Berichte 12.12.2018 | 12:58von Colin McGourty

London, GCT Finale R1: Caruana bleibt hinter Carlsen die Nummer 2

Einen Moment lang sah es so aus, als könnte Fabiano Caruana mit einem Sieg gegen Hikaru Nakamura die siebenjährige Regentschaft von Magnus Carlsen als Nummer 1 der Welt beenden, doch dank präziser Verteidigung konnte sein amerikanischer Rivale die Partie remis halten. Auch das andere Halbfinale blieb ohne Sieger, denn Levon Aronian gelang es zwar, Maxime Vachier-Lagrave mit Schwarz zu überspielen, ließ ihn dann aber entwischen. Ähnlich verliefen die Partien bei der Britischen K.O.-Meisterschaft, wo es bei McShane-Adams zwar mehrere Opfer gab, am Ende aber dennoch zwei Remis zu Buche standen.

Neuer Gegner für Caruana in London, gleiches Resultat | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Finalpartien der Grand Chess Tour könnt ihr hier nachspielen:

Hier die englische Live-Übertragung des gestrigen Tages mit Yasser Seirawan, Jennifer Shahade, Cristian Chirila und Alejandro Ramirez sowie Spielerinterviews und Garry Kasparov:

Und die deutsche Live-Übertragung mit Jan Gustafsson:


Knapp verpasst

Demis Hassabis von DeepMind führte Caruanas ersten Zug aus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Bei der WM eröffnete Fabiano Caruana gegen Magnus Carlsen in allen sieben Partien mit 1.e4, gestern aber vertraute er wieder 1.d4. Schon bald sah es aus, als wäre das richtige Wahl gewesen, da Nakamura eine Variante im Abgelehnten Damengambit wählte, mit der er in diesem Jahr schon gegen Magnus Carlsen und Shakhriyar Mamedyarov verloren hatte. Fabiano wich mit 7.Dc2 von beiden Partien ab (Magnus spielte 7.Ld3 und Shak 7.Le2), und Nakamura räumte hinterher ein, dass die von ihm gewählte Aufstellung „ein wenig dubios” gewesen sei. Caruana konnte e4 durchsetzen, und bereits nach 16 Zügen war die schwarze Lage kritisch:


Hier hatte Nakamura, wie er hinterher berichtete, das Gefühl, dass er nach 16.Sh4 und 17.Sf5 „schon fast eine Verluststellung“ habe, und die Computer bestreiten dies auch nicht, wenngleich Schwarz bei bestem Spiel vielleicht remis halten kann. Umso erleichterter war Nakamura nach 16.g4, und nach 16…Tfe8 17.g5 Tad8 “wollte” Caruana „unbedingt“ einen weiteren Bauernvorstoß folgen lassen:


Über 18.g6 dachte Caruana 20 Minuten nach. Erst dachte er, der Zug würde einfach gewinnen, doch als er die Verteidigung 18…hxg6 19.Db3 exd4! entdeckte, entschied er sich dagegen. Den Entscheidungsprozess kennen die meisten Schachspieler ziemlich gut: "Also spielte ich einen Zug, den ich gar nicht richtig berechnet hatte und den ich für halbwegs nützlich hielt."

Er schaut dir zu... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Caruanas Instinkte sind aber sehr gut, denn 18.Kf1 ist auch die erste Wahl der Computer. Nach 18…b5 19.Th4 a6 20.a4 Da5 spielte er dann aber 21.g6:

Die Pointe ist, dass Weiß nach 21…hxg6 das starke 22.Sg5! hat und dunkle Wolken über dem schwarzen König aufziehen. Zuerst empfiehlt der Computer 22…c5 (“wir sind keine Computer – einen Zug wie c5 zu spielen ist sehr schwer” - Nakamura), doch dann zeigte er an, dass Nakamura auch mit 22…Sf8! den Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Caruana dachte vor dem 23.Zug zum letzten Mal länger nach:

„Laut Computer steht Caruana deutlich besser, wenn er die Turmüberführung zum Königsflügel beginnend mit Td3 findet.“

Er spielte tatsächlich 23.Td3, wobei im Nachhinein auch Garry Kasparovs Empfehlung 23.f4!? einen Versuch wert gewesen wäre. “Zunächst sieht der Zug absurd aus” meinte Nakamura, konnte sich später aber dafür erwärmen, mit den König Platz zu machen, um den Turm auf d1 so auf die h-Linie zu bringen. 

