Interviews 03.03.2016 | 16:00von Colin McGourty

Levon Aronian: "Sie haben mich abgeschrieben"

Levon Aronian schlich sich in letzter Minute in das Kandidatenturnier 2016, als er nach einer misslungenen Qualifikation als Joker der armenischen Sponsoren ausgewählt wurde. In einem neuen Interview spricht er über seinen Wunsch, diese Gelegenheit zu nutzen und zu beweisen, dass er der Beste ist. Er redet auch über seine Anfänge, als man ihm nicht zutraute, jemals ein Topspieler zu werden.

Levon Aronian beim London Chess Classic 2015 | Foto: Ray Morris-Hill

Levon Aronian zeigte im Vorfeld des Kandidatenturniers schwankende Leistungen. Bei der Zurich Chess Challenge startete er gegen Vishy Anand mit einer dröhnenden Niederlage innerhalb von 19 Zügen und landete auf dem vorletzten Platz vor dem erfahrenen Alexei Shirov.


Anand spielt 15.Sxh6! Es war nicht wirklich nötig, innerhalb von 5 Zügen mattgesetzt zu werden, aber die Partie war in jedem Fall gelaufen

Wenn sein Plan darin bestand, dieses Turnier hinter sich zu lassen, indem er in der deutschen Liga spielte, hat das nicht ganz funktioniert, da er im Endspiel von Richard Rapport langsam zerrieben wurde. Das kann jedoch schnell vergessen werden, wenn Levon es endlich schafft, sein Talent auf der größten Bühne zu zeigen und ein Match gegen Magnus Carlsen zu erzwingen.

Im Vorfeld des Kandidatenturniers 2016 in Moskau, das am 11. März beginnt, sprach Levon mit Vladimir Barsky und Kirill Zangalis von Sport-Express. Wir haben einige der Highlights im untenstehenden Interview übersetzt:

Über das aktuelle Weltmeisterschaftssystem       

Mir gefällt das Kandidatenturnier wirklich gut. Ich verstehe natürlich, dass es nur ein einziges Turnier ist und die Leute denken, dass jeder es gewinnen kann. Letztlich gewinnt aber normalerweise der beste Spieler. Es kommt nicht vor, dass jemand mit +5 führt und dann auf dem letzten Platz landet. Normalerweise gewinnt die Person, die ganz von Anfang an gut gespielt hat - zum  Beispiel gewann Vishy Anand in Chanty-Mansijsk mit einem großen Abstand und spielte wunderbar. Oder Magnus Carlsen und Volodya Kramnik, die 2013 in London auch sehr gut gespielt haben. Ich habe den Eindruck, dass in der ganzen Geschichte des Spiels noch nie eine x-beliebige Person gewonnen hat.


Warum er 2001 nach Deutschland gezogen ist

Es stellte sich heraus, dass die Sponsoren, die mir geholfen hatten, mich abgeschrieben hatten… oder so ähnlich. Sie dachten, ich würde keine großen Fortschritte machen und es würde sich daher nicht lohnen, weitere Mittel zu investieren.

Damals warst du 18-19 Jahre alt?

Ja.

Sie haben dich abgeschrieben?

Naja, das passiert. Damals hatte ich wenige Turniere und mein Rating war ziemlich mäßig. Eine Elo von 2530 mit 18 Jahren – selbst damals dachte man: naja, er wird ein 2600-Großmeister, aber na und? Es gibt Hunderte von ihnen!

Irgendwann hast du bei Turnieren für Deutschland gespielt?

Ich spielte etwa sechs Monate lang für Deutschland. Sie wollten mich nicht für Armenien haben, weil sie beschlossen hatten, Ballast abzuwerfen. Dann wechselte ich den Verband - nicht, weil ich für Deutschland spielen wollte, sondern um zu zeigen, dass ich es konnte. Als neue Leute den armenischen Schachverband übernahmen, kehrte ich zurück. Im Jahr 2003 übernahm Serzh Sargsyan, der jetzige Staatspräsident, die Kontrolle des Verbandes; damals war er Verteidigungsminister. Sie kontaktierten mich und ich beschloss, zurückzukehren.

