Meinung 06.12.2018 | 09:25von Colin McGourty

Magnus Carlsen blickt in seinem Blog auf die WM in London zurück

Magnus Carlsen hat letzten Monat in London zum vierten Mal den Weltmeistertitel errungen, in einem Blog für seinen Sponsor Arctic Securities räumt er aber ein, dass die Titelverteidigung keineswegs leicht war. Er schreibt, dass Fabiano Caruanas knapp verpasster Sieg in der 6.Partie „die Psychologie maßgeblich verändert“ habe und er erst in den 9.Partie wieder auf dem richtigen Weg war und auf Gewinn spielen konnte. „Den Titel in der 12.Partie aufs Spiel zu setzen“ sei nie eine ernsthafte Option gewesen, vermerkt er im Zusammenhang mit dem umstrittenen Remis in der letzten Turnierpartie. Weiterhin gab der Weltmeister bekannt, dass er bei der Schnellschach- und Blitz-WM, die am 26. Dezember in St. Petersburg beginnt, mit von der Partie ist.

Magnus Carlsen im Interview vor seinem vierten WM-Match | Foto: Niki Riga

Seit seinem jüngsten Triumph ist es ruhig um Magnus Carlsen geworden, daher sind wir umso glücklicher, dass er einen langen Blog für seinen Sponsor Arctic Securities veröffentlicht hat, in dem er die Wendepunkte im WM-Match benennt. Man kann zudem erkennen, wie viel ihm dieser Titel bedeutet, denn er bezeichnet den Sieg über Fabiano Caruana als, "Erfüllung eines persönlichen Bedürfnisses, aber auch eine Leistung, auf die ich sehr stolz bin“.

Mit freundlicher Erlaubnis können wir den gesamten Blog hier wiedergeben:   


Das WM-Match in London. Nr. 4!

von Magnus Carlsen

Vor dem Match in London war ich optimistisch. Zwar hatte Fabiano Caruana ein großartiges Jahr hinter sich, in dem er neben dem Kandidatenturnier auch mehrere starke Turniere gewann und mich in der Elo-Liste beinahe überholt hätte, aber ich hatte deutlich mehr Match-Erfahrung und eine gute Bilanz gegen ihn in den letzten Jahren. Einige Partien, die ich in diesem Jahr fast gewonnen hätte, verstärkten das Bild.

Wie geplant, spielte ich schon in der 1.Partie auf Gewinn und blieb auch während der restlichen ersten Turnierhälfte sehr optimistisch.

Seine beeindruckende Leistung in der 6.Partie, in der er mich mit Schwarz überspielte, veränderte die Psychologie maßgeblich, obwohl ich durch eine schwer zu findende Festung einigen Auftrieb bekam. Dieser Trend setzte sich einige Partien fort. 

In der 6.Partie war Magnus am Rande des Verlusts, doch der Gewinn war selbst für den Computer nur schwer zu finden | Foto: Niki Riga

Den Titel in der 12.Partie aufs Spiel zu setzen, war nie eine ernsthafte Option. Der Spielraum für einen Fehler ist in einer einzelnen Partie und mit Schwarz geringer, zudem hatte Caruana sich in mehreren Partien als glänzend vorbereitet erwiesen. 


Mit 26...f5! 27.Lf3 h4! hielt Caruana in der 9.Partie remis

Um dieses Szenario zu vermeiden, wollte ich die 9.Partie gewinnen und es gelang mir auch, ihn wie geplant in der Eröffnung zu überraschen. Wenig überraschend, traf er mit der 17…Lxf3 eine disziplinierte Entscheidung, um die Stellung zu vereinfachen. Ich konnte auf zwei Resultate spielen, aber da ihm ein klarer Verteidigungsplan zur Verfügung stand, fand ich außer 25.h5 in seiner Zeitnot keine Möglichkeit, Fortschritte zu erzielen. Caruana hielt der Herausforderung stand und in Kombination mit den folgenden Zügen 26…f5 und 27…h4 entschärfte er die Stellung. Das Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern ist keineswegs leicht zu halten, aber offenbar hielt er es mit leichter Hand. Hätte er zum Beispiel den h-Bauern gezogen, hätte ich ein Angriffsziel gehabt, das ich ins Visier nehmen kann. Bei drei noch ausstehenden Partien stellte ich mich mental auf eine entscheidende 12.Partie oder ein Stechen ein.

