Berichte 04.12.2017 | 13:30von Colin McGourty

London Chess Classic, R2: Die Remisflut geht weiter

Hikaru Nakamura entschied sich gegen Maxime Vachier-Lagrave für die Drachenvariante, doch auch diese mutige Wahl konnte nicht verhindern, dass die Partien der zweiten Runde der London Chess Classic ebenfalls allesamt remis endeten. Spannend war es dennoch, denn Nakamura musste ein Endspiel mit Minusbauer halten, Weltmeister Magnus Carlsen hatte gegen Sergey Karjakin  einige Probleme zu lösen und Wesley So wusste seinen Raumvorteil gegen Ian Nepomniachtchi nicht zu nutzen. Da auch Vishy Anand gegen Mickey Adams nicht gewinnen konnte, floss nur bei der Britischen K.O.-Meisterschaft Blut, wo Luke McShane und David Howell das Finale erreicht haben.

Carlsens aggressive Absichten liefen ins Leere, da Karjakin bestens vorbereitet war |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Action pur - aber wo?!

Die London Chess Classic zogen am Sonntag in ihr normales Spiellokal, das Olympiad Conference Centre, um, doch die Remisflut wurde dadurch nicht gestoppt. Schauen wir daher auf einige andere Höhepunkte, die an diesem Wochenende stattfanden. Jorden van Foreest gewann mit 5 aus 7 die Niederländische Schnellschachmeisterschaft und besiegte dabei in beeindruckender Manier auch den zweitplatzierten Anish Giri. In St. Petersburg begann das Russische Superfinale, bei dem Daniil Dubov mit dem brillanten 13.Sd5!! gegen Sergey Volkov für das erste Ausrufezeichen sorgte.


Vladimir Fedoseev erzielte gegen Alexander Riazantsev den zweiten Sieg am ersten Tag der Meisterschaft.

Komodo holte in 213 Zügen ein Remis gegen Houdini, außerdem finden die letzten Runden der Chinesischen Meisterschaft statt, an der neben den chinesischen Stars aus einige Ausländer wie Andreikin, Vallejo, Rapport, Grischuk und Co. teilnehmen. 

Doch zurück nach London, wo neben der Classic auch die Britische K.O.-Meisterschaft auf dem Programm steht.

Im Halbfinale kam es zu den Begegnungen McShane-Short und Howell-Sadler, doch da weder in den Turnier- noch den Schnellpartien ein Sieger gefunden wurde, mussten beide Matches im Armageddon entschieden werden. Luke McShane hatte nach einem verpassten Matt in zwei Zügen im Schnellschach im Armageddon Weiß und ging direkt zum Angriff über:


Shorts Franzose war komplett in die Hose gegangen, und es gab bereits mehrere Gewinnwege für Weiß, doch McShane fand den elegantesten: 19.Lh7! nahm dem Turm das Feld g8, und nach 19…Sd7 folgte 20.Sh2, was den Turm und in der Folge auch die Partie gewann.

Im Finale trifft McShane auf David Howell, der sich gegen Matthew Sadler ebenfalls als Weißer im Armageddon durchsetzen konnte.   

"Freches Selfie mit den beiden Finalisten der Britschen K.O.-Meisterschaft. Glückwunsch an David und Luke!"

Kommen wir nun aber zur 2.Runde der London Chess Classic!

Die Live-Übertragung samt Spieler-Interviews könnt ihr euch hier noch einmal anschauen:

Am meisten gespannt durfte man natürlich auf die Revanche des WM-Kampfs Karjakin-Carlsen sein, die nach Carlsens 9…g5!? in der Italienischen Eröffnung einen vielversprechenden Verlauf zu nehmen schien:

Sergey kannte den Zug aber aus der Partie zwischen Maxim Matlakov und Grigoriy Oparin in der Russischen Higher League. Auch Wei Yi hat schon so gegen Vishy Anand gespielt, doch Karjakins 10.b4 statt dem bisher bekannten 10.Sf1 war eine Neuerung. Erneut interessant wurde es nach 12.b5:


Magnus meinte nach der Partie:

Natürlich wollte ich aggressiv spielen, aber dann zog ich bei erster Gelegenheit die Reißleine, als ich in ein interessantes Endspiel abwickeln konnte. 

Hinter den Kulissen der London Chess Classic | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der kritische Zug wäre 12…axb5 gewesen, wonach der Computer laut Karjakin eine komplizierte Variante angibt, die mit 13.axb5 Lxf2+ beginnt. Der Weltmeister ging der gegnerischen Vorbereitung aber mit 12…gxf3 13.Dxf3 Qf6 14.Dxf6 Sxf6 aus dem Weg, wonach der weiße Vorteil gemäß beiden Spielern sehr gering ausfällt. Das Remis im 30.Zug war demnach keine Überraschung.

Zwei Remis bisher für Nepomniachtchi bei seinem Debüt bei den London Chess Classic | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Partie So-Nepomniachtchi endete nach 27 Zügen sogar noch früher, obwohl es eine Zeitlang so aussah, als hätte Weiß recht klaren Vorteil. Ian Nepomniachtchi meinte, “Ich wollte ihn unbedingt aus seiner Vorbereitung bringen”, als er den Zug 5…c5 auspackte, den er schon einmal in einer Blitzpartie gegen Alexander Grischuk gespielt hatte. Der Computer sieht Weiß recht klar im Vorteil, doch Wesley So stellte fest:

Der Computer mag die weiße Stellung, weil Weiß Raumvorteil hat, doch ich sehe keine Möglichkeit, wie ich meinen Vorteil ausbauen kann.

