Berichte 15.06.2018 | 09:29von Colin McGourty

Leuven GCT, Tag 3: Wesley So mit souveränem Sieg beim Schnellschach

Auch am dritten Tag des Schnellschachturniers der Your Next Move Grand Chess Tour in Leuven war Wesley So nicht zu stoppen. Er besiegte Hikaru Nakamura in der ersten Runde auf beeindruckende Art und Weise und erzielte am Ende wie im Vorjahr 14 aus 18. Sein Vorteil ist dieses Mal aber, dass kein Magnus Carlsen am Start ist, der ihn noch überholen kann. Nakamura behauptete hinterher (und wurde dafür von Fabiano Caruana kritisiert), dass “mehrere von uns viel bessere Blitzer sind als Wesley“, und wenn MVL und Alexander Grischuk im Blitzen einen guten Tag erwischen, kann es auf jeden Fall noch spannend werden. Nur Anish Giri und Vishy Anand sind komplett abgeschlagen und bräuchten ein Wunder, um in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen.

Dramatischer Auftakt mit vier Schwarzsiegen, darunter auch Nakamura 0-1 So | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Schnellschachpartien könnt ihr mit einem Klick auf die Runde bzw. das Ergebnis nachspielen:

Und hier das Video mit der Live-Übertragung vom dritten Turniertag in Leuven:

Wesley So bleibt cool

Bei Wesley So sah alles sehr leicht aus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Es hätte für Wesley So in Leuven nicht besser laufen können, doch dann erschütterte ein merkwürdiger Vorfall nach der 2.Runde sein inneres Gleichgewicht. Im Internet wurden Vorwürfe laut, dass er auf eine beleidigende Nachricht auf einer Schach-Website mit einer extrem üblen Schimpftirade geantwortet habe. Normal würden wir solche Posts ignorieren, bis die Fakten ans Tageslicht kommen, doch in diesem Fall antwortete Wesley So selbst. In einem Facebook-Post, in dem er angibt, mitten in der Nacht geweckt worden zu sein, schreibt er, dass sein Account bei einer Schachseite gehackt worden sei:

"Ich war mehrere Monate nicht mehr auf Facebook, weil wir Bedenken wegen des Datenschutzes hatten. Heute poste ich einen Beitrag, weil jemand meinen Account bei einer Online-Schachseite gehackt hat und dort unter meinem Namen anti-muslimische Äußerungen gepostet hat. Wie es aussieht, will mich jemand während eines Schachturniers, bei dem es gut für mich läuft, aus dem Konzept bringen."

Letzteres scheint nicht funktioniert zu haben, denn die erste Partie des dritten Turniertags hätte nicht besser für ihn laufen können - und nicht schlechter für Nakamura!

Hikaru eröffnete mit dem Londoner System, das zwar keine tödliche Waffe ist, aber auch keine Eröffnung, in der ein Weltklassespieler schon nach 10 Zügen auf Verlust steht. 7.Db3? war wohl schon ein Fehler, und nach dem zweiten Fehlgriff 9.Ld6? ging es nach 9…Se4! schnell den Bach hinunter:


Der Springer greift nicht nur den Läufer auf d6, sondern auch den Bauern f2 an, und wenn Weiß nichts macht, kann Schwarz auf f2 schlagen und mit dem Damenschach auf f6 den Turm auf a1 gewinnen. Es gab nichts Besseres als 10.Db2, und nach 10…Sxd6 11.cxd6 Df6! hatte Nakamura ein trostloses Endspiel auf dem Brett. Womöglich hat er eine masochistische Ader, denn er spielte solange weiter, bis seine Figuren gleich auf mehrfache Art und Weise verloren gingen. 26….Kc5! war vermutlich die hübscheste Methode:

Es gab keine Rettung mehr, doch es dauerte bis zum 34.Zug, bis er eine "grauenhafte" Partie endlich aufgab. 

Wesley So ließ danach nichts mehr anbrennen und sicherte sich mit einem souveränen Remis gegen den Zweitplatzierten Sergey Karjakin schon eine Runde vor Schluss den Sieg beim Schnellschach. In der letzten Runde machte er gegen Vishy Anand schnell Remis und schloss das Turnier wie im Vorjahr mit fünf Siegen und vier Remis ab. 

