Berichte 07.07.2018 | 11:10von IM David Martínez

Leon Masters, Tag 1: Wesley So besiegt das "Genie" Praggnanandhaa

Wesley So und Praggnanandhaa spielten am Freitag im ersten Halbfinale des Leon Masters 2018 ein episches Match. Man wird sich an diesen Tag erinnern, da das 12-jährige indische Talent zum ersten Mal einen Weltklassespieler am Rande einer Niederlage hatte. Wesley nannte seinen Gegner "ein Genie", aber konnte sich dann doch durchsetzen - trotz eines schweren Patzers in der ersten Partie.

Das nordspanische Leon hat in den letzten 31 Jahren viele Weltklassespieler empfangen, in die Siegerliste eintragen konnten sich u.a. Garry Kasparov, Vladimir Kramnik, Magnus Carlsen, Wei Yi und 8-mal Vishy Anand. Dieses Jahr war das KO-Turnier mit 4 Spielern die Feuertaufe auf höchstem Niveau für einen anderen Tiger aus Madras/Chennai!

‌Ein Tiger aus Madras brüllt in der spanischen Stadt Leon. Kenne ich diesen Film bereits?

Die Bemühungen der Organisatoren des Leon Masters, angeführt von Marcelino Sión, zahlten sich wiederum aus: ein grossartiges Halbfinale zwischen dem Weltranglisten-Zweiten im Schnellschach und Titelverteidiger Wesley So und dem neuesten Superstar aus Indien. Praggnanandhaa erfüllte gerade mit 12 Jahren und 10 Monaten alle Voraussetzungen für den GM-Titel, nur Sergey Karjakin schaffte das in noch jüngerem Alter.  

Hier ein kurzer Eindruck von der Atmosphäre in diesem Match:

Du kannst alle Partien im Viewer unten nachspielen (das ist wirklich Praggnanandhaas derzeitige Schnellschach-Elo, und FIDE muss den GM-Titel noch offiziell anerkennen):

Praggnanandhaas Debüt auf Weltklasseniveau | Foto: Raúl Martínez

Der Beginn konnte kaum spannender sein. Nach einigen Ungenauigkeiten des talentierten Inders griff Wesley So an und hatte wenige Züge danach bereits eine klar vorteilhafte Stellung. Praggnanandhaa versuchte, die gegnerische Initiative mit einem Qualitätsopfer zu bremsen:


Ohne lange zu zögern spielte Wesley jedoch das starke 19.g5!, Schwarz war bereits fast am Ende seines Lateins. Nach 19...Lxg5 konnte So einfach 20.dxe5 spielen, und die schwarze Stellung würde in wenigen Zügen einstürzen. Unerwarteterweise beging er allerdings den groben Fehler 20.Qh5?. Wie er lächelnd in der Pressekonferenz nach der Partie eingestand, hatte er dabei das naheliegende 20...e4 übersehen, wonach Weiß im Angriffssinne opfern musste.

Meister und Lehrling | Foto: Raúl Martínez

Schnell entstand ein materiell unausgeglichenes Endspiel - Turm für So gegen zwei Leichtfiguren für Praggnanandhaa. Gerade als sich ein Remis abzeichnete spielte Wesley ehrgeiziger als die Stellung zuliess ("Es war wirklich dumm von mir, noch etwas zu versuchen", sagte er anschliessend), und Praggnanandhaas h-Freibauer wurde gefährlich. In Zeitnot verpasste der junge Inder einige Möglichkeiten, den weissen Turm mit genauen Manövern abzuschneiden. Mit dem Remis in Reichweite beging der Amerikaner dann den letzten Fehler:


Nach 62.Txg2! würde die Partie einige Züge später mit Remis enden, aber So übersah die schwarze Drohung und spielte 62.Kc6??, nach Praggnanandhaas 62...Lg3! kann Weiß den g-Bauern nicht mehr aufhalten! Ein harter Schlag, Erinnerungen wurden wach an das Leon Masters 2017 - damals unterlag So in der ersten Partie in nur 17 Zügen durch Damenverlust.

