Berichte 09.07.2018 | 11:26von IM David Martínez

Leon Masters: Wesley So verteidigt seinen Titel

Der US-Amerikaner Wesley So hat zum zweiten Mal in Folge die Leon Masters gewonnen. Allerdings benötigte So einen Blitzstichkampf, um die spanische Nummer 1 Paco Vallejo zu bezwingen. Einmal mehr zeigte der gebürtige Filipino seine Defensivqualitäten und schlug dann bei verkürzter Bedenkzeit zu. So gewann nicht nur das Turnier – mit seinen witzigen Einwürfen in den Pressekonferenzen überzeugte er das Publikum auch abseits des Schachbretts. 

Wesley So zeigte große Defensivqualitäten und schlug zu, als sich ihm die Chance bot | Foto: Raúl Martínez

Alle Partien aus Leon könnt ihr hier nachspielen:

Vallejo kommt mit dem Schrecken davon und erreicht das Finale

Im zweiten Halbfinale am Samstag war die spanische Nummer 1 Paco Vallejo klarer Favorit gegen Lokalmatador Jaime Santos, doch statt des sicheren Einzugs ins Finale gegen Wesley So wäre er fast ausgeschieden. An einen Moment in der vierten und letzten Schnellschachpartie wird man sich noch eine Weile erinnern:


Paco musste gewinnen, um einen Stichkampf zu erzwingen, und seine Stellung gab das mit einem Zug wie 68.Ke6 auch locker her. Stattdessen „kombinierte“ er aber mit 68.Th8+??, was nach dem einzig legalen Zug 68...Kxh8 zu einer Verluststellung geführt hatte. Jaime Santos verlor die Partie aber trotzdem, denn er gab direkt auf und erklärte dies hinterher damit, dass er den Zug schon vorher gesehen hatte und dachte, er stünde danach auf Verlust. Beide Spieler hatten übersehen, dass Schwarz nach 69.Kxg6+ einfach mit dem Turm den Läufer auf e5 schlagen kann.

Hier die Live-Bilder dieser Szene:

Nach diesem Fall von beidseitiger Schachblindheit gewann Paco Vallejo beim Blitzen und durfte zum erhofften FInale gegen Wesley So antreten.

Wesley So verteidigt seinen Titel

Das Finale ging gleich gut los, denn Paco Vallejo zeigte eine ausgezeichnete Eröffnungsvorbereitung und brachte seinen Gegner direkt in Schwierigkeiten. Wesley So opferte in der Eröffnung eine Figur, doch als er die korrekte Fortsetzung verpasste, landete er in einer verlorenen Stellung.


So hätte hier 17...e5! spielen sollen, um mit dem folgenden Lxg4 gute Kompensation für den geopferten Springer zu erlangen. Stattdessen spielte er jedoch 17...Df6? wonach 18.Sde2! e5 19.Lg5 Df3 20.0-0-0 schon zu einer äußerst schwierigen Stellung führte. Trotz wenig Bedenkzeit verwertete Vallejo seinen Vorteil sicher, und So hatte erneut die Auftaktpartie verloren! Er meinte dazu:

Ich dachte, ich hätte meine Lektion nach dem ersten Match gelernt, aber offensichtlich war das nicht der Fall! Der einzige Unterschied war, dass ich mit Schwarz verloren habe...

Die erste Partie aus zwei Blickwinkeln | Foto: Raúl Martínez

So entschloss sich, in der zweiten Partie direkt All-In zu gehen und opferte ausgangs der Eröffnung einen Zentrumsbauern. Vallejo fand gute Züge, sodass Sos Kompensation bestenfalls unklar war:


Obwohl die weißen Figuren etwas aktiver sind, dürfte dies den Verlust des e-Bauern kaum aufwiegen. Vallejo beging aber eine Ungenauigkeit, durch die So das Material ausgleichen konnte, ehe wenig später die Entscheidung fiel.


