Interviews 16.03.2016 | 16:00von Macauley Peterson

Kramnik und Gelfand über das Kandidatenturnier

Jetzt ist das Moskauer Kandidatenturnier in vollem Gange und sowohl am als auch abseits vom Brett gibt es Drama, also gehen wir mal einen Schritt zurück und fragen einen ehemaligen Weltmeister und einen ehemaligen Weltmeister-Herausforderer nach ihrer Meinung. Während der Zürich Chess Challenge sprachen Vladimir Kramnik und Boris Gelfand mit Macauley Peterson und gaben Einblick in ihre Eindrücke von den Spielern und ihre Erwartungen an den spannenden Wettbewerb in der russischen Hauptstadt (mit Audioclips und einer Abschrift).

Kramnik ist dafür berühmt, dass er Garry Kasparov 2000 vom Thron stieß und seinen Weltmeistertitel bei Matches gegen Peter Leko (2004) und Veselin Topalov (2006) verteidigte, bevor er ihn schließlich 2008 in Bonn an Viswanathan Anand verlor. | Foto: Macauley Peterson

Macauley:  Wer hätte deiner Meinung nach die besten Chancen in einem Match gegen Magnus?

Vladimir: Naja, wenn man die persönlichen Leistungen gegen Magnus berücksichtigt, vielleicht Giri. Auch wegen seines Stils — es ist ein sehr solider Stil, er verliert selten. Er sollte normalerweise ein guter Matchspieler sein, weil man genau das in Matches braucht. Offensichtlich sind andere Spieler — Hikaru könnte eine Chance haben — das einzige Problem ist, dass er bisher nur schreckliche Ergebnisse gegen Carlsen erzielt hat. Aber wenn man das ganz vergisst oder beiseite lässt, hat er definitiv eine Chance. Außerdem Caruana natürlich, und ich würde sagen, dass Karjakin meiner Meinung nach ebenfalls eine Chance hätte. Aber weißt du, das ist eine schwierige Frage, denn wenn man sich vorbereitet, wird man Herausforderer, und wenn man sich auf ein Weltmeisterschaftsmatch vorbereitet, verändert man sich in einem halben Jahr. Das Energie-Level, die Motivation, die Vorbereitung sind so, dass im Grunde, wenn man selbst ein guter Spieler ist — und alle Teilnehmer am Kandidatenturnier sind gute Spieler — alle eine Chance hätten. Magnus ist natürlich in jedem Fall der Favorit, aber trotzdem hat auf jeden Fall jeder eine Chance und dann kommt es auf den Unterschied an — wie groß ist die Chance? Aber ich kann es nicht sagen — die jetzige Situation, so wie ich sie sehe, ist, dass es recht viele Spieler auf mehr oder weniger demselben Level gibt, mit unterschiedlichen Stilen und Herangehensweisen, aber sehr ausgewogenen Kräften. Also schauen wir uns an, was passiert — wenn man zum Beispiel über einen Favoriten für das Kandidatenturnier spricht, würde ich sagen, dass es einfach sehr ausgewogen ist. Und damit will ich nicht höflich sein oder eine direkte Antwort vermeiden, es ist einfach die Realität. So ist es. Ich denke, dass praktisch jeder gewinnen kann. Genau in diesem Moment sieht die Situation der Schachwelt so aus: da ist Magnus, direkt vor allen anderen, und dann ist da eine größere Gruppe von Spielern, die einander einfach sehr ebenbürtig sind. So sehe ich es.

Macauley: Du hast gesagt, Spieler wie Anish, Hikaru oder Fabiano hätten vielleicht die besten Chancen, wenn sie das Match gegen Magnus erreichen. Stimmst du also Sergey Shipov zu, dass es im Kandidatenturnier einen Generationenvorteil gibt oder denkst du, dass die Erfahrung auf der anderen Seite sogar noch wichtiger sein könnte?


Vladimir: Es gibt einen Generationenvorteil. Erfahrung ist natürlich wichtig und in der Tat ein ernsthafter Trumpf, aber bei diesen Leuten wie Vishy und Topalov würde ich sagen, ist das Alter wirklich schon etwas zu hoch. Natürlich spielen sie immer noch wunderbar und ich denke, dass beide unter gewissen Umständen siegen können, aber natürlich ist es bereits ein ernsthaftes Handicap. Ich meine, es geht nicht um einen Unterschied von zehn oder fünf Jahren — das ist fast nichts —, aber bei einigen Spielern beträgt er zwanzig und das macht wirklich einen Unterschied. Obwohl ich sie ehrlich gesagt nicht zu den Favoriten zählen würde, aber sie können uns überraschen. Wisst ihr, in jedem Alter, fast wie Smyslov einmal sagte, als er mit 63 im Finale des Kandidatenturniers stand und gefragt wurde, 'wie schafft man das?', antwortete er 'wissen Sie, eine Sache, die ich erkannt habe ist, dass man das Schachspielen nie vergisst, wenn man es einmal ordentlich gelernt hat.' Also sobald man eine gewisse, sehr hohe Stufe und ein gewisses Level erreicht hat, kann man zwar Energie- und Motivationsprobleme bekommen, aber die Stufe ist da, und wenn es dann gut läuft, kriegt man eine gewisse Welle, einen gewissen Antrieb — sie sind auf einem Level, auf dem man es vom Schach her schaffen kann. Und dann ist es eine andere Frage, ob sie es schaffen werden, diese Lücke — an Energie, Motivation u.ä. — zu schließen. Das wird nicht einfach. Aber ich würde sie auch nicht abschreiben.

Macauley: Wer wird deiner Meinung nach mit der besten Eröffnungsvorbereitung anreisen?

