Berichte 14.12.2016 | 06:57von Colin McGourty

London Chess Classic, Runde 5: Adams siegt, Kramnik rettet sich

Mickey Adams gelang gegen einen völlig vogelwilden Veselin Topalov der einzige Sieg in der 5.Runde der London Chess Classic. Der Brite zeigte schönes Angriffsschach, die vermutlich bemerkenswerteste Partie des Tages war aber das sechsstündige Drama, in dem Hikaru Nakamura um ein Haar den dritten Ex-Weltmeister in Folge besiegt hätte. Vladimir Kramnik wandelte am Abgrund, fand am Ende aber einen schönen Patttrick, mit dem er das Remis retten konnte.


Auch in Runde 5 fand nur eine Partie einen Sieger:

Dennoch verliefen die Partien alles andere als eintönig, sondern hatten jede für sich etwas zu bieten.  

Brillante Eröffnungsvorbereitung

Vishy Anand und Anish Giri gehören zu den Spielern, die im modernen Schach am besten vorbereitet sind. Das demonstierten sie in Runde 5 aufs Feinste, indem sie mit Schwarz locker remis hielten.   

Am Ende hatten beide Ex-Weltmeister Grund zur Freude| Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Vishy Anand brachte nach Wesley Sos 10.Dd2 - ein Zug, den Jan Gustafsson gegen Arkadij Naiditsch bei der Spanischen Mannschaftsmeisterschaft 2015 erstmals gespielt hatte - eine neue Idee aufs Brett. 


Naiditsch und später auch Karjakin gegen Nakamura spielten 10…Sd5, während Carlsen beim Blitzturnier der Grand Chess Tour in Paris 10…Se2 gegen Nakamura spielte. Vishy meinte dazu:

Welchen Zug man in dieser Stellung auch findet, es ist immer nur der zweitschönste, denn die klare Nummer 1 ist eindeutig 10...Se2.

Magnus gewann diese Partie, aber bestimmt nicht wegen der Eröffnung. In London ließ Vishy einen anderen Zug vom Stapel, 10…Lxa3!?, der Wesley dazu brachte, 31 Minuten nachzudenken. 

"Anands 10...Lxa3 gegen Wesley So scheint eine starke Neuerung zu sein."

Dem Ex-Weltmeister war klar, warum So so lange nachdachte:

Als mein Sekundant mir diesen Zug zeigte, musste ich zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass es sich um einen legalen Zug handelt. Der Zug kommt einem überhaupt nicht in den Sinn, und das ging offenbar auch vielen anderen so!

Wesley beschrieb seine Überraschung:

Ich hatte mir zuvor eine Menge angesehen und wollte ihn in der Eröffnung überraschen, aber dann brachte er diese Neuerung im 10.Zug. Vermutlich sollte ich mit dem Bauern Richtung Zentrum schlagen, aber auch dann wird es gegen einen gut vorbereiteten Vishy schwer. Wie Anish mal sagte, spielt er lieber gegen Vishy als gegen seinen Computer.

Wesley verwarf 11.bxc3 (aus Furcht vor dem schwarzen Freibauern), spielte 11.Dxc3, und nach einem Massenabtausch endete die Partie im 30.Zug remis.

An der Analyse nahm auch Giri teil und witzelte, wann Anand endlich aufhöre und Platz für jüngere Spieler mache. Vishy meinte zu Maurice Ashley, “Ich versuche länger als er dabei zu bleiben!”

Aronian konnte Giri nicht überraschen  | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Anish zeigte, dass er einiges vom Meister gelernt hat und tauschte gegen Levon Aronian früh ein paar Figuren ab. Das führte zu dieser Stellung: 


Wie soll Schwarz den Bauern auf b7 verteidigen? Dem normalen Menschen springt 12…b6! sicher nicht als Erstes in den Sinn, aber Schwarz gewinnt durch die Mattdrohung auf g2 die geopferte Qualität zurück. Anish fasste zusammen:

12…b6 ist ein hübscher Zug, der alle Probleme löst. Vielleicht hätte ich ihn auch selbst gefunden, aber es ist angenehmer, wenn der Computer einem sagt, dass man die Qualität zurück gewinnt.

