Berichte 29.11.2018 | 12:17von Colin McGourty

Magnus Carlsen ist zum vierten Mal Schachweltmeister

Magnus Carlsen hat im Stechen um die Schach-Weltmeisterschaft einen überzeugenden 3:0-Sieg gegen Fabiano Caruana errungen und bleibt damit für weitere zwei Jahre Weltmeister. Nach der Titelverteidigung kam er noch einmal auf seine Entscheidung zurück, in der 12.Partie nicht weiterzuspielen, und meinte Garry Kasparov und Vladimir Kramnik „hätten das Recht, eine dumme Meinung zu haben“. Er fügte hinzu, „Ich war noch nie gut darin, die Ratschläge anderer zu befolgen, sondern bin immer meinen eigenen Weg gegangen … und der hat mir diesen Titel eingebracht!“

Magnus nach dem ersten Sieg überhaupt in diesem Match | Foto: Niki Riga

Hier noch einmal der Live-Stream des letzten Tages der Schach-WM mit Anish Giri, Peter Svidler und Alexander Grischuk am Mikrofon:

Und hier die deutschsprachige Live-Übertragung mit Melanie und Nikolas Lubbe:

Sämtliche Partien des Titelkampfs könnt ihr hier nachspielen:

Schlechter Start für Fabiano Caruana

Gegen Magnus Carlsen mit verkürzter Bedenkzeit anzutreten ist eine äußerst schwere Aufgabe, und bei einer Weltmeisterschaft, bei der es um so viel geht, vermutlich die größte Herausforderung überhaupt:

“Lucy Hawking, Stephen Hawkings Tochter, hätte im Stechen um ein Haar mit 1.c3 (statt 1.c4) für Magnus Carlsen eröffnet.“

In einem solchen Wettkampf geht es natürlich um einen guten Start, und wenn der Gegner wie Carlsen mit 4.e4 einen extrem seltenen Zug spielt, kann man schon einmal ins Nachdenken verfallen:


Caruana spielte zwar schnell 4…0-0, ohne 4…Lxc3 offenbar in Betracht zu ziehen, doch nach 5.Sge2 verlangsamte sich sein Spiel erheblich. Unangenehm war die Stellung nach 5…c6 6.Lg2 a6 für Schwarz aber allemal. 

“Wenn drei GMs mit einer Elo von über 2700 sagen, sie würden eindeutig die weiße Stellung nach 17.Tfe1 vorziehen, sagt das etwas aus!“

Caruana hatte wenig später eine kaputte Bauernstruktur, doch der erste Moment der Wahrheit kam nach 19.Tcd1!


Die Fesselung auf der d-Linie kann schnell tödlich werden, und Caruana investierte hier über fünf Minuten, um letztlich die falsche Entscheidung zu treffen. Er musste das hässliche 19…Sb7 spielen, um mit allen Mitteln das Feld c5 zu verteidigen, da die schwarze Stellung nach 19…Sb5? 20.Sc5! Txb2 21.Sxe6 nur noch eine Ruine war. Alles sah nach einem sicheren Sieg Carlsens aus.

Wie in der ersten Match-Partie lief danach aber nicht alles glatt. Die nächste kritische Stelle war nach 23…exd4 erreicht:


Natürlich war Carlsen klar, wie wichtig dieser Moment war, denn er dachte über neun Minuten nach und büßte damit seinen Vorteil auf der Uhr ein. In dieser Zeit entdeckten die Computer und die kommentierenden Großmeister eine feine Lösung des Stellungsproblems. Nach dem überraschenden 24.Txd4! Kf7 25.Kh1!! gewinnt Weiß, weil eine schwarze Idee aus der Stellung genommen wird. 25.Ted1? scheitert nämlich an 25…Se5! 26.Txd8 Sxf3+! mit schwarzem Dauerschach. Grischuk merkte an, dass ein Carlsen in guter Form und klarem Kopf diese Idee auf jeden Fall gesehen hätte.

Die norwegischen Hoffnungen erhielten jedoch einen Dämpfer, da Carlsen mit 24.Lxe6+ in ein Turmendspiel abwickelte, in dem er Caruana zwar quälen konnte, ein Remis aber wahrscheinlich war. Erst ein Fehlgriff Caruanas im 37.Zug kam ihm entscheidend zu Hilfe, als statt des Schlagens auf e4 ein Schach mit dem Turm vonnöten war:


Carlsen spielte das brillante 38.Te7+!, wodurch Schwarz zum Schlagen des Bauern gezwungen wird, nach 38…Kxf5 aber ein Problem mit seiner Königsstellung hat. Für manche Leute sind solche Züge ganz natürlich…

„Wer möchte, dass seine Kinder eine reelle Chance auf den Gewinn der Schach-WM haben, sollte ihnen drei Jahre vor ihrer Geburt ein Buch über Turmendspiele kaufen.“

Danach ließ Carlsen keinen Zweifel an seinem Sieg mehr aufkommen, womit der Damm gebrochen war!

