Berichte 07.11.2017 | 16:39von Colin McGourty

Mannschafts-EM, R9: Gold für Aserbaidschan

Ein 2:2 gegen die Ukraine reichte dem Tabellenführer Aserbaidschan in der Schlussrunde der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft 2017 zum Titel. Zwar zogen die Russen durch ein 3:1 gegen Deutschland nach Mannschaftspunkten gleich, doch der Titelverteidiger wies die schlechtere Wertung auf. Den dritten Platz belegte in beiden Wettbewerben die Ukraine, hinter dem bereits feststehenden Sieger aus Russland sicherten sich die Georgierinnen den zweiten Platz in der Damen-Konkurrenz.

Bereits zum dritten Mal am Ziel der Träume! | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Spannung bis zum Schluss

Wohl niemand hätte vor der Schlussrunde gedacht, wie knapp die Entscheidung bei der Mannschafts-EM ausfallen würde. Den Aseris hätte ein Sieg gegen die Ukraine zum sicheren ersten Platz gereicht, doch am Ende gingen alle vier Partien remis aus:


Teimour Radjabov und Rauf Mamedov erreichten mit den schwarzen Steinen recht schnell das gewünschte Remis, während Arkadij Naiditsch nach turbulentem Verlauf gegen Ruslan Ponomariov bald deutlich besser stand. 

Dass Ponomariov überhaupt ins Endspiel kam, grenzte schon an ein Wunder | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Schon nach 15 Zügen packte Naiditsch mit 15.Sf5! dem Hammer aus und legte nur zwei Züge mit dem brillanten 17.Bxb5!! nach.


Das Problem für Schwarz ist, dass auf 17…axb5 18.Sxg7 Kxg7 19.Df3! Sd7 (zum Beispiel) 20.Th7+! Kxh7 21.Dxf7+ Kh8 22.0-0-0! folgt, und das Turmmatt auf der h-Linie nicht mehr zu verhindern ist.

"Sehr sexy!" meinte Nigel Short

Ponomariov spielte stattdessen 17…gxf5 18.Lxe8 Dd8 19.Dh5 Dxe8 20.exf5 De7 21.f6 Lxf6 22.gxf6 Dxf6 23.0-0-0 und hielt die Partie mit einem Bauern für die Qualität immerhin noch in Gang. Allerdings steht der schwarze König so stark unter Beschuss, dass an eine schwarze Rettung kaum zu glauben war. Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov ist aber für seine Zähigkeit bekannt und schaffte es tatsächlich, ein Endspiel mit der gleichen Materialverteilung zu erreichen, in dem nach 43…Sc4 Remis vereinbart wurde:


Laut Tablebase ist die Stellung mathematisch remis, doch Weiß hätte durchaus noch eine Weile weiterspielen können.

Durch das Remis gewann die Ukraine Bronze und Aserbaidschan, schließlich und endlich, Gold | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Kurz davor war auch die Partie zwischen Shakhriyar Mamedyarov und Pavel Eljanov remis ausgegangen, da der Ukrainer im Turmendspiel zwar einen Bauern mehr hatte, aber kaum realistische Gewinnchancen besaß. Offenbar hatten die Mannschaftskäpitäne untereinander Remis an beiden Brettern verabredet, was laut Regeln nicht erlaubt ist.

Viele Zuschauer an den Brettern von Ponomariov & Eljanov, nur Mamedov kann nicht hinsehen| Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Das nutzte beiden Teams, da die Ukrainer damit Bronze sicher hatten und die Aseris beste Chancen auf Gold hatten.

Vermutlich hätte sich am Ausgang des Wettkampfs nichts geändert, aber verständlich ist es durchaus, dass sich Ian Nepomniachtchi über diese nicht erlaubte Absprache ärgerte:

"Ich frage mich wirklich, ob man die Remisverhandlungen der beiden Mannschaftskapitäne nicht bestrafen sollte. Immerhin sind sie laut Regel eindeutig verboten und können die Verteilung der Medaillen (wie in diesem Fall geschehen) beeinflussen. Kroatien etwa hatte keine Chance mehr auf Bronze." 

Die letzten Sekunden der Partie Mamedyarov-Eljanov wurden als Video festgehalten:

Die Entscheidung war damit aber längst nicht gefallen, denn obwohl die Aseris die Russen im direkten Vergleich geschlagen hatten und deutlich mehr Brettpunkte aufwiesen, musste laut Turnierregel die Sonneborn-Berger-Wertung entscheiden. Dort heißt es:

Die Mannschaftspunkte jedes Gegners, außer dem mit den wenigsten Mannschaftspunkten, werden mit den Brettpunkten multipliziert, die man gegen den jeweiligen Gegner errungen hat.

