Berichte 06.12.2017 | 09:44von Colin McGourty

London Chess Classic, R4: Caruana bricht den Bann

Fabiano Caruana ist der Spieler, der die Remisflut bei den London Chess Classic mit einem schönen Sieg im Sizilianer gegen Sergey Karjakin beendet hat. Damit liegt der Amerikaner allein in Führung und eroberte gleichzeitig Platz 2 in der Live-Weltrangliste zurück. Ansonsten änderte sich in Runde 4 wenig – drei Partien endeten nach gut 30 Zügen remis und der Weltmeister hatte gegen MVL einen Bauern weniger, dafür aber ausreichende Kompensation. Er meinte dazu: „Zum Glück bekommt man für ein Remis mit schlechtem Spiel gleich viele Punkte wie für ein Remis mit gutem Spiel.“  

Fabiano Caruana ist der Mann der Stunde! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der London Chess Classic könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Und hier das Video mit der Live-Übertragung samt Kommentar von Jennifer Shahade, Yasser Seirawan, Cristian Chirila und Maurice Ashley:

Fabiano sorgt für die erste Entscheidung

Fabiano Caruana und Sergey Karjakin sind diejenigen Spieler, die Anish Giri auf Twitter am meisten wegen dessen Remistendenz necken, daher ist es nur folgerichtig, dass gerade diese Partie die Remisflut beendete. Giri schrieb sich das teilweise auf die eigene Fahne!

"So zwingt man jemanden mit Internet-Mobbing aus seinem Eröffnungsrepertoire und zum Gewinnen!"

Twitter-Neckereien sind aber höchstens ein Teil der Wahrheit, denn Caruana wies nach der Partie darauf hin, dass er die gleiche Sizilianischvariante schon am Tag vorher gegen Ian Nepomniachtchi spielen wollte. Der Russe durchkreuzte diesen Plan mit 1.Sf3, doch einen Tag später war es dann soweit, wobei Anish Giri witzigerweise der Top-Spieler ist, der den schwarzen Aufbau nach 8.Dg3 bislang nachhaltig verteidigt hat.


In allen vier Fällen spielte er jedoch 8…h5, also den Zug, den auch Jan-Krzysztof Duda zuletzt bei der Mannschafts-EM spielte. Der Pole gewann diese Partie, war nach 9.0-0-0 b5? (vermutlich muss erst 9…h4 kommen) aber eigentlich geplatzt. Wie auch immer, Caruana verbesserte die Variante mit dem sofortigen 8…b5.

Für Karjakin war dies ein Tag zum Vergessen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Karjakin meinte dazu:

Natürlich war ich überrascht. Ich hatte mir das Ganze nicht noch einmal angesehen, und jede andere Variante wäre besser gewesen, da ich mit weniger Zeit auf der Uhr eine schlechte Stellung bekam.

Er versank in tiefes Nachdenken, während Caruana die Züge 9.0-0-0 Sf6 10.f4 Seg4 11.Lg1 h5 12.e5 b4 13.Sa4 Sd5 14.Sb3 Lb7 15.Sac5 Lc6 nur herausschleuderte und eine Stellung erreichte, von der er wusste, dass der Computer mit dem schwarzen Spiel einverstanden ist. Erst nach 16.Ne4 war er auf sich gestellt:


Dies war der Schlüsselmoment der Partie, in dem Caruana das korrekte 16…f5! entkorkte. Der Zug schrie förmlich danach, gespielt zu werden:

Weiß hat so viel Zeit vergeudet, dass Schwarz konkret werden sollte. 

Karjakin verbrauchte 25 Minuten für seine Antwort, war aber mit allen Möglichkeiten unzufrieden, auch mit der Computerempfehlung 17.exf6. Schließlich spielte er mutig 17.h3 und wusste, dass es schwer werden würde:

Ich wusste, dass ich schlechter stehe, hoffte aber auf ein wenig Kompensation, die ich aber schnell wieder vergab.

Bei Caruana funktionierte alles wie am Schnürchen, und nach 22…Sg6! stand sein Vorteil völlig außer Frage:

Nach 25 Zügen war er erstmals siegessicher:


Hier zog Karjakin seinen Läufer mit 25.Lg1? zurück, was die weiße Stellung nicht verbessert und den schwarzfeldrigen Läufer des Schwarzen von der Aufgabe entbindet, den Bauern g7 zu decken. Caruana schlug daraus direkt Kapital, indem er mit 25…Le7 den Läufer ins Spiel brachte. Karjakin sprach von einem “schrecklichen Zug”, sah aber ohnehin keine Chance mehr, die Partie ohne Niederlage zu überstehen. Caruana verwertete seinen Vorteil in der Folge sicher und beendete die Partie kurz nach der Zeitkontrolle auf hübsche Art und Weise:

"42...Tg5! war ein schöner Schlusszug in der Partie, in der Fabiano Caruana den Bann brach und mit dem ersten Sieg die Führung bei den London Chess Classic übernahm."

