Berichte 30.06.2019 | 06:39von Colin McGourty

Kroatien GCT 2: Nepo schlägt Fabi und geht in Führung

Ian Nepomniachtchi ist die neue Nr. 4 der Welt und führt das Feld bei der Grand Chess Tour in Kroatien an, nachdem er eine verlorene Stellung gegen Fabiano Caruana in Runde 2 drehte. Die verbliebenen fünf Partien endeten allesamt remis, wobei die drei besten Spieler der Welt jeder für sich ihre Gewinnstellung nicht nach hause bringen konnten. Magnus Carlsen ließ Vishy Anand in einem Springerendspiel mit Mehrbauern vom Haken, während Ding Liren ebenfalls eine Chance verpasste, seine Kraut-und-Rüben-Partie gegen Sergey Karjakin zu gewinnen. 

Ian Nepomniachtchi, nachdem er die Nr. 2 der Welt geschlagen hatte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour von Kroatien kannst du hier nachspielen:

Lasst uns dieses Mal zuerst mit dem Remisen anfangen - denn der heutige Tag war ein vergleichsweise ruhiger in Zagreb. So-MVL war ein unspannendes 29-zügiges Remis, das mit einer symmetrischen Stellung begann und endete. Aber an den anderen Brettern gab es zumindest einen Hauch von Spannung.

Mamedyarov schaute skeptisch und fragte sich, was Magnus im Schilde führte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nakamura-Mamedyarov war nach nur 25 Zügen zu Ende, aber zuvor sahen wir eine fast schon relevante Neuerung im 7.Lb5+-Grünfeldinder. 9.Sf3 sah auf Anhieb nicht nach viel aus...


…aber zumindest in unserer Datenbank wurde dieser Zug erst sieben mal gespielt und in den letzten sechs Jahren gar nicht - verglichen mit 637 Partien zu 9.Se2. Nach 9…c5 10.0-0 cxd4 11.cxd4 "nutzte" Mamedyarov die Positionierung des Springers mit 11…Lg4 aus (würde der Springer auf f3 stehen, wäre der Zug f2-f3 möglich), aber Nakamura ignorierte die Drohung einfach und spielte 12.Tb1! Schaut man nur kurz auf die Stellung, scheint sie sehr vielversprechend für Weiß zu sein, aber die Partie versandete schnell nach 17.Lc2!?

Giri wird seinen 25. Geburtstag morgen feiern, wenn er in Runde 3 gegen Wesley So spielen wird | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In der Partie Aronian-Giri spiegelte sich das Thema der vorherigen Partie beinahe wieder. Im 12. Zug spielte Levon nicht Sc3 (52 Partien, unter anderem Giri-Aronian, Tata Steel 2014), sondern 12.Sbd2 (1 Partie zwischen vergleichsweise schwachen Spielern):


Levon zeigte einen potentiellen Vorteil dieses Zugs, da Weiß nun auf der c-Linie die Schwerfiguren verdoppeln kann, ohne dass der Springer die c-Linie verstellt und man sofort auf c7 einsteigen kann. Doch auch die Partie wurde schnell ins Remis abgewickelt - dieses Mal in ein Turmendspiel mit 3 gegen 2 Bauern an einem Flügel, das im 55. Zug offiziell mit dem Unentschieden endete.

Ding Liren kam zwar nicht mit einem Sieg zurück ins Turnier, konnte aber zumindest eine weitere Niederlage vermeiden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In den anderen Partien war bedeutend mehr los: So fand sich Ding Liren einem totalen Wirrwarr gegen Sergey Karjakin ausgesetzt, nachdem dieser zuvor am Königsflügel mit ...g5, ...g4 und ...Lg5 expandiert hatte:


19.bxc4 würde nun in die nette Taktik 19...Sc5! laufen, weshalb die Nummer 3 der Welt hier die mutige Entscheidung traf, mit 19.Sxc4!? eine Qualität zu opfern (den Tc1). Diese Entscheidung schien Sergey ein wenig aus dem Tritt gebracht zu haben, da er alsbald fehlgriff. In der Folge baute Ding Liren seine Stellung immer weiter aus und  hatte fast eine Gewinnstellung, während sich Karjakin in größter Zeitnot befand. Sergey hatte nur noch etwas über 2 Minuten auf der Uhr (ohne weitere Zeit nach Zug 40!), als wir einen weiteren kritischen Moment erreichten:


