Berichte 03.11.2017 | 08:05von Colin McGourty

Mannschafts-EM, R5: Deutschland unterliegt Kroatien

In Runde 5 der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft bestrafte Marin Bosiocic gnadenlos einen Fehler von Matthias Blübaum und sorgte so für den knappen Sieg der Kroaten gegen Deutschland. Im anderen Spitzenduell trennten sich Ungarn und Armenien unentschieden, wodurch Polen und Russland mit Siegen gegen Weißrussland und die Türkei aufschließen konnten. In einer der schönsten Partien des Tages erlegte Shakhriyar Mamedyarov den König von David Navara und verbesserte sich auf Platz 2 der Live-Weltrangliste. Bei den Damen liegt Russland nach einem Sieg gegen Spanien weiter unangefochten an der Spitze.

Shakhriyar Mamedyarov hat sich vor der Partie gegen Levon Aronian in Runde 6  auf Platz 2 der Weltrangliste verbessert | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Hier alle Ergebnisse der 5.Runde, die wenig Überraschungen brachte:

Ungarn, die Nummer 6 der Setzliste, und Armenien, die Nummer 7, sind auf Kreta noch ungeschlagen, und daran änderte sich auch beim direkten Aufeinandertreffen nichts. Bei Leko-Aronian kam eine Berliner Mauer aufs Brett, und bald war klar, dass die Partie remis enden würde. Kaum waren die notwendigen 30 Züge absolviert, wurden denn auch die Hände geschüttelt.

Peter Leko hat gegen Kaliber wie Grischuk, Giri und Aronian jeweils remis gespielt und damit seine Aufgabe am Spitzenbrett perfekt erfüllt  | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Bei Melkumyan-Berkes am letzten Brett wurde ein Zug mehr gespielt, und auch die anderen Partien endeten trotz Vorteilen für Viktor Erdös und Richard Rapport ebenfalls remis.

Ivan Saric und Liviu-Dieter Nisipeanu am Spitzenbrett bei der Begegnung Kroatien gegen Deutschland | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Damit hatte Kroatien die Chance, sich allein die Spitze zu setzen, doch zunächst sah es eher so aus, als könnte das deutsche Team sich mit einem Sieg zu Ungarn und Armenien gesellen. Matthias Blübaum war mit Weiß auf dem besten Weg, gegen Marin Bosiocic seinen vierten Sieg bei der EM einzufahren, doch im 35.Zug kam alles anders. Hier zog Matthias seinen König nach f1 statt h1:


Weiß hat eine Qualität mehr, aber die schwarzen Läufer entfalten auf einmal eine verheerende Wirkung: 35…Le6!! und da 36.Txc7 wegen 36…Lh3++ scheitert, muss Weiß 36.fxe3 spielen, wonach der andere Läufer mit 36…Ld8! ins Geschehen eingriff. Weiß muss einen ganzen Turm geben, und in der Partie folgte 37.e4 Lh3+ 38.Kf2 Lh4+ 39.Kf3 Lg2+ 40.Ke3 Lxe1. Weiß hat zwei Bauern für die Figur und Blübaum kam dem Remis zwischenzeitlich nahe, doch am Ende setzte sich Bosiocic durch und verhalf seinem Team zur alleinigen Tabellenführung. Die Kroaten müssen in Runde 6 gegen Ungarn ran, währed das deutsche Team auf die Türkei trifft.

Grischuk und Russland gewannen sicher | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Russland zeigte sich beim 3,5 zu 0,5 gegen die Türkei bestens von der Niederlage gegen die Ungarn erholt. Maxim Matlakov stand schon nach der Eröffnung mehr oder weniger auf Gewinn und fuhr sicher den vollen Punkt ein, während Alexander Grischuk und Daniil Dubov ihre Gegner langsam niederrangen. Die Russen müssen nun gegen die starken Polen ran, die dank Siegen von Kacper Piorun und Jacek Tomczak 3:1 gegen Weißrussland gewannen.

Navara hatte 3,5 aus 4, doch dann kam Mamedyarov | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Derweil wärmten sich die Aserbaidschaner mit einem 3:1 gegen Tschechien für das Duell gegen Erzfeind Armenien auf. Rauf Mamedov schlug am letzten Brett Vojtech Plat, doch den Vogel schoss Shakhriyar Mamedyarov ab, der gegen David Navara nach einem Bauernopfer in der Eröffnung riesigen Angriff bekam: 


Schwarz hat den Mehrbauern verloren, und für seinen König wird die Luft dünn. Der Computer empfiehlt 29.Lxf7!! mit der Folge 29…Kxf7 30.T1d6!, aber Mamedyarov spielte das trockene 29.T7d6, wonach Schwarz ebenfalls in riesigen Schwierigkeiten verkehrt. Nach 29…Tc7 30.Df3! Lh4 31.Td7 war f7 nicht mehr zu decken. Der Rest der Partie stellte für Mamedyarov kein Problem mehr dar, er trieb den schwarzen König ins Zentrum und zwang Navara wegen des unvermeidlichen Matts zur Aufgabe:

Mamedyarov ist damit aktuell der einzige Spieler neben Carlsen mit einer Elo von über 2800 und zumindest vorläufig die Nummer 2 der Weltrangliste.


in Runde 6 kann sich das alles aber schon wieder ändern, denn es kommt zum Duell gegen Levon Aronian. Der sprach kürzlich in einem Interview darüber, was ein Match gegen Aserbaidschan für ihn bedeutet:

Noch eine Frage zum Thema Stress, die sicher viele Schachfans interessiert. Ist der Stress noch größer, wenn du gegen einen Aseri spielst?

