Berichte 11.06.2022 | 15:58von Colin McGourty

Magnus Carlsen gewinnt Norway Chess − zum 5. Mal

Magnus Carlsen hat nun mit seinem 5. Sieg im Norway Chess die Hälfte der bisher insgesamt 10 Ausgaben des Turniers gewonnen − und die letzten vier in Folge. Der letzte Turniertag der diesjährigen Ausgabe war nervenaufreibend: Der Weltmeister wurde von Wesselin Topalow zu einem Remis gezwungen, so dass Shakhriyar Mamedyarov den Titel gewonnen hätte, wenn er seinen Landsmann Teimour Radjabov im klassischen Schach geschlagen hätte. Zwischenzeitlich sah es fast danach aus, als würde Mamedyarov in der Tat gewinnen, aber Teimour kämpfte sich zurück und überlebte eine schlechte Stellung sogar in Zeitnot. Vishy Anand belegte Platz 3 vor Maxime Vachier-Lagrave auf Platz 4.


Du kannst alle Partien des Norway Chess 2022 einsehen, indem du sie in der nachfolgenden Liste anklickst:

Und hier die Live-Kommentierung von Jan Gustafsson und Jovanka Houska:







Die letzte Runde des Norway Chess sollte die einzige ohne klassischen Sieg sein, da alle fünf Matches mit einer Armageddon-Partie entschieden wurden.



Das Norway Chess war ein langes, intensives Turnier, und es war verständlich, dass einige der Spieler froh waren, es am Ende einfach hinter sich zu bringen. Wang Hao-So war die einzige Partie, die keinen Einfluss auf den Turniersieg haben konnte, und die klassische Partie wurde in nur 28 Zügen und etwas mehr als einer Stunde remis gehalten.   

Wesley So ging am Ende die Luft aus | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess

Die Armageddon-Partie konnte Wesley dann für sich entscheiden, nachdem Wang Hao in einer Gewinnstellung ein grober Patzer mit 32.Te2? unterlaufen war, wonach Wesley mit 32…Ld1! leicht zum Sieg kommen konnte.

Insgesamt war es aber doch ein enttäuschendes Turnierende für den US-Meister, der mit vier Siegen in Folge in das Turnier gestartet war.

Vishy Anand erzwang seinerseits ein 22-Züge-Remis gegen Aryan Tari, wobei die Hoffnungen des fünffachen Schachweltmeisters auf den Titel durch einen Ein-Zug-Fehler am Vortag zunichte gemacht wurden.

Nichtsdestotrotz hat der 52-jährige Vishy eine starke Leistung hingelegt, denn er gewann 7 seiner 9 Mini-Matches. Einen weiteren Einblick in seine Form gab er in der letzten Armageddon-Partie, in der er sich perfekt verteidigte, während er mit halsbrecherischer Geschwindigkeit spielte.

Aber auch Aryan Tari kann stolz auf sein Turnier sein, denn obwohl er in letzter Minute eingeladen wurde und der am niedrigsten eingestufte Spieler war, wurde er 8. und gewann 8,5 Ratingpunkte.

Es waren ein paar harte Wochen | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess

Die Titelhoffnungen von Maxime Vachier-Lagrave endeten mit einem Remis gegen Anish Giri, aber der Franzose konnte dann im Armageddon einen überzeugenden Sieg einfahren. Platz 4 und 5,4 Wertungspunkte waren eine beeindruckende Leistung von Maxime, und es hätte ein fantastisches Turnier für ihn werden können, wenn er einen der Siege eingefahren hätte, die er gegen Magnus verpasst hatte.

Für Giri war es eine anständige Leistung, und wenn er im klassischen Schach auf 50% kam, dann nicht nach ruhigen Remis − niemand spielte mehr entscheidende Partien als Anish, mit Siegen gegen Radjabov und Tari, die durch Niederlagen gegen Carlsen und Mamedyarov ausgeglichen wurden. Apropos…

Carlsen liegt nur knapp vor Mamedyarov

Wesselin Topalow war dazu entschlossen, es Magnus Carlsen nicht leicht zu machen | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess

Als Magnus Carlsen in die letzte Runde des Norway Chess ging, wusste er, dass er sich den Gesamtsieg nur direkt sichern konnte, indem er Wesselin Topalow mit den schwarzen Figuren im klassischen Schach schlägt. Das war jedoch leichter gesagt als getan, vor allem bei einer eher „langweiligen” Eröffnung.


Magnus gab sich schließlich mit einem Remis zufrieden und war der Meinung, es sei das Beste gewesen, das Remis „mit beiden Händen zu ergreifen”.

Während andernorts noch Partien im klassischen Schach ausgefochten wurden, war es für Carlsen und Topalow an der Zeit, ihr Armageddon zu spielen, wobei Magnus wusste, dass er nur ein Remis brauchte, um sich den Titel zu sichern... vorausgesetzt, die Partie Mamedyarov-Radjabov endete auch in einem Remis.

Zunächst schien Magnus, der mit den schwarzen Figuren spielte, alles unter Kontrolle zu haben, aber 24.b4! drohte das Blatt zu wenden.

War Magnus beunruhigt?

Ich war zu müde, um mir Sorgen zu machen! Ich war einfach nur froh, dass ich in der klassischen Partie ein Remis erreicht hatte, und versuchte einfach durchzuhalten. Ich konnte überhaupt nicht viel denken. Ich war natürlich ein bisschen besorgt über meine Stellung... es war hart!