So greift den schwarzen Läufer an, doch nach der richtigen Verteidigung 28...Dc7 wäre die Partie vermutlich remis ausgegangen. Vallejo übersah jedoch die gegnerische Idee und spielte 28...Tfe8?, was nach 29.Td4! Dc7 30.Tde4 direkt zu einer Verluststellung führte. Die Fesselung ist tödlich, denn wenig später verlor Vallejo Läufer und Partie.

Die Einsamkeit eines Schachspielers | Foto: Raúl Martínez

Die dritte und vierte Partie verliefen nach dem gleichen Strickmuster: Vallejo drückte und So verteidigte sich. Obwohl er sich vielversprechende Stellungen erarbeitete, wie in Partie 4, in der er einen gesunden Mehrbauern hatte, fand der Spanier keinen klaren Gewinnweg und konnte auch wegen Sos starker Verteidigung den Stichkampf nicht verhindern. Dabei ging es nicht nur um Schach, als Vallejo in der 4.Partie in besserer Stellung Remis anbot: „Ich hatte noch zehn Sekunden und musste aufs Klo!“

Die erste Blitzpartie verlief bis zu einem gewinnen Punkt ganz ähnlich. Nach einer schönen Eröffnungsidee von Paco Vallejo hatte Wesley So wieder eine unbequeme Stellung. 


Alle weißen Figuren stehen besser!

Mit dem präzisen 25.Dc2! konnte Weiß verhindern, dass die schwarze Dame ins Zentrum gelangt, da auf 25...De5 stark 26.Sg3 gefolgt wäre. In der Partie folgte aber 25.b4!?, wonach die schwarze Dame wenig später auf e6 landete, von wo aus sie das gesamte Brett kontrollierte. Als man schon mit einem Remis rechnen konnte, stellte Vallejo einen Bauern ein und Wesley So verwertete seinen Vorteil. 

Um die anschließende Aufgabe war Vallejo nicht zu beneiden  - es gibt nicht viele Spieler, die Wesley So mit Schwarz auf Bestellung besiegen können! Dennoch verlief die Eröffnung aussichtsreich, und Paco erreichte diese Stellung:


In dieser Stellung ist der vermutlich vielversprechendste Plan, den h-Bauern vorzuschieben, um die weiße Königsstellung zu schwächen, doch Vallejo konnte nicht widerstehen und spielte 28...Sh3+. Schwarz hätte gern, dass Weiß den Springer schlägt, doch So spielte 29.Kh1!, mit der freundlichen Bitte, den Springer wieder zurückzuziehen. Stattdessen spielte Paco aber 29...Dh4? und beging damit den entscheidenden Fehler. Wesley So konterte mit 30.f4! und gewann wenig später eine Figur und das Turnier – am Ende bot er in gewonnener Stellung Remis an, weil das zum Turniersieg reichte.

In der Pressekonferenz nach dem Turnier meinte Wesley So, es sei etwas Ungewöhnliches für ihn gewesen, einen Titel zu verteidigen, und fasste zusammen:

Das war ein sehr hartes Match. Paco spielte sehr, sehr gut und hatte sehr gute Chancen, das Match zu gewinnen, da er in fast allen Partien sehr gut stand. Aus meiner Sicht spielte er sehr gut ... und zudem ziemlich schlecht!

Paco Vallejo war froh, dass er besser gespielt hatte als Tags zuvor, und erwies sich als guter Verlierer. Zu den Blitzpartien meinte er: „Er spielte schneller, und beim Blitzen ist schneller auch besser!“ Sämtliche Partien und die Pressekonferenz könnt ihr euch hier anschauen:

Das war es von der 31.Austragung der Leon Masters, die drei dramatische Matches und das Debüt des erst 12-jährigen Praggnanandhaa auf der ganz großen Bühne boten. Es war nicht einfach für ihn, aber Wesley So zeigte erneut seine Qualitäten bei verkürzter Bedenkzeit und holte verdient den Turniersieg. Beim nächsten Turnier der Grand Chess Tour in St. Louis hat er schon in einem Monat die Chance, sich im Blitz und Schnellschach zu beweisen. Nach dem Auftakt vom 11.-15. August folgt dann der Sinquefield Cup. 

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 4825148067
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.