Hier hätte sich Ding mit 39.Lc4! exzellente Gewinnchancen sichern können, denn nach dem Läufertausch auf c4 wäre der weiße e-Bauern nahezu unaufhaltbar in naher Zukunft, während 39...Lf3 mit 40.Sf4! beantwortet werden würde. Dann verliert 40...Lxg4 auf der Stelle wegen 41.Sg6!. Und 39...Dg5, der Zug, der durch 38...h6 vorbereitet wurde, wickelt in ein verlorenes Bauernendspiel ab, nachdem Weiß erst die Damen und dann die Läufer tauscht und im Anschluss den e-Bauern durchdrückt und der weiße Springer den schwarzen Turm mit ins Grab nimmt.

Stattdessen machte Karjakin seinem Spitznamen "Verteidigungsminister" nach 39.f4?! alle Ehre und spielte 39...b5!, was zwei Ziele verfolgt: Einerseits nimmt es das Feld c4 unter Kontrolle und es bereitet ...Da7+ mit Dauerschach-Ideen vor, was dann auch bald zum Remis führte.

Die beiden verbliebenen Partien waren absolute Highlights des Tages:

Carlsen ½-½ Anand: Wieder ein schwerer Gang für Vishy

Vishy Anand war für eine lange Partie bereit! (und nahm sogar den Hemden-Wettkampf mit Levon auf) | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vishy Anand hat dieses Jahr bisher einen schweren Stand, wenn es gegen Magnus Carlsen geht. Er verlor in Wijk aan Zee, Shamkir, Lindores und beim Norway Chess blitz und Armageddon, während er sich in Baden-Baden und in der klassischen Partie des Norway Chess sehenswert aus Verluststellungen rettete. Es lässt sich aber mittlerweile ein bekanntes Muster erkennen: Er akzeptiert passive Stellungen aus der Eröffnung heraus - und in Zagreb lief es schon wieder genau so.

Olimpiu G. Urcan: Da schmolz wohl Carlsens charakteristischer eiskalter Killer-Look vor der Partie

Magnus wurde vor Beginn der Partie durch Astrid Vestro überrascht. Sie ist die norwegische Botschafterin in Kroatien

Vishy spielte die Wiener Variante und Magnus zeigte seine Vielseitigkeit: Er spielte nicht 10.Sb5, wie er es in ihrer Partie in Norwegen tat und auch nicht 10.Ld2!?, was er nutzte, um in Baden-Baden Levon Aronian zu besiegen, sondern die Hauptvariante 10.Lb5+. Bis zu 13...Dxc3 folgten die beiden Varianten, die Jan Gustafsson in seiner Repertoire-Serie zur Wiener Variante empfahl:


Jan merkte an, dass dieser "gefräßige" Zug "bereits von Radek Wojtaszek gespielt wurde, einer der besten Theoretiker der Welt, von daher kann ich nicht sagen, dass der Zug verlieren würde." Wojtaszek, ein früherer Sekundant Anands, spielte das sogar selbst bereits gegen Grzegorz Gajewski, den derzeitigen Anand-Sekundanten. Jan hatte das Gefühl, dass es schwer für Schwarz ist, nach 14.Tb1 auszugleichen, aber auch nach Magnus' 14.Da4 sollte das in der Partie schwer funktionieren. Ganz allgemein empfiehlt Jan es auch gar nicht, die 10...Ld7-Variante zu spielen:

Meiner Meinung nach sind all die Varianten nach ...Ld7 wenig dankbar, weshalb ich meine Aufmerksamkeit mittlerweile auf den Zug 10...Sbd7 gelenkt habe, wie auch viele andere Top-Spieler.

