Berichte 13.03.2019 | 12:15von Colin McGourty

Mannschafts-WM Runde 6-7: Der Moment der Wahrheit

Das chinesische Frauenteam geht mit einer 3-Punkte-Führung in die finalen zwei Runden der Mannschaftsweltmeisterschaft, nachdem die Ukraine und Russland sich in Astana in Runde 7 mit einem 2:2 trennten. Der Kampf im offenen Turnier ist viel enger. Dort führt Russland mit lediglich einem Punkt vor England, nachdem Vladislav Artemiev den Russen zu einem knappen Sieg über die USA verhalf. Indien, die in der letzten Runde gegen Russland spielen, sind zwei Punkte zurück, während China es nicht geschafft hat, die Lücke von vier Punkten zu Russland zu schließen, der sie aufgrund ihres katastrophalen Starts seit Beginn des Turnieres hinterherlaufen.

Ding Yixin und Huang Qian halfen China beim 4:0 Sieg über Ägypten | Foto: David Llada, Turnierseite

Fangen wir mit den Frauen an: China hat dort sein Schicksal absolut in eigener Hand. Sie haben drei Punkte Vorsprung, was bedeutet, dass ein Sieg über die USA in Runde 8 ihnen die Goldmedaille garantieren würde. Zumal die USA zuvor gegen Indien mit 0:4 verloren haben. Wenn die Chinesinnen gegen die USA verlieren oder Remis spielen, ist es immer noch nicht vorbei, denn in der letzten Runde wartet mit den Ukrainerinnen eine knifflige Aufgabe.

Russland gewann in Runde 6 gegen die USA | Foto: David Llada, Turnierseite

So sieht es nun in der Tabelle aus, nachdem in Runde 6 alle Favoriten gewannen haben, auch wenn nicht immer ohne kuriose Momente. Russland gewann dank des sechsten Siegs in Folge von Aleksandra Goryachkina, dieses Mal gegen die 15-jährige Chinesin Carissa Yip. Das Match hätte jedoch überzeugender ausgehen können, wenn Kateryna Lagno gegen Tatev Abrahamyan weitergespielt hätte, anstatt sich mit einem Remis durch Zugwiederholung zu begnügen.

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass Tatev Abrahamyan am Ende der Partie Hypnose einsetzte! | Foto: David Llada, Turnierseite

Etwas noch seltsameres geschah in Chinas Match gegen Indien. In der einzigen entschiedenen Partie hatte Lei Tingjie gegen Kulkarni Bhakti eine überwältigende Stellung. Gegen Ende griff sie allerdings fehl und nach 46.b6 war die Stellung bereits wieder ausgeglichen:


Oder zumindest wäre sie ausgeglichen gewesen, wenn Schwarz hier nicht aufgegeben hätte! Vielleicht sah die indische Spielerin keine Verteidigung nach 46…Lxa4 47.b7, aber zuerst 46…Lc2+! macht einen riesigen Unterschied. Nach 47.Le4 Lb3! gewinnt möglicherweise sogar Schwarz, während Schwarz auf a4 nehmen kann, wenn der König zieht und die Ressource ...Lh2 den b-Bauern dann rechtzeitig aufhalten wird. 

Mariya wird die Niederlage ihrer Schwester Anna wettmachen | Foto: David Llada, Turnierseite

China machte in der folgenden siebten Runde nicht einen Fehler, als sie Ägypten mit 4:0 von den Brettern fegten, während Russland gegen die Ukraine im Match des Tages nicht über ein Unentschieden hinaus kam.

Anna Muzychuk musste schwer für einen Bauernraub bezahlen, aber ihre Schwester Mariya glich das Match mit einem Sieg über Kateryna Lagno aus. 24…De7?? war der krasse Fehler (24…Dc7 war einer von vielen Zügen, die völlig in Ordnung waren):


Woran liegt das Problem? 25.Lxh7! und es ist offensichtlich, dass Schwarz den Läufer nicht nehmen kann wegen 25…Kxh7 26.Lxf6+ und der Vorhang fällt. Kateryna spielte stattdessen 25…d4 und, wie Mariya es ausdrückt, “versuchte, ganz normal zu spielen, als ob sie es berechnet hätte”. Nach 26.Te1 Dxe1+ 27.Lxe1 Sxh7 allerdings waren die schwarzen Figuren nicht ansatzweise dazu in der Lage, der Kraft des weißen Läufers und der Dame gegen den exponierten schwarzen König Widerstand zu leisten.

