Allgemein 02.07.2021 | 08:53von Colin McGourty

Magnus Carlsen feiert 10 ununterbrochene Jahre auf Platz 1 der Weltrangliste

Schachweltmeister Magnus Carlsen ist nun seit 10 Jahren, mit Beginn im Juli 2011, auf dem 1. Platz  der Weltrangliste. Eine ungeschlagene Serie, die nun Garry Kasparovs zwei Jahrzehnte als Nummer 1 von 1986 bis 1996 und 1996 bis zu seinem Ruhestand 2006 angreift. Obwohl Magnus Schreckmomente erlebt hat - zum Beispiel hätte jede Niederlage gegen Fabiano Caruana im Weltmeisterschaftsmatch 2018 Fabi an die Spitze gebracht - ist er bemerkenswerterweise ununterbrochen seit einer Dekade an der Spitze. Dies gilt auch für die Live-Wertung.

Als Magnus kürzlich nach der Überquerung der Grenze von 10 Jahren gefragt wurde, war er tatsächlich überrascht.

Das wusste ich nicht einmal, aber für mich war es vermutlich besonderer im Januar 2010, als ich zum ersten Mal offiziell auf Platz 1 war oder, ich glaube, es war im Oktober 2008, als ich zum ersten Mal inoffiziell auf dem ersten Platz war, das ist aber lange her!

Seit dem Moment, als Magnus die offizielle Ratingliste der FIDE im Januar 2010 anführte, gab es zwei Phasen, in denen der 15. Weltmeister Vishy Anand die Spitze zurückeroberte. Dies geschah zuletzt im Mai 2011.

Damals wurden die Listen alle zwei Monate veröffentlich und im Juli 2011 hatte Magnus die Führung übernommen.


Seitdem war Magnus der beste Spieler auf jeder publizierten Liste und führte auch die Live-Wertung an, die nach jeder Partie aktualisiert wird.

Wie ihr euch vorstellen könnt, befindet er sich mit dieser Leistung in sehr exklusiver Gesellschaft. Seitdem die offiziellen FIDE Wertungslisten 1971 veröffentlicht wurden, haben lediglich sieben Spieler diese angeführt und nur drei von ihnen sind vergleichbar mit Magnus in ihrer Zeit an der Spitze.

Die führenden Spieler seit Einführung der Wertungslisten | Quelle: Wikipedia

Mit 132 Monaten an der Spitze hat Magnus Anatoly Karpovs 102 Monate übertroffen. Er hat aber noch fast genau 10 Jahre vor sich, um mit Garry Kasparovs 255 Monaten gleichzuziehen - 21 Jahre und 3 Monate! Wird Magnus eine weitere Dekade an der Spitze bleiben? „Unwahrscheinlich, aber wird werden sehen“, sagte er in obigem Video, aber wenn es um eine ununterbrochene Serie geht, kann er bereits beanspruchen, Garry übertroffen zu haben.

Anatoly Karpov verbrachte 8 Jahre ununterbrochen von 1976-1983 seine Zeit an der Spitze, aber Garry tat es ihm zumindest  von 1986-1993 gleich. Offiziell endet die Serie hier, aber nur weil die FIDE Kasparov und Nigel Short 1994 von ihren Wertungslisten entfernte, nachdem dies sich von FIDE abgrenzten, um ihr Weltmeisterschaftsmatch zu spielen. Garry war effektiv immer noch bis Januar 1996 auf Platz 1, ein ganzes Jahrzehnt, bis der 20-jährige Vladimir Kramnik mit Garrys Wertung von 2775 gleichzog, aber durch das Tiebreak, mehr Partien gespielt zu haben, die Führung übernahm.

Das bedeutete, dass für Garry im Juli 1996 eine neue Serie begann, als er erneut die Führung übernahm. Diesmal dauerte sie bis zu seinem Ruhestand im März 2006 an - er war nicht länger ab April 2006 vertreten. Damit dauerte die offizielle Serie 9 Jahre und 9 Monate lang an.

Magnus, der auf der Wertungsliste von Juli 2021 eine Wertung von 2847 hat und vor Fabiano Caruana mit 41 Punkten führt, bringt seine Serie über eine Dekade hinaus, ohne, dass ein baldiges Ende in Sicht ist. Als er gefragt wurde, was jetzt komme, antwortete er:

Ich habe keine speziellen Pläne, aber ich bin zumindest glücklich, dass der Abstand wieder ziemlich groß ist, nachdem Caruana in Rumänien ein paar Punkte verloren hat, deshalb mache ich mir momentan keine großen Sorgen darum.

Weil Magnus so lange der Beste ist, ist es vielleicht interessanter zu sehen, wer sich in der letzten Dekade auf dem zweiten Platz befand. Es sind lediglich neun Spieler.

