Meinung 12.03.2014 | 15:56von GM Ilja Zaragatski

Männer, Frauen und Spielstärke im Schach - Die ganze Wahrheit (1)

Unser Autor und Schachgroßmeister Ilja Zaragatski, seines Zeichens Diplom-Volkswirt und Soziologe mit nicht zu vernachlässigender Expertise in (evolutionärer) Psychologie, hat sich auf wissenschaftliche, aber auch humoristische Weise einer heiklen, aber nicht minder spannenden Fragestellung angenommen: Warum sind die meisten starken Schachspieler männlich? Falls ihr euch das auch schon immer gefragt habt, wird euch diese kleine Reise gefallen!


Teil 1: Was bisher geschah

Das Thema ist alt, aber entsprechend spannend und umstritten. Jeder hat dazu eine Meinung, aber so richtig genau zu wissen scheint es niemand. Zunächst also ein kleiner Reality-Check: Männer sind im Vergleich zu Frauen die besseren Schachspieler, da beißt die Maus keinen Faden ab. Oder?!

Doch doch, die Zahlen sprechen da eine eindeutige Sprache: In der aktuellen Eloliste (März 2014) rangiert mit Judit Polgar, die unisono als eine absolute Ausnahmeerscheinung gepriesen wird, nur eine Frau in den Top 100 der Welt. Die Chinesin Wenjun Ju zum Beispiel als Weltranglistenzehnte bei den Damen schafft es dann nur noch auf Platz 721, berücksichtigt man beide Geschlechter. Die  Weltschachorganisation FIDE verzeichnet aktuell 1440 Großmeister, von denen gerade einmal 31 weiblich sind.

GM Ilja Zaragatski am Brett | Foto: Georgios Souleidis

Na gut, bei körperlichen Sportarten wie Fußball oder Leichtathletik sehen wir es ja ein: Männer haben einen physischen Vorteil, sind kräftiger, athletischer, stärker und ausdauernder als Frauen. Aber um Holzfiguren mit Filzuntersatz über ein kariertes Brett zu bewegen braucht man allenfalls rudimentäre Muskelkraft. Warum also sollten Frauen nicht ebenso leistungsfähig wie (oder - wenn sie gegen Männer spielen und es draußen warm ist - noch leistungsfähiger als) Männer sein!?

Es wurden in der Vergangenheit viele verschiedene Erklärungsansätze zur Dekodierung dieses Enigmas bemüht: historische, soziale, kulturelle, physiologische, hormonelle und biologische. Eine kleine Übersicht für Einsteiger bietet die selbsternannte chessqueen Alexandra Kosteniuk höchstpersönlich in ihrem Blog. Auch die fleißige Schachbloggerin und Ehefrau von GM Erwin l'Ami, Alina l'Ami (ihres Zeichens mit einem Abschluss in Psychologie ausgestattet) hat sich ihre berechtigten Gedanken gemacht.

Nicht selten und durchaus nicht überraschend vertraten dabei die Autoren eine eigene Ideologie oder verfolgten eine eigene Agenda, wenn diese auch lediglich daraus bestand, die eigene Weltanschauung zu bestärken oder zu rechtfertigen. Männer berufen sich dabei gerne auf den Faktor Biologie, um ihre apparente Überlegenheit zu begründen oder zu legitimieren, Feministinnen auf eine geschlechterstereotypische und frauenfeindliche Kultur und Erziehung. Ergänzende Laientheorien reichen von "Frauen sind hormonell unausgeglichen, emotional instabil"

und "Frauen kriegen ihre Tage" über "Frauen lassen sich schneller von anderen Dingen ablenken und müssen eine Familie gründen" und "Frauen verlieben sich, Frauen bekommen Kinder, Frauen stillen und schlafen dann schlecht. Frauen sind weniger analytisch, sie geraten bei Zeitnot in Hektik und verlieren eher den Faden" (Elisabeth Pähtz) bis zu "Das liegt alles an den Unvollkommenheiten der weiblichen Psyche. Keine Frau kann einen längeren Kampf durchhalten. Sie kämpft gegen die Gewohnheit von Jahrhunderten und Jahrhunderten, seit Anbeginn der Welt" (Garry Kasparov).