Da praktisch jedes Ergebnis an den anderen Tischen eine Rolle spielte, war damit langes Warten angesagt.

Alexander Grischuk schaute gemeinsam mit Jan Gustafsson bei der Endphase des Matchs zwischen Russland und Deutschland zu | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Als Alexander Grischuk nach seinem Remis gegen Liviu-Dieter Nisipeanu zu Jan Gustafsson in die Kommentatorenkabine kam, meinte er, ein 3:1 gegen Deutschland würde vermutlich zum Titel reichen, was nach der Niederlage am Vortag einem Wunder gleichkäme. Hier die Live-Übertragung der neunten Runde:

In den drei anderen Partien hatten die Russen einen Mehrbauern und Nikita Vitiugov konnte gegen Matthias Blübaum nach 42 Zügen den ersten Sieg einfahren. Etwas überraschend musste dagegen Maxim Matlakov trotz klar überlegener Stellung gegen Daniel Fridman nach 60 Zügen ins Remis einlenken.   

Daniel Fridman rettete sich gegen Maxim Matlakov | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Ian Nepomniachtchi derweil schien sich an einer uneinnehmbaren Festung die Zähne auszubeißen, doch am Ende griff Georg Meier fehl und musste nach 86 Zügen aufgeben.   

Nepo rang Georg Meier nieder | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Damit hatten die Russen das von Grischuk erwünschte 3:1 geschafft:


Eine tolle Leistung…

…doch am Ende wies Aserbaischan die bessere Wertung auf und gewann Gold, während die Deutschen auf Rang 8 landeten:

Rk.SNoFED TeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4  TB5 
12AZEAzerbaijan962114230,025,0174,0136,25
21RUSRussia970214217,522,0185,5138,00
33UKRUkraine961213210,023,0172,0120,00
414CROCroatia961213170,018,5177,0123,00
57HUNHungary952212233,022,5184,0116,50
65ISRIsrael952212172,020,0173,5114,50
720ROURomania952212166,520,5175,5110,50
89GERGermany943211208,521,0171,0102,00
910NEDNetherlands951311180,520,0179,5109,25
108POLPoland943211180,020,5173,5102,50
1118TURTurkey951311170,019,5168,5101,00
126ARMArmenia934210179,019,0186,099,00
1315ESPSpain934210162,519,5175,094,00
1411CZECzech Republic942310152,019,0174,589,00
1522ITAItaly942310150,516,5181,099,50
164ENGEngland934210147,518,0171,592,00
1728SVKSlovakia934210126,518,0162,086,75
1816BLRBelarus94149169,520,0170,078,50
1913GEOGeorgia94149160,519,0165,577,25
2012FRAFrance94149154,018,5174,082,25
2121SLOSlovenia94149149,019,5165,074,75
2217SRBSerbia93339147,520,5154,571,00
2325NORNorway94149135,518,5149,572,50
2423AUTAustria94149102,015,5173,076,00
2519GREGreece 194058148,020,0149,054,00
2629GREGreece 292438128,017,0156,563,75
2727ISLIceland94058119,018,0157,059,00
2833MKDFYROM93248116,018,5138,559,25
2924MDAMoldova93248112,517,0153,056,50
3026SUISwitzerland93248111,018,0148,062,00
3132FINFinland93157106,014,0164,563,25
3230MNEMontenegro9315779,016,5141,541,00
3339GREGreece - Crete9234776,513,5147,550,50
3431DENDenmark93066103,016,5144,038,50
3534PORPortugal9306683,014,0149,036,50
3635FAIFaroe Islands9225680,514,5143,039,25
3736BELBelgium9216583,515,0135,531,25
3840SCOScotland9216557,511,0144,036,25
3937ALBAlbania9207460,012,0140,521,50
4038KOSKosovo*9108256,010,5133,015,00

Rauf Mamedov erzielte mit 8 aus 9 die mit Abstand beste Elo-Leistung:

No. NameRtgTeamRpPts.Games%Bo.
1GMMamedov Rauf2678Azerbaijan29208,0988,93
2GMBosiocic Marin2619Croatia28246,0875,01
3GMVitiugov Nikita2728Russia28174,5675,02
4GMAronian Levon2801Armenia28104,5764,31
5GMSargissian Gabriel2657Armenia27976,5972,22
6GMMamedyarov Shakhriyar2791Azerbaijan27925,0862,51
7GMNavara David2726Czech Republic27846,0966,71
8GMRadjabov Teimour2741Azerbaijan27825,5868,81
9GMLeko Peter2679Hungary27774,5856,31
10GMDuda Jan-Krzysztof2706Poland27686,0966,71