NameFEDTime as no. 2Smallest gapBiggest gapFirst no. 2Last no. 2
Fabiano Caruana52 months371Oct 2014July 2021
Levon Aronian32 months1072Jan 2012Dec 2017
Vladimir Kramnik12 months1074Jan 2013Jul 2017
Viswanathan Anand10 months472Jul 2011Sep 2015
Wesley So5 months1220Mar 2017Aug 2017
Maxime Vachier-Lagrave3 months2344Aug 2016Sep 2017
Shakhriyar Mamedyarov3 months2934Feb 2018Apr 2018
Veselin Topalov2 months3147Nov 2015Dec 2015
Hikaru Nakamura1 month3434Oct 2015Oct 2015

Wir ihr sehen könnt, haben Fabiano Caruana und Levon Aronian gemeinsam 7 der 10 Jahre als Zweite verbracht und sie waren beide in diesem Zeitraum in Griffweite der Führung. Wie Magnus selbst kommentierte:

Es gab viele Partien, oder sogar nur Züge, bei denen ich die Führungsposition hätte verlieren können. Zum Beispiel gab es in dem Match gegen Caruana eine Reihe von Partien, in denen ich Probleme hatte. Tatsächlich ist eine so lange Zeit, dass selbstverständlich etwas Glück dazugehört!

Lasst uns einen kurzen Blick auf einige Highlights der letzten Dekade werfen.

Januar 2013: Carlsen bricht Garrys Rekord - Magnus erzielte ein ungeschlagenes Ergebnis von +5, um das London Chess Classic im Dezember 2012 zu gewinnen. Damit brachte er sein offizielles Rating auf der Wertungsliste im Januar auf 2861 und übertraf Garry Kasparovs Rekord von 2851.

Oktober 2013: Magnus erreicht seinen größten Abstand - ein gewaltiger 74-Punkte Abstand zu Vladimir Kramnik, bei dem lediglich Magnus im 2800 Club war.


Oktober 2014: Caruana tritt auf den Plan - Fabiano Caruana stürmte zum ersten Mal auf den zweiten Platz, als er unglaubliche sieben Siege in Folge beim Sinquefield Cup, der im August-September 2014 abgehalten wurde, erzielte.

7/7 in einem Teilnehmerfeld zu erreichen, bei dem die Gegner Carlsen, Topalov, MVL, Aronian und Nakamura waren, war atemberaubend

Während Magnus die Wertungsliste im September 2014 mit 66 Punkten vor Aronian führte, betrug der Abstand zu Fabi im Oktober lediglich 19 Punkte.

Dezember 2016: Harte Weltmeisterschaft verkürzt den Abstand - Weil Magnus es lediglich schaffte, das Match 2016 gegen den niedriger-gewerteten Sergey Karjakin auszugleichen, verlor er Punkte und war nur noch 17 Punkte vor Fabiano Caruana. Dieser Abstand würde im Februar auf 11 Punkte schrumpfen, während Wesley So ebenfalls drohte, die Führung zu übernehmen. Er war nicht alleine.

Juli 2017: Kramnik schafft es beinahe - Für den Veteranen Vladimir Kramnik wäre es beeindruckend gewesen, Magnus zu übertrumpfen, da ihm seine Führung 20 Jahre zuvor von Kasparov streitig gemacht wurde. Es geschah beinahe. Als Magnus gegen Big Vlad in der 7. Runde des Norway Chess aufgab, betrug der Abstand zwischen den beiden Spielern lediglich 6.4 Wertungspunkte.

Magnus gibt gegen Vladimir Kramnik auf und seine Führungsposition hängt am seidenen Faden | Foto: Lennart Ootes

In der nächsten Runde spielte Kramnik gut gegen MVL, während Magnus gegen Karjakin in Schwierigkeiten war. Wenn diese Tendenzen zu konkreten Resultaten verwandelt worden wären, wäre Kramnik Platz 1 auf der Live-Wertung gewesen. Stattdessen gewann Magnus und Vladimir verlor, obwohl Kramniks Sieg über Giri in der letzten Runde bedeutete, dass der Abstand auf der Wertungsliste vom Juli nur 10 Punkte betrug.

Oktober 2018: Magnus tritt beinahe als zweiter der Weltrangliste zum Match an

Ding Liren hätte derjenige sein können, der Magnus Carlsens Führungsposition streitig macht | Foto: Niki Riga

Der European Club Cup war der Warm-Up für Carlsens Weltmeisterschaft, wurde aber beinahe sein Sargnagel für die Führung. Der dramatischte Moment kam, als er einen entscheidenden Bauern in der vorletzten Runde gegen Ding Liren patzte, der sich zu dem Zeitpunkt in einer ungeschlagenen Serie von 92 Partien befand.

Die Evaluation des Computers kletterte bis beinahe +4 zugunsten von Ding und ein Sieg des chinesischen Stars hätte Magnus seinen ersten Platz gekostet. Irgendwie schaffte es Magnus jedoch, zu halten, so wie er es in der Begegnung mit Peter Svidler in der letzten Runde tat. Darum ging er mit lediglich 3 Punkten Führung auf der Wertungsliste in die Weltmeisterschaft gegen Fabiano Caruana in London.

