Berichte 17.06.2018 | 09:30von Colin McGourty

Leuven GCT, Tag 5: Wesley gewinnt Thriller am letzten Tag

Wesley So gewann die Your Next Move Grand Chess Tour 2018 nach einer außergewöhnlichen letzten Runde. Nach seiner Niederlage gegen Hikaru Nakamura "weinte er fast", aber dann stellte sich heraus, dass seine beiden Rivalen Maxime Vachier-Lagrave und Sergey Karjakin ebenfalls verloren hatten. Somit gewann So, zuvor 2016 und 2017 jeweils Zweiter hinter Magnus Carlsen, das erste Turnier der Grand Chess Tour 2018, was 37,500$ und 13 Tourpunkte für den alleinigen Sieg bedeutete. Die enttäuschten Karjakin und MVL teilten immerhin Platz zwei.

In diesem Moment bemerkt Wesley So, dass er das Turnier tatsächlich gewonnen hat | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Du kannst alle 135 Partien aus Leuven im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse:

Und das ist der Livekommentator des unvergesslichen letzten Tages:

Oft sind letzte Tage eines Turniers nicht allzu aufregend, und eine chronologische Berichterstattung eher unergiebig. Aber diesmal gab es so viele Wendungen, Irrungen und Wirrungen, dass wir es so machen müssen!

1. Karjakin schiesst ein Tor

Ein Fehlstart für Wesley | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach Niederlagen in den beiden letzten Blitzpartien am Donnerstag - zuvor war Wesley dieses Jahr in Leuven ungeschlagen - hatte er zu Beginn des letzten Tages noch 1,5 Punkte Vorsprung. Das ist vielleicht nicht allzu viel, aber wenn Wesley 50% erzielen sollte, bräuchten Sergey Karjakin und/oder Levon Aronian +3 in 9 Runden um ihn einzuholen - mit derlei Ergebnissen gewinnt man oft ein Superturnier. Aber gleich zu Beginn hatte Wesley einen Brocken...Schwarz gegen Karjakin! Der Russe hatte tags zuvor seine drei letzten Partien gewonnen. Wesley gab später zu, dass er sich Sorgen machte: 

Zu einem gewissen Zeitpunkt nach den gestrigen Partien dachte ich, dass ich nur eine sehr kleine Chance auf den Turniersieg habe. Sergey Karjakin ist vielleicht der zweitbeste Blitzspieler weltweit, und er gewinnt reihenweise Partien. Heute befürchtete ich zwischendurch, dass ich nicht einmal unter den besten 3 Spielern landen würde.

Die Angst schien berechtigt, nachdem Sergey das Läuferpaar bekam und dann mit einem für ihn typischen "grind" gewann - noch ein halber Punkt Vorsprung für Wesley. Momentum könnte auch eine Rolle spielen - es war Sergeys vierter Sieg nacheinander und Wesley hatte dreimal nacheinander verloren. Außerdem hatte auch Nakamura seine vierte Partie nacheinander gewonnen, Aronian spielte Remis und MVL besiegte Grischuk - alle Rivalen von Wesley konnten Boden gutmachen.

2. Karjakin holt So ein

Die nächsten beiden Runden waren relativ ruhig, auch wenn Karjakin gegen Nakamura die Chance verpasste, So sofort einzuholen…

‌Karjakin verpasste seine Chance gegen Nakamura - Remis in 101 Zügen!

…während So sein schwankendes Schiff in den Remishafen steuerte. Das Unvermeidliche war jedoch nur aufgeschoben, nach der vierten Runde des Tages lag So erstmals in 21 Runden nicht mehr alleine vorne. Er konnte einen Vorteil gegen Grischuk nicht verwerten, während Karjakin Anand mit erneut beeindruckender Technik besiegte. Noch eine schlechte Nachricht für So: Maxime Vachier-Lagrave, ebenfalls einer der weltbesten Blitzspieler, besiegte Caruana und hatte nun nach 3,5/4 zu Beginn des zweiten Tages nur noch einen halben Punkt Rückstand auf die Führenden.

3. Eine Traumrunde für Wesley

Gerade als die Hoffnung dahin schien - Wesley hatte nur eine von 15 Partien gewonnen - passte plötzlich alles für ihn: 


Zuvor war sein einziger Sieg im Blitz gegen Anish Giri, und wieder gab Anish Wesley genau das was er brauchte. Man kann dabei auch schreiben, dass Wesley für Stehvermögen und brilliante Technik belohnt wurde - er konnte einen Mini-Vorteil zum Sieg verdichten.

Nigel Short beim altmodischen Livekommentar | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wie Du siehst, haben die anderen Spieler auch ihren Teil beigetragen, die Stars des Tages litten gegen Außenseiter. Sergey stand bereits schlecht und spielte dann gegen Grischuk 20…Db6?:


Nach 21.Nc4! fiel der Vorhang bereits. MVL wurde von Shakhriyar Mamedyarov überspielt, und  Nakamura erlitt einen herben Dämpfer gegen Caruana. Er musste den schwarzen Springer abtauschen, bevor dieser auf e4 landete:


Scheinbar kann Weiß sich konsolidieren, aber nach 45.Tf1 kam 45…Lg3! was viel Material gewinnt.