Diese Ergebnisse lassen China bereits mit einer Hand an die Goldmedaille greifen, während die "üblichen Verdächtigen" Russland, Georgien und Ukraine aller Voraussicht nach den Kampf und Silber und Bronze ausfechten werden:

Rk.Team12345678910 MP  GP
1China41420,0
2Russia2341120,0
3Georgia2231019,0
4Ukraine2222341017,5
5India½2244816,5
6Kazakhstan1½22612,0
7United States of America½2033511,5
8Armenia½124312,0
9Hungary½111239,5
10Egypt00½00002,0

Der Vorsprung von Russland ist geringer

Arkadij Naiditsch hat einen +4 Score gegen Sergey Karjakin | Foto: David Llada, Turnierseite

Im offenen Turnier geht alles viel enger zu. In Runde 6 gab es sogar zwei völlig überraschende Ergebnisse: Russland kam gegen Aserbaidschan nicht über ein Unentschieden hinaus, nachdem Arkadij Naiditsch seinen Score im klassischen Schach gegen Sergey Karjakin auf +4 hochschraubte, bei unglaublichen 6 zu 2 Siegen und lediglich 2 Remis. Eine wilde Partie hätte sich zum Vorteil für Russland drehen können, nachdem Naiditsch mit 29…Rxe4?! die Qualität opferte.


Mit dem subtilen 30.Kf2! einen Schritt aus der Fesselung zu machen hätte Weiß großen Vorteil gegeben. Nach 30.Sxc3!? allerdings bekam Schwarz Gegenspiel and Naiditsch übernahm schnell das Ruder mit seinem Läuferpaar und den mächtigen Freibauern.

Ian Nepomniachtchi schaffte es, in einer wackligen Partie gegen Rauf Mamedov das Match auszugleichen, während Grischuk dazu gezwungen war, ein Turm vs. Turm + Springer Endspiel am Ende der Partie zu verteidigen. 

Alexander Grischuk ist in Astana bisher ungeschlagen, aber einfach war es nicht... | Foto: David Llada, Turnierseite

Aserbaidschan hat stark aufgedreht, nachdem sie in den ersten vier Runden drei Niederlagen kassierten. Naiditsch formulierte es so (und nahm damit Bezug auf eine berüchtigte Äußerung von Garry Kasparov):

Es ist zu spät, ein Comeback zu starten - wir sind doch alle Schachtouristen!

Die USA (3,5:0,5 gegen Schweden), Indien (3,5:0,5 gegen Kasachstan) und England (3:1 gegen Iran) wurden alle ihrer Favoritenrolle gerecht, wobei England sogar dem Umstand trotzte, dass Gawain Jones aufgrund einer Krankheit pausieren musste und für ihn der 62-ährige Jon Speelman eingewechselt wurde. Es war eine harte Aufgabe für ihn, denn der Gegner des englischen Veterans war der erst 15 Jahre alte Alireza Firouzja, der eine glanzvolle Partie spielte und nun fünf Siege aneinander reihen konnte, obwohl er einen verhaltenen Start hatte.

Jon Speelman stürzt sich ins Getümmel | Foto: David Llada, Turnierseite

Speelman hat in der Eröffnungen einen Bauern eingestellt und stand mit Zug 15 auf völlig verlorenem Posten, dennoch ist es immer ein schönes Spektakel, einen König mit Kg8-f8-e7-e6-f5-g4-h3 gegen den gegnerischen König marschieren zu sehen. #ETCC2019

Das einzige Team, das daraus keinen Vorteil zog, war China, die gegen Ägypten völlig überraschend nicht über ein 2:2 hinauskamen. 

Ahmed Adly hat keinen Grund, so sorgenvoll dreinzuschauen ... | Foto: David Llada, Turnierseite

Die Ägypter haben ihren ersten Punkt im Turnier eingesammelt, nachdem ein traumhaft anmutender Sizilianer für Wei Yi zu einem Albtraum wurde:


Der chinesische Star ist vermutlich der Schachspieler, den du dir aussuchen würdest, wenn es darum geht, diese Stellung in einem Match von Menschen gegen Aliens zu verteidigen, aber nach 21.Th6!? Le8! 22.Lb3!? Tc5! riss Schwarz die Initiative an sich und Ahmed Adly fuhr schlussendlich einen vernichtenden Sieg ein. In unserem Broadcast empfiehlt Stockfish 21.Td6 Re8 22.Thd1 und möchte später auf d7 die Qualität opfern, was Weiß einen großen Vorteil zu geben scheint. Andererseits meinte Adly nach der Partie, dass all' das noch Teil seiner Vorbereitung war. Wenn er also nichts verwechselt hat, gibt es ein paar versteckte Minen tief in diesem Variantendschungel!

