Berichte 16.06.2018 | 08:35von Colin McGourty

Leuven GCT, Tag 4: So stolpert am Ende

Wesley So führt vor dem letzten Tag der Your Next Move Grand Chess Tour immer noch, aber es hätte für ihn viel besser laufen können. Zwei Runden vor Ende des Tages hatte er wieder, wie zuvor nach dem Schnellturnier, 3 Punkte Vorsprung. Aber dann verlor er zweimal - nach einem Patzer gegen Shakhriyar Mamedyarov sowie in einer fehlerreichen Partie gegen Hikaru Nakamura, bei der er zum Schluss im Remisendspiel einen Turm einstellte. Damit schrumpfte seine Führung auf 1,5 Punkte vor den ehemaligen Blitzweltmeistern Levon Aronian and Sergey Karjakin, Sergey hatte mit ungeschlagenen +4 das beste Ergebnis des Tages.

Nach einem mühsamen Start ins Blitzturnier bekam Nakamura am Ende seine Rache für die Niederlage im Schnellschach gegen So | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Du kannst alle Partien der Your Next Move Grand Chess Tour in Leuven im Viewer unten nachspielen:

Und Du kannst Dir den Livekommentar nochmals anhören:

Wesley Sos perfekter Tag endet enttäuschend

In den ersten sieben Runden am Freitag konnte es für Wesley So kaum besser laufen. Nicht dass er selbst überragend spielte - nach vier Remisen ein Sieg gegen Anish Giri - aber keiner seiner Rivalen konnte wirklich Boden gutmachen. Dies schien am ehesten der Fall für Maxime Vachier-Lagrave, der zwei Partien gewann, dann allerdings in Runde 7 glatt gegen Sergey Karjakin verlor.

Lange hatte Wesley allen Grund zum Lachen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hikaru Nakamura, der tags zuvor gesagt hatte "viele von uns... sind viel bessere Blitzspieler als Wesley”, begann mit einer Niederlage gegen den Tabellenletzten Anish Giri und brachte auf dem Weg zu einer weiteren Niederlage in Runde 3 gegen MVL ein Bauernopfer für nichts:

‌MVL nach Sieg gegen Nakamura nur noch 2 Punkte hinter So! Hikaru hatte eine verlorene Stellung, aber überschritt auch die Bedenkzeit.

Nachdem Wesley gegen Giri gewann, überholte er auch Hikaru auf der Live-Blitzeloliste und belegte da Platz 2 hinter nur Magnus Carlsen. Der Eindruck konnte entstehen, dass Nakamura Opfer seiner eigenen Aussage wurde:

‌So ist nun Nummer 2 in der Blitz-Liveeloliste, Naka bezahlt einen hohen Preis für seine Grand Chess Tour Vorhersage gestern...‌

Die ersten Zeichen, dass nicht alles ganz nach Plan verlaufen sollte, kamen dann in Runde 7. Wesley schwebte am Rande einer Niederlage gegen Fabiano Caruana – aber er kämpfte zäh, und am Ende war vielleicht gar mehr als Remis möglich!


Fabi hatte komplett die Kontrolle verloren und erlaubte das Eindringen der weissen Figuren, aber hier spielte Wesley 46.Tc3, was den schwarzen Freibauern gewinnt und Remis forciert. Stattdessen ist 46.Tcc8! mehr als nur eine einzügige Mattdrohung. Zum Beispiel gewinnt laut Computer Weiß nach 46…f5? 47.Th8!, und auch nach 46…f6 übt Weiß Druck aus.

Am ersten Blitztag konnte So nur gegen Anish Giri gewinnen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wie eingangs erwähnt reichte dieses Remis Wesley jedoch für wieder 3 Punte Vorsprung, da der zu diesem Zeitpunkt Zweite MVL verlor. Zwei solide Partien in den verbleibenden Runden, und er hätte vor dem letzten Tag eine sehr gute Ausgangsposition.

Nun tauchten in seinen Partien jedoch grobe Fehler auf. Seine Stellung gegen Shakhriyar Mamedyarov war bereits schwierig, aber 23…Sac5? verlor sofort:


24.Sd6+! Kc7 25.Sxf7 war bereits der KO-Schlag, auch wenn Wesley sich erst nach 49 Zügen in seine erste Niederlage fügte.

Wesley sagte, dass ihm am Ende die Energie fehlte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der letzten Runde hatte So Weiß gegen Nakamura, der direkt zuvor zwei Partien gewonnen hatte. Das erste Anzeichen, dass bei Wesley etwas nicht stimmte, war 20.h3?


Das war in vielerlei Hinsicht falsch: nach einfach 20.Lf3 würde es wohl Remis durch Stellungswiederholung, und So hätte 2 Punkte Vorsprung auf Aronian und Karjakin sowie 4 Punkte auf Nakamura. Mit Weiß fühlte er sich vielleicht verpflichtet, gegen einen Rivalen weiter zu spielen, aber der Partiezug erlaubte 20…Lxh3! - was einfach einen Bauern gewinnt, da Weiß nach 21.gxh3 Dh4! 22.Tf1 Dxh3 nebst eventuell Te8-e5-g5 keine Verteidigung hat.

