Features 13.04.2016 | 14:22von Macauley Peterson

"Magnus", der Film!

Eine neue Dokumentation, die am 14. April beim Tribeca Film Festival in New York uraufgeführt wird, erzählt die Geschichte von Magnus Carlsens Aufstieg an die Spitze der Schachwelt. Der Film will über die grundlegende Geschichte hinausgehen, die Schachfans bereits bekannt sein dürfte, und uns die Gedanken und Emotionen des norwegischen Stars zeigen. Zu diesem Zweck bekam Regisseur Benjamin Ree unglaublich viel Zugang zu Magnus im Vorfeld der Weltmeisterschaft im Jahr 2013 und während des Matches selbst. Die Geschichte beginnt jedoch bereits mit Carlsens Kindheit und zeigt unbezahlbares Material aus seiner Jugend. Hier findet ihr den Trailer und weiter unten auch bis jetzt unveröffentlichte Szenen aus dem Film selbst!


Der Film soll im Herbst in die Kinos kommen

Im August 2012 traf ich Magnus und seinen Manager Espen Agdestein auf ein paar Drinks im New Yorker Meatpacking District. Wir taten mehr als uns an einem lauen Sommerabend nur gemütlich zu unterhalten: ich bekundete Interesse an der Arbeit an einem Dokumentarfilm über das Kandidatenturnier, das im März des folgenden Jahres in London stattfinden sollte. Magnus hatte sich bereits als Weltranglistenerster durchgesetzt und war somit natürlich der Favorit für die Qualifikation für das Match gegen Anand. Ich hatte Magnus seit 2008 bereits viel gefilmt, einschließlich einiger privater Szenen wie bei seinem Trainingslager mit Kasparov in Oslo im Jahr 2009.

Espen erwähnte, dass es seitens der norwegischen Mediengesellschaft VG bereits Interesse an einem Film gab, die Firma ist gleichzeitig einer von Magnus' Hauptsponsoren. Das ergab natürlich Sinn — ein großes Unternehmen mit Verbindungen zu Carlsens Lager wäre bestens in der Lage, ein großes Projekt durchzuführen. Wir trennten uns an diesem Abend mit dem Einverständnis, dass ich gerne irgendwie beteiligt wäre, wenn ein Filmprojekt tatsächlich in Gang kommen würde.

Als Ben Ree sich also im Herbst 2013 bei mir meldete, ergriff ich die Gelegenheit, als Co-Produzent zu fungieren — es war im Grunde eine kleine Rolle, quasi als Berater.

Der erste Punkt auf der Tagesordnung war, grünes Licht für den Film zu bekommen. Zu diesem Zweck drehte Ben eine Szene über Magnus' Besuch bei Liv Tyler (seiner ersten Modelpartnerin bei G-Star) kurz nach der New York Fashion Show 2010. Sie trafen sich für eine Schachlektion im (mittlerweile geschlossenen) Village Chess Shop und Espen lud mich dazu ein, mit meiner Videokamera vorbeizuschauen. Da die berühmten Schachtische im Washington Square Park quasi um die Ecke waren, schlug ich vor, dass alle hinterher dorthin gehen sollten. Magnus spielte schließlich Blitzschach gegen ein paar ahnungslose "Schachabzocker", zur großen Freude von Tyler und dem Rest von uns.

Liv Tyler nach einer Schachlektion mit Magnus | Einzelbild aus dem Kurzfilm "Schachabzocker" von VGTV.no

Für die sich hieraus ergebende VGTV-Szene gingen sie 2013 wieder in den Park und schafften es, Magnus' Gegner zu finden und zu interviewen, die sich als zwei der "Stammgäste" entpuppten.

