Allgemein 21.05.2020 | 13:14von FM Andrey Terekhov

Levon Aronian und das armenische Schachwunder

Levon Aronian ist die unumstrittene Führungsfigur des armenischen Schachs, aber er stammt aus einer Nation, die spätestens seit Tigran Petrosian 1963 als neunter Spieler den Weltmeistertitel errang, schachverrückt ist. FM Andrey Terekhov schaut sich genauer an, wie einem Land mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern gelingen konnte, was Russland seit 2002 nicht mehr geschafft hat: der Sieg bei der Schach-Olympiade – und das nicht nur ein-, sondern gleich dreimal. Viel Spaß mit dem dritten Beitrag der Aktion #HeritageChess, die von der Lindores Abbey Heritage Society unterstützt wird.


Armenien ist vermutlich das Land auf der Welt, in dem am meisten Schach gespielt wird. Nur dort ist Schach Pflichtfach in der Grundschule, aber das wirkt sich nicht nur auf den Breitensport aus, denn Armenien ist auch die Nummer 6 in der Welt, was die Durchschnitts-Elo der zehn besten Spieler betrifft.

Das Binnenland Armenien ist kleiner als Belgien, aber ein absoluter Schachriese | Bildquelle: Google

Wie konnte Schach in einem Land mit gerade einmal 3 Millionen so populär werden? Und was ist das Geheimnis des armenischen Schachwunders?

Ein Land mit einer langen Geschichte 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir bis zu den Anfängen der langen und komplizierten Geschichte des armenischen Volkes zurückgehen. Diese kann bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgt werden, was angesichts der Lage zu Füßen des biblischen Berges Ararat nicht weiter verwunderlich ist. Die aktuelle Hauptstadt Yerevan ist eine der ältesten besiedelten Städte der Welt und wurde schon 782 vor Christus gegründet. Etwa tausend Jahre später, im Jahr 301 n. Chr. war das Königreich Armenien das erste Land auf der Welt, das das Christentum zur Staatsreligion machte. Ein Jahrhundert später, im Jahr 405, wurde dann das armenische Alphabet eingeführt.

Armeniens größtes Problem war immer seine schwierige geographische Lage, denn während seiner gesamten Geschichte war es von größeren und mächtigeren Nationen umgeben. Die Römer, Parther, Perser, Araber und Byzantiner führten Kriege, um das armenische Staatsgebiet zu erobern. Dadurch war das Leben vor Ort gefährlich, und viele Armenier verließen ihre Heimat. Diese Heimatflucht war der Ausgangspunkt der armenischen Diaspora, die mittlerweile über die ganze Welt verteilt ist. Zu meiner eigenen Überraschung habe ich überall auf der Welt armenische Kirchen gesehen – nicht nur in Russland oder Deutschland, sondern sogar in Singapur und Australien!

Die Diaspora wuchs nach den tragischen Ereignissen von 1915 noch weiter an, als mehr als 1.5 Millionen Armenier vom Osmanischen Reich getötet oder vertrieben wurden. Heute leben in Armenien wie erwähnt drei Millionen Menschen, während mehr als sieben Millionen Armenier quer über den Planeten verstreut sind.

Die Gründerväter des armenischen Schachs

Zurück zum Schach. Vermutlich kam das Schachspiel schon im 9.Jahrhundert durch die Araber nach Armenien. Im 12./13. Jahrhundert taucht es erstmals in armenischen Quellen auf, die im Matenadaran-Institut von Yerevan sorgfältig aufbewahrt werden.

Wir wollen unsere Rundreise durch die armenische Schachgeschichte am Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen – also kurz nachdem Armenien Teil der Sowjetunion wurde. Die treibende Kraft dieser Tage war Genrikh Kasparyan (1910-1995), der als Gründervater des armenischen Schachs gilt.

