Berichte 01.11.2017 | 11:15von Colin McGourty

Mannschafts-EM, R4: Ungarn schafft Sensation gegen Russland

Nachdem Ian Nepomniachtchi am Vortag noch der Held im russischen Team war, musste er nun gegen Viktor Erdös den entscheidenden Partieverlust bei der sensationellen Niederlage Russlands gegen Ungarn hinnehmen. Die Magyaren liegen damit gemeinsam mit Kroatien, das seinerseits überraschend Israel schlug, und Armenien an der Spitze. Auch andere Favoriten wie die Ukraine (Niederlage gegen die Türkei) und England (unnötiger Punktverlust gegen Italien) stolperten, während Deutschland ein gutes 2:2 gegen Polen gelang. Bei den Frauen liegen die Russinnen nach einem Sieg gegen Georgien allein an der Spitze, Spanien und Polen folgen mit einem Mannschaftspunkt Rückstand.

Petet Leko erwies sich auch gegen Russland als Fels in der Brandung an Brett 1 | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

In Runde 4 der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft gab es einige große Überraschungen:

Erster Stolperer der Russen

Russland sprang bei der Mannschafts-EM bei drei 2,5 zu 1,5-Siegen bisher wie ein gutes Pferd nur so hoch, wie es musste, doch dieses Mal reichte ein einziger Partieverlust (der erste überhaupt) zur Niederlage gegen Ungarn. Nach seinem schönen Sieg am Vortag beging Ian Nepomniachtchi gegen Viktor Erdös schon im 7.Zug einen Fehler, als er die Damen tauschte:


Die Stellung sieht sehr harmlos aus und endete, als sie 1978 zwischen Tony Miles und Mikhail Tal das erste Mal auf dem Brett stand, auch mit einem Remis, aber zuletzt hat Weiß sehr gut damit abgeschnitten:


Teimour Radjabov gewann damit beim Grand Prix in Genf gegen Peter Svidler, Magnus Carlsen stand beim Sinquefield Cup gegen Maxime Vachier-Lagrave auf Gewinn (ehe er sogar noch verlor) und Alex Lenderman eliminierte Ayran Tari beim Weltcup in Tiflis.

Kein guter Tag für Ian Nepomniachtchi | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Ian Nepomniachtchi spielte in dieser Variante bereits 2016 gegen Wang Yue 7…b6, doch die Stellung nach 8.Lb5+ kam danach nie wieder aufs Brett. Wie in den anderen Partien übte Weiß ohne sonderlich spektakuläre Züge positionellen Druck aus, und nach 24.a5! hatte Nepomniachtchi schon ernste Probleme:


Er zog 24…Kf7 25.axb6 Txb6, doch nach 26.Tc7! hatte Schwarz große Schwierigkeiten, die sich schon nach 32 Zügen zu einem für Weiß gewonnenen Turmendspiel ausweiteten. Erdös behielt die Nerven und brachte den Punkt nach Hause.

Der ungarische Sieg hätte sogar noch höher ausfallen können, wenn Zoltan Almasi im 41. Zug den richtigen Zug gegen Daniil Dubov gefunden hätte:


41.Ta8! gewinnt mehr oder weniger direkt, da Dd8+ und Ta5 mit tödlicher Jagd auf den schwarzen König droht. In der Partie folgte nach sieben Minuten 41.Df8?, wonach Schwarz mit 41…Dc1+! die Partie retten konnte. Dubov musste nur berechnen, dass 42.Kh2 Tb1! 43.Dh8+ nicht zum Matt führte, da der König nach f5 entwischen kann. Anschließend spielte sogar Dubov noch auf Gewinn, doch waren seine Chancen auf den vollen Punkt nicht so gut wie die von Nikita Vitiugov gegen Richard Rapport. Letztlich endeten aber beide Partien remis, und die Überraschung war perfekt.

Richard Rapport rettete seinem Team einen extrem wichtigen halben Punkt | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Damit zogen die Ungarn an den Russen vorbei an die Spitze, wo sie überraschend von Kroatien Gesellschaft erhielten. Die Entscheidung gegen Israel fiel an Brett 2, wo Marin Bosiocic gegen Maxim Rodshtein nachzuweisen vermochte, dass sein vorgerückter Bauer auf d6 nicht schwach, sondern stark war.

Auch Boris Gelfand konnte die Niederlage Israels nicht verhindern| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Neben den beiden Überraschungsteams steht mit Armenien, dem dreifachen Olympiasieger und Gewinner der Mannschafts-EM 1999, immerhin ein Favorit an der Spitze.

Giri & L'Ami hielten erfolgreich dagegen, aber an den hinteren Brettern setzte sich Armenien durch | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Levon Aronian kam gegen Anish Giri nicht über ein Remis hinaus, und an Brett 2 erinnerte Erwin l’Ami an den größten armenischen Schachspieler aller Zeiten, Tigran Petrosian:


30.f4!!? Sergei Movsesian nahm das Qualitätsopfer an, doch schließlich brachen die weißen Bauern durch und Weiß gewann die Partie. Anish Giri twitterte wie drei Tage zuvor:

"Wer Erwin L'Ami in einem Remisendspiel besiegen will, ist zum Scheitern verurteilt." 

