Meinung 18.03.2014 | 12:21von GM Ilja Zaragatski

Männer, Frauen und Spielstärke im Schach - Die ganze Wahrheit (Teil 2)

Teil 2: Bahnbrechende neue Einsichten (oder: Die Antwort auf die Frage ,,Warum?“)

Hier gehts zum ersten Teil des Artikels:
Männer, Frauen und Spielstärke im Schach - Die ganze Wahrheit (Teil 1)


Bei der Untersuchung und Erklärung menschlichen Verhaltens existieren für ein gegebenes Phänomen stets unterschiedliche Erklärungsebenen. Mit den bisher gelieferten historischen, sozialen, kulturellen, physiologischen, biologischen aber eben auch statistischen Erklärungsversuchen wurde bislang jedoch lediglich eine Zwischenebene der Erklärung erreicht, ohne dass jemand auf das ultimate Level vordringen konnte. Deswegen möchte ich hier mit einer geringfügig anderen Perspektive aufwarten und die Warum-Frage konsequent zu Ende prügeln.

GM Ilja Zaragatski

Zunächst einmal sollten wir uns vor Augen halten, dass der Mangel an weiblichen Überfliegern nicht nur in der Schachspielerszene zu beobachten ist. Er gilt in ähnlicher Weise auch für die Wissenschaftsgemeinde, Führungspositionen in der freien Wirtschaft oder auf dem Arbeitsmarkt im Allgemeinen. Die Kehrseite dessen, was häufig als systematische Benachteiligung von Frauen (miss)verstanden wird, ist dabei jedoch weniger offensichtlich. Nicht nur die großen Gewinner, nein auch die großen Verlierer in einer gegebenen Gesellschaft sind immer Männer!

Ein paar Zahlen zur Illustration dieses interkulturell hochrobusten Befunds: Gefängnisinsassen: 95% Männer; Obdachlose: 80% Männer; Menschen, die bei der Ausübung ihres Berufes sterben (glücklicherweise noch nicht verbreitet genug, um dem ganzen eine eigene Vokabel zu widmen): 90% Männer. Armeen bestehen aus einem erdrückenden Großteil aus Männern; im Krieg töten also Männer Männer. Zum Beispiel waren unter den bis 2012 in Afghanistan getöteten 5000 amerikanischen Soldaten lediglich 2% Frauen, obwohl immerhin 16% aller dort stationierten Soldaten weiblichen Geschlechts waren. Pathologische Spielsucht: ebenfalls fast nur Männer! Selbst die Zahl 'erfolgreicher' Selbstmordversuche ist unter Männern etwa doppelt so hoch wie bei den Frauen, bei 'erfolglosen' Selbstmordversuchen verhält es sich genau umgekehrt. Naja, was soll man sagen. Wenn Männer etwas anfangen, dann bringen sie es auch zu Ende! Wir können halt nicht anders.

Wer kennt ihn also nicht, den sympathischen Kollegen aus dem Schachverein, der - trotz des für seine Spielstärke unwahrscheinlichen Zeitaufwands für Schachtraining - einfach keine Fortschritte machen will und auf einem nahezu bemitleidenswerten Niveau stecken bleibt. Frauen passiert so etwas wohl eher selten. Wir beobachten hier also einen ganz allgemeinen Geschlechterunterschied: Bei vielen psychischen Eigenschaften oder Fähigkeiten ist die Streuung bei Männern deutlich höher als bei Frauen, auch wenn sich die Mittelwerte kaum unterscheiden. Betrachten wir zum Beispiel die allgemeine Intelligenz. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass, obwohl ein nur geringer Unterschied in den durchschnittlichen Punktzahlen von Männern und Frauen bei Intelligenz- und Eignungstests existiert, hochintelligente, aber zugleich auch mental retardierte Menschen meistens männlich sind.

