Berichte 18.12.2016 | 14:50von Colin McGourty

London Chess Classic, Runde 8: So gewinnt die Grand Chess Tour

Wesley So hat nach einem Remis gegen Fabiano Caruana eine Runde vor Schluss die 100.000 Dollar Preisgeld für den ersten Platz auf der Grand Chess Tour gewonnen, nachdem Hikaru Nakamura gegen Levon Aronian nicht über ein Remis hinauskam. Wesley ist auch der Favorit auf den Gewinn des mit 75.000 Dollar dotierten Hauptpreises bei den London Chess Classic, da er vor der letzten Runde mit einem halben Punkt in Führung liegt; er kann jedoch noch von vier Spielern abgefangen werden. Einer von ihnen ist Vishy Anand, der mit einer schönen Neuerung und etwas Hilfe durch einen Fehler Veselin Topalovs den einzigen Sieg des Tages erzielen konnte. Die apokalyptische Punkteausbeute des Bulgaren beträgt nun 1 aus 8.

Wesley hatte in London alles unter Kontrolle... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

In keiner einzigen Runde der London Chess Classic gab es ausschließlich Remisen, aber wir halten nun bei fünf, in denen es nur einen einzigen Sieg gab:

Die größte sportliche Bedeutung ging jedoch von den Remisen aus.

Wesley gewinnt die Tour

Werden Caruana oder So je ein Weltmeisterschaftsmatch spielen - und wenn ja, wann? | Fotos: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So hatte drei Runden vor Schluss die schwierigsten Aufgaben erledigt und wusste, dass er mit drei Remisen die Grand Chess Tour gewinnen würde, und die London Chess Classic vermutlich ebenfalls. Deshalb war der vermutlich mit Abstand unvergesslichste Zug in seiner Partie gegen Fabiano Caruana der erste... es war fairerweise allerdings ein Zug, der schwer zu überbieten war.

Das an diesem Wochenende stattfindende Super Rapidplay-Turnier findet im Gedächtnis an Michael Uriely statt, einen englischen Schachspieler, der letztes Jahr nach einem Asthma-Anfall im zarten Alter von 9 Jahren verstorben ist. Seine jüngere Schwester Noga führte am Samstag den ersten Zug bei den London Chess Classic aus, und eine Zeitlang hatte sie Probleme, das Brett überhaupt zu erreichen. Malcolm Pein sagte ihr, dass sie jegliche Figur ziehen könne, aber als Fabiano das Brett in ihre Richtung schob, gelang es ihr, heldenhaft auf den Damenflügel zu greifen und den Zug 1. d4 auszuführen.

Caruana spielte jedoch 1. e4 und in einer Ausgangslage, in der er mit einem Sieg an Wesley So vorbeiziehen und den ersten Platz belegen konnte, beantwortete er die Berliner Verteidigung seines Gegners mit 4. d3. So war überrascht, als Caruana ihm gestattete, mit dem Bauernvorstoß 12. ... e4 Vereinfachungen vorzunehmen, während Fabiano meinte:

Ich dachte, dass ich ein sehr angenehmes Endspiel hatte, unterschätzte 18. ... Tae8 jedoch völlig - das scheint auf der Stelle auszugleichen.

Es war ein harmlos wirkender Zug, aber die Nummer Eins der USA war hingegen vermutlich davon ausgegangen, dass ein Turm auf d8 erscheinen würde:


Die Spieler versanken in den darauffolgenden Zügen tief in Gedanken, aber das konnte nicht verhindern, dass die Partie langsam ins Remis abflachte.

Nakamura konnte So bei der Grand Chess Tour noch einholen, aber er musste dazu in London ungeteilter Erster werden. Er konnte das nur mit einem Sieg über Aronian in der vorletzten Runde schaffen, aber die Partie endete nach 27 ruhigen Zügen ebenfalls unentschieden - beide Spieler zeigten sich überrascht, dass ihr Gegner nicht auf mehr gespielt hatte. 

Aronian war in guter Stimmung, bereute jedoch seine frühere Niederlage gegen MVL: "Das war eine fürchterliche Partie... ich wurde einfach zu selbstsicher. Ich dachte, ich würde ihn irgendwie Matt setzen, und spielte einen furchtbaren Zug." | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So stand damit als Gesamtsieger fest, und seine Siegesansprache bei Maurice Ashley war schon bekannt!