Levon widerstand dem Impuls, den Turm zu schlagen, und nach 13.Tc1 Tc8 endete die Partie nach 20 Zügen mit Zugwiederholung. Dies war Giris fünftes Remis in Folge, aber er sah keinen Grund, sich für ein schnelles Schwarzremis gegen einen starken Kontrahenten zu entschuldigen. Offenbar weiß er selbst nicht, warum er so viele Remisserien hinlegt, kennt aber die Gefahren: 

Für mich sind fünf Remis in Folge normal, aber ich weiß, wie gefährlich es ist, sich darüber zu ärgern.


Verpasste Gelegenheit

Ebenfalls recht schnell remis endete die Partie MVL-Caruana, aber in diesem Fall gelang es Fabiano, seinen Gegner in einer Russisch-Partie zu überraschen und dem Sieg nahezukommen. Zum fünften Mal in Folge musste der Franzose feststellen, dass er in die gegnerische Vorbereitung gelaufen war, und als er die Stellung nach 18…e5 falsch einschätzte, bekam er rasch Probleme.

MVL: "Mir fehlt bislang die Energie" | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Der Höhepunkt kam nach 24.Lc1:


Caruana hatte das starke 24…Sb4 25.Dxe4 Sd3! gesehen, konnte dem Qualitätsopfer 24…Td2!? aber nicht widerstehen. Hinterher meinte er:

Ich hatte viel Zeit und hätte bis zum Ende rechnen sollen. Irgendwie fühlte sich 24…Td2 natürlich an. Ich verließ mich auf meine Intuition.

Fabiano räumte ein, dass er davon ausging, Weiß könnte auf d2 nicht nehmen, da danach der schwarze Läufer zu stark werden würde, aber nach 25.Lxd2 cxd2 26.Dxd2 fand er nichts Besseres als 26…Lc3 mit Rückgewinn der Qualität. Im 34.Zug kam es dann zum Remis durch Zugwiederholung, über das Maxime (erneut) froh war:

Angesichts meines bisherigen Spiels ist mein Ergebnis von -1 das kleinere Übel. Ich hoffe, ich kann mich neu konzentrieren. Ich habe bisher überhaupt nicht zu meinem Spiel gefunden.


Die langweilige Berliner Verteidigung

Mickey Adams und Veselin Topalov begannen die London Chess Classic jeweils mit zwei Niederlagen, doch danach trennten sich ihre Wege. Adams hielt gegen Giri und Anand mit Mühe remis und bezwang nun Topalov, während sein Gegner bisher nur einen halben Punkt gegen MVL erreichte. Der bulgarische Ex-Weltmeister spielte die Berliner Verteidigung, allerdings mit einem Schuss Aggressivität.

Topalov lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Im Anti-Berlin ließ sich Veselin auf den heranziehenden Sturm ein, den Adams mit 15.e5! gern entfachte:


Nach 15…fxe5 16.Dg4 war Topalovs letzte Chance zur Rochade gekommen, doch stattdessen ging er nach 35 Minuten mit 16…Qd3!? All-In. Adams konnte sich nicht mehr exakt erinnern, wusste aber noch:

Im Hinterstübchen wusste ich, dass dem Computer 16…Dd3 nicht gefällt.

Es war keineswegs leicht, die schwarze Stellung zu zu zerstören, aber Topalovs Aufgabe, die Stellung zu halten, wäre auch ohne extreme Zeitnot extrem schwer geworden. Zum entscheidenden Schlag holte Adams nach 29…Dg4 aus:


30.Lg5! unterbrach nicht nur die Batterie von Turm und Dame auf der g-Linie, sondern verband auch die weißen Türme, womit die Dame ihrerseits zum Angriff übergehen konnte. 30…Txe4 wurde von 31.Dxa7! Ld5 32.Da8+ Kd7 widerlegt, wonach als einziger Zug das einfache 33.Txd5+! gewinnt:

Mickey blieb auf dem Boden der Tatsachen:

Ich bin froh, dass ich überhaupt eine Partie gewinnen konnte. Es kommen aber noch viele schwere Aufgaben auf mich zu!