Die meisten großen Dichter und Schriftsteller, aber eben auch die meisten Stotterer waren und sind Männer. Auch das Gros genialer Komponisten und Musiker ist männlich; andererseits kennen wir alle nicht gerade wenige Herren der Schöpfung, welche unter fortgeschrittener Tanzlegasthenie und akutem Rhythmusschwund leiden. Unter bisher 802 Nobelpreisträgern waren lediglich 43 Frauen, in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte ging dieser etwa in der Kategorie Physik nur zwei Mal an eine solche. Aber: auch bei den Darwin Awards, einem sarkastischen Negativpreis, der seit 1994 an Menschen verliehen wird, die sich versehentlich selbst töten oder unfruchtbar machen, dabei ein besonderes Maß an Dummheit zeigen und so der Menschheit einen großen Gefallen tun, indem sie ihre zweifelhaften Anlagen selbst aus dem Genpool eliminieren, sind Männer gaaanz weit vorne! Und das nicht selten auf überaus unterhaltsame Art und Weise! Wer also zu viel Zeit hat und des Googlens mächtig ist, sollte sich einige dieser Geschichten nicht entgehen lassen. Dann wären viele dieser Menschen ja immerhin nicht umsonst gestorben.

Wie dem auch sei. Nicht einmal die vermeintliche Frauendomäne der Kochkunst macht vor diesem universellen Verteilungsmuster halt: Von zarter Frauenhand gezauberte Mahlzeiten schmecken in den meisten deutschen Haushalten nachweislich deutlich besser als die in den Ofen geschobenen Fertigpizzen, mit denen einfache Männer üblicherweise ihren Hunger stillen; dennoch sind fast alle Fernseh- oder Sterneköche männlich. Ich frage mich gerade, wie es wohl in der Rhythmischen Sportgymnastik oder im Synchronschwimmen aussehen würde, könnten Männer sich dafür begeistern.

In jedem Fall reservieren sich Männer gerne sämtliche Plätze an beiden Enden des Spektrums; sie sind in jeglicher Hinsicht extremer als Frauen. Die US-amerikanische Kunst- und Kulturhistorikerin Camille Paglia bringt es auf den Punkt: ,,Es gibt keinen weiblichen Mozart, weil es keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.'' Für Männer lohnt es sich scheinbar schlicht und einfach auf Risiko zu gehen, um in einem bestimmten Bereich Erfolg anzustreben. Aber warum? Und nun erreichen wir endlich die ultimate Erklärungsebene für das Verhalten biologischer Lebensformen: Evolutionäre Psychologie!

Nicht nur unsere Körper nämlich unterlagen im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte einer natürlichen (und [was in diesem Zusammenhang fast noch wichtiger sein wird] sexuellen) Selektion, auch unser Gehirn und somit unsere Psychologie sowie unser Verhalten wurden über hunderttausende Generationen hinweg durch den Erfolg oder Misserfolg bestimmter Verhaltensprogramme geformt.

Zwischen den Geschlechtern aber besteht nun eine enorme Varianz hinsichtlich ihres Fortpflanzungserfolgs. So hatten wir alle, die wir heute hier sitzen und diesen mitreißenden Artikel begeistert absorbieren, nur etwa halb so viele männliche wie weibliche Vorfahren. Klingt komisch, ist aber so. Genetische Untersuchungen zeigen, dass es in den vergangenen 100 000 Jahren circa 90% aller Frauen, aber nur etwa 50% aller Männer, gelang, eigene Kinder zu zeugen. Während die Varianz hier dramatisch auseinanderklafft, unterscheidet sich die durchschnittliche Kinderzahl von Frauen und Männern hingegen nicht. Die meisten Kinder, die man so kennt, haben halt in etwa genau einen Vater und eine Mutter. Wie ein großer Philosoph der 80er-Jahre, Rod Stewart, schon sagte: Some guys have all the luck, some guys have all the pain!

