenes Dilemma über eine Rückkehr in das sowjetische Polen – hat der römische Imperator genug von

                                                               …endlosem Schach
dieser linke Kelch ist für Drusus benetze deine Lippen mit dem anderen
dann trink nur Wasser verlier Tacitus nicht aus dem Blick
geh hinaus in den Garten und kehre zurück, wenn sie den Körper schon hinaustragen

Und zuletzt… es ist interessant zu wissen, dass die Übersetzung von Herberts Gedicht “Wenn die Welt stillsteht” ein gewisses Schachwissen voraussetzt, obwohl eine perfekte Übersetzung unmöglich bleibt. Das Problem besteht darin, dass “Pferd” auf Polnisch eine zwar etwas umgangssprachliche aber korrekte Art ist, über einen “Springer” zu sprechen, während dasselbe Wort, das für ein normales “Feld” verwendet wird, wie auch im Deutschen ein Feld auf dem Schachbrett bezeichnet. Außerdem wissen wir, dass Springer von ihrer Position auf Felder der anderen Farbe springen...

Die Standardübersetzung dieses Prosagedichts enthält die Worte “und die Pferde ziehen vom schwarzen Feld auf das weiße Feld”, aber eine alternative Lesart kann auch sein:

Wenn die Welt stillsteht

Es passiert sehr selten. Die Erdachse kommt quietschend zum Stillstand. An diesem Punkt steht alles still: Stürme, Schiffe und die Wolken, die die Täler berühren. Alles. Sogar Pferde auf der Weide erstarren wie in einer ungespielten Schachpartie.   

Aber einen Moment später setzt sich die Welt wiedre in Gang. Der Ozean schluckt und stößt neue Wellen hervor, die Täler werden getränkt und die Springer ziehen von einem schwarzen Feld auf ein weißes Feld. Man hört außerdem den schallenden Krach von Luft gegen Luft.


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