Mickey hatte Grund zur Freude | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Für Veselin jedoch kann das Turnier gar nicht schnell genug vorbeigehen. Er hat schon 17,7 Elopunkte verloren und ist auf Platz 20 der Weltrangliste abgerutscht - erstaunlich für einen Spieler, der mal die Nummer 1 war. 

Das Beste haben wir uns zum Schluss aufgehoben.

Knappe sache

Die längste Partie des Tages versprach lange Zeit wenig.

"Zur dritten Partie in Folge gegen einen Ex-Weltmeister brachte Nakamura Verstärkung mit: eine Extradose Red Bull."

Vladimir Kramnik spielte die selbe Eröffnung, die er vor kurzem gegen Pavel Eljanov bei der Schacholympiade in Baku aufs Brett gebracht hatte. Dort erreichte er zwar ohne große Probleme ein Remis, doch das Bittere war, dass Tomashevsky und Grischuk gute Stellungen verdarben und das Match gegen die Ukraine verloren ging.

Vladimir Kramnik bleibt einer der Größten unserer Zeit| Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

In der Eröffnung schien Nakamura überrascht, da er mehr als 18 Minuten für 17.g3 aufwandte, bald aber keinerlei Vorteil mehr hatte. Dadurch geriet Vladimir auf Abwege, wie er verriet:

Mein Problem war, dass ich nicht wusste, ob ich auf Sieg oder Remis spielen sollte… Dann war mein Fehler, dass ich einen Zug auf Sieg spielte, den nächsten auf Remis und dann wieder auf Sieg!

Das führte dazu, dass Kramnik nach Erreichen der Zeitkontrolle seine ganze Verteidigungskunst zeigen und gleich mehrere einzige Springerzüge finden musste!

1. Die Stellung nach 41.Kg3


Schwarz ist fast im Zugzwang und musste 41.Sc8 finden, mit der Drohung, den Springer via a7 nach b5 zu überführen, um Gegenspiel gegen den Bauern auf d4 einzuleiten. Als Nakamura diesen Plan verhinderte, drang Kramnik tief in die Stellung ein und meinte hinterher, er habe nach 45.De4! fast die gesamte folgende Variante samt der Schlussidee gesehen…

2. Die Stellung nach 54.Dxe6


Schwarz hat genau einen Zug, der ihn am Leben hält: 54.Sh8! Nakamura war immer noch der Meinung, er könnte nach 55.Df5+ Sf7+ 56.Kf6 Dxf5+ 57.gxf5 Sd8! gewinnen, doch dann dämmerte es ihm.

"Ungläubige Miene."

Es gab kein Entrinnen mehr, und nach 8 Minuten spielte er…

3. Die Stellung nach 58.e6

Und Kramnik blitzte den schönsten Zug des Tages aufs Brett: 58…Sf7!! 

Ein schöner Schlussmoment in London | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Nimmt Weiß den Springer, ist die Partie sofort Patt, doch es gab keinen Ausweg. Die Partie endete mit 59.Kg6 Sd8! 60.Kf6 Sf7 61.exf7 Patt

Vladimir gab zu, dass er Glück hatte, dass dieser Zug in der Stellung war, aber man muss ihn erst finden. Beide Spieler zeigten in dieser Partie ihre gesamte Klasse.

Vladimir und Hikaru nach der Partie des Tages | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Kramnik fasste seinen Gemütszustand zusammen:

Zum Glück ist morgen ein Ruhetag!

"Der Moment, in dem dir klar wird, dass du morgen frei hast."

Vor dem Ruhetag hat Wesley So damit weiterhin einen halben Punkt Vorsprung und er weiß, dass ihm ein dritter Platz zum Gesamtsieg reicht:


Am Donnerstag hat So Schwarz gegen Topalov, während Nakamura ebenfalls mit Schwarz gegen Caruana antreten muss. Wir übertragen dann wieder ab 17:00 Uhr live, hier noch die gesamte Action von Runde 5:

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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