Wer noch keinen Ohrwurm hat und weiterhin klar mitdenken kann, wird also verstehen: Frauen und Männer standen in ihrer evolutionären Geschichte unterschiedlichen Herausforderungen gegenüber, sodass sie ihren Reproduktionserfolg und damit ihre genetische Fitness auf unterschiedlichem Wege maximieren konnten. Besonders entscheidend war hierbei der Umstand, dass Frauen ungleich mehr in die Geburt eines Nachkommen investieren müssen als Männer (neun Monate Schwangerschaft, Stillzeit, Aufzucht und Fürsorge usw.). Den gemeinen Mann kostet das Zeugen eines Sprößlings im Zweifelsfall auch mal nur fünf Minuten, anschließend war er frei, weiterzuziehen. Da die Anzahl empfängnisbereiter Frauen wegen ihres obligatorisch hohen Investments konstant sehr viel niedriger als die Anzahl paarungsbereiter Männer ist, stellen sie ein knappes Gut dar, um das verbittert konkurriert wird. Diejenigen, denen die Anlagen dazu fehlten, fanden ihre Gene in der nächsten Generation durchschnittlich weniger häufig wieder und wurden im Laufe von Tausenden und Abertausenden von Generationen ausselektiert.

Alles schön und gut, aber was hat das nun mit unserem geliebten Brettspiel zu tun? Nun, Männer sind sowohl als Langzeit- als auch als Kurzzeitpartner umso attraktiver, je (beruflich [oder eben auch sportlich]) erfolgreicher sie sind. Erfolgreichen Männern werden Eigenschaften wie Ressourcen, Ehrgeiz, Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und körperliche Attraktivität zugeschrieben. Frauen hingegen sind vor allem dann attraktiv, wenn sie schön sind. Männer können also durch ihre Persönlichkeit, ihren Erfolg oder ihren sozialen Status vorhandene äußerliche Defizite einfacher kompensieren, um schließlich doch noch erfolgreich auf dem Partnermarkt zuzuschlagen. Herzliche Grüße an dieser Stelle an Rainer CalmundNicolas Sarkozy und sogar Jabba the Hutt.

Erfolg in einem bestimmten Feld vergrößert somit für Männer auch systematisch die Chance auf reproduktiven Erfolg. Aus evolutionärer Perspektive gibt es nun mal nichts Wichtigeres, nicht einmal das bloße Überleben eines Gen-Vehikels, das wir den menschlichen Körper nennen. Schon Schiller erkannte: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht" …sondern aus evolutionär-psychologischer Sicht eben der reproduktive Erfolg (auch bekannt als genetische Fitness [nein, nicht das hier,

Quelle: wikipedia.org (istolethetv)

das hier: ])

Stillleben mit Bunnys | Quelle: wikipedia.org (Luke Ford)

Auch Hermann Hesse verstand: "Man tut das meiste im Leben, auch wenn man andere Gründe vorschützt, der Frauen wegen." Je höher der soziale Status eines Mannes, desto jünger und fruchtbarer (oder - wie wir schlichtweg sagen würden - attraktiver) auch seine Partnerin. Dass der Konzernchef mit seiner halb so alten Sekretärin durchbrennt, liegt nicht daran, dass Konzernchefs einen ausgeprägten Fetisch für halb so alte Sekretärinnen haben. Alle Männer wollen junge (weil besonders fertile) Frauen, aber nur wenige können diese Präferenz auch realisieren. In einem liberalen Sexualsystem haben ergo einige Männer ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben, andere sind auf Einsamkeit und Selbstbeschäftigung beschränkt. Wie kam ich jetzt eigentlich schon wieder so schnell von Schach auf Sex? Egal. Weiter im Text.

Während bei Männern nun die Kinderzahl und die Anzahl von Sexualpartnern positiv mit dem beruflichen Erfolg verbunden ist (eine weitere Möglichkeit kann hier neuerdings auch die Zugehörigkeit zu zweifelhaften Glaubensgemeinschaften sein), gilt für Frauen eher das Gegenteil. Nirgendwo ist die Quote alleinstehender und kinderloser Frauen so groß wie bei Top-Managerinnen und Professorinnen. Beruflicher oder sportlicher Erfolg macht Frauen sexuell nicht attraktiver. Männer bevorzugen neben Jugendlichkeit und Schönheit nämlich vor allem Partner, die Fürsorglichkeit und Wärme ausstrahlen. Und Männer wissen intuitiv, dass fürsorgliche Frauen eher bereit sein werden, zugunsten ihres Partners auf die eigene Karriere zu verzichten als durchsetzungsfähige und selbstbewusste Frauen. Wer zynisch klingen möchte, könnte nun sagen, dass Männer sich Frauen suchen, die alles tun, um die Karriere ihres Partners zu unterstützen um sie dann, wenn sie alt und unattraktiv werden, gegen die Sekretärin austauschen zu können. Aber wer will schon zynisch klingen.

