Interviews 04.05.2015 | 13:52von Colin McGourty

Mamedov: "Die Niederlage gegen Carlsen tat mir gut"

Rauf Mamedov hatte beim jüngsten Shamkir Chess-Turnier bei weitem das niedrigste Rating und wurde tatsächlich auch Letzter, aber seine sieben Remis und zwei Niederlagen waren alles andere als ein schlechtes Ergebnis für sein erstes Superturnier. In einem Interview spricht er nach dem Event darüber, wie es war, auf die Giganten der Schachwelt zu treffen und an seinem Geburtstag gegen Carlsen zu verlieren. Er bezeichnet diese Niederlage als nützlichen Weckruf vor dem Nakhchivan Open.

Nur ein Fehltritt in der letzten Runde gegen Weltmeister Magnus Carlsen hinderte Rauf Mamedov daran, in Shamkir letztlich vor ein paar Top-Großmeistern zu liegen | Foto: Offizielle Webseite

Nach seiner Feuertaufe in Shamkir gewann Rauf Mamedov seine erste Partie im Nakhchivan Open, und zwar mit Stil: 41.Lf8+! machte alle Illusionen zunichte, die sich Schwarz hätte machen können:


Nach 41...Txf8 42.Th1+ war ein Matt unvermeidbar. 

Sein türkischer Gegner, FM Koksal Ege, hatte nur eine Elo von 2381, aber "schwächere" Gegner zu schlagen ist nicht immer so einfach. Das werden Spieler bestätigen, die ebenfalls beim Nakhchivan dabei sind: Rustam Kasimdzhanov (Remis gegen einen 2394-Spieler), Etienne Bacrot (Remis gegen 2394), Tiviakov (Remis gegen 2379), Adhiban (Remis gegen 2372), Khalifman (Remis gegen 2361) oder Gupta (Remis gegen 2339). Und was ist mit Maxime Vachier-Lagraves spektakulärer Niederlage gegen FM Nicola Altini mit einer Elo von 2410 dieses Wochenende in der Italienischen Liga?

Rauf Mamedov vor seiner allerersten Partie in einem Superturnier - gegen Maxime Vachier-Lagrave | Foto: Offizielle Webseite

In einem Interview mit T. Tushiev für Echo.az sprach Mamedov im Detail über seine Erfahrungen bei Shamkir und stimmte Mamedyarov bei seiner Aussage zu, dass sich die besten Spieler durch ihre Fähigkeiten als Psychologen auszeichnen. Das Interview beginnt mit Raufs Einschätzung seines Turniers:


Natürlich ist es sehr schwer, sein erstes Superturnier zu spielen, aber wäre nicht der Fehler in der letzten Runde gegen Magnus Carlsen gewesen, hätte man meiner Meinung nach meine Leistung als normal einschätzen können. Wie es nun aussieht, weiß ich wirklich nicht - vermutlich ist das auch normal, es hätte aber natürlich auch besser sein können.

Ich habe den Eindruck, dass du dich sehr gut geschlagen hast und außer in einer Partie nie richtig schlecht standest.

Ja. Die einzige Partie, in der ich wirklich geschlagen wurde, anstatt selbst zu verlieren, war die gegen Wesley So. Am Anfang spielte der Amerikaner sehr gut und man könnte sagen, dass er mich plattgemacht hat. Aber insgesamt waren alle Partien sehr interessant.

Wesley Sos schöner Sieg über Mamedov war sein dritter Sieg in vier Partien und brachte ihm die alleinige Führung - wir haben ihn hier detailliert analysiert | Foto: Offizielle Webseite

Natürlich war es schwer für mich, meinen Gegnern in der Eröffnung Probleme zu bereiten, da sie ein großes Eröffnungsrepertoire haben, obwohl man sagen könnte, dass ich mir in der Partie gegen Anish Giri einen gewissen Vorteil entgehen ließ. Ich habe den Eindruck, dass ich ihm vor der Zeitnot größere Probleme hätte bereiten können, und ich weiß nicht, ob er einen Ausweg gefunden hätte.

Die erinnerungswürdigsten Partien waren die gegen Fabiano Caruana und Shakhriyar Mamedyarov, bei denen ich nur einzige Züge finden musste.

Nach dem Turnier sprachen mein Trainer Alexander Khalifman und ich darüber und kamen zu dem Schluss, dass ich bei dem Turnier nur ein paar böse Fehler gemacht hatte.