Am Ende konnte Magnus jedoch den Ausgleich halten.


Hier war 26...Tf6! ein elegantes Verteidigungsmittel, und die Partie endete bald in einem Remis.

Magnus hatte zwar seinen Job getan, aber zu diesem Zeitpunkt sah es immer noch so aus, als würde es nicht reichen.

Mamedyarov and Radjabov lieferten sich einen scharfen Kampf | Foto: Lennart Ootes, Norway Chess

In der Partie zwischen den aserbaidschanischen Freunden Shakhriyar Mamedyarov und Teimour Radjabov wählte der für gewöhnlich vorsichtige Teimour eine sehr gefährliche Eröffnungsvariante, und Shakh nahm die Einladung zum Angriff an.


Hier scheint 15...c5! gut für Schwarz zu sein, während das Aufheben der Abtauschmöglichkeit mit 15...c3?! 16.bxc3 Lxf1 ein Fehler war, der Weiß enorme Angriffschancen bei minimalem Materialeinsatz gab. Es sah nach einer Traumstellung für Shakh aus, und der andere große Faktor war die Uhr.

Da es vor dem 40. Zug in Stavanger kein Inkrement gab, bestand für Teimour die Gefahr, unter enormen Zeitdruck zu geraten und nicht mehr in der Lage zu sein, seine Züge rechtzeitig auszuführen, insbesondere angesichts der Komplexität der Stellung.

Teimour begann jedoch brillant zu reagieren, indem er sich für das scharfe 26...Sxc3 entschied, anstatt mit 26...Dxf3+ strikt auf Remis zu spielen. Er fand alle Züge, auch wenn Shakh gegen Ende eine letzte Chance gehabt hätte, die Dinge zu verkomplizieren.


Nach 34.Lf5! wäre die f-Linie blockiert und es würde Th7+ drohen, wodurch die schwarze Dame gewonnen wird. Das ist zwar kein tödlicher Schlag, aber es wäre unglaublich schwierig gewesen, mit einer Minute auf der Uhr dagegen zu kämpfen.   


Stattdessen scheint es, dass Shakh nach 34.f3 Th8 35.Dc3 ein Remis anbot. Beide Spieler hatten an diesem Tag schon genug Stress gehabt, und Teimour akzeptierte, wodurch Magnus Carlsen zum Turniersieger wurde. Shakhriyar, der drei klassische Partien gewonnen und nur eine gegen Magnus verloren hatte, lag nur knapp hinter ihm.


Teimour tröstete sich damit, dass er die letzte Armageddon-Partie gewinnen konnte, um nicht auf dem letzten Platz zu landen, aber drei Niederlagen und keine Siege im klassischen Schach − mit einem Verlust von 15 Ratingpunkten − waren nicht das Aufwärmtraining, das Teimour sich für das Kandidatenturnier gewünscht hatte. Wenn er jedoch in Madrid gut abschneidet, wird seine schwierige Zeit in Stavanger bald vergessen sein.


Wie bewertet Magnus sein Turnier insgesamt?

Ich denke, ich habe den größten Teil des Turniers ziemlich gut gespielt, und dann ging mir am Ende einfach die Luft aus. Am Ende ist das Ergebnis vielleicht ein bisschen besser als die eigentliche Leistung, aber in den ersten sechs Runden war es sehr gut. Wie gesagt, die Leistung, ich glaube 2865 oder 2864, ist ein bisschen höher als mein durchschnittliches Rating in den letzten sieben Jahren oder so, also ist es gut, dieses Niveau zu halten, aber wenn ich 2900 erreichen will, muss ich natürlich so spielen, wie ich besonders in den Runden 3-6 gespielt habe... Ich muss die ganze Zeit so spielen und nicht nur ab und zu.


Magnus verriet, dass er bis zur Olympiade Ende Juli erstmal nicht vorhabe zu spielen, da er das Gefühl habe, eine Pause zu brauchen:

Es ist nicht so, dass ich zu viel gespielt hätte, aber ich habe das Gefühl, dass ich eine Zeit lang ständig ein bisschen krank war und mir die Energie fehlte. Während des Turniers ging es mir gut, aber ich glaube, der Mangel an Energie hat mich am Ende eingeholt.


Zum Schluss scherzte er:

Aber es ist immer besser, eine Pause zu machen, nachdem man eine Pause gemacht hat!


Das war's also mit Norway Chess 2022, aber es geht weiter mit anderen hochkarätigen Turnieren: Derzeit finden in Prag (Masters, Challengers) und in Frankreich (Französische Mannschaftsmeisterschaft) wichtige Veranstaltungen statt, und in weniger als einer Woche beginnt das am meisten herbeigesehnte Ereignis von allen: das FIDE-Kandidatenturnier.

Magnus, der gegen den Sieger bei der nächsten Weltmeisterschaft antreten müsste, wenn er sich dafür entscheidet, kommentierte:

Ich werde das Kandidatenturnier in den nächsten Wochen Vollzeit verfolgen.


Judit Polgar und Jan Gustafsson werden das Kandidatenturnier ab Freitag, den 17. Juni um 15:00 Uhr MESZ hier auf chess24 live kommentieren.

 Siehe auch:


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