Einig waren sich die Spieler allerdings, dass Weiß im 19.Zug vom rechten Weg abkam:


Laut Wesley So sollte Weiß seine Springer auf den aktuellen Feldern belassen und versuchen, “langsam, aber sicher” seine Stellung zu verbessern, doch nach 19.Sh5?! konnte der überraschte Nepomniachtchi mit 19…Lf5! den Großteil seiner Probleme lösen. Recht bald verflachte die Partie ins Remis.

Fabiano Caruana traf auf einen glänzend vorbereiteten Levon Aronian | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Auch die Partie Caruana-Aronian endete mit einem schnellen Remis, war aber aus eröffnungspsychologischer Sicht interessant. Aronian wählte erneut die Spanisch-Variante, mit der er beim Weltcup gegen Maxime Vachier-Lagrave noch verloren, am Tag zuvor aber mühelos gegen Nepomniachtchi remisiert hatte. Dieses Mal wich er als Erster ab:


Statt 15…Ld7, mit der Idee die Läufer zu tauschen, spielte Aronian 15…Tb8 und meinte hinterher:

Spielt ein Gegner eine  Variante, die ich am Tag zuvor auf dem Brett hatte, versuche ich ihn zu überraschen und etwas Neues zu spielen. Das hat funktioniert. Ich glaube, Fabiano kannte sich mit Tb8 nicht sonderlich gut aus, und der Zug ist nicht schlecht, da ich den Läufer nach e6 zu stellen drohe und damit die gleiche Struktur wie in der Partie erzwinge. Die Stellung ist fast sicher remis, da Schwarz mit seinem Turm auf b5 und seiner Dame auf c5 zu viele Bauern angreift und übertriebene weiße Aktivität verhindert.

Auch Caruana wollte seinen Gegner verunsichern…

"Diesen jungen Mann habe ich in Budapest gesehen. Fragt sich, wer unter unter dem Namen Fabiano Caruana bei den London Chess Classic antritt." 

Aber Spaß beiseite. Caruana meinte, er hätte sich Tb8 zwar angeschaut, aber nicht sonderlich genau, und verteidigte Aronians Entschluss, die Züge zu wiederholen:

Das ist eine solide Variante, und seine Niederlage hat nicht zwangsläufig etwas mit den Problemen zu tun, die er in der Eröffnung zu lösen hatte. Aus meiner Sicht hat Maxime gegen ihn eine Musterpartie gespielt. Würden wir alle Varianten begraben, mit denen wir schon eine Partie verloren haben, bräuchten wir kein Schach mehr zu spielen.

Kommen wir zu den Partien, die ein wenig länger dauerten. 

Den ersten Zug machte ein anderer |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Am längsten wurde bei der Partie Anand-Adams gespielt, doch obwohl Vishy den Vorteil des guten Springers gegen den schlechten Läufer hatte, gelang es dem Briten in leichter Zeitnot die Partie in Remisbahnen zu lenken. Die Nummer 1 Englands fasste seine Duelle mit dem fünfmaligen Weltmeister so zusammen: „Ich musste viel leiden, so wie auch heute ein bisschen.“

Nakamura eröffnete hyper-aggressiv | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das spannendste Gefecht haben wir uns zum Schluss aufgehoben. Hikaru Nakamura ließ gegen Maxime Vachier-Lagrave die Drachenvariante vom Stapel. Beim letzten Aufeinandertreffen beim Grand Prix in Palma spielte MVL 3.Lb5 und die Partie endete nach nach 13 Zügen remis. Dabei hätte laut Nakamura alles ganz anders kommen können:

Ich hatte den Drachen schon in Palma für Maxime vorbereitet. Damals wollte ich entweder gewinnen oder verlieren – entweder übernehme ich die Führung im Turnier oder er qualifiziert sich für das Kandidatenturnier. Das war meine Einstellung.

Im Partieverlauf hatte dann eher Nakamura Probleme, sich in der verwickelten Theorie zurechtzufinden:


17…Dc8 wurde hier bereits fünfmal (allerdings nicht auf höchstem Niveau) gespielt, und vier Partien davon gewann Schwarz, doch Nakamura dachte 52 Minuten nach und spielte schließlich 17…Sa5. Maxime kommentierte das so:

Die Stellung ist total chaotisch, und natürlich kostet es sehr viel Zeit, sich die ganzen Komplikationen anzuschauen, wenn man nicht genau weiß, was man spielen muss.

Es folgte 18.Lxf6 exf6 19.Ld5 Sc6!? wonach MVL den starken Zug 20.Sdb5! nicht einmal auf dem Schirm hatte. Schließlich landeten die beiden Kontrahenten in einem Endspiel, in dem Nakamura gerade rechtzeitig kam: 


29…f5! setzte den f-Bauern in Bewegung, der in der Folge so stark war, dass er ausreichend Kompensation für den weißen Mehrbauern bot. Schließlich endete die Partie nach 47 Zügen remis.  MVL antwortete auf die Frage, warum bisher alle Partien der London Chess Classic remis ausgingen:

Alle sind stark, alle sind gut vorbereitet, und alle sind ausgeruht.

MVL hat als einziger Spieler eine reelle Chance, den Sieg des Weltmeisters bei der Grand Chess Tour zu verhindern| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wird es am Montag erstmals einen Sieger geben? Magnus hat gegen seinen alten Rivalen Vishy Anand Weiß, wenn die Partien zwei Stunden später als am Wochenende beginnen, also um 17 Uhr hiesiger Zeit!    

Alle Partien könnt ihr live auf chess24 verfolgen: London Chess Classic | Britische K.O.-Meisterschaft  | FIDE Open. Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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