Features 05.03.2014 | 12:30von GM Jan Gustafsson

Meister und Meyer Episode 1

Herzlich willkommen zu unserer brandneuen Serie "Meister und Meyer"! In dieser werden wechselnde Großmeister und Internationale Meister (meistens ich) die Partien von diversen Clubspielern (meistens Simon Meyer) unter die Lupe nehmen. 

Die Idee zu diesem Feature entstand, weil Simon sein Partieformular auf dem Schreibtisch liegen gelassen hat wurde in monatelanger Benchmark-Analyse ausgetüftelt, während derer wir zu dem Schluss gekommen sind, dass die potentielle Leserschaft sich nicht nur für Carlsen und Co., sondern auch für die schachlichen Probleme von Normalsterblichen interessiert.

Bevor wir uns der Partie zuwenden, stellen wir kurz den Protagonisten unserer Pilotfolge vor.

Simon Meyer, Schachspieler und Programmierer. Nicht zu verwechseln mit dem professionellen Stuntman gleichen Namens

Simon Meyer hat eine Elo von 1862 und eine DWZ von 1731 und ist damit ein gehobener Vereinsspieler und die Nummer 20.524 in der deutschen Rangliste.

Er spielt beim Hamburger Schachklub in der achten Mannschaft und nimmt außer in Mannschaftskämpfen selten an Schachturnieren teil (@Simon: Wie siehts dieses Jahr mit Thailand Open aus?)

Trotz der geringen Aktivität scheint er mir im letzten Jahr Fortschritte gemacht zu haben, die vielleicht auch an seiner Arbeit an der chess24-Mobile App liegen...


Auch in seiner Freizeit ist Simon als App-Entwickler aktiv und hat gerade das Worldquiz, ein Geoquiz in 3D fürs Iphone herausgebracht. Sorry, die Werbung musste sein, sonst hätte er das Partieformular nicht rausgerückt.

Unsere heutige Partie stammt aus dem Wettkampf seiner Mannschaft HSK 8 gegen Bille 1, gespielt in der Hamburger Stadtliga. Simon bekommt es an Brett fünf mit dem nominell überlegenen Olaf Dörge (Elo 2031) zu tun. 

1. e4 Simon ist ein eingefleischter e4 Spieler und damit eher Niclas' als meine Zielgruppe. Der nächste Schritt in der Meyersance sollte es sein, das schottische Gambit aus dem Repertoire zu verbannen, aber dies ist nicht Thema unserer heutigen Folge (und hoffentlich auch nicht der nächsten!)

1... c5 2. ♘f3 d6 3. d4 cxd4 4. ♘xd4 ♘f6 5. ♘c3 g6 Die Drachenvariante erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit auf jedem Niveau. Das Läuferfianchetto ist positionell sehr gesund, was bedeutet, dass der Anziehende es nur durch Aggression wirklich in Frage stellen kann, bietet g6 doch eine Angriffsmarke im zukünftigen Heim des schwarzen Herrschers. Ob diese ähnlich fatale Folgen haben kann wie der Lüftungsschacht des Todessterns, ist bis heute nicht abschließend geklärt.

6. ♗e3 ♗g7 7. f3 Die Hauptvariante und Vorbereitung für den erwähnten Plan, die schwarze Königsbastion mit einem Bauernaufmarsch zu attackieren.

7... ♘c6 8. ♕d2 0-0 9. g4! Das Ausrufezeichen ist natürlich sehr subjektiv. Mir gefällt dieser Zug und ich halte ihn für mindestens ebenso kritisch wie die beiden theoretischen Hauptvarianten

9. 0-0-0 und

9. ♗c4

9. g4 hat gegenüber den Alternativen einige Vorteile: 

 - Es unterbindet den schwarzen Vorstoß ...d5 im Zentrum, welcher nun wegen g5 und Bauernverlust nicht spielbar wäre. d5 ist das prinzipielle Gegengift gegen 9.0-0-0 und ein Bereich, in dem Weiß zuletzt keine Vorteil erzielen konnte. Der weiße König legt sich noch nicht fest. Zwar wird er aller Voraussicht nach lang rochieren, aber fürs Erste erhält Schwarz keine Angriffsmarke am Damenflügel.

 -Ähnliches gilt für den weißfeldrigen Läufer. Sobald dieser nach c4 geht, kann Schwarz seinen Plan auf diesen ausrichten, sei es mit Se5 nebst Ld7, Tc8 und Sc4 oder mit Sxd4 und Le6, beide Systeme zwingen den Läufer zu einer Erklärung und erleichtern dem schwarzen das Leben, indem sie ihm einen klaren Plan geben. Oder, in Simons Worten: "g4, h4 und dann mal gucken".