Wann hast du den großen Sprung gemacht?

Ende 2002 fing ich an, starke Turniere zu gewinnen. Ab dann stieg mein Rating einfach immer weiter und fiel nie wieder ab.

Welche Siege siehst du als Meilensteine deiner Karriere an?

Die U20-Weltmeisterschaft natürlich. Auf Anraten meines damaligen Trainers Arshak Petrosian spielte ich von 15 bis 20 Jahren nur in der U20-Weltmeisterschaft und nicht in der U16 oder U18. Und ich gewann bei meinem letzten Versuch im Jahr 2002, als ich bereits 20 war. Im Jahr 2003 wurde ich bei der EM Dritter und wiederholte das Ergebnis im Jahr 2004. Und schließlich gewann ich Ende 2005 den Weltpokal, danach fing ich an, in Eliteturnieren zu spielen.


Über den Unterschied zwischen klassischem Schach, Schnellschach und Blitzschach

Es tut in jeder Art von Schach weh zu verlieren. Man versucht immer, die besten Züge zu machen, aber im Blitzschach habe ich einfach oft das Problem, dass ich versuche, normales Schach zu spielen, und dieser Perfektionismus führt zu Zeitnot und dazu, dass man alles verpatzt. Die Qualität meiner Spielweise im Blitz- und Schnellschach hängt stark von meiner aktuellen Laune ab. Im klassischen Schach wiederum habe ich den Eindruck, dass ich alles geben sollte, auch wenn ich nicht gut geschlafen habe und mich nicht gut fühle. Ich spüre trotzdem diese Verantwortung. Was werden Kinder denken, wenn sie unsere Partien studieren und von ihnen Schach lernen wollen; was werden sie denken, wenn sie eine hässliche Partie sehen von einem Schachspieler, der 90 Minuten bis zwei Stunden für die Partie plus 30 Sekunden pro Zug hatte? Ich fühle mich unwohl, wenn ich bei einer solchen Zeitkontrolle absolut langweiliges Schach spiele. Ich habe das Gefühl, das ist unverzeihlich! Aber im Schnell- und Blitzschach denke ich rein unterbewusst: egal was ich tue, letztlich ist es nur Schnell- und Blitzschach!

Du bist nachsichtiger mit dir selbst?

Ja und das ist mein Problem - manchmal komme ich nicht in die richtige Stimmung für eine Partie mit einer kurzen Zeitkontrolle, wie hier (in Zürich), obwohl 40 Minuten kaum als Schnellschach zu bezeichnen ist.


Ob er mit seinem letzten Turnier vor dem Kandidatenturnier zufrieden ist

Nein! Man kann nie zufrieden sein, wenn man schrecklich gespielt hat. Ich habe erkannt, dass ich weit entfernt bin von meiner Topform oder von meinem idealen psychologischen Zustand. Daran muss ich vor dem Turnier arbeiten, ich muss mich nicht nur physisch anstrengen, sondern auch was das reine Schach angeht, um bereit zu sein für große Partien.

Levon Aronian verpasste seine Chance, sich beim Weltpokal 2015 in Baku für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, aber letztlich war es egal | Foto: Baku World Cup Webseite

Über den Platz als Joker beim Kandidatenturnier

Ich hatte sehr viel Glück! Ich kann nicht sagen, dass ich es verdient habe. Ich sprach kürzlich mit meinem guten Freund Boris Gelfand und er sagte, "Manchmal bekommt man das Siegerlos! Oder das Weihnachtskind bringt Geschenke!" Es hat sich herausgestellt, dass das Weihnachtskind mir ein Geschenk gebracht hat. Man muss ein braver Junge sein!


Warum seine Verlobte Arianne Caoili in Armenien lebt

Ab dem Alter von 13 Jahren lebte sie in Australien, einem hochentwickelten Land, in dem alles vorherbestimmt ist. Mir scheint es so, als wäre das Leben in Armenien für sie eine Rückkehr zu ihren Wurzeln - schließlich wurde sie in den Philippinen geboren und verbrachte dort ihre Kindheit. Sie lebt gerne in einem Land, in dem alles natürlich ist. Die Leute schauen einem in die Augen und sagen die Wahrheit; vielleicht sind es Sachen, die man nicht hören will - aber es ist ehrlich.