Auch in einem schlechten Turnier ist Caruana immer gefährlich | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Plötzlich hatte Wesley vier Runden vor Schluss wieder einen Punkt Vorsprung!

4. Ein wichtiger Sieg

In der nächsten Runde konnte Karjakin durch Sieg gegen Giri den Rückstand wieder auf einen halben Punkt reduzieren, aber wiederum eine Runde danach machte Wesley einen Riesenschritt Richtung Turniersieg: zwei unglaublich nervenaufreibende Partien hatten das aus seiner Sicht richtige Ergebnis. Vier Züge vor Partieende hatte Karjakin eine dicke Siegchance gegen MVL (48...Ke7!), aber 50…c3? war dann der Verlustzug:


Nach Maximes 51.d7! musste Karjakin aufgeben, da 51…Ke7 an 52.f6+! scheitert: Schwarz kann nicht mehr beide Freibauern auf der d- und f-Linie aufhalten.

Manchmal ist Schach wirklich schwer | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Zugleich hatte Wesley einen klaren Vorteil gegen Fabiano Caruana vergeben, aber wurde dann im Endspiel mit zwei Türmen gegen Dame für seine Zähigkeit belohnt:


Wenn Fabi mit seiner Dame nach f7, a8, b8, c8 oder b4 zieht, d.h. jedes Feld ab dem Dauerschach droht, ist die Stellung immer noch remis. Aber er spielte 71.Db6? und musste nach 71…Txg3! wegen unvermeidlichem Matt aufgeben.

‌Caruana-So in Zeitlupe

Mit nur noch zwei Runden hatte Wesley nun 1,5 Punkte Vorsprung. Ein Remis in den beiden letzten Partien reichte zumindest für einen Stichkampf um den Turniersieg - und ein Sieg oder zwei Remisen für den alleinigen Turniersieg.

5. Eine Alptraum-Runde für Wesley

Das einzige Problem war, dass Wesley tags zuvor seine beiden letzten Partien gegen Mamedyarov and Nakamura verloren hatte. Aber so wie die Partie gegen Shak anfangs verlief schien sich dieses Szenario nicht zu wiederholen...


Der Weg zum Ruhm war 28.Sd5!, wonach der Springer wegen 28…exd5 29.Lxd5+ tabu ist - für Schwarz Damenverlust oder Matt nach 29…Kf8 30.Dh8#. Falls Wesley dies überhaupt erwogen hatte, befürchtete er vielleicht, dass seine Dame nach z.B. 28…Df8 29.Df6+ Kg8 30.Dxe6+ Kg7 keine Rückzugsfelder hat. Aber für dieses Problem gab es brilliante Lösungen (z.B. 31.Sf4!! Lf7 32.Ld5! aufgrund der Gabel auf e6). Wahrscheinlich wollte er einfach solide spielen, nach dem Partiezug 28.Sxe8 schien Abtausch weiterer Figuren nebst Remis unvermeidlich. Stattdessen bekam Shak leichten Vorteil und konnte diesen langsam zum Sieg verdichten.

Auch andere Partien hatten aus Wesleys Sicht falsche Ergebnisse:


Nun hatte er in der letzten Runde Schwarz gegen Nakamura, und hinter ihm lauerten Karjakin und MVL die wieder nur einen halben Punkt Rückstand hatten. Hatte Garry Kasparov das Schicksal herausgefordert?

‌Kasparov wies darauf hin, dass Carlsen letztes Jahr trotz Rückstand nach dem Schnellturnier überholen konnte, aber... "Wie wir wissen, ist Karjakin nicht Carlsen!"

6. Ein gutes Ende für So

Dies war eine der verrücktesten Runden im Schach seit dem Kandidatenturnier 2013. Damals hatten Magnus Carlsen und Vladimir Kramnik beide verloren, gegen Peter Svidler bzw. Vassily Ivanchuk, und Magnus war zu mitgenommen, um die Erfüllung eines Lebenstraums zu feiern. In Leuven stand nicht ganz so viel auf dem Spiel, dafür waren mehr Spieler beteiligt.

Kennen wir uns?... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nakamura-So begann denkbar schlecht für Wesley, und unglaublich gut für Hikaru. Heutzutage kann man eine Eröffnungsfalle kaum mehrfach verwenden, aber Hikaru gelang dies in einem b3 System dreimal am selben Tag! Erst spielte Anish Giri 5…c5?! 6.dxc5 Da5+ 7.c3:


Er sah nun das Problem und verteidigte den e-Bauern mit 7…Te8?, aber nach 8.b4 stand er sehr schlecht und verlor dann. Es war wohl besser, die Falle mit 7…Dxc5 8.La3! Db6 9.Lxe7 zu erlauben. Das tat Mamedyarov einige Runden später - aber auch er verlor. In Leuven war kaum Gelegenheit, um andere Partien zu betrachten, und die Spieler waren zwischen den Runden vielleicht auch abgelenkt…

Das Pausenprogramm zwischen den Runden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

…jedenfalls landete Wesley in der wichtigsten Partie des gesamten Turniers in genau derselben Falle!

