Allgemein 28.05.2020 | 15:36von Fuxia Scholz

Lindores Abbey Rapid Challenge: Carlsen, Nakamura, Dubov und Ding im Halbfinale

Nach einem spannenden Viertelfinale stehen jetzt die Kontrahenten des Halbfinales fest. Im ersten Match begegnen sich Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura. Beide hatten einen deutlich einfacheren Weg hierhin als Ding Liren und Daniil Dubov, die im zweiten Match aufeinander treffen. Eine kleine Rückschau.







Nakamura - Aronian

Im Viertelfinale trat Hikaru Nakamura gegen Levon Aronian an. In der ersten Partie gelang es Aronian, Nakamura in einem Endspiel zu besiegen, das eigentlich ein theoretisches Remis ist. Aber Nakamura kam nach zwei Remisen in der vierten Partie zurück und gewann schließlich das Armageddon.

Das zweite Match verlief schon klarer: Auch hier sahen wir in den Partien zwei und drei Remise, aber die erste und die vierte gewann Nakamura. Damit war er schon durch; das dritte Match entfiel.

Carlsen - So

In der ersten Partie spielte Carlsen die Drei-Springer-Variante gegen Wesley Sos Nimzo-Indische Verteidigung, eine Variante, der 1985 Kasparov seinen Weltmeistertitel im Match gegen Karpov verdankte. Normalerweise werden hier g3 und Lg2 gespielt, aber nach 5.Lg57…h6 8.Lh49…g5 10.Lg3 war g3 nicht mehr für den Bauern verfügbar, und Carlsen wechselte den Plan. Der weiße König blieb in der Mitte, und die nach 15…Sxg3 offene h-Linie sollte eine entscheidende Rolle spielen. Der entscheidende Zug war 18.b4!, ein klassisches Ablenkungsmanöver:


Schwarz muss den Bauern mit 18…Dxb4 nehmen, schon um Db2 zu verhindern. Der Punkt ist 19.fxg5, das Schwarz nicht schlagen kann: 19…hxg5? 20. Kf2 Sc6 21.Tb1! Dd6 22.Th7+ Kg8 23.Th6, und Schwarz steht deutlich auf Verlust. Der einzige Zug, der hier die Stellung hält, ist 19…Sc6. So spielte stattdessen 19…Tc8, und das gab die Partie her: 20.gxh6+ Kh8 21.Dxc8! Lxc8 22.Tc8+ Kh7. Schwarz spielt hier praktisch mit zwei Figuren weniger, denn Springer und Turm auf b8 und a8 können sich nicht bewegen. So musste den Turm schließlich aufgeben, wenige Züge später aber auch die Partie in einer Stellung, in der Carlsen ein Matt in 8 hatte.

Carlsen gewann auch die zweite Partie, und in der dritten hatte So deutlich die Lust verloren: Nach nur 15 Zügen ließ er sich auf eine Zugwiederholung ein und verlor damit das Match.

Im zweiten Match der beiden gewann Carlsen die erste Partie und führte die zweite ins Remis, beide Male eine Berliner Verteidigung. Die dritte, Offenes Katalanisch, mit vielen Fehlern auf beiden Seiten gewann Carlsen schließlich auch, und damit war er im Halbfinale.

Yu Yangyi - Ding Liren

Dies war ein sehr enges Duell. Im ersten Match endeten alle vier Rapid-Partien mit Remis, und erst im Armageddon konnte Ding Liren sich einen entscheidenden Vorteil erspielen – verlor mit den schwarzen Steinen aber auf Zeit, als er ein Matt in in 12 Zügen hatte. 

Die erste Partie des zweiten Matches – das Ding Liren gewinnen musste, um im Turnier zu bleiben – ist sicher die bisher schönste des Turniers. In einem positionellen Meisterwerk drückte er seinen Gegner förmlich an die Wand, bis Yu Yangyi im Mittelspiel fast unter Zugzwang stand.


Was tun? Yu Yangyi fiel nichts Besseres ein, als seinen Turm auf der a-Linie auf und ab zu schieben, während Ding Liren gemächlich auf dem Königsflügel expandierte und auf einen Fehler wartete. Der kam schließlich auch.



34…Kg7? ist ein Matt in 12 für Ding Liren. Nach 35.Le7 Te8 36.Txd7! Bxd7 37.Lf6+ gab Yu Yangyi auf. Th1 kann einfach nicht mehr sinnvoll beantwortet werden.

Die drei nächsten Partien endeten wieder alle Remis, und so mussten beide in dritte Match.

Die erste Partie war wieder ein Remis, aber in der zweiten, einem angenommenen Damengambit, das Yu Yangyi so gerne spielt, erlaubte Ding sich einen Schnitzer, der sofort bestraft wurde.



26.Kf3? e5! – und jetzt dringt die schwarze Dame ein. Besser wäre 26.Dd3 gewesen. Nach 23…Sh4+ 27.Kg1 Sf3+ 28.Kg2 Lxe3 29.Dxe3 steht Weiß zwar unbequem, kann aber weiterspielen. Yu Yangyi fand hier eine brillante Fortsetzung: 27.Lxc5 Sxc5 28.Txc5 Dxh3+ 29.Kf2 Dxb3 30.Sc3 Sxf4 31.Dxe5? 



31…Dxd1! Ding gab hier auf, denn nach 32.Sxd1 Sd3+ 33.Kg3 Sxe5 hat Schwarz schlicht einen Turm und drei Bauern mehr.