Ausgangslage vor dem Blitzen

Auch Nakamura zeigte sich danach von seiner guten Seite und schlug erst Vishy Anand und anschließend auch noch Shakhriyar Mamedyarov. Die Anand-Partie war optisch sehr interessant, da Nakamura als Weißer alle Bauern auf weiße Felder stellte, während Vishy genau das Gegenteil tat:


Womöglich hat Schwarz eine Festung errichtet, doch Nakamuras Hartnäckigkeit zahlte sich aus und brachte ihm nach 74 Zügen den vollen Punkt ein. Zum Abschluss holte er dann noch einen Sieg gegen Mamedyarov in einer Stellung, in der unklar war, wessen Freibauern stärker sind.

Hikaru Nakamura war am und neben dem Brett in Kämpferlaune | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die beiden Siege zum Schluss ermutigten Nakamura offenbar so sehr, dass er den 4-Punkte-Rückstand auf So vor dem Blitzturnier als „machbar“ bezeichnete. Im nächsten Satz ging er sogar noch einen Schritt weiter:

Er ist nicht der beste Blitzer bei diesem Turnier. Mehrere von uns sind deutlich bessere Blitzer als Wesley.

Diese Worte wurden vom dritten Mitglied des US-Triumvirats (das mit Sam Shankland und Ray Robson das US-amerikanische Olympiateam stellt) deutlich infrage gestellt. Caruana gewann wie Nakamura zwei Partien und feierte dabei zwei überzeugende Schwarzsiege. 

Fabiano Caruana meinte, er habe den Turniersieg trotz sieben Punkten Rückstand auf So noch nicht abgeschrieben | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Seine Opfer waren Anish Giri und der bis dahin unbesiegte Sergey Karjakin, der sich im Russischen Spinnennetz seines Gegners verfing. Dieses Läuferpaar war absolut dominant!


Weiß hat einen Bauern mehr, doch der Computer zeigt einen Vorteil von fast vier Bauerneinheiten für Schwarz an. Für Caruana schien aber nicht nur die Sonne, denn gegen Levon Aronian ging er sang- und klanglos unter. Er fasste zusammen:

In einigen Partien beging ich Selbstmord – zum Teil waren sie einfach peinlich! Meine Partie gegen Levon… ich will gar nicht erst an sie denken.

Er widersprach aber Nakamuras Behauptung, dass es viele bessere Blitzer als Wesley So gebe:

Ich glaube nicht, dass Wesley ein schlechterer Blitzer als Hikaru ist! Hat er nicht die höhere Elo? Außerdem hat er das Blitzturnier beim Norway Chess gewonnen.

Fabiano hatte erst vor kurzem von seinem Teamkollegen "erfahren", dass Magnus Carlsens Gewinnchancen bei der WM zwischen 75 und 80 Prozent betragen würden und dieser auf jeden Fall gewinnen würde, wenn es zu einem Stichkampf kommt. “Fabiano hat in einem Stechen absolut keine Chance”.  

Wenn man sich die Fakten anschaut, sieht man zunächst, dass Nakamura bei der Live-Schnellschach-Elo von So überholt wurde…


…beim Blitzen aber noch vorn liegt:


Natürlich kann sich das schnell ändern!

Richtig übel erwischte es am dritten Schnellschachtag Vishy Anand und Anish Giri, die zwei weitere Niederlagen einstecken mussten und das Tabellenende zieren.    

Anish Giri & und sein Sekundant Erwin l'Ami ließen sich die gute Laune nicht verderben | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die anderen Spieler wie Grischuk, Mamedyarov und MVL landeten im Rahmen der Erwartungen und können beim Blitz noch einiges gut machen, wenn sie eine gute Tagesform haben.

"Im Allgemeinen sollten man nicht seine Feinde, sondern seine Freunde beeindrucken", meinte Aronian, nachdem er fast MVL besiegt hätte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Und hier der Endstand beim Schnellschach:


Die restlichen 18 Partien werden mit einer Bedenkzeit von 5 Minuten plus 3 Sekunden Delay ausgetragen, wodurch es sicher einige Zeitüberschreitungen geben wird. Kann So seine Form halten? Und wie werden die Amerikaner untereinander abschneiden? 

Wer wird den Pokal der Your Next Move Grand Chess Tour gewinnen? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Verpasst nicht die Live-Übertragung ab 14:00 Uhr auf chess24!

Weitere Links:


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