Mit einem fünffachen Weltmeister zu debattieren ist natürlich schwierig, denn Vishy war noch in seiner Vorbereitung. Aber das, was folgte, war tatsächlich eine undankbare Aufgabe für Vishy. Er konnte nicht genau festmachen, ab wann es für ihn schief lief. Er wies darauf hin, dass Züge wie 24.Ta3! und 27.Td3! Züge waren, die seine eigenen Pläne vereitelten, während er das generelle Problem hatte, dass "obwohl von viel abgetauscht wurde und obwohl die Damen vom Brett sind, der schwarze König sehr schwach ist." Um den 33. Zug herum hatte er das Gefühl, dass seine Stellung dem Untergang geweiht wäre (was die Engines bestätigen):


Hier etwa dachte ich, ich stünde glatt auf Verlust. Er hat bereits schwierigere Stellungen gewonnen und ich habe leichtere als diese verloren... ich nahm im Prinzip bereits an, dass es vorbei wäre und dachte nur daran, es so lange wie möglich herauszuzögern.

Was dann folgte war ein Beispiel dafür, wie hart Schach eben sein kann. Und Magnus Carlsen, der in den ersten 44 Zügen wie ein Schachgott spielte, machte, wie es scheint, einen einzigen Fehler mit Zug 45: 

Pepe schaut sich die Pläne in der Schlüsselstellung an

45.Kg4 erlaubte 45…Ke5!, und der schwarze König tänzelt sich um die weiße Bauernkette herum, während der schwarze h-Bauer gerade so lange überlebt, um die weißen Pläne zu sabotieren. 45.f3! scheint immer noch Weiß auf dem Gewinnweg zu halten.

Doch nun war es für Vishy an der Zeit, uns alle daran zu erinnern, was für ein großer Champion er ist. Er fand alle beinahe studienhaften Ideen und hatte sogar die Weitsicht, dass er Magnus die Umwandlung eines Bauern zur Dame erlauben konnte, da selbst sein einzelner Bauer ausreichen sollte, um gegen die weiße Dame und den Springer zu bestehen:

Benjamin Bok: Die Tatsache, dass diese Stellung remis ist, obwohl Schwarz eine Dame und einen Springer weniger hat, erinnert uns daran, was für ein wunderschönes Spiel Schach doch ist.

"Ich war sehr glücklich darüber, als ich sah, dass genau das Feld h7 für den Springer zu weit weg von der Musik sein würde", meinte Vishy. Und er hat Recht, denn wenn man sich den Springer nach g6 denken würde, wäre die Stellung für Weiß gewonnen. Die Partie hätte noch ein wenig länger dauern können, doch mit Zug 75 entschied sich Magnus, noch ein wenig Spaß zu haben:


75.Ke5 “patzt” die Dame, doch nach 75…De8+ 76.Kd4 Dxe2 77.Sc3+ wird die Dame mit sofortigem Remis zurückgewonnen.

Olimpiu G. Urcan: Eine grandiose Partie zweier herausragender Champions endete mit einem kleinen Witz von Magnus.

Vishy wurde dann noch gefragt, was er von Magnus' letztem Witz hielt:

Ich war sehr dankbar, denn ich nehme an, dass 75.Kc6 remis ist. Mir drehte sich aber immer noch der Kopf, von daher war ich dankbar, dass er die Partie beenden wollte.

Eine tolle Partie und ein gutes Ergebnis für Vishy und seine Fans.

Anish Giri: Die Schachwelt ist ein besserer Ort wenn Vishy Anand ein schlechteres Endspiel gegen Magnus Carlsen hält.

