Interviews 04.02.2019 | 13:35von Colin McGourty

Magnus Carlsen: “Ich lebe mit einer Lüge!”

Schachweltmeister Magnus Carlsen nahm sich letzten Donnerstag 40 Minuten Zeit, um Jan Gustafssons Fragen zu beantworten. Das Gespräch drehte sich unter anderem um den Rücktritt von Vladimir Kramnik vom Profischach und die jüngsten Partien vom Tata Steel Masters. Außerdem räumte Carlsen ein, dass es etwas gebe, “das ich gern ansprechen würde, denn ich lebe mit einer Lüge, die mir auf der Seele brennt“.  

Hier das gesamte Interview in bewegten Bildern:

Und hier die wichtigsten Stellen auf Deutsch:

Vladimir Kramniks Rücktritt

Die vermutlich letzte Turnierpartie Carlsen-Kramnik endete remis | Foto: Alina l'Ami, Turnierseite

Genau zwei Tage vor dem Interview hatte Vladimir Kramnik seinen Rücktritt vom Wettkampfschach bekanntgegeben, womit der Einstieg ins Gespräch recht klar vorgegeben war. Jan fragte zunächst, ob Kramnik bei seinem letzten Turnier wohl Spaß hatte:

Natürlich war es traurig, wie sein letztes Turnier verlaufen ist. Man sagt immer, „Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter“, und vielleicht kann man daher auch sagen, „Spiel bei jedem Turnier so, als wäre es dein letztes“ oder „jede Partie“, aber ich denke im Nachhinein … soweit ich weiß, hat es ihm zwar Spaß gemacht, aber es war sicher kein schöner Abgang.

Ich kenne ihn aber nicht allzu gut. Ich persönlich kann mich in seine Lage nicht hineinversetzen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einem das Verlieren nichts ausmacht, man sich aber daran erfreut, so viele Jahre zur Weltspitze gehört zu haben und mit einem Sieg über Garry Weltmeister geworden zu sein. Tja, es ist schwer, sich hineinzuversetzen. Unterm Strich würde ich sagen, er wollte auf jeden Fall unterhaltsames Schach zeigen, aber viel Spaß hatte er wohl nicht.

Im Kontext der Reaktionen auf Kramniks Rücktritt ragte dieser Tweet heraus:

„Heute gibt die FIDE noch bekannt, dass die Freiplätze für das Kandidatenturnier abgeschafft werden.“

Kramnik hatte beim Kandidatenturnier 2018 einen Freiplatz erhalten, und einer seiner weniger Schachpunkte in seiner Biografie ist, dass er sich nie für ein WM-Match qualifizieren konnte – nach seiner Niederlage gegen Alexei Shirov konnte er erst dann 2000 gegen Garry Kasparov antreten, als dessen Match gegen Shirov geplatzt war. Dennoch war der Zeitpunkt etwas fragwürdig, zumal Carlsen noch nachsetzte!

„Bin sehr dankbar dafür, dass ich bei den Live-Shows einen „Freiplatz“ bekomme, obwohl ich kein offizielles Mitglied des Kommentatorenteams bin! In fünf Minuten geht es los!“

“Habt ihr Streit?”, fragte Jan:

Nein, keineswegs! Wir kommen seit vielen Jahren gut miteinander aus. Wir haben vor der Blitz-WM in Berlin einige Trainingspartien bestritten, und obwohl wir davor einige Meinungsverschiedenheiten hatten und bei bestimmen Themen unterschiedlicher Auffassung sind, hatten wir nie Probleme. In den letzten Jahren würde ich sagen, sind wir gut miteinander klar gekommen.

Offen gestanden wollte ich einen anderen Witz machen – ich habe verzweifelt im Internet nach Vlads Zitat über Nakamura gesucht, als er gefragt wurde, ob Nakamura Weltmeister werden könne, und antwortete, „Vielleicht wenn wir alle aufhören!“ Da ich es nicht finden konnte, habe ich mich einfach für was anderes entschieden!

Hast du in jungen Jahren Kramniks Partien verfolgt?

Ich habe seine Partien nicht direkt verfolgt, habe aber das Buch Kramnik, My Life and Games gelesen, das um 2001 herum herausgekommen ist. Es zählte damals zu meinen Lieblingsbüchern, und ich mochte seinen Stil und seinen Ideenreichtum, den er heute noch hat, wirklich sehr. Ich bewundere ihn sehr, und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Kramnik hat das Buch zusammen mit dem Journalisten Iakov Damsky verfasst | Quelle: Amazon

Tata Steel Chess 2019

Magnus gewann das Tata Steel Masters ohne Niederlage mit 9 aus 13, nachdem er einen verhaltenen Start hingelegt und seine turnierübergreifende Remisserie auf 21 Partien ausgebaut hatte.

Machte er sich Sorgen?

