Berichte 05.12.2017 | 15:20von Colin McGourty

London Chess Classic, R3: Der Anish-Giri-Cup

Nachdem auch in Runde 3 alle 5 Partien der London Chess Classic remis endeten, meldete sich Anish Giri mit “Lol@london_chess” per Twitter zu Wort und provozierte damit Fabiano Caruanas Entgegnung: “Wir überlegen, ob wir das Turnier in Anish-Giri-Cup umbenennen.“ Die Partie Carlsen-Anand war zwar spannend, endete aber wie zwei andere Duelle nach 31 Zügen remis. Regelrecht dramatisch ging es bei Aronian-Karjakin zu, wo Levon Aronian seine Stellung erst ruinierte, dann aber Glück hatte, dass Sergey Karjakin mit knapper Zeit sein Remisangebot annahm!

Levon konnte nach seinem Remisangebot lachen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der London Chess Classic könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis oder die Runde nachspielen:

Hier die Live-Show der 3.Runde samt Spielerinterviews als Video:

Im Geiste Anish Giris

Stellen sich die Spieler vor, dass alle Partien der London Chess Classic remis enden? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die dritte Runde der London Chess Classic hatte durchaus ihre interessanten Momente, doch so richtig lustig wurde es erst, als erneut alle fünf Partien remis ausgegangen waren. Anish Giri, der oft wegen seiner großen Remistendenz geschmäht wird, konnte sich nicht beherrschen, Öl ins Feuer zu gießen, doch Fabiano Caruana schlug zurück:

"Wir überlegen, das Turnier in Anish-Giri-Cup umzubenennen."

Schauen wir uns die Partien der Reihe nach an: 

1. Nakamura-So (Remis in 31 Zügen)

Wesley So hatte nur gegen Nepomniachtchi in Runde 2 Aussichten auf mehr | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hikaru Nakamura fasste die Partie so zusammen:

So ist das moderne Schach. Man spielt etwas und hofft, dass der Gegner nicht die einfachsten oder besten Varianten findet.

Wesley So zeigte sich ein wenig überrascht, dass Nakamura sich für eine Maroczy-Struktur in der Englischen Eröffnung entschied, erinnerte sich aber dunkel daran, dass Nakamura 2014 gegen Boris Gelfand bereits so gespielt hatte. Die Schlüsselstellung wurde nach 14.Lxc4 erreicht:


Schwarz kann diese leicht schlechtere Stellung gegen das weiße Läuferpaar gut spielen, doch Wesley So meinte hinterher:

Mir sind verschiedenfarbige Läufer mit einem Minusbauern lieber als eine anhaltende weiße Initiative.

Er opferte daher mit 14…Dc7!? 15.Lxf6 Dxc4 16.Lxe5 einen Bauern, und obwohl der weiße Mehrbauer kerngesund ist, hat Weiß laut Nakamura "in praktischer Hinsicht keine Gewinnchancen". 

2. Adams-MVL (Remis in 58 Zügen)

Mickey Adams rettete sich mit aller seiner Erfahrung aus einer unangenehmen Stellung | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Diese Partie nahm einen ähnlichen Verlauf, aber dieses Mal war es mit MVL der Schwarze, der mit der Neuerung 6…Da5 in einem 3.Lb5-Sizilianer überraschte. Adams war früh zum Nachdenken gezwungen, fand aber das Opfer, mit dem er das Remis erreichen konnte:


Weiß kann mit 24.Th4 h6 25.b3 das materielle Gleichgewicht halten, aber Adams entschied sich, das Geschehen nach dem Motto „Es ist besser, eine Stellung anzusteuern, von der man weiß, dass sie remis ist“, zu forcieren. Er spielte 24.Tee1 und nach 24…Dxb2 25.Dxc5 Tc8 26.Da3 Dxa3 27.Txa3 Txc4 28.Txa6 Txc2 hatte Schwarz eine 4-zu-3-Bauernmehrheit am Königsflügel. Adams erzwang am Ende auf elegante Weise das Remis:


58.Tg2+! fxg2 Patt

3. Nepomniachtchi-Caruana (Remis in 31 Zügen)

Keine Partie, an die man sich lange erinnern wird| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Eine attraktive Partie sieht anders aus. Nepomniachtchi fasste es so zusammen: “Das war sicher nicht die unterhaltsamste Partie des Jahres.“

Ihm gelang es nicht, seinen Gegner in der Eröffnung zu überraschen und das zu erreichen, was er hinterher als Wunschtraum beschrieb. „Wenn man eine ungewöhnliche Variante vorbereitet, und der Gegner sie sich länger nicht angesehen hat, ist man der Boss.“ Dafür brauche man aber Glück, während er in der Partie selbst Figuren tauschen musste, um nicht in Nachteil zu geraten.

Caruana derweil schob die Remisflut auf die angesichts des bevorstehenden Kandidatenturniers vorsichtigere Spielweise der Kontrahenten, zumal nur Carlsen und MVL noch die Grand Chess Tour gewinnen könnten.

4. Carlsen-Anand (Remis in 31 Zügen)

Carlsen zerstörte auch den Traum dieses Kindes, indem er dessen ersten Zug zurücknahm:-)| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Zu dieser Partie gab es einen interessanten Hintergrund, den Anand erläuterte:

Dies war die erste Partie seit Sotchi, in der ich Schwarz hatte. Ich hatte somit eine schwierige Aufgabe zu erfüllen.

Magnus hatte seit dem WM-Kampf 2014 tatsächlich sieben Mal in Folge Schwarz!

Im Gegensatz zum WM-Kampf lief es dieses Mal aber gar nicht nach Plan für Carlsen. Er opferte im Katalanen im 4.Zug einen Bauern, wusste hinterher aber selbst nicht, wo er fehlgegriffen hatte:

In der Regel hat Weiß in dieser Variante genügend Kompensation durch das Spiel auf dem Damenflügel und gegen schwarzen Läufer auf c8, aber irgendwie kam dieser ins Spiel, sodass ich nur noch auf ein Remis hoffen konnte.

Matthew Sadler war der Meinung, dass Magnus womöglich 17…Sf8 übersehen hatte, denn der quittierte diesen Zug mit einer Grimasse. Hinterher meinte der Weltmeister aber, er habe ihn gesehen, aber nicht gewusst, was er sonst spielen sollte.


18.Lxe5 geht nicht wegen 18…Lf5!, daher versuchte es Magnus mit 18.a4, wonach der schwarze Läufer mit 18…Bg4 ins Spiel kam. 19.Lxb7 scheitert taktisch an 19…Tac8! 20.Lxc8 Tc8, wonach die Fesselung auf der c-Linie entscheidend ist, daher tauschte Magnus die Problemfigur mit 19.Lxb6 ab.

Vishy hat seine Ergebnisse gegen den Weltmeister stabilisiert | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Schachfans fragten sich, ob Magnus sogar verlieren würde, doch die Partie verflachte rasch ins Remis. Am Ende konnten beide mit diesem Ergebnis zufrieden sein.   

5. Aronian-Karjakin (Remis in 33 Zügen)

Levon Aronian war kreativ auf der Höhe, wäre aber um ein Haar bestraft worden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die letzte Hoffnung auf einen Sieger war diese Partie, in der Aronian den Sa3-Katalanen aufs Brett brachte, mit dem er Anish Giri in Wijk aan Zee zu Beginn des Jahres überzeugend besiegt hatte (Video in englischer Sprache):

In dieser Partie hatte Giri auf a3 geschlagen und Aronian schon früh eine Qualität geopfert, aber Sergey Karjakin spielte vosichtiger… zunächst! Er baute sich Stonewall-artig mit f5 auf, akzeptierte ein Bauernopfer und spielte 21…f4!