Vladimir: Ich denke, dass alle eine sehr gute Eröffnungsvorbereitung haben werden. Die Leute arbeiten sehr schwer und es ist sehr schwer, ein Urteil zu fällen. Man braucht etwas Glück. Alle werden sich vorbereiten und so weiter, aber manchmal bekommt man die Chancen, seine Ideen umzusetzen. Manchmal bekommt man diese Chance fast nicht und nutzt sie dann in den nächsten Turnieren, wenn es schon nicht mehr so drauf ankommt. Das ist tatsächlich auch ein ernstes Thema, dass manchmal — sagen wir, man spricht über das Londoner Kandidatenturnier, ich würde seltsamerweise wirklich sagen, dass Svidler in den Eröffnungen der beste Spieler dort war. Ich denke nicht, dass er besser vorbereitet war als andere, aber jede Idee, die er vorbereitete, gelangte aufs Brett! Und tatsächlich habe ich das sorgfältig nachgeprüft und dann erkannt, dass er von den Eröffnungsstellungen her der Beste war, er war dort an Platz Eins. Es ist also schwer vorherzusagen — man braucht auch etwas Glück.


Boris Gelfand, ein Veteran vieler Kandidatenturniere, verlor sein einziges Weltmeisterschaftsmatch 2012 gegen Anand, ebenfalls in Moskau | Foto: Macauley Peterson

Boris: Ich denke, dass Vishy der Hauptfavorit ist, denn wenn man sich die letzten drei Kandidatenturniere anschaut, habe ich gewonnen, Vishy hat gewonnen und Vladimir Kramnik hat nur mit einer sehr geringen Differenz gegen Magnus Carlsen — so ein wunderbares Genie — verloren. Wenn man sich also die Statistiken ansieht, ist Reife viel wichtiger. Und ich erinnere mich, dass die Leute vor dem Kandidatenturnier in Kazan, dem in London und dem in Chanty-Mansijsk dasselbe sagten — du hast ja Sergei Shipov zitiert. Es ist wie ein Klischee, es ist ein Mantra. Die Leute wiederholen es immer wieder, aber es spiegelt sich nicht in den Statistiken wieder. Aber natürlich werden wir es sehen. Und ich hoffe, mein Freund Levon ist alt genug um zu siegen.

Macauley: Naja, er ist so ziemlich in der Mitte, würde ich sagen. Shipov sagte auch, dass Glück zu haben hilft, in Gang zu kommen — wie in letzter Minute eine Einladung zu bekommen, die man nicht erwartet hatte.

Boris: Ich denke, dass alle acht Spieler gezeigt haben, dass sie absolute Weltklasse sind, also kann jeder von ihnen gewinnen. Ich denke nicht, dass Vorhersagen viel wert sind, da jeder Spieler plus drei [drei Siege mehr als Niederlagen -MP] erreichen kann, was leicht geschehen könnte.

Macauley: Also könnte es zum Großteil auf die Nerven ankommen.

Boris: Ja, und da zählt die Erfahrung. Ich habe gesehen, was die Leute in den letzten Jahren vor den Augen hatten, und in den kritischen Turnieren — vor allem, wenn man unbedingt gewinnen muss — setzen sich erfahrene Spieler durch. Das ist unsere Erfahrung. Dieses Mal kann es so oder so laufen. Alle acht Spieler haben gezeigt, dass sie sich nicht zufällig qualifiziert haben. Sie haben sich qualifiziert, weil sie es verdient haben.

Wenn man sich ein beliebiges Topevent anschaut, ist da kein Druck. Insbesondere für Spieler bei — sagen wir der Grand [Chess] Tour: man ist bereits zu drei Turnieren eingeladen, wenn es in diesem Turnier oder in einer Partie also nicht gut läuft, weiß man, dass man nächstes Mal die Chance hat, also gibt es keinen Druck. Außer vielleicht in der letzten Runde jedes Events, wie immer. Aber wenn man jede Partie unter Druck spielen muss, ist es anders.


Macauley:  Auf der anderen Seite könnte man sagen — vielleicht nicht jemand wie Anand, aber eventuell jemand wie Levon — könnte Sorgen haben, dass man vielleicht nicht so viele Chancen bekommt im Vergleich zu einem Spieler wie Anish, der vermutlich erwartet, dass er sich sicher irgendwann wieder qualifizieren kann. Ist das in einer gewissen Weise Druck vom anderen Ende?

Boris: Natürlich. Man muss sein bestes Schach spielen können und sich nicht um den Druck der Öffentlichkeit oder den eigenen Druck, die eigenen Erwartungen scheren. Man sollte in der Lage sein, sein bestes Schach zu spielen. Wenn man in einem beliebigen großen Turnier spielt, gibt es keinen Druck weil man weiß, dass man plus eins schafft und zu den nächsten drei Turnieren eingeladen wird. Man spielt nicht, um zu gewinnen, man spielt, um plus eins zu schaffen, wie wir es zum Beispiel letztens in London gesehen haben. Die Leute kalkulierten, wie sie in die nächste Grand Tour gelangen, nicht wie sie das Event gewinnen. Das war von außen sehr offensichtlich. Hier ist es also ein ganz anderes Turnier.

Siehe auch:

Macauley Peterson

Macauley ist zur Zeit Content Director bei chess24. Seine Artikel erschienen im Chess Life Magazine und in Chess Life Online (U.S.A.), New in Chess (Netherlands), "64" (Russland), Chess (U.K.), Jaque, Peón de Rey (Spanien), Torre & Cavallo (Italien). Er ist ein ehemaliger "Schachjournalist des Jahres", wozu ihn die Chess Journalists of America wählten. Besucht Macauleys Profil.




Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 3

Guest
Guest 7142068123
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options