In der dritten Partie erspielte sich Ding Liren einen leichten Vorteil, und Yu Yangyis Läuferpaar erwies sich plötzlich mehr als Bürde denn als Vorteil:



Der einzige Zug, mit dem Weiß hier in der Partie bleibt, ist 25.Lxd4. Nach 25…Txd4 26.Lf5 Td6 27.Lxe6 Txe6 hätte Schwarz zwar immer noch einen Bauern mehr, aber man kann weiterspielen. Stattdessen kam 25.Te3?? Td5! 26.Dh4 Dxc3! – ein Damenopfer! – 27.Lh7+ Kxh7 28.Txc3 Se2+ 29.Kh2 Sxc3. Und das ist schlicht zu viel Material für eine Dame. 



Yu Yangyi spielte eine Weile weiter, aber Ding Liren gab nichts mehr her, zwang den weißen König in die Ecke, und als Yu hätte seine Dame für den schwarzen Turm geben müssen, um das Matt zu verhindern, gab er endlich auf.

Die vierte Partie endete mit Remis, und so mussten beide erneut ins Armageddon. Und erneut spielte Ding Liren mit den schwarzen Steinen, gab seine Dame her, spielte aber schneller als im ersten Armageddon, bis er sogar einen Zeitvorsprung hatte. Mit nur noch 6 Sekunden auf der Uhr fiel Yu Yangyi nichts Besseres als eine Zugwiederholung ein – und damit hatte Ding Liren die Partie, das Match und das Viertelfinale gewonnen.

Dubov - Karjakin

Dieses Duell war sicher das wildeste des Viertelfinales, und das vor allem dank Dubov. Das erste Match gewann Dubov klar mit 3:0. Im zweiten Match kam Karjakin jedoch zurück. Hier muss die dritte Partie als Kuriosum des Turniers gelten: Dubov spielte die Skandinavische Verteidigung mit 3.Dd6 und dem seltenen 5.Sc6. Zunächst machte Karjakin alles richtig, aber nach 9…e5 (eine Neuerung unserer Datenbank zufolge) 10.exd5 Lb4+ hätte er die Qualität geben müssen mit 11.c3. Stattdessen spielte er 11.Sd2, und von hier an ging es schnell bergab.



11…h5! 12.h4? (h3 war der einzige gute Zug, und wir sehen gleich, warum) Lg4 13.Be2? Lxa3 14.Lxg4 Lxg2!



Alles hängt, und Sc3 droht! 15.Lxh5 Lxa1 und Weiß hatte schlicht einen Turm weniger ohne jede Kompensation. Karjakin spielte noch ein paar Züge weiter, musste aber bald aufgeben.

In der vierten Partie musste Karjakin unbedingt gewinnen, aber danach sah es zunächst gar nicht aus. Dubov tauschte sehr schnell viel Material ab, und bald war eine Position erreicht, in der beide nicht viele Züge zur Auswahl hatten. Allerdings lag es an Karjakin, eine Zugwiederholung zu vermeiden, und das wurde zusehends schwieriger … bis Dubov nachlässig wurde und 42.Td2 zog:



42.Kg2 hätte den Bauern auf g3 gedeckt und bald das Remis erzwungen. Karjakin ließ sich nicht lange bitten und spielte 42…Lxe3! Nach 43.fxe3 Dxg3 war die Partie nicht mehr zu retten: Der schwarze Turm dringt per e6 und f6 ein, und Weiß kann sich nicht mehr vernünftig wehren. Dubov gab schnell auf.

Im Armageddon erspielte Dubov sich mit Weiß eine Gewinnstellung, die Stockfish mit +10 bewertete:



Hier muss 30.Df2 gespielt werden mit der Idee Dg5, von wo aus der schwarze König nicht mehr ohne massiven Materialverlust verteidigt werden kann. Stattdessen zog Dubov 30.Sh4, was immer noch akzeptabel ist. Aber nach 30…g6 verlor er den Faden. 31.Sf5?! Tbe8 32.Se7+ Txe7 33.fxe7 Te8 34.e6? f5! – und Karjakins König war sicher. Der ging dann auch daran, ordentlich Material abzutauschen – ein Remis genügte ihm schließlich zum Sieg. Gegen Ende hatte schwarz sogar einen satten Zeitvorsprung, Dubov blunderte und verlor. Damit mussten beide ins dritte Match.

Dubov gewann die erste Partie deutlich, die zweite jedoch ist die große Tragödie des Viertelfinales. Hier hatte Karjakin seinen Gegner komplett ausgespielt, Dubovs einzige bewegliche Figur war die Dame, der Rest zusammen mit dem König sicher weggesperrt. 31…Dg6+ sah schon verzweifelt aus …



… und Karjakin hätte einfach 32.Kf3 oder 32.Kh3 spielen sollen. Stattdessen zog er 32.Kf1?? und nach 32…Da6+! war die Partie verloren. Die dritte Partie gewann Dubov ebenfalls – und damit auch das Match und das Viertelfinale.


Im Halbfinale sehen wir jetzt die Matches Carlsen - Nakamura und Dubov - Ding. Das erste Match ist etwas überladen von der kleinen Twitterfehde, die sich Magnus und Hikaru vor kurzem gegeben haben, im zweiten treffen zwei Gegner aufeinander, deren Spielstil unterschiedlicher kaum sein könnte. Spannend wird es auf jeden Fall.

Wer Englisch spricht, dem sei dringend die tägliche After Show um 22 Uhr mit GM Pascal Charbonneau empfohlen. Pascal geht hier durch die interessanten Partien, erklärt die Theorie und die kritischen Momente und beantwortet auch gleich eure Fragen zum Turnier.

Wen sähet ihr gerne im Finale, und wen erwartet ihr?


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