Es lag also an Ni Hua, die Chinesen zu retten. Und er tat dies sogar auch in der nächsten Runde beim 2,5:1,5 der Chinesen über Schweden, indem er seine Partie gewann. 

Nach einem schlechten Start holte Ni Hua 2/2, wonach die chinesische Leistung dennoch weiterhin auf dem Level von "enttäuschend" stagniert | Foto: David Llada, Turnierseite

Wie in jeder Runde, nachdem man China in Runde 3 besiegte und einen Vier-Punkte-Vorsprung herausarbeitete, glichen sich die Resultate von Russland und China. Im Match gegen die USA holte Vladislav Artemiev den entscheidenden Sieg gegen Zviad Izoria.

Bisher ist es das Jahr von Vladislav Artemiev | Foto: David Llada, Turnierseite

Die Partie gegen Izoria war ein Beispiel dafür, wie schnell eine Stellung urplötzlich auseinander fallen kann, obwohl sie völlig unschuldig aussieht. Es passierte nach Izoria's 15…Thd8? (15…Tac8! war der Vorschlag von Artemiev):


16.Lg5! Das droht nicht nur e5, sondern macht auch das Feld c1 für einen Turm frei, um die ungedeckten schwarzen Läufer anzugreifen. Nach 16....h6 17.Tdc1! hxg5 18.Txc5 gewinnt Weiß den Bauern auf g5, während in der Partie 16…Txd1+ 17.Txd1 Ld6 folgte:


18.Txd6! Kxd6 19.e5+ Kxe5 20.Lf4+ Kf5 21.Lc2+ und Schwarz war gezwungen, Material zurückzugeben. Der Rest war leicht für einen Techniker seines Kalibers. 


Der 21-Jährige feiert beinahe einen perfekten Einstand im russischen Team und ist jetzt bereits die Nummer 17 in der Liveratingliste, lediglich 0,6 Punkte hier Karjakin und 2 hinter Nakamura.

Indien war ein weiteres Team, dass den wieder auftrumpfenden Aseris ein Unentschieden abnahm, was es England ermögliche, sie mit einem Sieg über Ägypten zu überflügeln. Dabei kehrte ein Muster aus den Anfangsrunden zurück, in denen Mickey Adams am Spitzenbrett verlor (dieses Mal gegen Bassem Amin), aber die unteren Bretter den Tag retteten - David Howell und Gawain Jones gewann beide ihre Partien.

Du kannst vielleicht besser spielen als das indische Team, aber kannst du auch besser gekleidet sein? | Foto: David Llada, Turnierseite

Englands Mannschaftsführer Malcom Pein war verständlicherweise glücklich über den Turnierverlauf, insbesondere, weil es gar nicht so einfach war, überhaupt nach Astana zu kommen:

Noch ist nichts entschieden, aber die Goldmedaille für China oder die USA kann wohl relativ sicher ausgeschlossen werden:

Rk.Team12345678910MP GP TB
1Russland22331217,50
2England22231116,50
3Indien22221018,50
4USA2123815,52
5China22815,50
6Iran123715,00
7Aserbaidschan223½21512,00
8Kasachstan1½223411,50
9Schweden½½½3149,50
10Ägypten1½12118,50

Das Restprogramm der Top3-Teams sieht so aus:

  • Runde 8: Schweden vs. Russland | Indien vs. USA | China vs. England
  • Runde 9: England vs. Schweden | Russland vs. Indien

Wie du sehen kannst, könnte Russland gegen Indien ein tolles Finale werden, je nachdem, wie die vorletzte Runde ausgeht. Die ganze Action kannst du dir hier auf chess24 anschauen. Die Partien beginnen um 10:00 Uhr MEZ. In Englisch kommentieren Evgeny Miroshnichenko und Anna Burtasova. Den russischen Kommentar übernimmt Sergey Shipov: Open | Frauen

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