Hinterher meinte der Weltmeister zum Stichkampf:

Die erste Partie war entscheidend für den Ausgang. Sie war sehr eng und bedeutete für mich den Durchbruch. In der zweiten Partie war ich mir nicht sicher, wie gut ich stehe, aber nach dem Sieg in der ersten Partie war ich sehr ruhig.


Magnus schlägt erneut zu

Unsere Kommentatoren machten sich vor der zweiten Partie schon Sorgen um Caruana: 

“Giri: "Glaubt ihr, dass Caruana noch einmal zurückkommen kann?"
Svidler: "Er ist jetzt klarer Außenseiter"
Grischuk: "Sehr schwer... deutlich wahrscheinlicher ist, dass nach drei Partien alles vorbei ist, aber hoffentlich täusche ich mich!"

Obwohl Carlsen nur noch drei Remis brauchte, vertraute er dem Sveshnikov-Sizilianer und brachte im 11.Zug eine neue Idee aufs Brett. Caruana konnte das nur recht sein, hatte er doch eine zweischneidige Stellung auf dem Brett, die in 21.c5!? kulminierte:

Eine mutige Entscheidung, die mit 21…dxc5 22.Lxc5 Lxc5 23.Db5+ taktisch begründet war, aber nach dem kaltblütigen 21…0-0 bedauerte Fabi vermutlich, dass er nicht auch rochiert hatte. Er erhöhte den Druck mit 22.c6, aber der nächste Bauernvorstoß 26.c7? war bereits der Verlustzug:

„26.c7? von Caruana, und wenn Carlsen die besten Züge findet, geht er 2:0 in Führung und braucht nur noch ein Remis zur Titelverteidigung!“

Nach 26…Lxc7 27.Sxc7 Se5! steckte Weiß in großen Problemen, und 28.Sd5? war nicht mehr als ein verzweifelter letzter Versuch. Nach 28…Kh7! gab Caruana bereits auf:

“Grischuk nach Carlsens zweitem Sieg: "Beim No-Limit Hold'em sagt man, es folgen auf stundenlange Langeweile ein paar Momente des Terrors – dasselbe kann man hier sagen: drei Wochen war es langweilig, und nun haben wir zwei Stunden Terror.“

Caruana fasste seine Eindrücke zusammen:

Leider hatte ich vor allem in der zweiten Partie einen sehr schlechten Start, aber ich konnte heute nicht mein bestes Schach zeigen, während Magnus sehr gut gespielt hat.


Der letzte Streich

Für Fabiano Caruana war nun klar, dass er die nächsten beiden Partien gewinnen musste, um das Match noch einmal zu verlängern. Hätte es einen Beichtstuhl gegeben, hätte Carlsen ihm womöglich einen Besuch abgestattet…

Alexander Grischuk drückte es so aus:

Kommt Fabiano noch einmal zurück, wäre das vermutlich eines der größten Comebacks in der Schachgeschichte und nur mit Liverpools Comeback im Champions-League-Finale gegen den AC Mailand zu vergleichen. 

Er versuchte alles, indem er gegen Carlsens extrem soliden Aufbau Vereinfachungen vermied und schnell spielte, doch Grischuk schränkte ein:

“Svidler: "Caruana  spielt zumindest schnell"
Giri: "Wenn man gewinnen muss, muss man das..."
Grischuk (etwas später): "Irgendwann hat man aber keine Züge mehr, die man schnell machen kann …. oder sogar langsam.

Schwarz stand zeitweilig sogar leicht besser, doch Carlsen wusste, was er tat und bot Caruana nie mehr als Remischancen. Irgendwann war auch das vorbei. Grischuk:

Er will das 3:0. Damit entschuldigt er sich für die 12.Partie – was er gar nicht muss.