Die Partie ging weiter mit 22.gxf4 gxf4 23.Lxf4 Sxd4 24.Txd4 Sxe5 25.Td1 Dg6 26.Lg3 h5! und es wurde wild:


Schwarz droht wegen Matts auf g2 mit h4, doch Aronian ließ das kaltblütige 27.Sb6! folgen. Fabiano Caruana hatte bereits vorher darauf hingewiesen, dass die ganze Partie sich um diesen Zug drehe. Das sah auch Aronian so, doch hinterher beklagte er:  

Ich habe unterschätzt, dass ich nach 27.Sb6 Tb8 keinen guten Zug habe.

Nach acht Minuten spielte er 28.Tcd2 Sf7 und überlegte danach weitere 9 Minuten an 29.Dc5!?, obwohl ihm klar geworden war, dass 29.Dc1 die beste Option gewesen wäre. Karjakin konnte nun endlich 29…h4 spielen, entschied sich aber für 29…e5, wonach Aronian mit 30.Qc4! einen teuflischen Plan ausheckte:


Karjakin bezeichnete diesen Zug als “riesige Überraschung” (er erwartete das natürliche 30.Dxa5). Der Springer f7 ist gefesselt, und wenn Schwarz sorglos 30…h4?? spielt, erlebt er eine böse Überraschung: 31.Td8+! Lxd8 32.Txd8+ Kh7 33.Dxh4+ Sh6 34.Sxc8 und Schwarz ist geplatzt. Karjakin spielte aber korrekt 30…Kh8! 31.h4?! (Aronian meinte, er hätte auf c8 nehmen sollen) 31…Lf5 32.Sd7 Tbg8 33.Kh1? (33.Sxf6! war notwendig) ...


... doch dies war schon der letzte Zug der Partie, da Aronian ihn mit einem strategisch klugen Remisangebot verband. Während er auf die gegnerische Reaktion wartete, erkannte der Armenier, dass er bei seinem Zug den Nachteil „33…Le7! und Schwarz gewinnt“ übersehen hatte – der Läufer wird nicht mehr abgetauscht, es droht Lb4 und nach e4 kann Schwarz mit Schlagen auf h4 seine Hauptdrohung erneuern.

"Was ist das?"

Karjakins Uhr zählte jedoch die Zeit herunter, und als er weniger als 30 Sekunden übrig hatte, nahm er das Remisangebot an. Hinterher erklärte er, er habe den Zug nicht gesehen:

Er ergab nur Sinn, wenn man die richtige Idee sieht. Sieht man sie nicht, ist es sehr schwer ihn zu finden.

Levon war glücklich entwischt, räumte hinterher aber ein, dass ihm das Remisangebot einen "Vorteil verschafft hat, der nicht im Sinne des Spiels ist" und es "in der Moderne" nicht erlaubt sein sollte.

"Aronian: Remisangebote sollten verboten werden."

"Ashley: Ich habe vor vierzehn Jahren einen Artikel darüber geschrieben. Hast du ihn gelesen?"

"Aronian: Nein."

Andererseits wäre die perfekte Remisserie vermutlich unterbrochen worden, wenn die Spieler die Partie fortgesetzt hätten! Und nun? In Runde 4 gibt es mit Nakamura-Nepomniachtchi und So-Adams wieder Kandidaten für die erste Partie mit einem Sieger, während es bei MVL-Carlsen um den Sieg bei der Grand Chess Tour geht. Was wollen wir mehr?

Natürlich wäre auch ein Weltrekord etwas Schönes!

"Der bisherige Weltrekord, den die Spieler in London knacken können, wurde beim Petrosian Memorial 1999 erzielt. Damals endeten 42 der 45 Partien remis (93,3%). Fünf der zehn Spieler beendeten alle neun Partien friedlich."

Alle Partien aus London könnt ihr live auf chess24 verfolgen: London Chess Classic | Britische K.O.-Meisterschaft  | FIDE Open. Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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