Berichte 02.12.2017 | 12:54von Colin McGourty

London Chess Classic, R1: Fünf Remis zum Auftakt

Garry Kasparov war sich sicher, dass es in der 1.Runde der London Chess Classic zumindest einen Sieger geben würde, doch obwohl sich die Partien Carlsen-Caruana und Nakamura-Anand auf des Messers Schneide bewegten, kam es zu fünf Remis zum Auftakt. Grund zur Enttäuschung hatte vor allem Weltmeister Magnus Carlsen, der Fabiano Caruana von Anfang an unter Druck setzte, aber keinen klaren Gewinnweg fand. Nach der Partie meinte er über seine Gegner, “Sie sind alle gut, daher wird es nicht einfach werden“.

Garry Kasparov sah zu, als Demis Hassabis von DeepMind bei Carlsen-Caruana den ersten Zug ausführte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der London Chess Classic könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Falls Ihr die Live-Show verpasst habt, könnt ihr sie hier samt den Spielerinterviews anschauen:

Drei schnelle Remis

Die erste Runde der London Chess Classic wurde in der Firmenzentrale von Google ausgetragen. Am heutigen Samstag wurde ein Ruhetag anberaumt, ehe die Spieler morgen wieder wie in den Vorjahren im Olympiad Conference Centre antreten. Für manche Spieler stellte diese Konstellation einen besonderen Druck dar, Caruana etwa meinte:

Ich bin froh, dass ich heute nicht verloren habe, denn eine Niederlage vor dem Ruhetag wäre wirklich extrem unangenehm gewesen. 

Drei Partien des Tages sind kaum der Erwähnung wert, was Garry Kasparov so einordnete:

Sogar heute war die Spannung groß. Einige Partien sind zwar schon remis ausgegangen, aber ich bin mit dem Kampfgeist ziemlich zufrieden. Einmal mehr wurden die Gerüchte widerlegt, dass das klassische Schach am Ende sei. Solange die Spieler ambitioniert sind und ihre Partien gewinnen wollen, gibt es Leidenschaft und Siegeswillen, kurzum: Schach lebt!

MVL-So in der Firmenzentrale von Google | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Es heißt, Abwechslung sei die Würze des Lebens, doch dass Wesley So nach 1.Sf3 c5 2.b3!? spielte, sorgte nicht dafür, dass seine Partie gegen Maxime Vachier-Lagrave lebendiger wurde. Die französische Nummer 1 meinte, der Zug „bringt Weiß keinerlei Vorteil ein“ und bewies dies auch am Brett. Der „Kampf“ endete im 31.Zug, also genau zu dem Zeitpunkt, ab dem Remisangebote erlaubt sind.  

Mickey Adams: "Das war nicht so toll" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Adams-Karjakin folgte bis zum 15.Zug der Partie Korchnoi-Olafsson aus dem Jahr 1971, doch dann setzte Mickey Adams gar nicht im kampfeswilligen Sinne eines Viktor des Schrecklichen fort:


Sergey Karjakin meinte hinterher, “Aus meiner Sicht spielte er zu tiefgründig” und kommentierte damit Mickeys Damenmanöver 17.Dd2!? Db8 18.De2!?. Adams widersprach dem nicht, sondern verwies auf einen Trick, den er nie realisieren konnte. „Ich bin froh, dass ich gepunktet habe, aber die Partie war nicht so toll!“  

Sergey Karjakin wurde zum WM-Kampf in London befragt, er betonte aber, dass seine Gedanken ausschließlich auf Berlin gerichtet seien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ian Nepomniachtchi und Levon Aronian spielten Spanisch, wobei Aronian laut Nepomniachtchi “eine etwas verdächtige Variante wählte”, die er bereits im Weltcup-Halbfinale gegen Maxime Vachier-Lagrave ausgepackt hatte (damals holte er einen halben Punkt aus zwei Partien). 

Dieses Mal wich Aronian mit 17…Rfe8 vom seltsamen anmutenden Zug 17…Dc6?! ab, den er gegen MVL ausprobiert hatte:


Levon erklärte:

Ich spiele generell gern Varianten, die mir in der Vergangenheit Verdruss eingebracht haben! Ich möchte diese Eröffnungen rehabilitieren und beweisen, dass ich wegen meiner Dummheit und nicht wegen der Variante an sich verloren habe. 

Schnelles Remis zwischen Nepomniachtchi und Aronian | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Dieses Mal gelang ihm das perfekt, denn Nepo holte nichts aus der Eröffnung heraus und die Partie endete im 28.Zug durch Zugwiederholung remis. Aronian witzelte: „Als verheirateter Mann kommt man besser nicht nach Hause“, ehe er wieder ernst wurde: „Unterm Strich war das ein tolles Jahr."

Kommen wir zu den spannenderen Partien.

