Berichte 04.07.2019 | 14:11von Colin McGourty

Kroatien GCT R7: Carlsen besiegt den Nepo-Fluch

Magnus Carlsen übernimmt bei der Grand Chess Tour in Zagreb die alleine Führung bei nur noch vier zu spielenden Runden, nachdem er Ian Nepomniachtchi im klassischen Schach besiegen konnte. Der Russe macht einen Fehler, doch dieser war so groß, dass im Anschluss seine Stellung sofort kollabierte. An den anderen Brettern gab es nur Remisen mit wenig Spannung. Lediglich in Karjakin-So gab es ein wenig Aufregung, da beide Spieler eine einfache Taktik übersahen, nach der Wesley So auf der Stelle hätte aufgeben müssen.

Nepo gibt zum ersten Mal in einer klassischen Partie gegen Magnus auf | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour 2019 aus Zagreb kannst du hier nachspielen:

Falls die Spieler während des Ruhetags alles daran gesetzt haben sollten, ihre Batterien wieder aufzuladen, hat man davon in der siebten Runde nicht allzu viel bemerkt. Auch wenn es die typischen hochklassigen Eröffnungsdebatten gab, gibt es über die Remisen in  Mamedyarov-MVL, Anand-Ding Liren, Nakamura-Aronian als auch Caruana-Giri wenig inhaltsreiches zu berichten. In diesen Partien konnte das Pendel nie signifikant zum Vorteil des ein oder anderen Spielers ausschlagen.

Maxime meckerte, dass die Belüftungsanlage sehr laut gewesen wäre. Aber er sagte auch, dass Magnus dass anscheinend gar nicht stört | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Karjakin-So schien oberflächlich betrachtet ebenso unspanned zu sein wie die anderen Partien. Und als Sergey Karjakin in der Nachbesprechung der Partie bei Maurice Ashley seinen Fokus auf 6.a4 in der Berliner Verteidigung legte, konnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass dies das interessanteste der Partie gewesen sein könnte:


Der exzentrische Zug wurde von Hikaru Nakamura gegen Levon Aronian beim Turnier in Zürich im Jahr 2015 eingeführt und hat auch bereits Daniil Dubov gegen Luke McShane vor wenigen Tagen in Netanya gute Dienste geleistet.

Wesley So und Sergey Karjakin mussten sich beide auf einen Schock nach der Partie gefasst machen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Maurice allerdings war daran gar nicht so interessiert und er konfrontierte Sergey Karjakin stattdessen sofort mit der Schlüsselstellung der Partie. Dort hatte Wesley So gerade erst 20...Ld6?? gespielt:

Maurice überfiel Sergey mit der Stellung, an der er hätte gewinnen können

Grand Chess Tour: Maurice fragt Sergey bezüglich 21.Txf5

Sergey dachte nur eine Minute nach und zog dann seinen Turm nach e2 zurück, zum zweiten Mal innerhalb von fünf Zügen. Doch nach der Partie fiel ihm sofort auf, dass 21.Txf5! auf der Stelle gewonnen hätte. Nach 21...Txf5 Dxg4+ bekommt Weiß seinen Turm mit zwei Mehrbauern zurück und der schwarze König hat keinen Bauernschutz mehr. 21...Lxh2+ ist zwar besser, aber es ist nicht schwer für einen Super-GM zu sehen, dass Weiß nach 22.Kh1! schlicht gewinnen sollte. Wie konnte Sergey das übersehen?

Das ist Psychologie - wenn du mir sagst, "Weiß zieht und gewinnt", sehe ich es innerhalb einer Sekunde. Aber wenn du gegen einen anderen Super-GM spielst, nimmst du nicht an, dass er solch einen krassen Fehler begeht.

Tomislav Ćorić, der kroatische Minister für Umweltschutz und Energie, spielte den ersten Zug an Magnus' Brett | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Doch in dieser Runde drehte sich eigentlich alles um die Schlüsselpartie Nepomniachtchi-Carlsen. Das Aufeinandertreffen der Führenden war entscheidend für das Turnier, aber es war ebenfalls ein Match, bei dem es um mehr als nur Punkte ging. Magnus hat seine Dominanz in der Schachwelt über die letzten Jahre hinweg ausgebaut und schlussendlich sogar positive Scores gegen Anish Giri und Peter Svidler. Aber Ian Nepomniachtchi ist für lange Zeit der einzige 2700er gewesen, der gegen den Weltmeister im klassischen Schach einen positiven Score hatte. Und was für einen! Vor der Runde führte Nepomniachtchi mit 4:0, wobei man argumentieren kann, dass zwei dieser Siege aus Junioren-Turnieren kamen, konnte Nepomniachtchi jedoch auch zwei Siege beim Tata Steel Masters 2011 und bei den London Chess Classic 2017 seinem Konto hinzufügen. Das mag lange her scheinen, aber seitdem hat Magnus nur noch gegen Wesley So und Shakhriyar Mamedyarov verloren!