Nicht nur in ihrer objektiven Spielstärke unterscheiden sich die Geschlechter. Bemerkenswert ist etwa auch, dass Männer und Frauen sich in ihrer Spielweise vom Geschlecht ihres Gegners beeinflussen lassen. So wählen Männer risikoreiche Strategien, wenn sie gegen Frauen anstatt ihresgleichen antreten, während Frauen schlicht schlechter zu spielen scheinen, wenn ihnen anstatt des gleichen, das andere Geschlecht gegenüber sitzt.

2009 erschien dann eine Studie des bosnischen Psychologie-Professors und FIDE-Meisters Merim Bilalic, die dem ganzen Kopfzerbrechen ein Ende zu bereiten versprach. Bilalic, der inzwischen an der Universität Tübingen lehrt und dann und wann mal in der Württembergischen Liga antritt, und seine Kollegen hatten herausgefunden, dass sich nicht weniger als 96% des Spielstärkeunterschieds zwischen den Geschlechtern allein durch die höhere Anzahl Schach spielender Männer erklären ließen.

Die Autoren schlussfolgerten, dass, sobald die Partizipationsrate von Männern und Frauen (also der Anteil Schach spielender Frauen) statistisch kontrolliert würde, es kaum Raum für biologische, umweltbedingte, kulturelle oder andere Erklärungsfaktoren gebe. Die männliche Überlegenheit im Schach auf höchstem Niveau könne hier also rein statistisch erklärt werden: Da viel mehr Männer Schach spielen, existiert unter ihnen eine größere Spannweite an Fähigkeiten, sodass mehr Individuen an die Spitze gelangen. Diese einfache statistische Tatsache würde demnach allzu häufig von Laien ebenso wie von Experten, aber auch von Spieler(innen) selbst überlesen.

Christopher Chabris | Quelle: Wikipedia

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kamen bereits 2006 der US-amerikanische Psychologe Christopher Chabris (Elo 2245) und der amerikanische Statistiker Mark Glickman (Erfinder des Glicko-Systems, eines alternativen Wertungssystems zum uns allen bekannten Elo-System). Auch sie befanden, dass die höhere Anzahl Männer auf höchstem Niveau im Schachsport durch die größere Anzahl von Jungs, die auf niedrigstem Niveau ins Schach einsteigen, erklärt werden kann. In ihrer Untersuchung sämtlicher Datenbankpartien stellten sie fest, dass Mädchen und Jungen sich in gleicher Weise schachlich verbesserten oder mit Schach aufhörten, Jungen jedoch in größerer Anzahl und mit einer höheren Spielstärke mit Schachwettkämpfen begannen. Andererseits waren in Kreisen, wo mindestens die Hälfte aller Einsteiger Mädchen waren, deren Einstiegsratings nicht niedriger als die der Jungs.

Eigentlich alles klar oder? Können wir jetzt alle erleuchtet nach Hause gehen? Nee!

Ganz so trivial ist die Sache nämlich leider/zum Glück nicht. So wurde von anderer Seite argumentiert, dass Bilalic et al.s Schlussfolgerung voreilig war und durch eine ungeeignete statistische Methode verursacht wurde. Laut dem Bonner Epidemiologen Michael Knapp können lediglich 41 bis 71,1% (Mittelwert 66,9 %) des tatsächlichen Rating-Unterschieds zwischen Frauen und Männern durch deren unterschiedliche Partizipationsraten erklärt werden. Während Bilalic und Kollegen die Deutschen Top 100 der Männer und Frauen als Datensample benutzten, machten Frauen ferner laut David Jarrett, dem Exekutivdirektor der FIDE, im Jahre der Veröffentlichung etwa 10% der geschätzten eine Million Mitglieder aus, gleichzeitig aber nur 7,6% der 100.456 Spieler mit Elo und lediglich 2% der Top 1000 Spieler weltweit. Diese Zahlen würden eher für einen Effekt in der Höhe der von Knapp vorgeschlagenen 66,9% sprechen, damit also auch ein Drittel alternative Erklärungen erlauben.