‌Zum dritten Mal heute gewinnt Nakamura auf dieselbe Weise einen Bauern - nun in einer für seinen Gegner extrem wichtigen Partie!

Wesley war offensichtlich erschüttert, aber spielte ‌8...Dc7 und kämpfte weiter. Hikaru schien über weite Strecken der Partie auf der Siegerstraße, aber Wesley hatte seine Chancen, auf Ausgleich und - nach einer bizarren Unterbrechung, in der Schiedsrichter die Spieler ermahnten, die Uhr nicht allzu sehr zu malträtieren - hatte er gar einen Mattangriff: 


Nach 48…Dg1+ 49.Kf3 De3+ 50.Kg4 h5+ 51.Kh4 Kg7 hat Weiß keine Verteidigung gegen die schwarze Drohung Kh6 nebst g5 mit Matt. Stattdessen spielte Wesley sofort 48…h5? mit kurzzügigerer Mattdrohung, aber nach 49.h4! stand er wiederum auf Verlust, und verlor letztendlich.

Verzweiflung für Wesley… aber nur vorübergehend!

Nach meiner Niederlage gegen Hikaru wollte ich fast heulen da ich dachte, oh, nicht einmal ein Stichkampf für mich. Stichkampf schien das maximal mögliche, und dann sah ich Sergeys Gesicht, auch er schien sehr enttäuscht. Ich dachte "was ist hier denn los?". Also schaute ich auf den Monitor - alle hatten verloren! Ich musste das im Internet überprüfen, um 100% sicher zu sein.

Das war kein vorab vereinbartes Remis... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Karjakin und Mamedyarov sind gut befreundet und wurden zuletzt beschuldigt, dass sie vor Partien Remis vereinbaren. Aber Mamedyarov gelang ein wichtiger Sieg im Kandidatenturnier, und diesmal zerstörte er die Hoffnungen seines russischen Gegners. 36…Dxg4! war noch akzeptabel, 36…hxg4 dagegen der Verlustzug:


37.h5! öffnete die h-Linie, danach war der schwarze König dem Kreuzfeuer weisser Figuren auf der f- und h-Linie sowie der Diagonale c1-h6 schutzlos ausgeliefert.

Sehr enttäuscht nach dem zweiten Blitztag in Leuven, aber gleichzeitig teile ich die Meinung, dass Wesley das Turnier verdient gewonnen hat. So, Gratulation! 

"My man Vishy" gönnte MVL keinen wichtigen Sieg | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

MVL-Anand war gar noch dramatischer: Maxime verpasste mehrere Chancen, diese Partie und damit das Turnier zu gewinnen. Zum Beispiel: 


24.Lxb7! wäre ein hübscher Schluss, nach 24…Sxb7 25.Tc6! mit Doppelangriff auf den weissen Läufer und das Feld e6. Nach 57 Sekunden, eine Ewigkeit für Blitzschach, spielte Maxime stattdessen 24.De5. Dabei hatte er vielleicht übersehen, dass er nach 24…0-0 25.Lb4 keine Qualität gewinnt: 25…Df6! und die weisse Dame ist angegriffen und ungedeckt. Weitere Abenteuer folgten, aber letztendlich übernahm Vishy das Kommando, gewann diese Partie und bekam dafür Glückwünsche vom Turniersieger!

Ich danke my man Vishy für seinen Schwarzsieg, und auch Shak dafür, dass er seinen Sieg gegen mich in der vorletzten Runde neutralisierte!

Wesley erzielte einen halben Punkt weniger als 2016, aber diesmal hat ihm kein Magnus den Turniersieg geklaut:


Angesichts der letzten Runde war sogar nachvollziehbar, dass Wesley höhere Mächte erwähnte!

Ich widme dieses Turnier dem Lord, da es wirklich ein Wunder ist.

Wesley So, Sieger der Your Next Move Grand Chess Tour 2018 | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Leuven ist vorbei, aber wie Wesley erwähnte: "90% der Spieler reisen weiter nach Paris", ab Mittwoch Austragungsort des nächsten Turniers der Grand Chess Tour. Vor diesem Turnier ist dies der Stand in der Tourwertung:


Nur Wildcard Anish Giri reist nicht weiter nach Paris, er gewann keine seiner 14 letzten Partien und wurde mit 11/36 abgeschlagen Letzter. Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik, Wildcard in Paris, will es wohl besser machen. Natürlich wird chess24 live übertragen!

Siehe auch:


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