Zeit, an die Arbeit zu gehen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Einen Anreiz gab es also für den Weltmeister. Und er entschied sich, 1.e4 wieder mit seinem Sizilianer zu kontern. Im dritten Zug wählte Nepo nicht 3.Lb5 oder 3.d4, wie es Caruana bei der WM in London getan hatte, sondern 3.Sc3. Die letzten beiden Male, dass Magnus diesen Zug auf dem Brett hatte, brachte ihm Siege gegen Peter Svidler bei den GRENKE Chess Classic als auch gegen Levon Aronian bei der Blitz-WM, während Maxime Vachier-Lagrave, der es beim Sinquefield Cup 2018 gegen Magnus spielte, diesen Zug auch nicht empfehlen kann. Während der Runde gab er preis, "in Schwierigkeiten geraten zu sein" und kommentierte dann: "[Ian] steht sicherlich nicht schlechter, aber ich glaube nicht, dass er überhaupt besser steht."

Nepomniachtchi folgte mehr oder weniger dem gleichen Plan, den auch MVL spielte, wobei einer der Unterschiede in der Route lag, wie der Springer von f3 nach e3 gebracht wurde (Maxime nutzte das Feld f1, Nepo das Feld g4):


Magnus sagte später zur Eröffnung:

Im Prinzip kann ich nur sagen, dass es für Schwarz schlechter aussieht, als es ist. Da gab es etwas schönes, wenn man positionell gesehen schlecht aus der Eröffnung kommt - nämlich, dass alle Löcher bereits da sind. Man muss also nicht über Konzessionen nachdenken, denn du hast schon alle gemacht. Es geht für mich darum, Gegenspiel zu organisieren.

Nepomniachtchi ist bekanntermaßen ein schneller Spieler, aber in dieser Partie manövrierte er langsam und zögerlich und kam dann sogar auf ein paar mutige Ideen:


17.Db1!? Le6 18.Da2 war eine zweischneidige Entscheidung. Magnus erklärte das so:

Er entschied sich mit der Dame auf a2 für einen sehr ambitionierten Plan. Das Problem ist - natürlich - dass es seinem König an Schutz mangelt. Öffnet sich die Stellung, ist das immer gut für mich.

Die Modefrisur "Man Bun" brachte Nepo kein Glück | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Magnus sagte, dass er "sehr aufgeregt" wurde, als die Stellung sich um den 25. Zug herum zu öffnen begann, aber bis 27…f5!? blieb alles im Gleichgewicht:


"Hätte ich länger darüber nachgedacht, hätte ich ...f5 vermutlich nicht gespielt und die Partie wäre höchstwahrscheinlich Remis ausgegangen", sagte Magnus, der diesen Zug als "ein wenig dumm" und einen unbeabsichtigten "Bluff" bezeichnete. Der Punkt war, dass nach 28.exf5! Magnus annahm, dass er auf Gewinn stünde, wobei er übersah, dass nach 28…Ld4+ 29.Kg2 De2+ der weiße König ein sicheres Plätzchen auf h3 findet. Er übersah sogar noch mehr, wie er in der Partienachbesprechung bemerkte. Denn auch auf h1 würde der König nicht mattgesetzt werden.

Das ist aber auch egal, denn weil Nepomniachtchi lediglich eine Minute nachdachte, um die Partie dann mit 28.gxf5?? g4! (ein Zug, der geradezu danach schreit, gespielt zu werden) einzustellen, verblieb Weiß ohne Hoffnung, den Angriff auf den schwarzen Feldern um den eigenen König herum zu überleben:

chess24: Yasser: "Magnus weiß, dass wenn er den Zug sieht, dann hat er die Partie im Sack und er schreibt den Zug auf und greift nach seinem Bauern. Kasparov wäre aufgestanden, hätte einen Rückwärtssalto gemacht, wäre wieder auf den Beinen gelandet und hätte den Bauern dann nach g4 getrieben, damit du merkst, dass du einen Fehler begangen hast und auf Verlust stehst.

Olimpiu G. Urcan: Der entscheidende Moment, von dem Yasser Seirawan sprach.

Grand Chess Tour: Körpersprache, nachdem 28...g4 gespielt wurde.

Nepomniachtchi ist ein brillanter Taktiker und realisierte sofort, dass er fehlgegriffen hatte. Die beiden stellten noch 29.d4 Dh4+ 30.Ke2 Dh2+ 31.Tf2 gxf3+ aufs Brett, wonach Weiß aufgab. 