Was macht sie zur Zeit?

Unglaublich viel. Von Beruf her ist sie Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin. Sie gibt eine Wochenzeitung in Armenien heraus.

Spricht sie die Sprache fließend?

Sie beherrscht sie ziemlich gut. Sie spricht fließend Russisch. Natürlich wird sie von Übersetzern unterstützt.

Worum geht es bei der Zeitung?

Arianne lebt mittlerweile seit zwei Jahren in Armenien und bei einer Gelegenheit sagte sie, "Irgendwie habt ihr keine Siegereinstellung!" Also beschloss sie, eine Zeitung herauszugeben, die den Leuten zeigt, dass es im Land viele gute Dinge gibt. Natürlich ist die Zeitung nicht nur positiv, "mit der rosaroten Brille"; aber der Zweck ist, Leute zu inspirieren. Ja, die Zeitung behandelt fröhliche Ereignisse, aber es gibt z.B. auch Berichte von der Front. Es ist eine Zeitung für das Volk.

Ist sie dick?

Nein, dünn. Sie wird gratis in öffentlichen Verkehrsmitteln verteilt.

Nachrichten, Sport?

Ja.

Gibt es einen Schachbereich?

Ja. Arianne stellt einfache Puzzles, um herauszufinden, ob die Leser das mögen oder nicht.

Unterstützt du sie?

Wenn es um komplexe Puzzles geht, bin ich natürlich dabei. Im Moment ist meine Unterstützung aber hauptsächlich moralischer Natur.

‌"Ein König, eine Königin und Sus Barbatus mit Brille."

Über die Wahl zwischen Schach und Musik

Ich habe die Musik zugunsten des Schachspielens aufgegeben. In meiner Kindheit habe ich Klavier und Schach gelernt, aber dann musste ich mich entscheiden. Das waren harte Zeiten, die 90er. In Jerewan waren die Verkehrsmittel unzuverlässig und es war schwer herumzukommen. Also habe ich nur ein Jahr Musik gelernt, obwohl es trotzdem die Liebe meines Lebens war.

Und wann musstest du diese Entscheidung treffen?

Ich war zehn Jahre alt. Im Schach hatte bereits etwas Klick gemacht. Ich hatte auch einen wunderbaren Lehrer, den starken Spezialisten Melikset Khachiyan. Es ist wirklich inspirierend, wenn man sieht, dass man in etwas schnelle Fortschritte macht und weiter rennt wie der kleine Muck auf seinen Zauberpantoffeln. Dieses Gefühl hatte ich nicht beim Klavierspielen, obwohl ich denke, dass ich einen gewissen Hang zur Musik habe. Und ich spüre, welche Musik gut ist und welche… Nein, nicht schlecht, aber sagen wir vergänglich ist…

Die Musik hilft dir?

Ja, ich nutze sie auf verschiedenen Wegen. Manchmal brauche ich sie, um mich zu entspannen, während sie mich manchmal im Gegensatz dazu antreibt. Für Ersteres ist es klassische Musik, für Letzteres - Jazz.

Und wenn du dich zwischen Lennon und Beethoven entscheiden müsstest?

Definitiv Beethoven!

Warum?

Weil ich in Beethoven die Ästhetik einer ganzen Nation sehe - die Italienische Schule, die verändert und perfektioniert und dann zur Wiener Schule zurückgebracht wurde.

Du hast so einen feinen Sinn dafür?

Natürlich. Ich sehe, was für eine riesige Ebene von Kultur in diese oder jene Symphonie geflossen ist. Und dann ist da das Gefühl, das entsteht, wenn man die Musik einer ganzen Nation versteht und erkennt, bis zu welchem Grad ein genialer Komponist das alles kombinieren konnte. Ich spüre immer die Nationalität eines Komponisten. Man hört Rachmaninoff und denkt sofort: oh, das wurde von einem Russen geschrieben!