9... ♘xd4 Einer der Hauptzüge und keineswegs schlecht. In meiner in grauer Vorzeit und für die ferne Zukunft geplanten Drachenserie werde ich den etwas krumm wirkenden Zug

9... ♗e6 als Gegengift gegen g4 empfehlen. Schwarz legt sich noch nicht fest und provoziert den Gegner, mit 10. ♘xe6 fxe6 die f-Linie (halb) zu öffnen, wonach einer der wenigen Nachteile von g4 zutage tritt: Der Bauer f3 hat seinen Schutz durch den Nebenmann auf g2 verloren und kann vom f8-Turm ins Visier genommen werden. Der Ehrlichkeit halber sei angemerkt, dass auch nach 9...Le6 das schwarze Leben keineswegs einfach ist, g4 is ist ein guter Zug!

10. ♗xd4 ♗e6 Weiter Hauptvariante. Schwarz plant in der Regel, mit Da5, Tfc8 und gegebenenfalls Lc4 fortzusetzen.

11. h4 Bleibt der "g4, h4, ma gucken" Philosophie treu und macht weiter nützliche Züge, ohne den König zu bewegen.

11. 0-0-0 ♕a5 12. h4 ♖ab8! ist ok für Schwarz.

11... h6? Der erste ernste Fehler der Partie. Einem weißen Bauernvormarsch mit g4 und h4 mittels h6 und g6 zu begegnen, kann durchaus Sinn machen. Der Zug verfolgt die Idee, weißes h5 zu entkräften, worauf der Nachziehende nun mit g5 reagieren könnte, was den Königsflügel verschlossen hält. Ebenso wichtig ist es jedoch, den anderen weißen Hebel g5 mit h5 beantworten zu können. Dies ist hier wegen des Angriffs auf den Springer nicht möglich. Besser ist der Normalzug

11... ♕a5 nach dem konsequenten 12. h5 ♖fc8 ist die Theorieschlacht in vollem Gange. Sollte Schwarz unbedingt den gegnerischen h-Bauern stoppen oder den eigenen ziehen wollen, ist

11... h5 die bessere Wahl.

12. g5! Simon lässt sich nicht zweimal bitten und öffnet ohne Verzug die Lüftungsschächte.

12... ♘h5 Das geringste Übel.

12... hxg5 13. hxg5 ♘h5 14. f4! wird nicht gut ausgehen, die offene h-Linie und das drohende weitere Aufrollen mit h5 stellen den Drachen bereits vor unlösbare Probleme.

13. gxh6? Verspeist zwar den Bauern auf h6, gibt das durch diesen Zug ausgesprochene Kompliment aber dennoch zu großen Teilen zurück. Deutlich präziser war es, davor

13. ♗xg7 ♔xg7 einzuschalten und erst jetzt zuzugreifen 14. gxh6+ ♔h7 15. 0-0-0 mit deutlichem Vorteil. Der weiße Plan besteht erneut darin, mit f4-f5 gegen den König vorzugehen, häufig unterstützt von Tg1 und Tg5. Der Mehrbauer ist zwar derzeit irrelevant, die Schwächung des Punktes g6 aber nicht.

13... ♗e5 Auch diesen Zug hätte Weiß verhindern können, hätter er vorher die Läufer getauscht. Das größere Problem der gewählten Zugfolge bestand jedoch in

13... ♗xd4! 14. ♕xd4 ♕b6! Wegen des angegriffen Bauerns auf b2 (hier rächt sich zur Abwechslung einmal die zurückgestellte lange Rochade) bleibt nichts Besseres, als mit 15. ♕xb6 axb6 die Damen zu tauschen. Weiß mag noch einen Minivorteil haben, aber der Schwarze kann sich nun jederzeit mit Kh7 und Kxh6 den Bauern zurückholen und ist wieder voll im Geschäft.

14. 0-0-0 Das Werk am Königsflügel (Linien öffnen) ist vorerst getan, Zeit den eigenen Herrscher auf seinen angestammten Platz zu bringen.

14. ♗xe5 dxe5 ist grundsätzlich aus weißer Sicht nicht sonderlich erstrebenswert, da der Bauer e5 dem schwarzen Springer einen schönen Stützpunkt auf f4 verschafft.

14... ♕a5 15. ♗h3 Ein sehr logischer Zug. Der Läufer auf f1 hatte nicht viel zu tun und er soll daher gegen seinen produktiveren Kollegen auf e6 abgetauscht werden. In Frage kam auch, zunächst mit

15. ♔b1 den König weiter in Sicherheit zu bringen. Es wird gemunkelt, dass die "lange Rochade" so heißt, weil sie in aller Regel einen Zug länger dauert und erst mit Kb1 wirklich vollendet ist. Im Gegensatz dazu landet der König bei der kurzen Rochade in nur einem Zug auf dem entsprechenden Feld g1. Kb1 hätte auch die Vorteile , der latent nervigen schwarzen Option Lf4 aus dem Weg zu gehen und den Bauern a2 zu überdecken.

15... ♗xh3

15... ♗xa2 kam ebenfalls in Betracht, um den Bauern zurück zu holen und gleichzeitig das Spiel zu komplizieren. Weiß bleibt am Drücker, muss aber sehr konkret spielen, 16. ♗xe5 dxe5 17. ♕g5! hält den Vorteil fest.

16. ♖xh3 ♔h7 Mit Remisangebot. Aufgrund der nominellen schwarzen Überlegenheit durchaus verlockend. 