Entsprechend räumen Bilalic et al. in ihrem Paper bereits selbst ein, die in ihrer Studie als Grundlage herangezogene Partizipationsrate könne den tatsächlichen Anteil mit Schach beginnender Frauen unterschätzen. Möglicherweise existiere basierend auf angeborenen biologischen Unterschieden hinsichtlich intellektueller Fähigkeiten ein Prozess der Selbstselektion, sodass die Effekte dieser Selbstselektion in der herangezogenen Ratingliste bereits beobachtbar wären. Frauen könnten in denjenigen intellektuellen Fähigkeiten, die zum Schachspielen erforderlich sind, Männern unterlegen sein. Dadurch würde dieser vererbte Wettbewerbsnachteil dazu führen, dass Frauen häufiger mit Schach aufhörten als vergleichbar erfolgreichere Männer. Die geringere Anzahl Schach spielender Frauen wäre dann eine Folge ihres häufigeren Aussteigens, welches wiederum durch ihren angeborenen Mangel an intellektuellen Fähigkeiten, die zu schachlichem Erfolg führen, hervorgerufen wird. So könnten unterschiedliche Partizipationsraten die Diskrepanz in der Spitze zwar auf einer Zwischenebene (als sogenannte intermittierende Variable) erklären, doch die Unterschiede selbst wären dann letztendlich ein unmittelbares Produkt angeborener Unterschiede bei der geistigen Veranlagung (erklärende Variable).

Es bleibt aber weiterhin unklar, welche intellektuellen Fähigkeiten, in denen sich Männer und Frauen unterscheiden, nun genau positiv mit Schachtalent korrelieren.

Alle verwirrt oder eingeschlafen? Sehr gut.

Frauenschach | Quelle: toonpool.com

Dennoch und nichtsdestoweniger kann man nun mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die enorme männliche Überrepräsentation im Schachsport dazu führt, dass die meisten guten Schachspieler letztendlich auch Männer sind. Damit können wir alle leben; das ist politisch korrekt und macht Sinn! Ob man nun wirklich die nahezu gesamte beobachtbare Varianz mit purer Statistik erklären kann, sei dahingestellt. Offensichtlich gibt es wie so häufig im Leben auch hier eine ganze Vielzahl von Faktoren bzw. Variablen, die miteinander interagierend auf den unterschiedlichen sportlichen Erfolg männlicher und weiblicher Schachspieler wirken. Aber die Statistik ist zweifellos ein entscheidender Baustein!

Und doch reicht mir diese Erklärung nicht aus. Neugierig wie ich bin, frage ich ja gerne nach dem warum. Und das so lange, bis diese Frage überhaupt keinen Sinn mehr macht. Hier aber ist sie angezeigt, also: Warum denn um alles in der Welt landen Individuen der Spezies homo sapiens mit zwei X-Chromosomen so viel seltener im Schachverein, bleiben so viel seltener dabei und erreichen infolgedessen so viel seltener höhere Weihen als ihre männlichen Kollegen? Weshalb ist es für Frauen so wenig erstrebenswert, sich ernsthaft mit Schach zu beschäftigen, eine Elozahl jenseits der 3000 anzustreben und ultimativ Magnus vom Thron zu schubsen?

Die definitive, unumstößliche und alles verändernde Antwort darauf findet ihr im zweiten Teil unserer Saga!


Hier geht es zum zweiten Teil


Passend zum Thema: Ilja Zaragatski - Die Geheimnisse der Dame


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 5

Guest
Guest 4689847418
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Einwilligung Datenverarbeitung Details

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen.

Die Nutzung von chess24 erfordert die Verarbeitung und Speicherung von persönlichen Daten, die im folgen beschrieben werden. Du findest weitere Details unter Cookie-Richtlinie, Datenschutzrichtlinie, Impressum und Nutzungsbedingungen. Du kannst Deine Einstellungen jederzeit durch einen Klick auf Einwilligung Datenverarbeitung am unteren Rand der Seite ändern.

Details

Essentielle Daten

Einige Daten werden grundsätzlich benötigt, um die Webseite zu benutzen. Die Daten werden in einem s.g. Cookie (also einer kleinen Textdatei auf Deinem Computer) abgelegt. Die Daten beinhalten eine Session-ID, eine eindeutige und anonyme Nutzerkennung kombiniert mit einem Schlüssel, um individuelle anfragen von Dir technisch zu beantworten (user_data). Ein weiterer Sicherheitsschlüssel (csrf) wird ebenfalls gespeichert, um übliche online Angriffe zu verhindern. Diese Felder bestehen aus alphanumerischen Zeichenketten, die keinen Hinweis auf Dich als Peron beinhalten. Eine Ausnahme ist, dass wir zu vielen anfragen an unser System die IP-Adresse speichern, so dass wir eine bösartige Nutzung und Fehler erkennen können. Zusätzlich wird ein technisches Feld gespeichert (singletab), um sicherzustellen, dass einige Aktionen nur in dem aktiven Browser-Tab ausgeführt werden (z.B. das Öffnen eines Spiels). Wir benutzen die lokale Speicherung, um den Unterschied zwischen Deiner Systemzeit und der Serverzeit festzuhalten, so dass wir Dir korrekte Zeitangaben anzeigen können. Du kannst weitere Funktionen der Datenverarbeitung aktivieren. Deine persönliche Auswahl wird ebenfalls lokal gespeichert.