Während beruflicher oder sportlicher Erfolg von Männern ihre reproduktive Fitness augenscheinlich steigert, kann es also durchaus passieren, dass er die Attraktivität von Frauen eher reduziert. Deshalb versuchen wir Jungs es häufiger mit Schach, das eben auch ein Wettkampfsport ist, mithilfe dessen sich der soziale Status erhöhen lässt.

Wie wir sehen können, ist es auch heute kaum anders, doch gerade in der (u.a. Kontrazeptiva-freien) Umwelt, in der solche kompetitiven Verhaltenstendenzen evolvierten, waren diese besonders für Männer höchst adaptiv. Ein hoher Status führte dort unmittelbar zu einer höheren genetischen Fitness, der einzigen Währung für Erfolg, die die Natur kennt. Auf der Grundlage dieser evolutionären Mechanismen und der daraus resultierenden inhärenten Prädispositionen beider Geschlechter entwickelten sich dann jene Erscheinungen, welche gerne als kulturelle, historische, soziale, aber auch physiologische, hormonelle oder biologische Erklärungen angeführt werden.

Die Umwelt hat sich seither zwar in rasantem Tempo verändert, unsere Erbanlagen und Verhaltenstendenzen aber konnten damit in keinster Weise Schritt halten. Und so fangen Jungs heute häufiger mit Schach an und verlieren auch nicht so schnell das Interesse daran, was die von Bilalic et al. (2009), Chabris & Glickman (2006) sowie Knapp (2010) (vgl. jeweils Teil 1) zitierten unterschiedlichen Partizipations- sowie Selbstselektionsraten und deren Erklärungsgehalt begründet. Aber selbst wenn auf der anderen Seite ihr Mädels es genauso häufig mit Schach versuchen würdet und beständiger dabei bliebet, die Ausreißer wären wir. In beide Richtungen. Wie beim Kochen.

Natürlich ist unser Schicksal nun auf diese Weise nicht vollständig determiniert und verschiedene Förder- und Motivationsprogramme können das Boot in die eine oder andere Richtung lenken. Eine grundsätzliche Änderung des Kurses aber würde eher schwierig.

Wissenschaft und Schach lehren uns also: Frauen haben grundsätzlich die gleichen Fähigkeiten wie Männer. Sie sind nicht besser (anders als Feministinnen uns weismachen wollen), sie sind nicht schlechter (anders als im Laufe der Geschichte viele Männer glaubten, behaupten zu müssen), sie sind nur anders.

Wobei, ein bisschen besser sind sie - finde ich - schon. Aber das ist ja nur meine Meinung.

Frauen unterscheiden sich also nicht so sehr in dem was sie können, als vielmehr in dem, was sie wollen. Auch Frauen wollen Karriere machen und erfolgreich sein, aber sie sind nicht bereit, dafür so viele Opfer zu bringen wie Männer. Männer sind grundsätzlich viel mehr an Wettbewerb interessiert und wollen ständig beweisen, dass sie klüger, fähiger und besser als ihre Mitstreiter sind. Macht uns jetzt nicht unbedingt sympathisch, ist aber so. Frauen sind sowieso viel sympathischer, edler und besser! Sag ich ja. Aber wir tun das alles nur für euch. Deswegen sind wir die besseren Schachspieler, ihr habt so etwas schlichtweg nicht nötig!

Wer weder Zeit noch Lust auf die Lektüre dieses ausschweifenden und in Sachen Political Correctness eher fragwürdigen Aufsatzes hatte und hier nur hergekommen ist, indem er das Mausrädchen hektisch nach unten scrollte, weil er einfach nur die Lösung des Dilemmas wissen wollte, der kann es von mir aus so wie unser geschätzter Kollege Simon Meyer halten:

Ilja: "Warum gibt es mehr starke Schachspieler als -spielerinnen?" - Simon: "Weil mehr Männer Schach spielen." Ilja: "Warum spielen Männer häufiger Schach als Frauen?" - Simon: "Weil sie es besser können."

q.e.d.


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