Ich erinnere mich an den entscheidenden Fehler in der Partie gegen Carlsen, verschiedene Stadien der Partie gegen Giri und den Anfang der Partie gegen Shakhriyar, aber die Partie gegen Caruana war letztlich spektakulär und interessant. Ich empfehle Schachfans, sie sich anzuschauen.


Mamedov entkorkt den spektakulären Zug 23.e6!

Warst du zu Beginn des Turniers nicht nervös?

Doch, war ich, vor allem angesichts der Tatsache, dass der Spieler mit der niedrigsten Elo (abgesehen von mir) fast 100 Punkte vor mir lag. Aber ehrlich gesagt gewöhnte ich mich im Verlauf des Turniers bereits daran und fühlte mich normal.

Als Fabiano Caruana bei der Pressekonferenz gefragt wurde, warum er sich in der Partie gegen mich nicht für irgendein unkonventionelles System entschieden hatte, antwortete er, "Rauf ist immerhin ein guter Schachspieler, und einer, bei dem es keinen Sinn macht, fragwürdige Eröffnungen zu spielen".

Caruana sah Mamedov als würdigen Gegner! | Foto: Offizielle Webseite

Also habe ich den Eindruck, dass sie mich nicht für "Kanonenfutter" hielten (lächelt). Gegen den Weltmeister Magnus Carlsen spielte ich im Grunde eine normale Partie.

Es war klar, dass der Norweger die Stellung vereinfachte und ich denke, wenn ich die Partie bis zum 40. Zug "überlebt hätte", wäre sie in einem Remis geendet. Wenn ich statt 34...De5 34...Te5 gespielt hätte, wäre ein Remis gar nicht so schwer gewesen.


34...De5?? traf auf 35.Df7!, und Mamedov gab sofort auf

Warst du nervös, als du zum ersten Mal eine klassische Partie gegen den Weltmeister spielen musstest?

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich schon daran gewöhnt und erkannt, dass ich mit ihnen konkurrieren kann, sogar mit dem Weltmeister. Natürlich ist es schwer, sie zu schlagen, aber es ist möglich, ihnen nicht zu unterliegen. Ich denke, sie sind vor allem Psychologen. Wie Shakhriyar richtig sagte, ist Carlsen auch Weltmeister in Psychologie. Er spielt auf eine Weise, die vermuten lässt, dass es bereits auf ein Remis hinausläuft, aber tatsächlich wirft er weiterhin gewisse Probleme auf.

Keine besonders amüsante Geburtstags-Pressekonferenz für Mamedov | Foto: Offizielle Webseite

Übrigens, in der Partie gegen Vladimir Kramnik sah es zu einem gewissen Zeitpunkt so aus, als hättest du einen Vorteil?

Ja, diesen Zeitpunkt gab es, aber Kramnik ist ein großer Meister. Die Stellung war mehr oder weniger langweilig und ein Remis war in dieser Partie natürlich angemessen.

In der Russischen Mannschaftsmeisterschaft stand Kramnik demselben "harmlosen" Setup gegen seine Berliner Verteidigung gegenüber, auf das er in der Partie gegen Mamedov getroffen war... und verlor gegen Shirov! Am nächsten Tag kam er gleich wieder auf die Beine und schlug Svidler | Foto: Russischer Schachverband 

Ehrlich gesagt war ich etwas überrascht von Vishy Anand, da er die Stellung vereinfachte, als er gegen mich die schwarzen Steine hatte. Danach dachte ich, Vishy würde versuchen, die Initiative zu ergreifen, aber anscheinend beschloss er, dass ein Remis in dieser Partie ein akzeptables Ergebnis war. 


Hier wiederholten die Spieler nach Mamedovs 26.Dg5 die Stellung mit Sf6-d5-f6 und Dg5-g3-g5

Wenn er mich geschlagen hätte, hätte er fast punktgleich mit Magnus liegen können. Das war es aber vermutlich nicht wert, in dieser Partie ein Risiko einzugehen, da seine Stellung auch einfach hätte schlechter werden können.

Wir können sagen, dass Magnus Carlsens Sieg bei Shamkir selbstverständlich war, aber überraschte es dich, dass Vishy Anand Zweiter wurde?

