Interviews 17.10.2017 | 12:11von Colin McGourty

Levon Aronian: “Wir müssen Wölfe sein”

Levon Aronian erlebt auf und abseits des Schachbretts ein fantastisches Jahr. Die aktuelle Nummer 2 der Welt hat die GRENKE Chess Classic, das Altibox Norway Chess, das St. Louis Rapid & Blitz und zuletzt auch den Weltcup gewonnen, ehe er dem Ganzen die Krone aufsetzte und seine langjährige Freundin Arianne Caoili heiratete. In einem kürzlich geführten Interview spricht er über den Umgang mit Stress, merkwürdige Angewohnheiten seiner Gegner und wie er mit dem Vorurteil aufräumte, ein Spätzünder zu sein.

In Tiflis holte Levon Aronian seinen zweiten Weltcup-Titel | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Dass Levon Aronian in Armenien ein Nationalheld ist, zeigt sich schon daran, dass Staatspräsident Serzh Sargsyan samt Gattin bei der Hochzeitsfeier eine führende Rolle einnahm. Seinen Humor verliert der Weltranglistenzweite aber nie:

"Der schönste Tag im Leben unseres Hundes Ponchik"

Das kürzlich geführte Interview mit Mark Grigoryan wurde auf Armenisch geführt, und wer der Sprache mächtig ist, kann es sich hier anschauen:

Ein Teil des Interviews wurde auch auf Englisch publiziert, einige Zitate wurden aber zusätzlich aus dem Russischen ins Englische übersetzt und hier auf Deutsch wiedergegeben:


Mark Grigoryan: Schach auf höchstem Niveau bedeutet großen Stress. Wie gehst du mit ihm um?

Levon Aronian: Ein sehr gute Frage. Käme ich mit ihm klar, würde ich vermutlich keine Fehler begehen (lacht). Das ist der Grund, warum Schachspieler verschiedene Methoden anwenden. Mir ist meine besondere Disposition bekannt – in guter körperlicher Verfassung kann ich besser mit Stress umgehen. Für mich ist es sehr wichtig, körperlich fit zu sein, daher trainiere ich täglich.

Um mit dem Stress klarzukommen, versuchst du also in guter körperlicher Verfassung zu sein. Das scheint also genauso wichtig zu sein wie eine gute schachliche Vorbereitung?

Da ich mittlerweile über einige Erfahrung verfüge und viele Eröffnungen anwende, die ich meinem „Archiv“ entnehmen kann, ist es wichtig für mich, Energie über das Schach hinaus zu haben. Offenbar funktioniert es, denn ich trainiere seit Februar täglich.   

Mir scheint, dass man diesen Stress lieben muss. Ist das Leben sonst schwer zu ertragen und verliert seine Bedeutung?

Es ist mit und ohne Stress hart (lacht). Die interessante Frage ist immer, wie jemand damit umgeht. Es gibt Phasen, in denen alles klappt, doch das kann schon wenig später ganz anders sein (lächelt). Ein Weltklasseschachspieler oder –sportler sollte sich darauf einstellen können, da die Gegner sich ebenfalls weiterentwickeln. Man muss sein Spiel permanent verbessern.

Noch eine Frage zum Thema Stress, die sicher viele Schachfans interessiert. Ist der Stress noch größer, wenn du gegen einen Aseri spielst?

Zu Beginn meiner Schachkarriere war damit vermutlich zusätzlicher Stress verbunden, aber mittlerweile macht es mir nichts aus. Denkt man viel darüber nach, wie sehr man gewinnen will, tritt das Gegenteil ein.

Aber du kennst diesen Stress?

Ja. Ich erzähle dazu eine Geschichte, ohne Namen zu nennen. 2003 oder 2004 nahm ich an der Europameisterschaft teil und wurde nachts um halb zwei vom Vater eines der aserbaidschanischen Spieler angerufen. Er bat mich, im Voraus ein Remis zu verabreden, da der Ausgang der Partie für ihn und seinen Sohn wichtig wäre. Ich lehnte ab, da ich mich auf so etwas grundsätzlich nicht einlasse. Die Partie am nächsten Tag verlief schlecht und ich stand fast auf Verlust, rettete aber mich aber ins Remis (lacht). 

Aronian auf dem Weg zum Turniersieg vor Carlsen beim GRENKE Chess Classic | Foto: Lennart Ootes

In einem Interview hast du gesagt: „Wenn man gegen einen normalen Menschen, einen normalen Schachspieler spielt, hat man während der Partie eine normale Beziehung. Will der Gegner dich aber verunsichern und verhält sich „unsportlich“, hat das einen Einfluss auf den Verlauf der Partie" Welche Tricks wurden gegen dich schon angewandt?  

So etwas ist mir schon oft passiert. Ein Israeli (keiner aus der Weltspitze) trank während unserer Partie Tee und presste jedes Mal mit seinen Fingern den Teebeutel aus, ehe er seinen Zug ausführte (lacht). Alexander Grischuk saß während der Partie in meiner Nähe und meinte: “Levon, es sieht so aus, als würdest du die Partie gewinnen, aber hast du schon eine Idee, wie du verhindern kannst, ihm nach der Partie die Hand schütteln zu müssen?“

Es gibt verschiedene Beispiele. Selbst bei Top-Spielern wie Nakamura und Carlsen kann es passieren, dass sie einen Zug zurücknehmen wollen. In beiden Fällen holte ich den Schiedsrichter. Sie bestritten weiter, die Figur berührt zu haben, aber der Schiedsrichter gab mir Recht. Ihnen war auch klar, dass das Geschehen aufgezeichnet wurde, daher lenkten sie ein.

