Berichte 29.10.2017 | 15:39von Colin McGourty

Mannschafts-EM, R1: Italien überrascht gegen Aserbaidschan

Dank Siegen von Sabino Brunello und Luca Moroni gelang den an Nummer 22 gesetzten Italienern in Runde 1 der Mannschafts-EM ein sensationeller Sieg gegen die Nummer 2 des Turniers Aserbaidschan. Shakhriyar Mamedyarov setzte beim Mitfavoriten aus, der dafür wie England, Polen und Deutschland, die ohne ihr Spitzenbrett unentschieden spielten, einen hohen Preis bezahlte. Bei den Damen verloren Valentina Gunina und Nana Dzagnidze zwar ihre Partien, die favorisierten Teams gewannen aber alle.

Nigel Short verlor am Spitzenbrett gegen Victor Bologan und ermöglichte damit Moldawiens 2:2 gegen die favorisierten Engländer| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Hier die Ergebnisse der 1.Runde der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft, die dieses Jahr auf Kreta ausgetragen wird (alle Partien könnt ihr durch Klick auf das Ergebnis nachspielen):

Spiel mit dem Feuer

Jede Mannschaft besteht aus fünf Spielern, von denen pro Runde vier antreten, und vermutlich sahen die meisten Teams die erste Runde als idealen Zeitpunkt an, ihr Spitzenbrett pausieren zu lassen. In manchen Fällen funktionierte dies prächtig, wie etwa bei Armenien, wo Levon Aronian aussetzte und das Team mit zwei Weißsiegen und zwei Schwarzremis startete.

Daniil Dubov verpasste als Schwarzer zwar seinen ersten Sieg für das russische Team, aber Nikita Vitiugov holte den notwendigen vollen Punkt gegen Alexander Beliavsky | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Das russische Team, das ohne Alexander Grischuk antrat, hatte gegen Slowenien vor allem mit den weißen Steinen Mühe, gewann aber dank eines Schwarzsieges von Nikita Vitiugov gegen den mittlerweile 63-jährigen Alexander Beliavsky. Andere Mannschaften wie die Ukraine (ohne Pavel Eljanov) und Ungarn (ohne Peter Leko) gewannen sicher, wobei Lekos Ersatz am Spitzenbrett Viktor Erdös gegen den Isländer Hedinn Steingrimsson eine hübsche Miniatur aufs Brett zauberte:


19.Txd5! exd5 20.Df5 Lxc5? 21.Dg4+! gewann direkt, denn es folgte das hübsche Finale: 21…Kh7 22.Sh5! Tg8 23.Sxf6+ Kh8 24.Df5 Schwarz gab auf

Andere Teams dagegen bekamen Probleme, weil ihr Spitzenbrett aussetzte. Der slowakische Großmeister und Team-Senior Lubomir Ftacnik bekam es statt mit Radek Wojtaszek mit Jan-Krzysztof Duda zu tun. Der 19-Jährige hatte am Wochenende noch eine Glanzpartie in der Bundesliga gespielt, stand gegen seinen erfahrenen Konkurrenten nach dessen beherztem Königsangriff aber auf Verlust. Eine Niederlage hätte bei je einem Weißsieg an den Brettern 2 und 3 für den kompletten Fehlstart gesorgt, doch Duda fand einen Weg, erfolgreich Unruhe zu stiften.


27…Lxg2!!? hätte nach 28.Sxh8! nicht funktioniert, aber nach 28.Kxg2? Db4! drohte Schwarz Dauerschach auf g4 und das Schlagen des Läufers auf b5 bzw. des Springers auf f7. Es folgte 29.Dg5 Kxf7 und Schwarz hatte zeitweilig einen Bauern mehr. Ftacnik gewann in der Folge eine Qualität, aber Duda konnte eine Festung errichten und seinem Team einen Mannschaftspunkt retten.

Lange Zeit sah es so aus, als würde es dem englischen Team nicht schaden, dass Mickey Adams gegen Moldawien aussetzte. Luke McShane stand gegen Nichita Morozov früh besser und gewann schließlich auch nach 64 Zügen. Gawain Jones war als Erster mit seiner Partie fertig…

"Offenbar bin ich als Erster mit meiner Partie fertig. Überraschenderweise entschied sich mein normalerweise kampfeslustiger Gegner für die Zugwiederholung. Damit habe ich Zeit, ein wenig Sonne zu tanken." 