Das war für mich keine Überraschung, da Anand von allen Spielern beim Gashimov Memorial hinsichtlich des Lebenswerks seiner Schachkarriere der Stärkste war. Vishy ist ein großer Champion, der fünf Mal die Schachkrone gewonnen hat. Natürlich führt Magnus die Schachwelt jetzt an, aber was die Gesamtergebnisse angeht, hat er Vishy noch nicht überholt.

Anscheinend befürchtete Mamedov gegen Anand das Schlimmste! | Foto: Offizielle Webseite

Und was hältst du von dem schlechten Ergebnis von Vladimir Kramnik?

Ich habe den Eindruck, dass er nach der Niederlage gegen Shakhriyar Mamedyarov den Kopf hängen ließ und deshalb von Caruana und Carlsen geschlagen wurde, obwohl es nicht peinlich ist, gegen diese Spieler zu verlieren.

Trotzdem denke ich auch, dass Kramnik ein großer Schachspieler ist, da er es nach drei Niederlagen in Folge schaffte, sich zusammenzureißen und den starken Maxime Vachier-Lagrave zu schlagen. Drei Niederlagen in Folge könnten jeden zusammenbrechen lassen, aber nicht Kramnik.

Es ist bekannt, dass du in Shamkir von dem aserbaidschanischen Teamkapitän Alexander Khalifman unterstützt wurdest. Vorher hast du hauptsächlich bei Mannschaftsevents mit ihm zusammengearbeitet. Wie verlief eure Kooperation bei einem Superturnier?

Ich denke, Khalifman und ich entschieden uns beim Turnier für eine normale Strategie. Wären nicht die zwei Niederlagen gewesen… Obwohl ich sagen würde, dass Wesley So mich tatsächlich geschlagen hat, während Carlsen mich in unserer Partie nicht überspielt hat, sondern ich verlor die Partie. Was Alexander Khalifman betrifft, so denke ich, dass wir großes Glück haben, dass er der Cheftrainer der aserbaidschanischen Mannschaft ist. Er nimmt seinen Job sehr ernst.

Während zum Beispiel die Partien in Shamkir stattfanden, saß Khalifman nicht im Spielsaal, sondern bereitete im Hotelzimmer die nächste Runde vor. Das ist meiner Ansicht nach ein Zeichen für Professionalität.

Welche Schlussfolgerungen ziehst du für dich selbst aus dem Gashimov Memorial?

Vermutlich ist die wichtigste Schlussfolgerung, dass auch so "einfache" Schachspieler wie ich selbst, Eltaj Safarli, Gadir Guseinov und Vasif Durarbayli auf Augenhöhe mit ihnen konkurrieren können, wenn wir nach oben klettern können - unsere aktuellen Elos spiegeln nicht unser ganzes Potential wider. Wir können besser spielen.

Vugar Gashimovs Vater, Shakhriyar Mamedyarov und Rauf Mamedov bei der Abschlusszeremonie | Foto: Offizielle Webseite

Du hast in der ersten Jahreshälfte von 2015 einen vollgepackten Terminkalender. Du spielst fast pausenlos durch und nimmst dieses Wochende am Nakhchivan Open teil. Hast du noch genügend Energie für dieses Turnier?

Ich denke, dass die Niederlage in der letzten Runde von Shamkir Chess gegen Magnus Carlsen mir gutgetan hat. Sie war sehr bitter und schmerzhaft für mich - und geschah auch noch an meinem Geburtstag -, aber auf der anderen Seite wäre ich, wenn ich diese Partie nicht verloren hätte, im Nakhchivan Open ein bisschen zu entspannt gewesen, denke ich.

Wenn man in einer Partie gegen Magnus Carlsen mit Schwarz remis spielt, kann man etwas nachlässig werden, aber nach einer solchen Niederlage will ich in Nakhchivan ruhiger und vorsichtiger spielen und ein gutes Ergebnis erzielen. Das Nakhchivan Open ist ein sehr starkes Turnier, in dem ich es noch nicht unter die ersten Drei geschafft habe. Eltaj und Gadir haben Preise gewonnen, aber ich noch nicht.

Dieses Jahr ist die Aufstellung gut, die meisten unserer nationalen Mannschaftsmitglieder spielen mit, aber auch Leute wie Etienne Bacrot, Rustam Kasimdzhanov und Hou Yifan. Es wird also ein sehr ernstzunehmender Wettbewerb.


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