Einstellungsdaten

Wir bieten eine ganze Reihe persönlicher Einstellungen für mehr Komfort auf unserer Webseite an. Die Optionen beinhalten z.B. gegen wen Du gern online spielen möchtest, Deine bevorzugten Schachbrett- und Figuren-Designs, die bevorzugte Größe des Brettes, die Lautstärke des Video-Players, Deine bevorzugte Sprache, ob Du lieber den Chat oder die Schachnotation benutzt und vieles mehr. Du kannst diese Seite benutzen ohne Einstellungen vorzunehmen bzw. zu speichern, aber wenn Du möchtest, dass wir uns Merken welche Einstellungen Du vornimmst, dann empfehlen wir Dir dringend diese Funktion zu aktivieren. Für registrierte eingeloggte Nutzer ist diese Funktion essentiell, um auch Daten zu Deinen Privatspähre-Einstellungen, geblockte Nutzer und auch Deine Freundschaften auf chess24 zu sichern.

Daten zu Sozialen Medien

Wir bieten einen Twitter-Feed an, der Dir live die Aktivität zu unserem Hashtag #c24live anzeigt. Darüber hinaus erlauben wir Dir Inhalte in Sozialen Netzwerken zu teilen. Wenn Du diese Funktion aktivierst, dann findet ein technischer Datenaustausch mit Sozialen Netzwerken statt und diese können Daten auf Deinem Computer ablegen.

Statistik-Daten

Wir möchten gern messen wie unsere Webseite benutzt wird, so dass wir besser entscheiden können, welche Funktionen wir als nächstes entwickeln und wie wir die Nutzererfahrung weiter verbessern können. Wenn Du diese Funktion aktivierst, dann schicken wir Statistiken zu Seitenaufrufen und Aktionen zu Google Analytics. Die Daten haben keinen direkten Bezug zu Deinem Nutzer oder Deiner Person außer der IP-Adresse und Deiner Identifikatoren von Google Analytics.

Marketing-Daten

Um uns zu ermöglichen kostenlose Dienste anzubieten, möchten wir Dich bitten personalisierte Werbung von unseren Werbe-Partnern zu akzeptieren. Wenn Du diese Funktion aktivierst, werden ggf. Daten von den Werbenden erhoben und gespeichert, dafür erhältst Du relevantere Werbeinhalte und wir können mehr in kostenlose Funktionen und Inhalte investieren.

Andere Daten

Für registrierte Nutzer speichern wir mehr Informationen wie z.B. Dein Profil, das Du jederzeit einsehen und verändern kannst, Deine Schachspiele, Deine Analysen, Foren-Inhalte, Chats und Nachrichten, Deine Freunde und geblockte Nutzer und Inhalte oder Abos, die Du abgeschlossen hast. Du findest alle Daten in Deinem persönlichen Profil. Eine kostenlose Registrierung ist nicht erforderlich, um diese Webseite zu nutzen. Wenn Du unser Support-Team kontaktierst, dann wird ein Ticket mit Deinem Namen und Deiner Emailadresse erstellt, so dass wir Dir antworten können. Diese Daten werden beim Dienstleister Zendesk verarbeitet. Hast Du einen Newsletter abonniert oder bist Du ein registriertes Mitglied, dann schicken wir Dir gern von Zeit zu Zeit aktuelle Neuigkeiten. Du kannst ein Newsletter Abonnement jederzeit abbestellen und als registriertes Mitglied feinere Einstellungen zu den Emails, die wir verschicken im Profil vornehmen. Für Newsletter übertragen wir Deine Email-Adresse und den Nutzernamen zeitweise zu dem Dienstleister Mailchimp. Wenn Du Inhalte oder Abonnements erwribst, dann arbeiten wir mit dem Zahlungsanbieter Adyen zusammen, der Deine Zahlungsdaten und Daten über den Zahlungsprozess (z.B. um Betrug vorzubeugen) erfasst und auswertet.