Zu Beginn meiner Schachkarriere war damit vermutlich zusätzlicher Stress verbunden, aber mittlerweile macht es mir nichts aus. Denkt man viel darüber nach, wie sehr man gewinnen will, tritt das Gegenteil ein.

Aber du kennst diesen Stress?

Ja. Ich erzähle dazu eine Geschichte, ohne Namen zu nennen. 2003 oder 2004 nahm ich an der Europameisterschaft teil und wurde nachts um halb zwei vom Vater eines der aserbaidschanischen Spieler angerufen. Er bat mich, im Voraus ein Remis zu verabreden, da der Ausgang der Partie für ihn und seinen Sohn wichtig wäre. Ich lehnte ab, da ich mich auf so etwas grundsätzlich nicht einlasse. Die Partie am nächsten Tag verlief schlecht und ich stand fast auf Verlust, rettete aber mich aber ins Remis (lacht). 

Andreas Kelires schlug Nigel Short | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Einige Teams, die man weiter vorn erwartet hätte, haben auf Kreta Probleme. Die an Nummer 4 gesetzten Engländer liegen derzeit mit drei Punkten Rückstand auf die Spitze auf Platz 14 und gewannen nur mühsam gegen die zweite Vertretung Griechenlands. Mickey Adams und Gawain Jones gewannen ihre Partien, aber Andreas Kelires holte sich den Skalp von Nigel Short:


Die Stellung ist kompliziert, aber Short hätte mit der erzwungenen Folge 30…Sxd7 31.Txd7 Dxf2+! 32.Dxf2 Txf2 33.Kxf2 fxg5 34.Lxg5 für klare Verhältnisse sorgen können. Die Stellung mit dem Freibauern ist schwer zu gewinnen, aber auf keinen Fall verlustträchtig.

In der Partie folgte jedoch 30…T2e5? 31.T1d6 Tf5 32.Txb6 (32.De2! gewann) 32…Txf3:


Das sieht zunächst wie ein harmloser Abtausch aus (da je ein Turm hängt), doch Weiß hat einen vernichtenden Pfeil im Köcher: 33.Te7! Schlägt Schwarz den Turm, setzt der andere Matt, aber bei anderen Zügen ist der Turm auf f3 einfach weg. Short gab auf und war wenig begeistert von seiner Leistung:

Anish Giri zeigte gegen Constantin Lupulescu eine positionelle Meisterleistung | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Noch schlimmer erging es den Niederländern, die trotz einer Glanzpartie der eigenen Reihen den zweiten Wettkampf in Folge verloren. Anish Giri hatte gegen Constantin Lupulescu einen Springer auf c6 geschlagen und es schien, als müsste er die Figur zurückgeben oder in die Zugwiederholung einwilligen.


Stattdessen folgte das coole 27.Ta1! und nach 27…Txa8 28.Txa8 Lc8 kam das noch coolere 29.Lg2!, denn Weiß hat zu Recht keine Eile, Material zurückzugewinnen. Nach 29…Kh7 30.Sd5 Sc6 31.h4 gefiel Giri seine Stellung:

"Giri zeigt, dass sein Gegner praktisch im Zugzwang war, und fügt hinzu: Mein ganzes Schach ist ein einziger großer Zugzwang!"

Giri brachte die Partie sicher nach Hause und äußerte sich dazu im Gespräch mit Jan Gustafsson:

Das Match ging für die Niederländer aber dennoch verloren, da Jorden van Foreest gegen Vladislav Nevednichy und Erwin l’Ami gegen Mircea-Emilian Parligras Niederlagen eintecken mussten. 

Auch das Maskottchen konnte den Spanierinnen nicht gegen Russland helfen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Kommen wir zu den Damen, wo Spanien den favorisierten Russinnen einen großen Kampf lieferte, aber letztlich leer ausging. Die 17-jährige Marta Garcia stand gegen Kateryna Lagno gut, doch wurde sie sukzessive überspielt, nachdem sie mit einem Bauernopfer für eine luftige schwarze Königsstellung gesorgt hatte. Aleksandra Goryachkina gewann mit Schwarz gegen Mairelys Delgado, und da Ana Matnadze eine Mehrfigur gegen Valentina Gunina nicht verwerten konnte, war der Mannschaftskampf verloren.

Auch das niederländische Maskottchen brachte kein Glück: 1:3 gegen Weißrussland | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Die Russinnen treffen jetzt auf die Polinnen, die vermutlich eines der letzten Teams sind, das ihnen noch gefährlich werden kann. Wegen eines enttäuschenden 2:2 gegen Italien liegen diese gemeinsam mit Georgien, Ukraine und Türkei zwei Punkte hinter Russland.

Derweil schlugen die Griechinnen in Runde 5 Serbien, und den entscheidenden Punkt holte dabei die mehrfache Jugendweltmeisterin WGM Stavroula Tsolakidou, die bisher ein brillantes Turnier spielt:


Nachdem sie Jovana Eric erst entwischen ließ, bekam sie nach 42…Te8? eine neue Chance:


43.Lf4+! und der schwarze König kann die beiden Leichtfiguren auf d5 und d7 nicht mehr decken. Eric dachte 24 Minuten nach und wählte ein schnelles Ende: 43…Kc6 44.Sa5+ Kb6 45.Txd5 Le6 46.Td6+ Kxa5 47.b4+ Ka4 48.Txa6#

Auch am Freitag werden Jan Gustafsson und Fiona Steil-Antoni wieder ab 14 Uhr live für euch auf chess24 kommentieren: Open | Frauen. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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