Auf jeden Fall setzte Weiß seine Damenflügelbauern in Bewegung und am Ende hatte er eine Dame mehr:

„Wie so oft bei hart umkämpften Duellen hat die letztliche Aufgabe Fabiano Caruanas etwas Herzzerreißendes. Schach ist das rücksichtsloseste Spiel überhaupt, denn der Weg an die Spitze ist hart – und wenn man sie erreicht hat, wartet ein Wikingerzyklop auf einen.“

Damit hatte Carlsen das Stechen sogar noch überzeugender als in New York gewonnen und baute seine Regentschaft auf mindestens sieben Jahre aus, da er den Titel erst 2020 wieder verteidigen muss. Die Party konnte beginnen, und die Gratulanten überschlugen sich: 

„Garry Kasparov: Carlsens Niveau im Schnellschach ist phänomenal. Wir werden alle schlechter, je kürzer die Bedenkzeit ist, aber bei ihm ist das Verhältnis am geringsten, vielleicht büßt er nur 15 Prozent der Spielstärke ein. Ein Riesenvorteil bei dem Format.

Glückwunsch an Magnus Carlsen, der erneut Weltmeister wurde! Ein heldenhafter Kampf von Caruana forderte Carlsen das Maximum ab, das er zum Pech von Caruana heute abrufen konnte!“

Garry Kasparovs Kommentar zu Carlsens Schnellschachfähigkeiten stieß ins selbe Horn wie Alexander Grischuk, der sich sogar fragte, ob Carlsen im Schnellschach nicht besser sei! Allerdings stand Kasparovs Kritik nach der 12.Partie noch im Raum, bei der sich der Ex-Weltmeister gefragt hatte, ob Magnus überhaupt Favorit sei, nachdem er anscheinend die Nerven verloren habe. Der Weltmeister nutzte auf der Pressekonferenz die Chance zurückzuschlagen!

“Magnus Carlsen greift seine Kritiker Kasparov und Kramnik an: "Sie haben das Recht, eine dumme Meinung zu haben. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen."

Hier die gesamte Pressekonferenz:

Magnus meinte später:

Das Match ging über die volle Distanz, weil sich beide Spieler in schwierigen Stellungen gut verteidigt haben, und das zeigt, wie schwer es ist, auf diesem Niveau Partien zu gewinnen. Es lag nicht am fehlenden Willen – außer in der 12. Partie, wo es genau daran fehlte! – aber zu diesem Zeitpunkt traf ich eine Entscheidung, mit der ich mich sehr wohl fühlte und die ich unabhängig vom Ausgang richtig hielt.

Carlsen war voll des Lobes für seinen Gegner:

Dieser Sieg ist sehr speziell. Mir scheint, dass Fabiano mein bisher stärkster Gegner bei einer WM war. Im Turnierschach hat er dasselbe Recht wie ich, sich als bester Spieler der Welt zu bezeichnen. Ich bin sehr froh, dass ich diese riesige Herausforderung gemeistert habe und werde weiter an mir arbeiten, um in zwei Jahren noch besser zu sein. 

Fabiano gab das Kompliment zurück:

Er ist der verdiente Weltmeister und der verdiente Sieger dieses Matchs. Wir hatten beide schwache Momente, aber am letzten Tag zeigte er im Gegensatz zu mir starkes Schach. Demnach hat er verdient gewonnen. 

Hier Caruanas offizielle Stellungnahme:

“Das war ein hart umkämpftes Match, und ich möchte Magnus Carlsen zur Titelverteidigung gratulieren. Ich musste gegen einen der talentiertesten Spieler der Schachgeschichte antreten und habe alles gegeben. Während der WM habe ich viel Zuspruch von Fans auf der ganzen Welt erfahren, bei denen ich mich bedanken möchte. Mir scheint, dass dieses wunderbare Spiel nun wieder in den USA wahrgenommen wird, und hoffe, dass eine neue Spielergeneration davon inspiriert wird. Ich freue mich darauf, einen erneuten Anlauf auf den Titel zu nehmen.“

Bei der Pokalübergabe prophezeite Magnus seinem Konkurrenten eine positive Zukunft:

Natürlich bin ich mit dem Matchausgang sehr zufrieden, aber ich glaube nicht, dass wir Fabiano in diesem Zusammenhang zum letzten Mal erlebt haben.

In seiner Rede nannte Carlsen einen möglichen Grund für seinen Erfolg:

Magnus: "Ich bin seit vielen Jahren Schachprofi, und meine Schachkarriere dauert sogar schon länger an, aber ich war noch nie gut darin, die Ratschläge anderer zu befolgen, sondern bin immer meinen eigenen Weg gegangen … und der hat mir diesen Titel eingebracht!“

Das Match ist damit nach drei harten Wochen beendet:

Wir hoffen, ihr hattet viel Spaß mit dieser WM!

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