Olimpiu G. Urcan: Zu einfach

Was solche Selbstmorde im Schach angeht, erinnert man sich vielleicht an Veselin Topalovs 31.exf5? e4 32.fxe4?? in der letzten Partie des WM-Kampfs gegen Vishy Anand, als man das Gefühl hatte, dass der Bulgare unbedingt vermeiden wollte, den Schnellschach-Tiebreak zu spielen. Ob Magnus juju nutzte, wie Aronian in einer früheren Runde des Turniers mutmaßte oder ob Nepomniachtchi einfach unter dem Druck zusammenbrach? Magnus selbst hatte keine wirkliche Erklärung für seine Ergebnisse in diesem Jahr:

Ich versuche, Stellungen zu spielen, die weniger bekannt sind und es ist definitiv meine Strategie, auf Angriff zu spielen. Aber es ist schon ein wenig krass, wie oft das dieser Tage auch funktioniert!

Schau dir an, was Magnus nach der Partie zu sagen hatte:

Und hier lässt Jan Gustafsson die Partie detailliert Revue passieren:

Natürlich hat Tarjei Svensen wieder alle harten Statistiken bei der Hand:

Tarjei J. Svensen: Carlsen holt seinen 21. Sieg im Jahr 2019, liegt nun noch 5 Punkte hinter seinem 2882 Weltrekord. Er braucht noch 3/4, um den Rekord um 2,5 Elo zu übertreffen.

Tarjei J. Svensen: Einige Carlsen-Statistiken: Performance in Kroatien: 2933; Performance 2019: 2921; 75 Partien ohne Niederlage

Tarjei J. Svensen: Rating Performance mit Weiß: 2981 (+12 =10 -0); Rating Performance mit Schwarz: 2872 (+9 =16 -0)

Die besten Einblicke in das Phänomen Carlsen und dessen Lauf in diesem Jahr kamen von seinem Vater, Hendrik, der Folgendes Maurice Ashley erklärte:

Wenn wir uns an die letzte Zeit erinnern, in der er es gut für ihn lief, hat es glaube ich seine Zeit gedauert, ehe wir zu schätzen wusste, wie gut alles für ihn zusammenlief - dass er extrem fokussiert und entschlossen sein musste. Nicht, was die Disziplin angeht, sondern den schieren Willen, das Interesse und der Enthusiasmus und zwar in jeder einzelnen Partie. Und zur gleichen Zeit auf die Intuition vertrauen, was er zu hause so oft geübt hat, ohne Nachzudenken über das Ergebnis der Partie. Zusätzlich dazu war er sehr sportlich, er war in jeder denkbaren Weise ein junger, glücklicher Mann. Ich denke, ich könnte viele Faktoren nennen, aber alle müssen zusammenspielen. Wenn es ein oder zwei gibt, die nicht so ganz mit den anderen synchron laufen, dann ist es schwierig, am absoluten Höchstlevel Leistung abzuliefern, was Magnus vor 5-6 Jahren vermutlich tat.

Der stolze Vater Henrik Carlsen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Und heute versteht er glaube ich immer besser, was es braucht, und jetzt ist er so fokussiert und will wirklich sein Bestes zeigen. Es ist eine gradlinige Entwicklung in den letzten 12 Monaten oder so, nach und nach kommt er dahin, wo er hinwill. Natürlich ist es unglaublich schwer, das zu halten. Die letzten Jahre haben diese Faktoren auch zusammen gearbeitet, denn ich denke, die Weltmeisterschaftskämpfe hat er auch gut gespielt. Dort musste er gegen formidable und bestens vorbereitete Spieler antreten, sodass es harte Matches waren.

Mit noch vier zu spielenden Runden ist Magnus wie gewohnt klarer Erster und Wesley So nun auf dem alleinigen zweiten Platz, obwohl er knapp am Desaster vorbei schrammte:


In Runde 8 hat Magnus nun eine neue Herausforderung, mit Schwarz geht es gegen einen Spieler, den er im klassischen Schach ebenfalls noch nicht besiegen konnte. Zu seiner Turniersituation meint er:

Derzeit schaut es gut aus. Morgen habe ich eine schwere Partie gegen Ding, eine weitere Schwarzpartie. Wenn ich das überstehe, dann bin ich in guter Form.

Die anderen Partien beinhalten unter anderem So-Nakamura (ein US-amerikanischer Zweikampf am Independence Day). Verpasse also auf keinen Fall die Action. Alle Partien könnt ihr täglich ab 16:30 Uhr auf chess24 live verfolgen!

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