Caruana hatte sich während des gesamten Matchs perfekt unter Kontrolle, doch in der 12.Partie machte sich im Mittelspiel bemerkbar, dass es um den WM-Titel ging. Weiß steht nach 12.h4 h5! ein wenig besser, aber Schwarz hat eine Menge Gegenspiel.   

Sein Plan mit 21.Th2 war interessant, aber nicht ganz solide, solange ich der Versuchung widerstehen konnte, zu früh b5 zu spielen, was nur meinen Damenflügel schwächt und seine Figuren zum Leben erweckt. Stattdessen musste ich mich darauf konzentrieren, f5 durchzusetzen. Danach wird der Stolz seiner Stellung, der Springer auf e4, zurückgedrängt und ich kann aktiv werden. Ich habe die Stärke meiner Stellung ein wenig unterschätzt und habe nie einen klaren Weg gesehen, wie ich ohne größere Risiken auf Gewinn spielen konnte. Ich dachte, dass sein Plan mit Ld4 zum Ausgleich führen würde, und entsprechend bot ich wie geplant nach 30 Zügen Remis ab, um den Stichkampf über vier Partien zu erreichen. 


31...Ta8 verband der Weltmeister mit einem Remisangebot, das sich letztlich bezahlt machte

Hätte ich die Drohung Sd3 gesehen, die Ld4 verhindert, hätte ich vielleicht weitergespielt. Er hatte weniger Zeit, und nach langem Nachdenken nahm er das Angebot schließlich an. Nach den zwölf Turnierpartien, die alle remis ausgingen, stand es damit 6:6 und wir konnten uns auf das Stechen im Schnellschach vorbereiten – genau wie 2016 in New York und wie 2006 (Kramnik - Topalov) und 2012 (Anand - Gelfand).

Die Entscheidung fiel bereits in der ersten Schnellpartie. Ich bekam aus der Eröffnung heraus eine vielversprechende und interessante Stellung, in der ich den klaren Plan hatte, gegen seine schwachen Bauern am Damenflügel zu spielen und dabei seine schwache Grundreihe auszunutzen. Als er das aktive 19…Sb5 spielte, anstatt sich passiv mit 19…Sb7 zu verteidigen, hatte ich zwei sehr interessante Alternativen. Ich bekam Txd4 nicht zum Laufen, weil ich Kh1 nicht gesehen (und stattdessen Kf1 geprüft) hatte, und entschied mich, mit Lxc4 in ein Turmendspiel mit Mehrbauer abzuwickeln. Sein Gegenspiel (aktiver Turm und König sowie Freibauer auf der c-Linie) reichte vermutlich für ein Remis aus, aber natürlich war die Stellung sehr schwierig. Er verteidigte sich gut, bis er ein Zwischenschach auf e7 übersah, das ich vor dem Schlagen auf g7 einstreuen konnte, worauf es nur noch eine Frage der Technik war.

Sein Spiel in der zweiten Partie wurde eindeutig von der Niederlage zuvor beeinflusst, und obwohl er mit Vorteil aus der Eröffnung kam, wählte er bald den falschen Plan. Ich fühlte mich an diesem Tag selbstsicher und frisch und erhielt recht schnell eine Gewinnstellung.

In der dritten Partie musste er unbedingt gewinnen und spielte Sizilianisch. Ich wusste, dass ich im Mittelspiel besser stand, spielte aber dennoch e5, um die Stellung zu vereinfachen, da ich weit genug gerechnet hatte, um zu sehen, dass ein ausgeglichenes Endspiel aufs Brett kam. Er musste etwas riskieren, und nach 43...Se6? war ich gezwungen, auf Gewinn zu spielen. Obwohl ich gut gespielt habe, ist das 3-0 vielleicht ein wenig schmeichelhaft, und deutlich wichtiger war, dass ich meinen Titel gegen einen starken Gegner verteidigt hatte. Caruana war im Turnierschach ebenbürtig, womit der letztliche Sieg nicht nur die Erfüllung eines persönlichen Bedürfnisses ist, sondern auch eine Leistung, auf die ich sehr stolz bin.