Kroatien und Ungarn gehen leer aus

Haarscharf an einer Medaille vorbei schrammten die Kroaten, die zwar gleich viele Mannschaftspunkte wie die Ukrainer holten, aber die schlechtere Wertung aufwiesen. Ihr Brett 2 Marin Bosiocic erzielte 6 aus 8 und eine Elo-Performance von 2824. Die dramatischste Partie beim 2,5 zu 1,5 gegen die Türkei spielte aber Ivan Saric am Spitzenbrett gegen Dragan Solak. Der Türke stand mit Weiß sehr gut, stellte dann aber mit 31.Da4? die Partie ein: 


Saric packte 31…Ta8 32.La5 Tba6! aus und nutzte dabei den Umstand aus, dass der b5-Bauer gefesselt ist. Womöglich gab diese Partie den Ausschlag dafür, dass die Aseris Gold gewannen.  

Polinnen stolpern an der letzten Hürde

Bei den Damen standen die Russinnen schon vor der letzten Runde als Sieger fest, doch sie zeigten am Ende noch einmal mit einem 3,5:0,5 gegen Armenien, dass sie die verdienten Sieger waren. Eine Momentaufnahme zeigt, wie übel es den Armenierinnen erging. Elina Danielian stand gut, doch dann spielte sie 28.Td5?:


Alexandra Kosteniuk konterte mit 28…Sd2!, und Schwarz droht Te1+ nebst Sf1+. Weiß hatte nichts Besseres als 29.Txd2 Dc1+, was die Qualität und letztlich die Partie verlor.

Zweiter EM-Titel für die Russinnen in Folge | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Adhiban hat sich unter die Silbermedaillengewinnerinnen aus Georgien gemischt| Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Wie erwartet, sicherte sich Georgien mit einem 3,5 zu 0,5 gegen Italien die Silbermedaille, und im Kampf um Bronze legten die Ukrainerinnen mit einem 4:0 gegen die Türkei vor. Die Polinnen hätten dennoch aus eigener Kraft den dritten Platz belegen können, doch gegen Rumänien setzte es die erste Niederlage und die Medaille war futsch.

Die Ukraine gewann in beiden Wettbewerben Bronze | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite 

Eine bittere Enttäuschung für die Polinnen, die bis zur letzte Runde ungeschlagen gewesen waren. Auch die deutsche Mannschaft konnte nicht zufrieden sein – sie landete als Nummer 5 der Setzliste auf dem 16.Platz!

Rk.SNoFED TeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4  TB5 
11RUSRussia981017258,025,5182,0171,75
22GEOGeorgia970214251,025,5181,5135,50
33UKRUkraine961213223,523,0179,5118,25
44POLPoland944112216,020,5196,0130,50
59ROURomania952212175,521,0169,0110,25
612ESPSpain951311197,521,0179,595,25
713ISRIsrael951311169,022,0155,089,75
88AZEAzerbaijan943211163,519,5169,0102,75
911ARMArmenia951311147,518,0184,099,50
1015ITAItaly942310162,519,5174,080,25
1117GREGreece 1950410155,019,0165,585,50
127HUNHungary950410150,019,0176,591,50
1310TURTurkey950410113,015,5179,090,00
1414NEDNetherlands94149145,018,5166,081,50
1519SRBSerbia94149145,018,0161,072,25
165GERGermany93339140,519,5167,577,75
1724LTULithuania93339139,020,0155,070,75
1826SUISwitzerland93339100,016,0154,070,25
1925AUTAustria9414989,516,5140,063,25
2018BLRBelarus93248159,018,5177,073,75
2116CZECzech Republic93248156,020,0154,558,75
226FRAFrance94058136,516,5180,577,50
2330MKDFYROM9324877,515,5145,549,00
2420SLOSlovenia92347124,019,0147,051,50
2522CROCroatia92347112,017,5145,551,00
2623ENGEngland9234799,014,5158,057,50
2721SVKSlovakia9234796,018,5135,042,50
2828NORNorway9315772,513,5150,042,50
2929BELBelgium9225675,013,5147,039,50
3027GREGreece 29126462,013,0133,021,00
3132FINFinland9117354,08,5142,523,00
3231MNEMontenegro9108252,010,0134,58,50

Fiona Steil-Antoni hat die letzten drei Runden noch einmal zusammengefasst:

Damit ist die Mannschafts-EM 2017 Geschichte! Doch schon am Donnerstag geht es mit dem Champions Showdown in St. Louis weiter, wo ab Donnerstag die Zweikämpfe Nakamura-Topalov, Caruana-Grischuk und So-Dominguez auf dem Programm stehen. Am Samstag geht es dann mit Carlsen-Ding Liren weiter!

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