Ich habe “Twitterati” und den anderen Kram zu Turnierbeginn nicht verfolgt, aber ich hatte zunächst nicht das Gefühl, dass ich besonders viel falsch gemacht hätte. 21 Remis in Folge würden jeden beschäftigen, selbst wenn man meint, man habe vieles richtig gemacht und könne nicht viel anders machen. Ich dachte immer, dass ich irgendwann wieder gewinnen würde, aber wenn man weiter remis spielt, fängt man zwangsläufig an, an sich zu zweifeln. Natürlich ist der erste Sieg dann sehr erfreulich. 

Carlsen 1:0 Rapport: “Ich lebe mit einer Lüge”

Eine der kuriosesten Partien war Carlsens Sieg gegen Richard Rapport in Runde 8. Alles sah zunächst nach einer schönen Partie aus, mit einem positionellen Bauernopfer, das zu einer überlegenen Stellung führte, die Carlsen sauber zum Sieg führte. Hinterher spielte er die Lobeshymnen aber herunter und erwähnte die Partie mit keinem Wort in der Pressekonferenz, als es um seine besten Partien ging.

Er enthüllte ein Geheimnis, als er das aktuelle Jahr mit dem letzten verglich:

Was das Ergebnis betrifft, verlief das Turnier etwa so wie das letzte Jahr. Damals gewann ich ebenfalls die letzten vier Weißpartien, nachdem ich zuvor mit Schwarz gewonnen hatte, daher war der Verlauf ganz ähnlich, aber ansonsten war mein Schach von einer Ausnahme abgesehen qualitativ besser. Die aber sollte ich nun ansprechen, da ich mit einer Lüge lebe, die mir auf der Seele brennt!

Gemeint ist die Partie gegen Rapport, die meines Wissens hoch eingeschätzt wurde… Das Problem ist, dass ich einen Bauern eingestellt habe! Als ich 25.e5 gespielt habe, habe ich nicht gesehen, dass er auf g2 und dann auf e5 nehmen konnte!


Es kam mir vor wie Anfängerglück. Man bekommt diese Stellung, die so schön aussieht, und als er e5 zuließ, dachte ich, er wollte in schlechter Stellung Schwindelchancen mit Lf8 und Te6 oder ähnlichen Zügen suchen, und kapierte nicht, dass er einfach nehmen konnte.

Nachdem ich mich eine Minute lang verflucht hatte, spielte ich [25…Lxg2 26.Dxg2 dxe527.Sd5, weil ich keine andere Wahl hatte, und während er nachdachte, sah ich, dass alles funktionierte … Es ist eine Schande. Ich bin durch pures Glück in dieses wunderbare Konzept hineingestolpert, da ich e5 kaum gespielt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass ich einen Bauern verliere.

Der Rest der Partie war lustig, weil ich mich so bescheuert fühlte. Hinterher konnte ich mich daher auch nicht freuen, da ja alles auf einem Überseher basierte. 

Carlsen 1-0 Anand: Langes Ringen

Vishy Anand ist immer noch ein harter Gegner für Magnus, umso froher war der Norweger, dass er in der 10. Runde nach 76 Zügen gegen ihn gewinnen konnte:

Das war war, ehrlich gesagt, eine harte Partie. Ich habe mich von Anfang an nicht frisch gefühlt und viel Zeit verbraucht. Nach der Zeitkontrolle habe ich überlegt, ob ich zum Damenflügel laufen und zulassen sollte, dass sein h-Bauer läuft, und schließlich habe ich mich entschieden, mich um den Bauern h6 zu kümmern, was letztlich einem Remisangebot gleichkam, da ich quasi keine Zeit mehr hatte. Danach beging er mehrere Ungenauigkeiten. Er musste das Springerendspiel nicht zulassen, doch als wir es erreicht hatten, schöpfte ich wieder Hoffnung, und als er auf den Trick mit a5 hereinfiel…


…ist die Stellung selbst mit viel Bedenkzeit kompliziert, wenn man gesehen hat, dass 70…bxa5 71.Kd5 Sf4+ 72.Kxc5 Se2 73.Sd6 nicht auf der Stelle remis macht. Danach ist es mehr oder weniger ein Ratespiel.

Man sieht kein direktes Remis, daher muss man einschätzen, ob die entstehende Stellung remis ist oder nicht, was sehr schwer ist, da ich Varianten gesehen habe, die zum Remis führen, aber auch solche, bei denen ich gewinne. Wegen 70…b5 kann man ihn schwer tadeln,  und ich fragte mich an dieser Stelle nicht, “ob der Zug gewinnt oder verliert?”, sondern einfach nur, “ob die Partie weitergeht?” Selbst nach b5 wusste ich also nicht, ob ich auf Gewinn stehe, aber das war nicht weiter schlimm, da die Partie weiterging.

