Berichte 08.08.2019 | 08:55von Colin McGourty

Levitov Chess Week: Nepo gewinnt nach Fotofinish

Ian Nepomniachtchi ist der Turniersieger der Levitov Chess Week. Im Duell mit dem punktgleichen Alexander Grischuk gab am Ende der direkte Vergleich, den Nepo für sich entschieden hatte, den Ausschlag. Anish Giri sorgte mit seinem Sieg gegen Nepo dafür, dass das Turnier bis zum Schluss spannend blieb, und hätte mit einem Sieg gegen Boris Gelfand sogar noch selbst in den Kampf um den Turniersieg eingreifen können. Gelfand holte wie Vishy Anand 50% und landete damit vor Vladimir Kramnik, Peter Svidler und Evgeny Bareev.

Gruppenbild vor dem Hotel | Foto: Jan Gustafsson

Wer bekommt das erste Taxi? | Foto: Jan Gustafsson

Alle Partien der Levitov Chess Week könnt ihr mit Computeranalyse nachspielen:

Blutige Vorschlussrunde

Eine frühere Version dieses Abschlussberichts sollte damit beginnen, dass Peter Svidler aus Zeitgründen nicht mehr in der Lage war, ein abschließendes Video zu veröffentlichen, und dort stand auch, dass “wir uns nur vorstellen können, wie hart er angesichts seiner Niederlage gegen Vladimir Kramnik mit sich ins Gericht gegangen wäre”. Zum Glück lieferte er das Video aber nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg noch nach! Dabei geht er noch einmal auf alle acht Partien am Schlusstag ein, was man natürlich nicht verpassen sollte:

Und natürlich gab es eine ordentliche Portion Selbstironie:

Jeden Tag verlor ich eine Weißpartie, die man direkt abdrucken und in mehrere Diagramme zerlegen kann… Ein sehr schönes Beispiel, wie man unvorsichtige Gegner vermöbelt – diesen Dienst für die Allgemeinheit habe ich bei diesem Turnier definitiv geleistet! Keine davon hat Spaß gemacht, aber hilfreich waren sie trotzdem. 

Natürlich können wir da nicht widerstehen und zeigen hier die Diagramme. Peter war mit seiner Stellung mit dem Doppelbauer auf der f-Linie eigentlich recht zufrieden und verwies darauf, dass er bei der Blitz-WM eine ganz ähnlich Partie gegen Jan-Krzysztof Duda gewonnen hatte. Dann aber spielte er 16.a3?


Svidler erklärt, dass die Hauptdrohung Ld6 gefolgt von Dg5, Df4 und Matt auf h2 ist!

Und so ging die Geschichte weiter:

Ich spielte 16.a3, stand auf, und Vladimir schaute mich fragend an. Dann dachte er einige Minuten nach und spielte 16.Ld6!! Ich setzte mich wieder ans Brett und dachte, „Okay, das habe ich nicht gesehen, aber so schlimm kann es nicht sein. Ich meine, wie kann das sein? Ich habe eine Taktik übersehen, aber meine vorherigen Züge sahen ziemlich logisch aus – schon riskant, aber logisch.“ Und dann suchte ich zehn Minuten lang nach einem Zug und erkannte, dass meine Stellung quasi verloren ist. Es ist sogar noch schlimmer, denn es ist sehr schwer, die Partie überhaupt noch fortzusetzen.

Es folgte 17.f4 Dh4! 18.f3 Sxf4! 19.Dd2 Sbd3! und Peter meinte, “die Stellung ist malerisch genug” und gab auf.


In dieser Partie zeigte Vladimir Kramnik seine Klasse, aber davor und danach setzte es vier Niederlagen | Foto: Jan Gustafsson

Den souveränsten Sieg dieser Runde landete Evgeny Bareev, der damit auch Boris Gelfands Chancen auf den Turniersieg zunichtemachte. Vishy Anand lag derweil nur einen halben Punkt hinter Nepomniachtchi, doch das Damenopfer, das er gegen Alexander Grischuk brachte, war nicht von Erfolg gekrönt.