Kasparyan hält mit zehn armenischen Meistertiteln nach wie vor den Landesrekord und er machte auch in der Sowjetunion auf sich aufmerksam, als er 1931 das Halbfinale der sowjetischen Meisterschaft vor Botvinnik gewann. Kasparyan qualifizierte sich weitere dreimal für die Meisterschaft der UdSSR (letztmals 1952), was zu Sowjetzeiten wahrlich keine leichte Aufgabe war. Kasparyan gehörte zu den ersten Spielern, denen der Titel des Internationalen Meisters bei seiner Einführung durch die FIDE 1950 verliehen wurde.

Genrikh Kasparyan

Allerdings sind Kasparyans Verdienste als Problemkomponist sogar noch größer. Er schuf Hunderte von Studien, vornehmlich Endspiele. 1972 wurde er als erster Spieler mit dem Großmeistertitel für Schachkomposition ausgezeichnet.

Er brachte mehrere Sammlungen mit Studien heraus, die vermutlich zu den am meisten unterschätzten Schachbüchern zählen. Levon Aronian führte Kasparyans “Geheimnisse des Problemkomponisten” als eines seiner drei Lieblingsschachbücher auf!

Hier eine der berühmtesten Studien von Kasparyan:

Genrikh Kasparyan
Shakhmaty v SSSR, 1939, 1.Preis


1.Lg5! b3 2.Td2+ Ka1 3.f7

3.Le3? b2+ 4.Txb2 Txf6 5.Ld4 Tf1+ 6.Kc2 a3 7.Tb1+ Ka2 8.Txf1 Patt!

3...Txg5!

3...a3 4.Td1 Td6 5.f8D b2+ 6.Kc2+ Txd1 7.Dxa3#

4.f8D Tg1+ 5.Td1 Tg2 6.Da3+ Ta2 7.Td2!! Txa3

7...b2+ verliert prosaisch: 8.Dxb2+ Txb2 9.Txb2 a3 10.Tb1+! Ka2 11.Tb8 Ka1 12.Kc2 a2 13.Kb3 Kb1 14.Ka3+ Ka1 15.Th8 Kb1 16.Th1+

8.Tb2! Schwarz hat nur einen legalen Zug, der direkt zum Matt führt: 8...Ta2 9.Tb1#

Tigran Petrosian

Der nächste Durchbruch in der armenischen Schachgeschichte kam mit Tigran Petrosian (1929-1984). Wie Kasparyan wurde der neunte Schachweltmeister nicht in Armenien geboren, sondern wuchs wie dieser in Tiflis auf und lernte seine ersten Schachlektionen in Georgien.

Petrosian war schon als Teenager ein vielversprechendes Talent. 1945 gewann er die Georgische Meisterschaft, ehe er 1946 nach Yerevan zog und die Armenische Meisterschaft gewann. Anschließend gewann er (mit sensationellen 14 aus 15!) die Junioren-Meisterschaft der UdSSR und holte sich mit einem Sieg in einem Match gegen Kasparyan (8:6) den Titel eines Meisters. Diesen kann man auch als Stabübergabe der Vorherrschaft im armenischen Schach betrachten.

Triumphaler Empfang für Tigran Petrosian am Flughafen von Yerevan 

Einige Jahre später zog Petrosian nach Moskau, wo er sich schnell zu einem starken Großmeister und einem WM-Kandidaten entwickelte. Zwischen 1953 und 1980 verpasste Petrosian keinen einzigen WM-Zyklus und erreichte immer zumindest die Kandidatenkämpfe.

Im vierten Anlauf schaffte es Petrosian schließlich nach ganz oben. 1962 gewann er das Kandidatenturnier auf Curacao (ohne Niederlage in 27 Partien!) und 1963 bezwang er dann Mikhail Botvinnik im WM-Kampf (+5 -2 =15).

Wenig bekannt ist, dass Petrosian auch der erste Weltmeister in mehr als 30 Jahren war, der seinen Titel mit einem Matchsieg verteidigen konnte. Von 1934, als Aljechin Bogoljubow bezwang, bis 1966, wo Petrosian gegen Spassky die Oberhand behielt, holte der Titelverteidiger maximal ein Unentschieden!