Schach ist ein sehr faires Spiel. Es ist nicht wichtig, was abseits des Bretts passiert – bist du stark, gewinnst du. Sieh nur, wie wichtig in anderen Sportarten Schiedsrichter sind. Beim Schach ist die Elo die objektivste Größe. Spielst du gut, ist deine Elo hoch, und wenn du schlecht spielst, sinkt sie. Das ist sehr positiv.

Schach als Konflikt. Schach ist ein Spiel, aber eine Partie ein Konflikt?

Natürlich. Bei jedem Schritt redest du mit deinem Gegner. Erst versuchst du das Zentrum zu besetzen, dann entwickelst du deine Figuren und versuchst auf einen Fehler der Person zu warten, die dir gegenübersitzt. Gleichzeitig versucht er dir zu sagen, dass „es gar kein Fehler ist, und er dich nur in die Falle locken will“. Jede Partie ist ein Rätsel, eine Unterhaltung, die immer einen Konflikt beinhaltet.

In einem früheren Interview habe ich folgendes Zitat gelesen: “Solange man nicht mit der vorherrschenden Meinung oder den Ideen eines ehemaligen Schachspielers in Widerspruch gerät, kann man sich nicht als großen Schachspieler begreifen.“ In welcher Hinsicht stehst du mit der vorherrschenden Meinung in Widerspruch?

Als ich Großmeister wurde, war ich bereits 19. Viele Leute meinten: „Wenn du bis 20 nicht unter den Top 50 oder wenigstens Top 100 bist, hast du keine großen Chancen mehr." Ich habe bewiesen, dass das Alter keine so große Rolle spielt.

Mit welchem ehemaligen Schachspieler ist der Widerspruch am größten?

Vermutlich mit [dem armenischen Weltmeister Tigran] Petrosian. Er ist uns allen sehr nah, man versucht schon früh wie Petrosian zu spielen und gerät dabei immer in Widerspruch zu ihm, da sein Spiel sehr schwer zu verstehen ist. Heutzutage ist es leicht, ihn zu kritisieren, da er nicht Tempo für Tempo, sondern Adagio gespielt hat.

Bei seinem Adagio griff er aber auch an. Im Bestreben das Gleichgewicht zu halten, versuchte er immer, seine Gegner unter Druck zu setzen.

Heute lassen die Gegner das nur selten zu. Das hat auch mit den modernen Eröffnungen zu tun, bei denen nach 15 Zügen zum Teil schon ein Endspiel mit zwei Türmen, einem Läufer und einem Springer auf dem Brett steht.

Als ich mir die Analysen deiner Partien angesehen habe, fielen mir einige Fälle auf, in denen der Kommentator schrieb “hier beging Aronian einen Fehler“, du die Partie aber dennoch gewonnen hast. Kommt es vor, dass du während der Partie weißt, dass du mit einer bestimmten Zugfolge schneller gewinnen kannst, aber aus psychologischen Gründen anders spielst? Betreibst du manchmal ein Katz-und-Mausspiel?  

Nein, das mochte ich nie. Viele Spieler lassen ihrem Gegner gern noch ein wenig Hoffnung, aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir Wölfe sein müssen. Ist dein Gegner schlechter, musst du ihn so schnell wie möglich auffressen.

Was aber, wenn der Gegner der Wolf ist?

Oh (seufzt), dann wird’s schwierig. Wir versuchen Wölfen aus dem Weg zu gehen (lacht).

Einige Tage vor diesem Interview luden wir unsere Facebook-Mitglieder ein, dir Fragen zu stellen. Olesya Vardanian aus Tiflis fragt: In Vladimir Nabokovs “Lushin-Verteidigung” wird der Titelheld ernsthaft krank, wenn er eine Partie verliert. Er kann sich aber nicht mehr an die Städte erinnern, in denen er war, da alle Reisen nur dem Schach dienen. Ist das wirklich so?  

Manche Schachspieler sind so, aber ich nicht. Ich wurde erst in einem bereits recht respektablen Alter zum Schachfanatiker, mit 26 oder 27. Ich mochte Schach, ich liebte es, aber ich lebte nicht, um an nichts anderes zu denken. Erst in diesem Alter wurde Schach mein Kloster.

Lucine Grigioryan aus Stockholm fragt: Warum nehmen Frauen nicht an Männerturnieren teil?

Zu diesem Thema habe ich schon oft etwas gesagt. Meiner Meinung nach können und sollten Frauen gegen Männer antreten, allerdings schon in sehr frühen Jahren. In vielen Ländern ist das schwer zu bewerkstelligen. Es gibt viele Menschen, die denken: „Sie ist ein Mädchen, da spielt es keine Rolle, denn sie wird ohnehin Mutter, und das ist viel wichtiger." Beim Schach gibt es nur wenige solcher Mütter, die erfolgreich sind.

Am Brett werden wir Aronian vermutlich wieder bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft sehen, die Ende des Monats auf Kreta stattfindet. 

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