Damit übernahm Caruana die Tabellenführung und zog in der Weltrangliste mit 2803,1 Elo an Levon Aronian vorbei auf Platz 2.

Für Sergey Karjakin waren die beiden letzten Tage hart:

Natürlich ist das unerfreulich, da ich gestern in Führung gehen konnte und nun Letzter bin!

Sein einziger Trost kann sein, dass er nur einen halben Punkt Rückstand auf seine restlichen Gegner hat, da die Remisflut auch gestern weiterging. 

Der Anish-Giri-Cup geht weiter

Hikaru Nakamura überraschte Ian Nepomniachtchi mit 6.g3 im Najdorf und ließ dann den Zug 9.b3 folgen, den Magnus Carlsen 2016 in Bilbao gegen ihn gespielt hatte (Hikaru gewann diese Partie mit Schwarz, aber nicht wegen der Eröffnung). Nepo spielte solide und hielt remis, war deswegen aber nicht begeistert:

Die Stellung ist mit Schwarz sogar noch langweiliger als mit Weiß... Sie ist zwar ausreichend, um ein Remis zu erreichen, aber ich werde nicht mehr so spielen! 

Naka und Nepo hatten vor der Partie gute Laune | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Vishy Anand wich mit 12.a4 von seiner Gewinnpartie gegen Levon Aronian im Kandidatenturnier 2014 ab. Dieses Mal war er von einem Sieg aber weit entfernt, denn Aronian konnte das klassische Bauernopfer im Geiste des Marshall-Gambits bringen („Ich freue mich immer, wenn ich einen Bauern opfern kann!“), wonach Vishy froh war, dass er den Bauern zurückgeben und den Remishafen erreichten konnte.

Vishy Anand feiert am Schlusstag der London Chess Classic seinen 48.Geburtstag| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die vermutlich interessanteste Eröffnungswahl war das Benkö-Gambit mit vertauschten Farben, das Wesley So als Weißer gegen Mickey Adams aufs Brett zauberte. Nach der Partie meinte der Amerikaner:

Vor der Partie schaute ich mir einige Varianten des Benkö Gambits an und dachte mir, dass es mit einem Mehrtempo nicht so schlecht sein kann! 

Mickey schlug sich auf die Seite des Schwarzen, denn “es ist eine langsame Stellung mit wenig offenen Linien, in der ein Tempo nicht so viel wert ist". Wesley bekam dennoch Druckspiel, und Levon Aronian meinte zu dieser Stellung: "Sieht gefährlich für Schwarz aus.": 


Wie sich zeigte, hatte der Schwarze aber auf alles die richtige Antwort parat. 20.d5 in der Partie wurde direkt mit 20…Se5! 21.Sxe5 Dxe5 22.Dxe5 Txe5 beantwortet, wonach Adams nach 23.Taf3 mit 23…Tf5 liebend gern den Bauern zurückgegeben hätte. Nach 31 Zügen endete die Partie remis.

Werden andere Spieler Wesley So nacheifern und das Benkö Gambit mit vertauschten Farben spielen? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aufgrund der sportlichen Bedeutung war die Partie zwischen Maxime Vachier-Lagrave und Magnus Carlsen sicher die interessanteste, da der Franzose der einzige Spieler ist, der Carlsens Gesamtsieg bei der Grand Chess Tour verhindern kann. 

Auch die potentielle Entscheidungspartie der Grand Chess Tour fand keinen Sieger| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Partie verlief zunächst vielversprechend für MVL, der von der Leichtigkeit überrascht war, mit der in einem Italiener gegen den Weltmeister in Vorteil kam:

Mit dem Eröffnungsverlauf war ich zufrieden - ich stand leicht besser und hatte einen Bauern mehr. 


Danach “verdarb er” die Stellung, allerdings ist nicht klar, wie er besser fortsetzen konnte. Sicher gesagt werden kann nur, dass das Springermanöver in der Partie nicht zum Ziel führte und Weiß sogar aufpassen musste. Schließlich endete die Partie im 42.Zug mit Zugwiederholung.

Magnus wurde zum zweiten Mal in Folge gefragt, ob er sich Sorgen gemacht habe, und antwortete wie beim ersten Mal: 

Meine Stellung war sicher nicht gut, aber ich verschwendete keine Zeit damit, mir Sorgen zu machen. Ich spiele einfach. 

Aktuell ist Caruana die Nummer 1 des Turniers| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das ist natürlich leichter gesagt als getan, erklärt aber, warum Magnus selbst mit Minusbauer so schwer zu schlagen ist. Ihm gefiel der aktuelle Verlauf sogar:

Zum Glück bekommt man für ein Remis mit schlechtem Spiel gleich viele Punkte wie für ein Remis mit gutem Spiel.

Hier der Tabellenstand nach vier Runden und 19 Remis:


Vor dem Ruhetag steht heute noch Runde 5 auf dem Programm, wo Carlsen-So vielleicht den ersten Sieg des Weltmeisters bringt. Alle Partien aus London könnt ihr live auf chess24 verfolgen: London Chess Classic | Britische K.O.-Meisterschaft  | FIDE Open. Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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