Petrosian hatte ein angeborenes Talent für Verteidigung und Prophylaxe, wodurch er in seinen besten Jahren fast unschlagbar war. Zwischen 1958 und 1978 nahm er an zehn Schach-Olympiaden teil und saß dabei viermal am ersten Brett, verlor aber nur eine von 129 Partien! Diese Serie brachte ihm den Spitznamen „Der Eiserne“ ein. Lev Polugaevsky meinte einst:

In diesen Jahren war es einfacher, UdSSR-Meister zu werden, als eine Partie gegen Petrosian zu gewinnen.

Die folgende Stellung zählt zu den berühmtesten Beispielen von Petrosians Verteidigungskünsten:

Reshevsky – Petrosian
Zürich 1953, Kandidatenturnier


Hier spielte Petrosian mit 25...Te6!! ein rein positionelles Qualitätsopfer, mit dem er den Aufmarsch der weißen Bauern stoppte und seinem Springer den Vorposten auf d5 sicherte.

Tigran Petrosian starb sehr jung – er war erst 55 Jahre alt, als er einem Magenkrebsleiden erlag – er hinterließ aber ein reiches Erbe und ist bis heute ein armenischer Nationalheld. Die Popularität des Namens Tigran, der damals schon recht verbreitet war, stieg nach 1963 sprunghaft an und in der aktuellen FIDE-Elo-Liste gibt es etwa zwölf Spieler, die Tigran Petrosian heißen, darunter 1 GM und 2 IM!

2018 kam in Armenien ein 2,000 Dram-Schein mit Petrosians Konterfei heraus. Eine solche Ehre wurde sonst nur Paul Keres zuteil, der in Estland auf dem 5-Kroon-Schein abgebildet war (Seit Estland der Eurozone beigetreten ist, gibt es diesen leider nicht mehr.).


Die letzte sowjetische Generation

Petrosians Weltmeistertitel führte zu einem Schachboom in Armenien. Die Anzahl der Schachvereine verdoppelte sich, und andere armenische Spieler wie Rafael Vaganian, Smbat Lputian und Arshak Petrosian wurden Großmeister.

Rafael Vaganian

Von dieser Generation war Rafael Vaganian der erfolgreichste Spieler. Er wurde mit 19 Jahren zum Großmeister ernannt, nachdem er im jugoslawischen Vrnjačka Banja vor Leonid Stein und Ljubomir Ljubojević ein Turnier konnte. Da Vaganian zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal IM war, war seine Leistung umso bemerkenswerter!

Vaganian nahm an vielen UdSSR-Meisterschaften teil und holte schließlich 1989 den Titel. Außerdem erreichte er zweimal die Kandidaten-Wettkämpfe (1986 und 1988). Im Verlauf seiner langen Karriere gewann Vaganian etliche Turniere, darunter zuletzt die Senioren-Weltmeisterschaft 2019.

Der letzte Spieler, der 1991 überhaupt eine UdSSR-Meisterschaft gewinnen konnte, war mit Artashes Minasian ebenfalls ein Armenier.

Schach im unabhängigen Armenien

Im Dezember 1991 erlangte Armenien offiziell die Unabhängigkeit, doch die Ausgangslage war hart. Das Land hat wenige Bodenschätze und ist als Binnenland umso anfälliger für das Handelsembargo seiner Nachbarländer (Aserbaidschan und Türkei), das bis heute nicht aufgehoben wurde. Armenien erlebte einen heftigen ökonomischen Niedergang, und Stromausfälle waren an der Tagesordnung.

Schach war eines der wenigen Trostpflaster. 1992 gewann Armenien bei seiner ersten Teilnahme an einer Schach-Olympiade überraschend Bronze. Das Team bestand damals vor allem aus Spielern, die aus der Sowjetschule hervorgegangen waren: Rafael Vaganian, Vladimir Akopian, Smbat Lputian, Artashes Minasian, Arshak Petrosian und Ashot Anastasian.