Nakamura ½-½ Anand: “Welch ein Kampf”

"Ground control to Major Tom" | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Garry Kasparov meinte zu dieser Partie “welch ein Kampf” und freute sich für den Spieler, der im Turnierverlauf seinen 48.Geburtstag feiert:

Der Kerl wird bald fünfzig, aber er ist so willensstark. Ich bin auf meine Generation sehr stolz, da er immer noch mitmischt. Er hat nicht mehr so viel Energie wie vor einigen Jahren, doch er ist immer noch in der Lage, jüngeren Spielern, die seinen Skalp wollen, eine unliebsame Überraschung zu bescheren!  

Diverse Generationen im Kommentatorenraum | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Im Grünfeld mit vertauschten Farben sah es gut für Weiß aus, doch dann war Nakamura, wie er selbst einräumte, bei der Idee 25.g4 gefolgt von späterem 28.g5!? zu optimistisch:

Vermutlich war die Idee mit g4 ein wenig überstürzt – ich wollte das Geschehen zu sehr forcieren. Vermutlich hätte es einen besseren Plan gegeben. 

Plötzlich war Schwarz am Drücker:


Nach 28…hxg5 29.hxg5 Sh7! bezeichnete Aronian den Bauern g5 als “ein wenig wacklig”, aber die Stellung war so extrem kompliziert, dass sich sogar die beschlagenen Taktiker Nakamura und Anand nicht zurecht fanden. Selbst dem Computer fällt auf Anhieb kein eindeutiger Rat ein, doch im Nachhinein kann man sagen, dass Vishy hier vermutlich hätte besser spielen können: 


Anand hat einen Bauern mehr und konnte die Damen tauschen, doch er befürchtete ein langwieriges Endspiel, das trotz besserer Stellung vermutlich remis ausgehen würde. Er spielte deswegen 41…Db2, was Nakamura als “aus praktischer Sicht sehr sinnvoll” bezeichnete, aber den Nachteil hatte, dass Weiß das “raffinierte” (Nakamura) 42.Se3! spielen kann. Vishy setzte mit 42…Sf6 43.Lf3 Kh7 fort, doch nach 44.Sf5! bot Nakamura Remis an:


Vishy hatte 44…Kh8 geplant, dabei aber 45.Dxg6 übersehen, und war sich nun nicht sicher, ob Weiß nach 45…Th7 nicht sogar mehr als ein Remis hat. Schließlich willigte er deshalb ins Remis ein. 

Diese Stellung gefiel beiden Kontrahenten |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Damit kommen wir zur letzten Partie, die im Einbahnstraßenverkehr verlief:

Carlsen ½-½ Caruana: Magnus "noch nicht überzeugend"

Carlsen-Caruana - immer eine reizvolle Begegnung | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In einem Angenommenen Damengambit stellte Caruana zu spät fest, dass es etwas schief gelaufen war:  


Er meinte zu Maurice Ashley:

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass meine Stellung sehr unangenehm ist. Nach seinem Zug a4 dachte ich erst, meine Stellung sei in Ordnung, doch dann merkte ich, dass ich überhaupt nicht gut stehe. Mein Läufer auf b7 beißt auf Granit und in vielen Varianten geht er sogar verloren. Daher stand ich einfach nur schlecht und hatte viele Probleme zu lösen.

Die Partie ging weiter mit 16…bxa4 17.Sxa4 Ld6 18.Sb3 und danach ließ Carlsen in typischer Manier 30 subtile Züge folgen, die der Computer alle gut findet und den Gegner in Verlustgefahr bringen. Warum es nicht zum ganzen Punkt reichte, ist schwer zu sagen. Caruana wurde am Brett erst von 34.Sc5 überrascht, wodurch er zum Abtausch einiger Figuren kommt, und dann vom 38.Zug seines Kontrahenten:


Ich bin nicht sicher, ob seine Idee mit 38.Sd3 etwas taugt. Nach 38.Ld3 wäre mein Bauer b4 immer noch sehr schwach gewesen. 

Nach der Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Im weiteren Verlauf büßte Weiß seinen Vorteil sukzessive ein, dass die 1.Runde der London Chess Classic mit fünf Remis endete. 

Während die Weltklasse heute einen Ruhetag hat, beginnt das stark besetzte FIDE Open…

…und bei der Britischen K.O.-Meisterschaft stehen die Halbfinale auf dem Programm:

Eingie Favoriten wie Matthew Sadler gewannen überzeugend, doch Nigel Short tat sich gegen IM Alan Merry extrem schwer. Alan konnte in der ersten Partie in Zeitnot mit 32…b4! gewinnen, und in der zweiten stellte er in guter Stellung eine Figur ein. 

Bei diesem Turnier geht es heute um 17:30 Uhr weiter, die Entscheidung im Halbfinale fällt dann morgen. 

Alle Partien könnt ihr live auf chess24 verfolgen: London Chess Classic | Britische K.O.-Meisterschaft  | FIDE Open. Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 1

Guest
Guest 4834275110
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.