Ich bin sehr froh darüber, die Grand Chess Tour zu gewinnen, das ist ein sehr großer Erfolg für mich. Ich möchte wie üblich dem Herrn danken, dass er mich solch eine prestigeträchtige Tour gewinnen hat lassen.

Maurice Ashley kam auf lobende Worte zweier ehemaliger Weltmeister zu sprechen. Garry Kasparov sagte, dass Wesley nun ein wirklicher Herausforderer für die Weltmeisterschaft ist, während Vladimir Kramnik am Vortag Ashley sagte, dass So 2016 das beste Schach von allen gezeigt hatte - darunter auch Magnus Carlsen. Wesley witzelte: "Ich hoffe, dass er das so gemeint hat!", und war selbst noch nicht bereit, sich mit Magnus zu vergleichen. Er hat Zeit, sogar noch besser zu werden:

Gratulation an Wesley So zum Gewinn der #GrandChessTour! Er zeigte großartige Beständigkeit, und - schlechte Nachrichten für seine Gegner - wird noch immer besser.

Sos Mitspieler waren nicht gewillt, die Chancen ihres Rivalen zu loben. Caruana meinte, er sei in den letzten Tagen mehrere Mal auf Wesley angesprochen worden, während Levon und Hikaru weitergingen:

Aronian: Er spielt sehr gut. Ich weiß nicht, ob er am besten Schach spielt - in Ergebnissen betrachtet schon, aber ich mag aggressivere Spieler... Ich mag mehr Blut auf dem Brett.

Nakamura: Er hat ziemlich gut gespielt, aber alles ist relativ... bezüglich der Ergebnisse spielt er klarerweise am besten, aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass er besser als Magnus spielt.

In den anderen Partien ging es zur Sache!

Nakamuras geringe Hoffnungen auf den Sieg bei der Grand Chess Tour endeten am Samstag | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Topalov 0 - 1 Anand

Veselin Topalov befindet sich im freien Fall, und seine Gegner wissen, dass es gute Aussichten darauf gibt, dass er wieder zusammenbricht, sofern sie die Stellung am Brett kompliziert halten können. Wenn man dieser Vorgehensweise folgt, gibt es nichts Besseres, als frühzeitig eine erstaunliche Neuerung zu spielen. 12. ... b5!!? passte da gut hinein:


Vishy schrieb diesen wilden Schlag seinem Sekundanten Grzegorz Gajewski zu und erklärte, dass es sieben oder acht Antworten gibt, die allesamt spielbar sind, und fügte hinzu: "Ich fühlte, dass ich es trotzdem spielen sollte, auch wenn ich nicht alles berechnet habe."

Die Kampfkollegen besprechen, was schief gelaufen ist | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Veselin sagte Vishy im Nachhinein, dass er sich dieses Zuges bewusst war, konnte aber nicht verhindern, dass die Partie besser für Schwarz wurde. Anand hätte die Partie schon früher mit dem klugen 21. ... Lg4! - mit der Hoffnung auf 22. f3 Lf5!, wodurch das Feld e3 für seine Dame frei wird - beenden können; den Druck aber einfach aufrecht zu halten funktionierte allerdings auch sehr gut. Topalov hatte sich das Leben bereits schwer gemacht, als er 31. h4 spielte, und danach erlaubte 33. Dc3? (33. Dc4 war der einzige Zug) 33. ... Db5!   


Es ist ein schmerzhaftes Ende, aber Topalov hatte das noch nicht realisiert. Die einzige machbare Verteidigung gegen das Matt auf a4, 34. Dc6, lief in die einfache und brutale Widerlegung 34. ... Txf3+ - Vishy meinte, er habe eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass dieser Zug mit Schachgebot geschieht, und konnte nur annehmen, dass Veselin dasselbe Problem gehabt hatte. Wir bekamen eine der angeregtesten Partiebesprechungen in London zu sehen: 

Das war eine auf vielen Ebenen erstaunliche Partie.

Es muss nicht gesagt werden, dass es ein fürchterlicher Jahresausklang für Topalov war, der 2016 beim Kandidatenturnier in Moskau auf die gleiche Weise begonnen hatte:


Er hat in der letzten Runde noch eine letzte Schwarzpartie gegen einen zweifellos hungrigen Levon Aronian.