Jüngstes Team-Mitglied war der Junioren-Weltmeister von 1991, Vladimir Akopian, der in der Folge ein Schlüsselspieler des Verbandes wurde und die ältere sowjetische Generation mit den aufstrebenden neuen Spielern verband. Zwischen Akopian und Kasparov bestehen einige Verbindungen – beide wurden in Baku (Aserbaidschan) geboren und waren auf der berühmten Botvinnik/Kasparov-Schachschule. 1999 hätte Akopian um ein Haar die FIDE KO-WM gewonnen, verlor aber im Finale gegen Alexander Khalifman.

Vladimir Akopian

Akopian war der erste Armenier, der die Schallmauer von 2700 Elo durchbrach (2003). Er vertrat sein Land bei zwölf Schach-Olympiaden und saß dabei dreimal am ersten Brett. Vladimir Akopian führte sein Team zu drei Bronze-Medaillen (1992, 2002 und 2004), aber 2006 übergab er den Staffelstab an Levon Aronian, der damals bereits zu den Top 10 gehörte.

Es folgte eine unglaubliche Siegesserie des armenischen Teams, das 2006, 2008 und 2012 die Schach-Olympiade gewann. Dieser Erfolg bedarf einer Erklärung. Natürlich hatte Armenien ein starkes Team, aber das galt auch für andere Nationen. Vielmehr verfügten die Armenier über einen sensationellen Teamgeist, der sie von anderen Mannschaften abhob.

Beim ersten Olympiasieg war ein Spieler dabei, der auf tragische Weise jung ums Leben kam. Karen Asrian zählte viele Jahre zu den Top 100 der Welt und spielte 2006 bei der Olympiade am dritten Brett. Im Juni 2008 verstarb er an einem plötzlichen Herzinfarkt, als er auf dem Weg zu einem Turnier in Yerevan war. Das Turnier wurde verschoben und später in Karen-Asrian-Memorial umbenannt.

Trotz dieses harten Schlages gewann Armenien auch 2008 bei der Schach-Olympiade in Dresden und holte 2012 einen weiteren Titel. Beim dritten Sieg wurde das Team durch Sergei Movsesian verstärkt, der lange in Tschechien und der Slowakei gelebt hatte, dann aber wieder für sein Heimatland antrat.

Ein armenische Briefmarke zeigt das Team, das 2008 die Schach-Olympiade gewann 

Movsesian ist eins von etlichen Beispielen, die zeigen, wie viele großartige Schachspieler die armenische Diaspora zählt. Weitere Namen sind Samuel SevianVaruzhan Akobian und Tatev Abrahamyan in den USA, Krikor Mekhitarian in Brasilien, Yuri Dokhoyan und David Paravyan in Russland und natürlich würden auch viele Armenier Kasparov dazuzählen!

Das armenische Schach hat sich seit Anfängen vor einem Jahrhundert stark weiter entwickelt. 2011 wurde der nächste Aufschwung initiiert, indem Schach wie Mathe oder Sport als Pflichtfach an Grundschulen etabliert wurde. Wer weiß, vielleicht entdeckt gerade der nächste Petrosian oder Aronian das Schachspiel in einer Dorfschule in Armenien...


FM Andrey Terekhov

Andrey Terekhov (@ddtru) ist in Russland aufgewachsen, hat in vielen Ländern gelebt und lebt derzeit in Singapur. Seine besten Ergebnisse am Brett sind Siege beim Münchner Open (2008), beim Nabokov Memorial in Kiew (2012) und der geteilte 2. Platz bei den Washington Open (2018). Er ist der Autor des Two Knights Defense-Kurses auf Chessable. In den letzten Jahren hat Andrey an einem Buch über Wassili Smyslow gearbeitet, dessen Veröffentlichung für Ende 2020 geplant ist.


Wie bist du zum Schach gekommen? Teile deine Erfahrungen hier in den Kommentaren oder unter dem Hashtag #HeritageChess!      

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