Verpasse auf keinen Fall Vishys Kommentare zur Partie sowie einige wunderschöne Varianten, die er berechnet hatte:

Und hier zeigt uns Pepe einmal, was in der Partie so alles passierte:

Nepomniachtchi 1-0 Caruana

Nepomniachtchi-Caruana sollte ein Thriller werden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Auch wenn es also in einigen Partien knapp war, gab es bis dato keine entschiedene Partie und der Gewinner dieser Begegnung konnte die alleinige Führung mit 2/2 an sich reißen. Es begann wieder einmal damit, dass Fabiano die Seiten tauschte und auf der schwarzen Seite eines 7.Sd5-Sveshnikovs saß, der so häufig beim letzten WM-Match diskutiert wurde. Nepomniachtchi kam bis zu den Zähnen theoretisch bewaffnet ans Brett und spielte den neuen Zug 10.Ld2. Und bis zu 19...Ld7 konnte er auch sehr zufrieden mit dem Job sein, den er getan hatte:


Dazu erklärte er: "Ganz allgemein gesprochen ist die Idee, dass der Turm auf g6 deplatziert steht und nicht wirklich an der Partie teilnimmt." Sein nächster Zug  - 20. 0-0-0 - sollte diesen Umstand noch einmal mehr betonen, aber es stellte sich heraus, dass das keine gute Idee war. Nach 20...Lf6! stand Schwarz sofort besser und Nepo gab zu, dass seine nächsten 15 Züge "extrem hässlich" waren:

Ich dachte zu einem bestimmten Zeitpunkt, dass ich gegen einen Kaffeehausschachspieler spiele, aber manchmal haben diese Kaffeehausschachspieler verdammt viel Glück!

Das Problem für Fabiano war, dass er sich zwischen all den verheißungsvollen Optionen entscheiden musste. Wenn irgendetwas für seine Niederlage verantwortlich sein sollte, dann seine Ambitionen, denn er hätte auch ganz sicher mit 31...Txa5 spielen können. Richtig kritisch wurde es dann in der folgenden Stellung:


Nach 34…Dxd5 wird Schwarz voraussichtlich das bessere Endspiel erreichen, wobei die Frage nur ist, ob der Vorteil so groß ist, dass er zum Gewinn ausreicht. Stattdessen spielte Fabiano "auf mehr" mit 34…Lg5? 35.Dxf5 Df1 36.Dg4 Tf8 37.Kb2! (Diesen Zug hatte Fabiano nicht erwartet, er dachte nur an 37.De2) 37…Txf2+ 38.Lc2:


Hier war nun die letzte Chance für Fabiano gekommen, immerhin noch einen halben Punkt zu retten. Dafür musste er 38...Lc1+!! spielen (was den Springer von der möglichen Verteidigung von c2 ablenkt) 39.Sxc1 Dg2 spielen. Nepo hatte das gesehen, aber er wusste auch, dass er dann ein Dauerschach geben konnte. Fabi zog stattdessen aber 38...Dc4? und nach 39.De6 gab es keine zweite Chance auf Rettung mehr.

Nach zwei Runden hat Nepo einen halben Punkt mehr als Magnus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

“Ich habe einfach schlechte Entscheidungen getroffen", war Fabianos Zusammenfassung, wobei er auch die Adjektive "dumm" und "schrecklich" nutzte, um seine Entscheidungen zu beschreiben. In der Zwischenzeit steht Nepo bei 2785,5 Elo auf der Live-Elo-Liste, womit er 10 Punkte Vorsprung auf Platz 5, Anish Giri, hat. Wobei er nicht für sich reklamierte, dass die Siege gegen Anand und Caruana als Klassiker in die Schachgeschichte eingehen werden:

Ich bin mit meinem Spiel bisher nicht wirklich zufrieden. Mit den Ergebnissen ja, aber mein Spiel muss dringend verbessert werden!

Derzeit sieht es bei der Grand Chess Tour also vorläufig so aus::


Die dritte Runde am Freitag wird Nepomniachtchi mit Schwarz gegen Mamedyarov antreten sehen, während sicherlich alle Augen auf Caruana-Carlsen gerichtet sein werden!

Tarjei J. Svensen: Die Nr. 1 und 2 der Welt haben sich in ihren letzten 15 Partien im klassischen Schach jeweils unentschieden getrennt. In Runde 3 der Grand Chess Tour in Kroatien treffen sie nun wieder aufeinander.

Verpasse auf keinen Fall die Action auf chess24, denn es wird Live-Kommentierung auf Englisch, Russisch, Deutsch und Spanisch ab 16:30 Uhr MEZ geben!

Weitere Links:


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