Die Szene war eine Art Demo für den Spielfilm, dem natürlich stark zugute kam, dass Carlsen in Chennai gewann und Weltmeister wurde. Der Spielfilm erhielt die benötigte Finanzierung und einen neuen Produzenten, Sigurd Mikal Karoliussen von Moskus Film (mit VGTV als Ko-Produzent). Die Produzenten sicherten sich die Rechte für das ganze Material des Matches, das von ChessCast im Auftrag der indischen Organisatoren produziert wurde.

Das Formen der Story

Abgesehen von der kompletten Videoaufzeichnung des Chennai Matches erhielten die Filmemacher schnell Zugang zu einer weiteren Fundgrube: dem unbearbeiteten Archiv des Filmemachers Oyvind Asbjornsen, die Basis seiner Dokumentation über Magnus im Jahr 2005, The Prince of Chess. Die Stunden an Material und auch die Amateurfilme von Magnus als Kind waren äußerst wichtig für die Vorgeschichte der Weltmeisterschaft 2013.

Magnus im Alter von 6 Jahren

Die Szenen von Magnus als Kind sind letztlich einer der faszinierendsten Aspekte der neuen Dokumentation. Für Leute, die seine Laufbahn über die Jahre hinweg genau verfolgt haben, ist es ein besonderes Vergnügen, die Echos vieler Eigenheiten und Ausdrücke, die er sich auch als Erwachsener noch bewahrt hat, bereits in seiner frühen Kindheit zu sehen.

Sein erstaunlicher Aufstieg im Schach wird Geständnissen gegenübergestellt, dass es einen sozialen Preis kostet, sich so stark auf eine Aktivität zu konzentrieren, denn Magnus litt unter einer gewissen Isolierung und wurde in der Schule sogar gemobbt.

Während dieses ersten Teils des Films erhält man den Eindruck, dass Magnus wirklich nur ein netter Junge mit einer liebevollen Familie war, der versuchte, mit einer ungewöhnlichen Vorliebe umzugehen, die viele außerhalb der Schachgemeinschaft einfach nicht verstanden. Der Film zeigt sowohl seine ersten Erfolge — wie den geteilten ersten Platz bei der norwegischen Meisterschaft — als auch Misserfolge, wie die Niederlage gegen Levon Aronian in der ersten Runde seines ersten Weltpokals, in Tripolis im Jahr 2004.

Carlsen war offensichtlich schon als kleines Kind ungewöhnlich konzentriert und als er im selben Jahr Großmeister wurde, hatte er bereits große Träume.

Wie jedes Kind hatte Carlsen Träume, aber er machte sie auch wahr

Der Höhepunkt des ersten Aktes ist Carlsens Chance, bei einem Schnellschachturnier in Reykjavik gegen Garry Kasparov zu spielen. Magnus ging mit dem erfrischenden Optimismus der Jugend an dieses Aufeinandertreffen heran.

Er war damals noch IM mit zwei GM-Normen und einer Elo von 2484, also ein Außenseiter mit 350 Punkten Abstand. Magnus schaffte es jedoch, Kasparov in der ersten Schnellschachpartie zu einem Remis zu zwingen. Obwohl er seine zweite Partie verlor, war Kasparov von seinen Nerven und seiner Haltung sehr beeindruckt und sollte fünf Jahre später mehrere intensive Trainingssessions mit Carlsen durchführen.

Das Video ihres ersten Aufeinandertreffens am Brett sollte jeder Schachfan einmal gesehen haben, aber selbst Schachneulinge werden über das Bild eines kleinen Jungen staunen, der dem weltbesten Spieler gegenübersitzt und sich behaupten kann — ein solches Phänomen ist ansonsten im Profisport unerhört. Stellt euch vor, das Toptalent im Little League Baseball verwandelt einen Fastball von Aroldis Chapman in einen Double!

Beim Match zwischen Carlsen und Kasparov im Jahr 2004 hing das "Biest von Baku" gegen seinen 13-jährigen Nachfolger in den Seilen

Der Rest des Films befasst sich mit dem Kandidatenturnier in London und dem Weltmeisterschaftsmatch selbst. Dabei hören wir Carlsen als Erwachsenen sowie die Personen, die ihm am nächsten stehen. Sein Vater Henrik und seine Schwestern stehen immer wieder im Vordergrund.