Zwei Weltmeister | Foto: Tata Steel Chess Facebook-Seite

Carlsen 1-0 Duda: WM-Vorbereitung

Während der Partie dachte man, dass Jan-Krzysztof Duda hier Opfer von Carlsens WM-Vorbereitung geworden war, und offenbar hatten Jan und Co. dem Weltmeister tatsächlich auf die Sprünge geholfen:


17.Lh6! war der richtige Zug, doch Carlsen räumte ein, dass er nicht recht Bescheid wusste:

Als wir uns die Variante angesehen haben, habe ich gesagt, “warum kann Schwarz nicht einfach 15…Lc5 und 16…h6? spielen”, aber genauer haben wir sie uns nicht angeschaut. Ich konnte mich noch an 17.Lxh6 gxh6 18.Dd2 und die Bewertung +1 erinnern. Danach haben wir etwas anderes angeschaut und ich wusste nicht recht, warum der Computer +1 anzeigt.

Es war aber zumindest angenehm zu wissen, dass die Stellung nach dem Damentausch für Weiß deutlich besser ist. Andernfalls hätte ich sie vermutlich nicht angestrebt, da sie für mich sehr remislich ausgesehen hätte… Es lag aber noch viel Arbeit vor mir, um diese Partie zu gewinnen…

Magnus schaffte es und ging mit einem halben Punkt Vorsprung in die letzte Partie gegen Giri. Carlsen gab zu, dass er ein wenig faul war und sich am Ende verrechnete. Giri spielte 28.Dc6! und stand besser, während Carlsen nur 28.Dd5 gesehen hatte.

Dein Turnierfazit?

Ich bin mit meinem Abschneiden sehr zufrieden. Abgesehen von der Partie gegen Rapport, sind mir keine Einsteller unterlaufen, und am Ende hat er sich ja als guter Zug herausgestellt… Ich bin mit dem Turnier sehr zufrieden. Natürlich kann es immer noch besser laufen, aber ich bin mit der Entwicklung sehr zufrieden, da ich einen Schritt nach vorn gemacht habe. Solange die Entwicklung positiv ist und das Resultat ebenfalls, muss ich zufrieden sein. Noch kann man nicht sagen, ob ich wieder so stark wie früher bin, da es eben nur ein  Turnier war.

Zur Schnellschach- und Blitz-WM in St. Petersburg:

Man kann nicht sagen, dass ich beim Schnellschach um ein Haar gewonnen hätte – ich kämpfte nur eine von fünfzehn Runden um den Sieg. Die Geschichte war natürlich gut: schlechter Start, guter Abschluss beim Schnellschach und dann ein extrem gutes Ergebnis beim Blitzen… Ich ärgere mich trotzdem. Ich habe das Gefühl, dass ich alle drei Titel gewinnen konnte, doch dann war ich nicht bereit. Zu Beginn fühlte es sich so an, aber natürlich war ich es nicht. Es kommt mir wie eine verpasste Chance vor, aber mit einem Titel und einem Turnier ohne Niederlage beim Blitzen kann man nicht unzufrieden sein. Trotzdem ist auch hier eine Steigerung möglich!

Levon Aronians Missgeschick wurde live verfolgt

Über die aktuelle Kräfteverteilung im Weltschach:

Ich glaube, erst komme ich, dann Fabi, dann der Rest. Er hat hier nicht gespielt, daher würde ich ihn in dieselbe Gruppe wie mich einteilen. Ding hat in Wijk aan Zee sicher nicht schlecht abgeschnitten, aber mit nur zwei Siegen kann man nicht gewinnen! Man muss aber auch sagen, dass sich die anderen gut verteidigt haben, daher sind es vielleicht doch ein oder zwei Spieler, die besser sind als der Rest… Ich weiß nicht, was mit Shak los war, und will nicht spekulieren, aber das war sicher nicht seine beste Leistung. 

Radjabov: “Das Gespräch zwischen Carlsen und Gustafsson erinnert mich daran, wie Fischer gefragt wurde, wer außer ihm der beste Spieler der Welt sei. Darauf meinte er: Ich bin der Beste, einen Zweiten und Dritten gibt es nicht, und Spassky ist Vierter.“

Wie sieht die nahe Zukunft aus?

Ich werde bei den GRENKE Classics mitspielen, und vielleicht noch ein Turnier davor, doch das ist noch nicht ganz sicher. Ich würde gern spielen. Am Ende des Turniers hatte ich noch viel Energie, daher ist es ein wenig schade, dass ich nun pausiere, aber so ist es eben. Vor April würde ich aber gern spielen und bin sehr offen für Vorschläge!

Über die neue Führung der FIDE:

Mir gefällt, wie aktiv sie sind. Sie fliegen durch die Welt und machen etwas… Man wird sehen, wie effektiv die Maßnahmen sind, aber zu diesem Zeitpunkt kann man noch nicht viel verlangen. Daher bin ich vorsichtig optimistisch.



Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 2

Guest
Guest 6225135339
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.