Zwei Kampfremisen

Die Körpersprache erzählte nicht die ganze Geschichte... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Mickey Adams begann wie Topalov mit zwei Niederlagen, aber seither hat er +1 erzielt und hätte noch mehr erreichen können. MVL hatte eröffnungstechnisch gesehen ein erstaunlich schlechtes Turnier - er hat wohl jede Eröffnungsschlacht verloren, auch in jener Partie, die er gewinnen konnte - aber er konnte den Schaden auch in Grenzen halten. Am Samstag war seine Stellung nach 26. ... h5! kritisch:


Der a7-Läufer ist ein Monster und Mickey räumte ein, "Ich spielte eine Weile ganz gut und wurde ehrgeizig", aber MVL konnte mit 27. d4! eine Verteidigung aufbauen, und nach 27. ... exd4 (27. ... g6 könnte noch mehr Probleme bereiten) 28. Sxd4 Lxd4 29. cxd4 gewann Mickey den d4-Bauern, allerdings nur um den Preis, in ein Turmendspiel mit 4 gegen 3 Bauern auf einem Flügel zu gehen. Er schätzte das als möglichen Sieg ein, aber nicht gegen Maxime! Das Remis folgte im 53. Zug.

Kramnik ist nicht überzeugt... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Und schließlich kommen wir zu Anish Giri, den man für den Versuch nicht tadeln kann. Er traf auf Vladimir Kramnik - gegen den er ein Ergebnis von 0:6 (exklusive Remisen) hat -, und hatte Schwarz, daher wäre ihm verziehen worden, hätte er einfach auf Remis gespielt. Stattdessen spielte er Najdorf, entschied sich früh für eine aggressive Neuerung und war dann willens, eine Figur für Gewinnchancen zu opfern:


29. ... Sxe4 30. f3 Sxd2 31. fxg4 Sxc4 32. bxc4 Txc4 Am Ende hatte er vier Bauern für Kramniks Springer, aber er konnte dem Schicksal nicht entkommen:

Giri ist für mich ein absolutes Mysterium. Er kämpft hart, spielt scharfe Stellungen, hat so viel Talent. Aber er ist wie Magneto in einem Universum metallischer Remisen.

Der einzige Fehltritt war, aus einer PR-Perspektive, das Anbieten eines Remis in der Schlussphase:

Kramnik lächelt, als er Giris Remisangebot ablehnt :)

Das Remis folgte jedoch trotzdem schon bald. Kramnik steht nach seinem Sieg über Topalov nun bei sieben Remisen, aber niemand kann in diesem Jahr (Caruana und Adams schafften im Vorjahr jeweils neun Remisen) mit Anish mithalten:


In der Partiebesprechung versuchen die Spieler, etwas Perfektes aufzubauen - eine Figurenkette entlang der g-Linie! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Vor der letzten Runde lautet der Zwischenstand wie folgt:


Wie ihr sehen könnt, sind die London Chess Classic noch nicht entschieden. Wesley So spielt mit Weiß gegen einen außer Form agierenden Maxime Vachier-Lagrave und weiß, dass ihm ein Sieg den Titel sichern würde, aber insgesamt steht es 3:0 in Siegen für MVL. Ein Remis würde bedeuten, dass nur Caruana zu ihm aufschließen und ein Schnellschach-Playoff (zwei Schnellschachpartien, falls nötig noch zwei Blitz- und eine Armageddon-Partie) erzwingen könnte, aber das wäre schwierig! Fabiano lachte, als er zu Maurice Ashley sagte:

Gegen Anish in der letzten Runde mit Schwarz spielen - es wird vermutlich nicht allzu viele Siegchancen geben!

Falls Wesley verliert, ist das Rennen wieder völlig offen, da Caruana bereits ein Remis für ein Playoff reicht, während Nakamura, Anand und Kramnik noch ein Wörtchen mitreden können. Anand trifft mit Weiß auf Kramnik, während Nakamura gegen Adams Schwarz hat.

Hier geht es direkt zur letzten Runde am Sonntag (Beginn 15:00 Uhr), während ihr unterhalb noch die Sendung zur achten Runde samt der Spielerinterviews unterhalb nachholen könnt:

Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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