Diesen Moment überstand Wesley, da Hikaru 20…c5 spielte. Aber bald stand Schwarz dennoch besser, und Wesley hatte etwas Glück, dass er in ein theoretisch remises Endspiel entwischen konnte. Ein Blackout reichte dann allerdings: 85.Kf2?? Danach kann Schwarz den Bauern auf f5 nicht mit Schach schlagen, aber natürlich war 85…Sd1+! ein Problem:

‌So stellt im Remisendspiel einen Turm ein und hat nun vor dem letzten Tag nur noch 1,5 Punkte Vorsprung auf Aronian und Karjakin!

Lobenswert ist, dass Wesley So danach zu einem Interview von Maurice Ashley bereit war. Er hatte eine einfache Erklärung: "In den letzten beiden Partien fehlte mir wohl einfach Energie".

Das ist der Tabellenstand vor dem letzten Tag:


Gurken und Kuriositäten

Das Salz in der Suppe bei Blitzturnieren sind die unvermeidlichen Fehler. Es war ein sehr guter Tag für Sergey Karjakin. Gegen MVL gewann er souverän, ansonsten profitierte er von gegnerischen Fehlern.

Sergey Karjakin hatte einen Lauf, wie zuvor als Sieger bei der Blitz-Weltmeisterschaft 2016 und im Blitzsegment von St. Louis Rapid and Blitz 2017 | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vishy Anand machte es besonders bunt:


18.Sxe4?? Sxe4 19.Dc2 wäre eine Fesslung, die den Springer wieder gewinnt, bis auf ein Detail: der schwarze Se7 deckt die Dame auf f5. Karjakin konnte einfach wieder 19…Sf6 spielen und hatte eine Mehrfigur. 

A senior moment” sagte Yasser, aber Hikaru Nakamura machte quasi dasselbe… gegen Vishy!


Weiß ist objektiv vielleicht ohnehin verloren, aber nach 27.cxd5? konnte auch Anand einfach eine Figur einkassieren - 27…Txd4, da auch hier die Dame von einem Springer gedeckt und Abtausch auf c2 demnach nicht erzwungen ist.

Es gab mehrere dramatische Achterbahn-Partien. Bei Caruana-Mamedyarov kippte das Computerurteil vielleicht am häufigsten und extremsten. Maurice Ashley wählte einen schlechten Moment für die Frage an Grischuk "Wie geht es?": 

Nicht allzu gut, ich habe gerade eine herzzerreissende Partie verloren!

Grischuk hatte gegen Nakamura, einen seiner grössten Rivalen, aus Gewinnstellung heraus noch verloren: 

‌Schach ist Emotionen

Trotz derlei Schmerzen brachte Grischuk dann ein bemerkenswertes Zitat:

‌Grischuk: "Ich denke, es ist manchmal schwieriger, nach Siegen zu spielen als nach Niederlagen...Euphorie ist viel schlimmer als Wut!"

Sein Tag war auch ansonsten "für die Annalen". In der Runde zuvor hatte er eine Gewinnstellung gegen Anand verdorben, und ganz zum Schluss eine zweite Chance verpasst - statt einzügig Matt zu setzen, ging er einfach davon aus, dass der Gegner den Remiszug gespielt hatte!

‌Anand-Grischuk war ein verrücktes Remis! Hier ging Grischuk davon aus, dass 71.Df7+ gespielt wurde und griff nach seinem König... aber der Zug war tatsächlich 71.Df8??, und Grischuk verpasste ein einzügiges Matt :)

Das kann im Blitzschach passieren... | photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle drei in diesen Beispielen erwähnte Spieler - Nakamura, Grischuk und Anand – erzielten dennoch +1, nur Aronian (+2) und Karjakin (+4) machten es besser. 

Levon hatte einen turbulenten Tag mit vier Siegen und zwei Niederlagen | photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der erfolgloseste Spieler? Niemand anders als WM-Herausforderer Fabiano Caruana; vier Niederlagen, fünf Remisen und kein Sieg, zum Schluss eine brutale Niederlage in 21 Zügen gegen Aronian. Er wäre wohl lieber woanders... . Übrigens, sein WM-Gegner war Fussball-Kommentator für das norwegische Fernsehen!

‌Magnus ist zurück im Studio und kommentiert das Match

Zuvor hörten wir, dass die Grand Chess Tour die Turniere in Leuven und Paris im Mai austragen wollte, um nicht mit Fussball zu konkurrieren - was sich dann jedoch als unmöglich erwies.

Trotz des schlechten Endes am ersten Tag hat Wesley So immer noch eine sehr gute Ausgangsposition. Wenn er am zweiten Tag 50% erzielt, bräuchte zum Beispiel Karjakin nochmals beeindruckende +4 um ihn zu überholen. Aber bei ein paar Niederlagen zu Beginn des zweiten Tages ist sein Vorsprung eventuell bereits dahin, und in der ersten Runde am Samstag hat So Schwarz gegen Karjakin. Verpasse das Geschehen nicht, am Samstag beginnt es zwei Stunden früher um 12:00 MESZ!

Siehe auch:


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