Über Antagonismus im Schach

Ich bin sehr gutmütig und muss mich immer mehr anstacheln. Leider gibt es das Medikament "Ozverin" (etwa - "außer Kontrolle geraten") nicht, wie in dem berühmten Cartoon über Leopold die Katze. Ich gebe alles was ich habe, um auf mich selbst, den Gegner und alles um mich herum wütend zu werden, aber letztlich ist es unehrlich, weil das nicht in meiner Natur liegt. Ich denke nicht, dass es so schwierig ist, aber man muss sich irgendwie selbst in diese Stimmung "treiben" und dann wieder herauskommen, um man selbst zu bleiben.

Ob er beweisen will, dass er der Beste ist

Willst du Weltmeister werden?

Ja, sehr!

Hast du das Gefühl, dass du der Beste bist?

Ohne Frage! Aber das bedeutet gar nichts. Wichtig sind Siege und über viele Jahre hinweg zu dominieren. Aus irgendeinem Grund kann ich das letzte Puzzlestück nicht finden. Siegbert Tarrasch sagte so treffend, "Es ist nicht genug, ein guter Schachspieler zu sein, man muss auch sehr gut Schach spielen." Deshalb bedeuten meine Worte wenig. Sehr bald, am 10. März, startet das Kandidatenturnier und dann muss man am Brett zeigen, aus welchem Stoff man gemacht ist.

Weißt du selbst, was fehlt?

Ja, und ich arbeite daran. Natürlich will ich immer überall der Beste sein. Der Ehrgeiz ist da, aber es muss alles zu einem Durchbruch zusammenkommen. Beim Kandidatenturnier 2013 war ich nach der ersten Hälfte punktgleich mit Carlsen auf +3, aber dann wurde es schwer zu spielen und gegen Ende konnte ich in einigen Partien einfach gar nichts mehr berechnen. Gleichzeitig war ich aber ruhig, wie Kaa im Dschungelbuch; das ist zweifellos mein Hauptproblem. Schließlich weiß ich so einiges übers Schachspielen.


Über das Wichtigste im Schach

Definitiv die Liebe zum Schach. Wenn es nicht harte Arbeit ist, sondern ein tiefes Gefühl, ist es ganz anders. Man muss das Spiel von ganzem Herzen lieben und der Rest kommt dann von alleine. Wenn das nicht der Fall ist, kann man sich ein Bein ausreißen, aber man wird kein Top-Großmeister werden.


Über Carlsens schlechten Einfluss auf junge armenische Spieler

Ich habe den Eindruck, es ist ein rein regionales Problem. Wie spielen sie auf dem Kaukasus Schach? Jeder ist talentiert, aber sie spielen nur "nach Gefühl", ohne besondere Vorbereitung. Wie habe ich zum Beispiel angefangen zu spielen? Ich wusste nicht wirklich etwas, aber Gabriel (Sargissian) zeigte mir manches und ich habe angefangen, mit ihm zu arbeiten. Und jetzt haben wir sehr talentierte 20-jährige Schachspieler, aber ich weiß nicht, wie wir sie verändern können. Sie wollen nicht arbeiten, aber absolut alle wollen spielen! Der Einfluss des Weltmeisters ist spürbar: jeder will wie Carlsen spielen, aber sie verstehen nicht, dass Carlsen viel arbeitet, um so spielen zu können. In unserer Generation wiederum hat sich jeder mit Kramnik verglichen und versucht, mit einem gewissen Fundament zu spielen.

Also im Kaukasus gibt es talentierte, aber faule Leute; und es ist unklar, wie man das ändern kann.

Ein Landsmann vom Kaukasus (ein gewisser Garry Kasparov) hatte nie zu viele Probleme mit Aggression oder enormer Arbeit für das Schachspiel | Foto: Lennart Ootes

Ob Carlsen in einer eigenen Liga ist

Das sehe ich nicht so. Ich sehe es so wie Boris, der sagt, dass er jederzeit bereit ist, ein Match gegen Carlsen zu spielen. Ich würde auch liebend gerne gegen ihn spielen! Es ist immer interessant, gegen einen Schachspieler anzutreten, den man respektiert und gegen den man alles gibt.

Siehe auch:


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