Früher Rückstand für Wesley So gegen Praggnanandhaa | Foto: Raúl Martínez

Wesley hatte mit Weiß verloren und fühlte sich gezwungen, die zweite Partie mit Sizilianisch von Anfang an zu komplizieren. Nachdem er hinterher erfuhr, was er in der Eröffnung angestellt hatte, meinte er jedoch "Ich sollte niemals Najdorf spielen!". Nach einem groben Fehler von So konnte Praggnanandhaa die Krise seines prominenten Gegners verschärfen:


Die ungenaue schwarze Zugfolge ermöglichte die typische Kombination 8.Lxf7! Kxf7 9.Sg5+, Schwarz hat darauf nichts besseres als 9...Kg8 10.Se6 De8 11.Sc7. Weiß hätte danach Qualität und Bauer mehr, würde sehr wahrscheinlich seine Führung auf 2-0 ausbauen und bräuchte dann nur noch ein Remis aus zwei weiteren Partien für den Einzug ins Finale. Er verpasste diese Chance jedoch, und nach 8.d3 wurde es wieder eine "normale" Partie. So überführte seinen Springer via b8 nach c6 mit Druck auf den Bauern auf a5, und die Komplikationen führten erneut zu Zeitnot. Mit kreativen Turmmanövern auf der dritten und vierten Reihe bekam Praggnanandhaa konkrete Drohungen gegen den schwarzen König, aber am Ende kippte die Partie zugunsten von Schwarz.


So hatte einige Züge zuvor -b5 gespielt und zeigte nun die Idee dahinter mit 33...Tb6!, wonach der Turm auf der sechsten Reihe verteidigt. Außerdem enthielt dieser Zug eine versteckte Drohung, die Praggnanandhaa mit 34.Tg3? nicht würdigte. Die Antwort 34...Td8! gewann sofort, da die weisse Dame den Le6 nicht mehr verteidigen kann.

Nach der Niederlage in der zweiten Partie hatte Praggnanandhaa Mühe, sich weiterhin zu konzentrieren | Foto: Raúl Martínez 

Wesley So wiederholte dann mit Weiß die Variante aus der ersten Partie, aber diesmal übernahm Praggnanandhaa die Initiative und verblüffte alle mit Kreativität und Rechenkünsten. 


Die schwarzen Figuren sind besser koordiniert, aber er muss dies schnell ausnützen - Weiß ist nur zwei Züge von der Rochade entfernt, wonach er aufgrund seines starken Zentrums eventuell besser stünde. Pragg spielte das logische 17...b4 und versuchte so, die Stellung zu öffnen, aber nach 18.Lxf5 bxc3 18.Dc2 schien es, als ob Schwarz keine weiteren Optionen hat und auf f5 nehmen "muss". Wie er später in der Pressekonferenz sagte, hatte er allerdings den fantastischen Zwischenzug 18...Tb8! bereits zuvor gesehen, Idee ist das vernichtende -Tb2.


Wesley hatte grosse Probleme und bezeichnete den Turmzug später als "unglaublich". Schnell entstand ein Endspiel mit zwei Mehrbauern für Praggnanandhaa, aber Wesley nutzte seine gesamte Erfahrung, um seinen jungen Gegner vor Probleme zu stellen. Am Ende entwischte er, damit stand es vor der letzten Partie mit 20 Minuten Bedenkzeit plus 10 Sekunden Inkrement 1.5:1.5. Bei Remis in der vierten Partie würden zwei 5+3 Blitzpartien folgen sowie, falls notwendig, Armageddon.

In der vierten Partie erschien So, wie beim Sieg im Masters 2017, mit Sonnenbrille | Foto: Raúl Martínez

Die vierte Partie war die einzige ruhige im gesamten Match, und nur in dieser konnte Wesley So bessere Technik als sein Gegner demonstrieren. Nach einer Manövrierphase mit positionellen Feinheiten entstand ein ausgeglichenes Endspiel. Aber dann fand So bessere Felder für seine Springer und machte Druck, bis sein Gegner endlich zusammenbrach.

Es war ein grossartiges Match, hinterher war Wesley voll des Lobes über seinen Gegner:

Ich dachte, dass ich essen sollte was er isst. Er spielte wirklich fantastisch, unglaublich im Alter von 12 Jahren. Ich denke, dass mein Gegner ein Genie ist!

Das Video der Pressekonferenz:

Am Samstag ermitteln die spanische Nummer 1 Paco Vallejo und Lokalmatador Jaime Santos den Gegner von Wesley So im Finale am Sonntag. Dieses Match beginnt um 16:30 MESZ, Du kannst es hier auf chess24 live verfolgen.

Siehe auch:


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