Wir verstehen nach und nach immer besser, wie sein Geist funktioniert, so zum Beispiel wenn Magnus versucht, seine eigene Intuition zu analysieren:

Wenn ich eine Schachstellung sehe, habe ich immer sehr schnell eine Ahnung von dem, was ich tun sollte, und ich sehe das sofort, während andere Leute nur Chaos sehen. Figuren erscheinen im Handumdrehen auf den Feldern. Das passiert automatisch.

Die Filmemacher stellen diesen unterbewussten Prozess mit einfachen, aber eleganten visuellen Effekten dar, die an den Ausstoß von Neuronen in der Großhirnrinde erinnern.


Der Weg nach Chennai

Das Kandidatenturnier von 2013 war eines der aufregendsten Schachevents, die ich jemals selbst erleben durfte (als Produzent der offiziellen Live-Übertragung im Netz), ich kann euch also sagen, dass es großen Spaß macht, die Schlüsselmomente noch einmal zu erleben, auch wenn man mit der Geschichte im Großen und Ganzen vertraut ist (und mit den unnachahmlichen Kommentaren von IM Lawrence Trent).

Sobald dieses Hindernis überwunden war, war es Zeit sich auf das Match vorzubereiten und der Film bringt euch auch dort hinter die Kulissen: in ein Trainingslager mit Magnus' Sekundanten im Kragerø Resort in Norwegen und sogar in sein Haus in Oslo!

Magnus daheim | Foto: Moskus Film

Endlich nach Chennai! Dieses erste Match von Anand gegen Carlsen endete mit einem recht einseitigen Ergebnis von 6½—3½, was für den Film eine Herausforderung darstellte: wie hält man die Spannung aufrecht, wenn das Match gar nicht so knapp ausging?

Daher ist der Fokus voll und ganz auf der ersten Hälfte des Matches und auf den Schwierigkeiten, vor denen ein Herausforderer steht. Und es gelingt, den enormen Druck und die intensive Atmosphäre bei einem solchen Wettbewerb zu illustrieren.

Bald in einem Kino in eurer Nähe?

Regisseur Ben Ree, der auch viel vom Film selbst drehte, mit Magnus im Jahr 2014 | Foto: Ben Ree

Es ist der erste norwegische Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, der seine Premiere beim Tribeca Film Festival feiert, einem prestigeträchtigen Event mit starker Konkurrenz, das von Schauspieler Robert De Niro mitbegründet wurde.

Die ursprünglichen vier öffentlichen Vorstellungen waren alle weit im Voraus ausverkauft, sodass das Festival einen fünften Termin anbot, aber natürlich wird der Großteil der interessierten Kinobesucher gespannt auf den Kinostart warten.

Der Film wurde bereits in Ländern in ganz Europa verkauft und wird am 2. September in Norwegen starten. Der Rest der Welt wird warten müssen, bis sich Filmverleiher finden, aber mit etwas Glück könnt ihr den Film sehen, bevor Carlsen und Karjakin im November in New York aufeinandertreffen!

Bis dahin präsentieren wir euch mit großer Freude eine letzte, bisher unveröffentlichte Szene aus dem Film:

Siehe auch:

Macauley Peterson

Macauley ist zur Zeit Content Director bei chess24. Seine Artikel erschienen im Chess Life Magazine und in Chess Life Online (U.S.A.), New in Chess (Netherlands), "64" (Russland), Chess (U.K.), Jaque, Peón de Rey (Spanien), Torre & Cavallo (Italien). Er ist ein ehemaliger "Schachjournalist des Jahres", wozu ihn die Chess Journalists of America wählten. Besucht Macauleys Profil.




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