Damit war der Wettkampf aber noch nicht entschieden, denn die beiden hinteren Bretter der Armenier Gabriel Sargissian (gegen Benjamin Bok) und Hrant Melkumyan (gegen Ivan Sokolov) gewannen beide und sicherten ihrem Team das 2,5:1,5.

Pavel Eljanov und die Ukraine sind noch nicht in Schwung gekommen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Damit haben die Armenier derzeit gute Chancen auf den Turniersieg, zumal die Ukrainer sich mit ihrer zweiten Niederlage (dieses Mal gegen die Türkei) bereits aus dem Kreis der Titelkandidaten verabschiedeten. Die Nummer 3 des Turniers Aserbaidschan gewann in Runde 4 zwar gegen Moldawien mit 4:0, doch hat das Team um Mamedyarov bereits drei Punkte abgegeben. Arkadij Naiditsch hat nach seiner Auftaktniederlage dreimal in Folge gewonnen und dabei zweimal hintereinander die gegnerische Dame gefangen.

Auch bei der Nummer 4 der Setzliste, England, läuft es nicht nach Plan. Nachdem bereits Nigel Short gegen den Moldawier Viktor Bologan so lange auf Gewinn gespielt hatte, bis er auf Verlust stand, erlitt David Howell gegen den Italiener Danyyil Dvirnyy nun dasselbe Schicksal, womit Nigel Shorts Schwarzsieg gegen Sabino Brunello nur zu einem Mannschaftspunkt reichte. 

Nigel Short bei Jan Gustafsson| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Short spielte das seltene 1.d4 Sf6 2.c4 b6 und erklärte seine Wahl so:

Ich wollte heute mal was anderes spielen. Ich war eigentlich auf der Suche nach einer sinnvollen Eröffnung, aber kurz vor der Partie entschied ich, etwas Sinnloses zu spielen!

Das Experiment verlief zunächst nicht sonderlich erfolgreich, aber Brunello verlor auf Zeit und gab Nigels Eröffnungswahl damit zumindest indirekt Recht. Dramatisch wurde es nach 30…fxg5:


Schwarz droht mit Sg8 Damenfang, und in Panik schleuderte Sabino Brunello 31.f6? aufs Brett, wonach 31…Td8+! für Schwarz auch dann gewonnen hätte, wenn Weiß nicht die Zeit überschritten hätte.  Stattdessen konnte Weiß 31.Txg5! oder 31.Dd6! spielen, wonach Weiß zwar nicht gewinnt (wie Short nach der Partie dachte), aber remis hält.

Im Verlauf der Live-Übertragung äußerte sich Short bei Jan Gustafsson zu seiner Partie:

An den anderen Tischen gelang Spanien ein 3:1 gegen Weißrussland, und auch Deutschland und Polen liegen dank eines gerechten 2:2 nur einen Punkt hinter der Spitze. Der bisher überragende Matthias Blübaum (3,5 aus 4!) machte mit seinem Sieg gegen Kacper Piorun die Niederlage von Georg Meier wett, der gegen Krzysztof Duda ein Turmendspiel nicht halten konnte. 

Liviu-Dieter Nisipeanu schaffte gegen Radek Wojtaszek ein wichtiges Remis am Spitzenbrett| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Russische Frauen auf Kurs Titelverteidigung

Bei den Damen lief es für Russland bedeutend besser, denn durch das 2,5 zu 1,5 gegen Georgien haben die Favoritinnen bereits die beiden schärfsten Konkurrenten besiegt und liegen mit weißer Weste an der Spitze. Die Niederlage von Olga Girya gegen Lela Javakhishvili machten Kateryna Lagno (jetzt bei 3,5 aus 4) mit einer feinen positionellen Gewinnpartie gegen Nino Batsiashvili und Valentina Gunina mit einem ihrer typischen Mattangriffe gegen Bela Khotenashvili wett.

Russland gelang im Duell der beiden Turnierfavoriten womöglich schon der entscheidende Sieg | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Russland trifft in Runde 5 auf die bisherige Turnierüberraschung Spanien, die bisher nicht nur mit starken Zügen, sondern auch einem besonderen Maskottchen überzeugt!

Monica Calzetta Ruiz mit ihrem Maskottchen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Im Open treffen in Runde 5 Ungarn und Armenien aufeinander, der dritte Tabellenführer Kroatien muss gegen die deutsche Mannschaft ran. Zu den interessanten Begegnungen des Tages gehören Aronian-Leko, Mamedyarov-Navara und Jobava-Gelfand.

Jan Gustafsson und Fiona Steil-Antoni werden wieder wie gewohnt ab 14 Uhr live für euch auf chess24 kommentieren: Open | Frauen. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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