Nakamura verteidigte sich nach holprigem Start gut | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach dem Turmzug hatte Caruana noch 12 Minuten (Nakamura hatte noch 33) auf der Uhr, und Nakamura ließ einige einzige Züge folgen: 23…Lc8! 24.Db3 Dc7! 25.axb5 axb5! 26.Tf3 Le6! 27.d5 cxd5 28.exd5 Txd5 29.Sxe6 fxe6 30.Tfh3:


Schwarz hatte das Schlimmste überstanden und konnte nach 30…e4! sogar davon träumen, die Initiative zu übernehmen. Caruana räumte ein, dass er es bereute, nicht vorher das Remis forciert zu haben: “Natürlich ist es nicht ohne Risiko, wenn ich zwei Minuten habe und er dreißig.” Ein falscher Zug (z. B. 33.Tb4?? Td2!) und es wäre vorbei gewesen, doch Caruana hatte alles im Griff und erreichte sicher den Remishafen. Caruana:

Nach der Partie hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwann gewinnen konnte, aber bisher konnte mir niemand sagen auf welche Weise. 

Nakamura:

Ein Remis ist gut, und die Partie war interessant – ein guter Auftakt nach einer längeren Pause.

Das Remis kostete Fabiano 1,2 Elo-Punkte, wodurch der Rückstand auf Magnus wieder auf 4,2 Punkte angestiegen ist. Damit kann Caruana den Weltmeister nicht mehr überholen, und dieser kann sich bei der zweiten Partie entspannt zurücklehnen. Nakamura hätte außerdem sicher nichts dagegen, wenn diese abermals remis endet und es mit Gleichstand ins Schnell- und Blitzschach geht – eine bewährte Methode, um Caruana in London zu besiegen!

Levon verkürzt die Leiden

Imogen sprang für Garry Kasparov ein, der im Londoner Verkehr stecken geblieben war  | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ohne Überraschungen begann die Partie MVL-Aronian, denn der Franzose spielte das vertraute 1.e4, Aronian spielte sein übliches 1…e5 und wir landeten in einem Anti-Marshall mit 12…Db8 als erstem neuen Zug – wobei Aronian hinterher überraschend behauptete, er habe nicht gewusst, dass es sich um eine Neuerung handelte: 

“Aronian dachte, er hätte seine Neuerung 12...Db8 schon einmal gegen MVL gespielt – doch meinte er damit vermutlich die Partie bei den GRENKE Chess Classic, als er 12...Db8 nach 12.h3 statt 12.Sbd2 spielte.“

MVL war mit seiner Reaktion unzufrieden:

Ich wollte der Stellung mit 14.d4 Leben einhauchen, doch im Nachhinein war das nicht die beste Wahl.

Garry Kasparov war irgendwann auch da | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Garry Kasparov meinte, “Ich sah seinen Turm auf a2 und wollte heulen”, nachdem der Franzose 18.Ta2 gespielt hatte:


MVL widersprach nicht und meinte, dass er nach 18…Te8 schon "fast nach der Reißleine gesucht, diese aber nicht gefunden habe“. Schnell kam Schwarz in klaren Vorteil, doch Aronian holte nicht das Optimum heraus. 

Aronian-MVL ist die Neuauflage des grandiosen Halbfinales beim Weltcup 2017  | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

MVLs Verbesserungsvorschlag 24…Sg4! sieht gut aus, doch nach seinem Qualitätsopfer ahnte er schon, dass er das Schlimmste überstanden hatte:


28.cxb4! Sd3 29.Lxc5 Sxb2 30.Taa1 Sxd1 31.Txd1. Später konnte Schwarz mit 33…Te1+ noch einen Versuch starten, zumal MVL nach der Partie in die von Alejandro Ramirez gestellte Falle mit 34.Txe1 Lxe1 35.Sf3?? prompt hineintappte:


35…d3! gewinnt dann, da der Bauer nach 36.Sxe1 d2! einzieht. Wahrscheinlich wäre der Franzose in der Partie nicht darauf hereingefallen, und nach 35.Kf1 wären seine Remischancen weiter intakt gewesen. In der Partie hatte anschließend sogar eher MVL Gewinnchancen, doch war es am Ende (nach 74 Zügen!) keine Überraschung, dass die Partie remis ausging.

Levon war nicht allzu enttäuscht über den Ausgang der Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nakamura und Aronian haben in der zweiten Turnierpartie den Vorteil der weißen Steine, aber unabhängig von deren Ausgang werden wir morgen Schnellschach und Blitzpartien erleben.

Ähnlich verliefen die Partien der Britischen K.O.-Meisterschaft Howell-Jones und McShane-Adams, die beide remis endeten. In der zweiten Partie wurde einiges geopfert, daher lohnt es sich auf jeden Fall, sie nachzuspielen. 

Luke McShane and Mickey Adams after a game in which Black might also have considered playing on instead of repeating moves | photo: Lennart Ootes, London Chess Classic

Weiter geht es am Mittwoch ab 15 Uhr, und erneut könnt ihr euch die Live-Übertragung in drei Sprachen ansehen. Im deutschen Live-Stream mit Jan Gustafsson wird es einen Überraschungsgast geben, den ihr euch nicht entgehen lassen solltet!

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