…und bei David Howell war die einzige Frage, ob er seine Partie gegen Dmitry Svetushin gewinnen würde oder ein Remis zulassen musste (er schaffte es nicht, sie zu gewinnen). 

Der englische Mannschaftskapitän Malcolm Pein konnte nicht zufrieden sein | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Damit blieb nur noch die Partie zwischen Victor Bologan und Nigel Short, in der der Moldawier, wie er hinterher gegenüber Jan Gustafsson betonte, lange Zeit mit einem Remis zufrieden gewesen wäre. Nigel wollte jedoch mehr, beging aber mit 48…Kxg5 den entscheidenden Fehler:


Offenbar hatte Short nach 49.Tc7! übersehen, dass Schwarz nach 49…Lxf3 mit 50.Tg7+ Kh6 51.Sf5# mattgesetzt wird. Short musste 49…f5! spielen, um den direkten Verlust zu verhindern, doch weniger später griff er noch einmal fehl und musste aufgeben. 

Auch Deutschland musste dafür büßen, dass Liviu-Dieter Nisipeanu in der 1.Runde gegen Griechenland 2 aussetzte, denn Matthias Blübaums Sieg an Brett 2 wurde von Rasmus Svanes Niederlage an Brett 4 ausgeglichen. 

Die größte Überraschung der Runde war aber definitiv der Sieg der Italiener gegen den Sieger von 2009 und 2013, Aserbaidschan. Shakhriyar Mamedyarov wurde am Spitzenbrett von Teimour Radjabov ersetzt, der mit viel Mühe gegen Daniele Vocaturo Remis hielt.

Teimour Radjabov konnte mit seinem Auftaktremis zufrieden sein | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Arkadij Naiditsch hatte sich am Wochenende zuvor beklagt, dass er mit Schwarz miserabel gegen schwächere Konkurrenten abschneidet. Gestern hatte er Weiß gegen Sabino Brunello (Elo 2555), ging aber nach 31.Tc1 mit fliegenden Fahnen unter:


Nach 31…Txb2! 32.Dxb2 Dxa5 konnte Weiß aufgeben, und obwohl Arkadij noch kämpfte, stand der Ausgang der Partie nie infrage.


Eine Zeitlang sah es sogar so aus, als könnte Italien 3,5 zu 0,5 gewinnen, doch dann hielt erst Radjabov am Spitzenbrett remis und anschließend gewann Rauf Mamedov aus Remisstellung heraus gegen Danyyil Dvirnyy. Der 17-jährige Luca Moroni war es schließlich, der gegen Gadir Guseinov die Nerven behielt und seinen Mehrbauern nach 98 Zügen zum Sieg führte!

Moroni machte mit seiner Gewinnpartie den Mannschaftssieg perfekt | Foto: Niki Riga, Offizielle Turnierseite

Damit muss die Nummer 2 des Turniers eine Aufholjagd starten!

Aryan Tari unterstützte seine Teamkollegen moralisch | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Der nominell stärkste Spieler am Spitzenbrett war Anish Giri, der ein Remis zum 3-zu-1-Sieg der Niederländer gegen Montenegro beitrug, während Jorden van Foreest sein Damenendspiel nach 139 Zügen zum Sieg führte.

Auch die italienischen Damen starteten perfekt, sie schlugen Montenegro 4:0! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Bei den Damen gewannen zwar die favorisierten Teams, aber es gab durchaus ein paar Überraschungen. Valentina Guninas König zum Beispiel wurde beim knappen 2,5 zu 1,5 von Russland gegen Griechenland von WGM Stavroula Tsolakidou erlegt:

Außerdem schlug die weißrussische IM Nastassia Ziaziulkina die favorisierte Georgierin Nana Dzagnidze und WIM Sheila Barth Sahl aus Norwegen bezwang die Spaniern Sabrina Vega.

Anna Muzychuk sorgte mit einem vollen Punkt gegen Jovanna Rapport für das 2,5 zu 1,5 der Ukraine gegen Serbien | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Auch die 2.Runde der Mannschafts-EM könnt ihr mit dem Kommentar von Jan Gustafsson live auf chess24 verfolgen: Open | Frauen Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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