Peter Heine Nielsen und dem Rest meines Sekundantenteams gegenüber empfinde ich große Dankbarkeit. Sie haben sehr hart und gewissenhaft gearbeitet, und ich möchte noch einmal die Gelegenheit nutzen, mich von Herzen bei ihnen zu bedanken. 

In London hatte ich mein normales Team an der Seite, und ihr alle habt zum Erfolg beigetragen. Ein besonderes Lob geht dieses Mal an unseren Koch Magnus Forssell, der für mich und das gesamte Team während des gesamten Matchs tolles Essen zubereitet hat. Wie üblich war meine Familie zumindest teilweise oder komplett vor Ort und sorgte für ein Umfeld, in dem ich gute Leistungen zeigen konnte.

Nun schon seit fünf Jahren Weltmeister: Magnus Carlsen | Foto: Niki Riga

Ich möchte noch meine früheren Trainer erwähnen, vor allem Torbjørn Ringdal Hansen, Simen Agdestein und Garry Kasparov, und meine langjährigen Hauptsponsoren Arctic Securities, die Anwaltskanzlei Simonsen Vogt Wiig, die Zeitung VG, den Wasserversorger Isklar sowie meine App Play Magnus. 

Ich freue mich schon auf das nächste Event bei Arctic Securities am 12. Dezember in Oslo!

Mir wurde berichtet, dass die weltweite Berichterstattung beeindruckend war. Geht man nach den vielen Herkunftsländern und der Anzahl der Journalisten in der Abschlusspressekonferenz, ist die WM nach wie vor das wichtigste Ereignis beim Schach.

Die Spieler durften sich über eine hervorragende Organisation freuen, ein besonderer Dank geht an den FIDE-Supervisor A.Vardepetyan. 

Vielen Dank auch an alle Medien und Schachfans in Norwegen und der ganzen Welt, die das Match verfolgt haben und sich in den sozialen Netzwerken dazu geäußert haben.

Zum Schluss möchte ich noch Yuri Milner für das Ausrichten der großen Siegesfeier (wie in New York) im Rosewood Hotel (wo ich die ganze Zeit gewohnt habe) bedanken!

Es gibt ermutigende Signale von der neuen FIDE-Führung, die im Oktober gewählt wurde. Ich habe mit Freude vernommen, dass die Schnellschach- und Blitz-WM ebenfalls noch dieses Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr stattfinden wird und werde nach St. Petersburg reisen, um dort um beide Titel zu kämpfen. 

Jetzt brauche ich aber eine vierwöchige Pause vom Turnierschach. Ich freue mich auf die London Chess Classic, bei denen ich dieses Mal als Zuschauer dabei bin.

In der ersten Hälfte des Jahres 2019 werde ich etwa vier Turniere spielen, den Anfang macht das Tata Steel Chess im Januar.

Magnus Carlsen, Oslo, 4.Dezember 2018


Gestern hat die FIDE bekannt gegeben, dass die Schnellschach- und Blitz-WM vom 26.- 30. Dezember in St. Petersburg stattfindet. Magnus kann dann wie 2014 wieder alle drei WM-Titel erringen. 

Vom 12. bis 27. Januar nimmt er dann in Wijk aan Zee am Tata Steel Masters teil, das erneut stark besetzt ist:

NameCountryRatingPosition
GMCarlsen, Magnus28351
GMMamedyarov, Shakhriyar28173
GMDing, Liren28134
GMGiri, Anish27835
GMKramnik, Vladimir27777
GMAnand, Viswanathan27738
GMNepomniachtchi, Ian276313
GMRadjabov, Teimour275714
GMDuda, Jan-Krzysztof273818
GMRapport, Richard273224
GMShankland, Samuel272429
GMFedoseev, Vladimir271931
GMVidit, Santosh Gujrathi270143
GMVan Foreest, Jorden2614189

Davor werden noch die London Chess Classic entschieden, wo Fabiano Caruana in seinem Halbfinale der Grand Chess Tour am 11.Dezember auf Hikaru Nakamura trifft. Alle Partien könnt ihr natürlich live auf chess24 verfolgen! 

Weitere Links: 


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