November 2018: 12 Remisen sichern die Führung - Der Unterschied von 3 Punkten bedeutete, dass Remisen keinen Unterschied für die Wertung der beiden Spieler machen würden, aber wenn Fabiano Caruana an irgendeinem Punkt im Match die Führung übernommen hätte, wäre er Erster der Weltrangliste gewesen. Wie Magnus erwähnt hat, war es knapp, denn Fabi war nicht Stockfish in Verkleidung.

Januar 2019: Jorden rettet den Tag - Magnus begann 2019 mit lediglich 7 Punkten Vorsprung vor Fabiano und dieser verkleinerte sich erneut auf 3 Punkte, nachdem er die ersten vier Partien in Wijk aan Zee remisierte und erstaunliche 21 Remisen in Folge im klassischen Schach erzielte.

Ein Remis gegen Jorden van Foreest hätte ihn mehr Punkte gekostet, während er mit einer Niederlage die Führungsposition eingebüßt hätte. Schließlich ging Jordens Entscheidung, Magnus in der Sveshnikov-Variante zu testen, auf die dieser in seinem Weltmeisterschaftsmatch vertraut hatte, nach hinten los. Eine spätere Wahl in der Partie kommentierte Jan Gustafsson wie folgt:

Armer Jorden, ich habe seit Van Gogh keinen Niederländer mehr gesehen, der sich selbst so viel Schaden zufügt!

Magnus war wieder auf der Spur.

August 2019: Magnus ist zurück - Die Partie war der Beginn eines wundervollen Jahres für Magnus, der wieder und wieder Siegesserien gegen die weltbesten Spieler hatte und Angriffsschach spielte, das wir in den letzten Jahren nicht so häufig vom Weltmeister gesehen hatten. Er stellte das selbst als den beeindruckendsten Teil des letzten Jahrzehnts heraus:

Mein persönliches Highlight ist noch immer die erste Hälfte von 2019, als alles irgendwie Sinn ergab und ich mit meiner Höchstwertung gleichzog. Ich würde sagen, dass das mein Highlight war.

Er erreichte seine Wertung von 2882 auf der Wertungsliste von August 2019, als er mit 64 Punkten vor Caruana führte. Seitdem verringerte sich seine Führung nie auf weniger als 20 Punkte (als Fabi im Februar 2020 2842 erreichte). Nach Caruanas Schwierigkeiten beim Superbet Chess Classic in Budapest, beginnt Magnus sein nächstes Jahrzehnt mit einer Führung von 41 Punkten.

Wird Magnus wie Garry ein weiteres Jahrzehnt weitermachen? Wir werden sehen, aber gegenwärtig ging es Magnus mehr darum, einen weiteren jungen Rekord-Jäger zu feiern: Abhimanyu Mishra, den jüngsten Großmeister aller Zeiten.

Ich werde nicht mehr feiern, als es abzunicken und zu sagen „hah, das ist eine gute Sache!“ Ich werde aber herzlich Abhi Mishra aus den Vereinigten Staaten gratulieren, der der jüngste Großmeister aller Zeiten wurde. Es ist ein ziemlich großer Erfolg, insbesondere deshalb, weil er nach Ungarn reiste, um praktisch ununterbrochen zu spielen. Er tat dies, glaube ich, mittlerweile seit mehreren Monaten, um seine Normen zu erreichen. Einerseits kann ich verstehen, dass ununterbrochen zu spielen eine höhere Chance generiert, die Normen zu erlangen. Andererseits bedeutet es auch, dass diese Turniere praktisch dafür organisiert werden, um dieses spezielle Ziel zu erreichen. Damit steht man unter enormen Druck und ich bin sehr beeindruckt, dass er es geschafft hat.

Magnus war nicht überrascht darüber, dass Abhimanyu sagte, dass er 12 Stunden pro Tag gearbeitet hatte, da seine Kindheit ebenfalls von Schach vereinnahmt wurde.

Bestimmt gab es, als ich 12 war, sehr wenig bewusstes Training, wie man es nennen würde, aber ich habe sicherlich ununterbrochen irgendwas Schach-bezogenes gemacht. Es klingt danach, dass er jemand ist, der Schach sehr liebt und das Potenzial hat, ein sehr starker Spieler zu sein.

Was denkt er über Abhimanyus Spielstärke?

Von dem was ich sehen konnte, ist er ein typischer junger Spieler in dem Sinne, dass er gut rechnet und stark kämpft. Manchmal berechnet er Stellungen falsch, aber ich denke, dass wir niemanden mit 12 Jahren als zukünftigen Weltmeister verkünden sollten. Ich denke, das ist nicht gesund, aber ein guter Start!

Wenn Magnus lange genug weiterspielt, um Garry Kasparovs Rekord für die längste Zeit an der Spitze anzufechten, könnten wir noch ein Carlsen-Mishra Weltmeisterschaftsmatch zu Gesicht bekommen. Aber natürlich müssten die Sterne richtig stehen, damit dies passiert. Besser ist, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen und die Rekorde erledigen sich von alleine!


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