37…Dxd3. Natürlich würde Schwarz nach dem Schlagen der weißen Dame mit 38…Se1+ eine Figur gewinnen, aber nach 38.Db7+ Kh6 39.Dxf3 verwertete Grischuk seinen Mehrbauern.

Damit hatte Ian Nepomniachtchi die Chance, mit einem ganzen Punkt Vorsprung in die Schlussrunde zu gehen, aber stattdessen verlor er seine Partie gegen Anish Giri. Für das ungeübte Auge kommt der frühe Damentausch, den Weiß hier zulässt, ziemlich überraschend, aber Svidler erklärte hinterher, dass es gerade im Trend liege, gut spielbare Stellungen mit frühem Damentausch anzustreben. Er erklärte auch, dass die Weltklasse nun auch mit Leela Zero arbeitet…

Svidler erklärte, warum diese Variante ganz im Stil von Alpha/Leela Zero verläuft - beide Seiten schieben erst einmal ihre Randbauern nach vorn! 

Giri hatte alles unter Kontrolle, drohte mit Matt und gewann dann prosaisch einen Springer, womit er Nepomniachtchi die erste Turnierniederlage zugefügt hatte. Damit lagen Giri und Grischuk vor der Schlussrunde gleichauf mit Nepo an der Spitze.

Fotofinish

Svidler konnte sich am Ende mit einem Sieg gegen Anand in der Najdorf-Variante noch rehabilitieren und dem Ex-Weltmeister seine dritte Turnierniederlage zufügen. Nach starken Leistungen in Paris und in Amsterdam lief es dieses Mal nicht so gut für Vishy, aber die Trauer hielt sich in Grenzen.

In einer gerechten Welt würde dieses Haus Peter Svidler gehören | Foto: Jan Gustafsson

Derweil musste Vladimir Kramnik, der Svidler in der Runde zuvor noch geschlagen hatte, erleben, wie sich auf der anderen Seite des Bretts anfühlt, wenn ein Springer auf d3 auftaucht: 


Das Figurenopfer 16…Sxd3+! 17.Ke2 Shf4+! 18.exf4 Sxf4+ war nicht vernichtend, aber ganz im Sinne von Alexander Grischuk. Der Russe gewann in der Folge die Partie und setzte Ian Nepomniachtchi und Anish Giri damit unter Druck.

Nepo traf auf Evgeny Bareev, der “womöglich inspiriert von seinem schönen Opfersieg gegen Gelfand in der Runde davor” (Svidler), ein weiteres Opfer brachte:


14…Sxh2? 15.Sxh2 Lxh2+ 16.Kxh2 Sg4+ und Ian brauchte gar nicht groß zu rechnen, um zu sehen, dass er nach 17.Kg3! alles unter Kontrolle hatte. Bareev gab drei Züge später auf.

Damit war das Turnier aber noch nicht entschieden, da Giri, der gegen Nepo gewonnen und gegen Grischuk remisiert hatte, mit einem Sieg gegen Boris Gelfand die beste Wertung gehabt hätte. Allerdings stand er die gesamte Partie über mit dem Rücken zur Wand und schaffte nach 68 Züge ein hart erkämpftes Remis.

Anish Giri brachte nach Amsterdam Verstärkung mit | Foto: Jan Gustafsson

Sopiko kann Daniel nichts mehr über die Bedeutung der Zentrumsbauern beibringen  | Foto: Jan Gustafsson

Damit war klar, dass Ian Nepomniachtchi die erste Austragung der Levitov Chess Week vor Grischuk und Giri gewonnen hatte:

Bei der Pokalübergabe schaffte es Jan G. nicht ganz in die erste Reihe | Foto: Jan Gustafsson

Hoffen wir, dass das Turnier nächstes Jahr wieder stattfindet und wir nicht bis zu Ilya Levitovs 50. Geburtstag warten müssen!

Schon bald wartet aber der nächste Höhepunkt auf alle Schachfans, denn am Samstag treten die Top 3 der Welt, Magnus Carlsen, Fabiano Caruana und Ding Liren beim St. Louis Rapid und Blitz an. 

Weitere Links:


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