Simon besann sich auf seine neue Schachphilosophie, "WWMM?" Dieses steht für "Was würde Magnus machen?" Sich diese Frage regelmäßig zu stellen, wurde ihm vor der Partie von Ilja eingeimpft. Und nachdem der innere Dialog mit "Magnus würde hier niemals Remis annehmen" beendet wurde, ging die Partie weiter!

16... ♗f4! 17. ♗e3 ♗e5 wäre eventuell eine diskretere und auch objektiv stärkere Form gewesen, das Remis durch Zugwiederholung anzubieten.

17. ♗xe5 Wie oben erwähnt, sagt mir dieser Zug aus allgemeinen Erwägungen nicht sonderlich zu, da er Schwarz die Chance gibt, mit dem Bauern zurück zu nehmen und sich ein sonniges Plätzchen auf f4 für den Springer zu sichern. Ich votiere nach wie vor für

17. ♔b1

17... ♕xe5

17... dxe5! , s.o.

18. ♘d5 überdeckt f4 und provoziert den Schwarzen, mit e6 seinen Bauern d6 zu schwächen. Ein guter Zug also, auch wenn ich wie üblich

18. ♔b1 den Vorzug gegeben hätte.

18... ♖ac8 Der Springer auf d5 sollte nicht lange toleriert werden, Schwarz hätte ihn trotz der damit verbundenen Lockerung mit

18... e6 vertreiben sollen. 19. ♘c3 ♖fd8 20. ♔b1 und Weiß steht nur minimal besser.

19. ♖e1 Bereitet f4 vor. Dies ging auch sofort,

19. f4 ♕xe4 20. ♖e3 ♕c4 21. ♘xe7 mit Vorteil. (21. f5 )

19... ♕e6 lässt den Springer weiter auf d5 schalten und walten. Immer noch

19... e6 20. f4! ♕h8 21. ♘c3 löst die schwarzen Probleme allerdings auch nicht mehr

20. ♖hh1 ♘f6 21. ♕g5

21. ♔b1!

21... ♖c5! 22. h5

22. ♔b1!

22... ♖g8! Schwarz setzt sich nach Kräften zur Wehr und hat die nächsten Angriffswelle zunächst abgewehrt. Er krankt jedoch nach wie vor daran, dass sein König offener ist als der gegnerische (wenn dieser denn endlich mal nach b1 gehen würde!)

22... ♘xd5? 23. exd5 ♕xd5 24. hxg6+ fxg6 25. ♖xe7+ endet böse

23. hxg6+

23. ♖hg1 ♘xh5

23... ♖xg6 24. ♕d2 ♘xd5 25. exd5 Die Stellung hat eine Transformation vollzogen und wir haben ein reines Schwerfigurenendspiel. Weiß steht besser (xKh7), die aktiven schwarzen Türme halten ihn aber weiter im Spiel.

25... ♕f6 Sehr naheliegend, aber ein Fehler. Es war sehr wichtig, den nächsten Zug zu verhindern, was mit

25... ♕f5! zu erreichen war. Nach 26. ♖xe7 ♖xd5 27. ♕f2 bleibt der weiße Vorteil im erträglichen Rahmen.

26. ♕d3! stark gespielt! Der f3 wird gedeckt, der g6 wird gefesselt und der schwarzen Dame wird das schöne Feld f5 genommen. Ich mag Multifunktionszüge, wenn auch nicht so sehr wie

26. ♔b1!

26... ♕f4+? schon deshalb ein Fehler, weil Simon dadurch zu Kb1 gezwungen wird, wogegen er sich bisher recht hartnäckig geweigert hat. Die Dame verliert den e7 aus dem Blick und hat auch sonst nicht viel auf f4 verloren. Besser war ein neutraler Zug wie zum Beispiel

26... b5

27. ♔b1 besser spät als nie...

27... e5? Ein Fehler kommt selten allein, dieser Zug beendet de facto die Partie. Angezeigt war der reumütige Rückzug

27... ♕f6 auch wenn Weiß dank des Zeitgewinns jetzt sehr klar besser steht. Am Stärksten ist 28. f4!

28. dxe6 fxe6 29. ♖xe6 winning by pinning! Das muss er übersehen haben. Nichts geht mehr, Simon vollstreckt sauber und elegant.

29... ♖g5 30. ♖e7+ ♔h8 31. ♕c3+! ♖e5 32. h7! ♕f5 33. ♖e8+! Sehr ästhetisch, das viele Testen unseres Taktiktrainers macht sich bezahlt. Weiß bekommt eine Zweitdame, daher erfolgte hier die Aufgabe. 

1-0

Eine starke Partie von Simon und sicher nicht der beste Tag seines Gegners. Aus Kommentatorensicht gab es leider nur wenig instruktive Meyersche Fehler, so dass der Lerneffekt sich eventuell in Grenzen halten wird.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und bis zur nächsten Folge! Sollte dieses Format auf Interesse stoßen, werden wir zeitnah mit Operation "C24SDNSM" (chess24 sucht den nächsten Simon Meyer) beginnen. 


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